1) Aquarell im Garten
Der Donnerstag war hell, ruhig und freundlich. Nicht zu heiß, nicht zu kühl, sondern genau richtig für einen Tag, an dem man draußen sitzen und etwas Schönes machen kann.
Waschbär hatte sich mit Aquarellfarben in den Garten gesetzt. Vor ihm lag ein dicker Block Papier, daneben ein Glas Wasser, ein paar Pinsel und eine kleine Palette, auf der sich Grün, Blau, Gelb und Rosa langsam ineinander verliefen.
„Aquarell ist wie Wetter auf Papier“, sagte er, während er vorsichtig einen hellen Farbverlauf setzte.
Mozart saß unter dem Apfelbaum und sah kurz auf. „Das ist erstaunlich treffend.“
„Danke“, sagte Waschbär. „Ich bin heute sehr flüssig.“
Auf der Terrasse lag der kleine weiße Hund auf seiner Decke. Er hatte Wasser, ein bisschen Futter bekommen und wirkte inzwischen vollkommen entspannt. Manchmal hob er den Kopf, wenn jemand vorbeikam, wedelte freundlich und legte ihn dann wieder ab.
Die Küchenkatzen lagen auf ihrer Sonnenloge und beobachteten ihn weiterhin mit großer Skepsis.
Minimaler Positionswechsel: etwas näher an den Rand der Loge, aber nur, um besser urteilen zu können.
Uschi sah immer wieder zu dem Hund und lächelte. „Er ist wirklich lieb.“
„Sehr zutraulich“, sagte Odin.
„Sehr verdächtig zutraulich“, murmelte eine der Küchenkatzen vermutlich innerlich.
2) Bewegung auf der Nachbarwiese
Waschbär war gerade dabei, mit einem feuchten Pinsel eine Blüte zu malen, die mehr nach Gefühl als nach Botanik aussah, als er über den Papierblock hinweg zur Nachbarwiese schaute.
Dort bewegte sich jemand.
Zwei Gestalten liefen über die große Wiese, auf der sonst Raseline ihre Bahnen zog. Sie schauten hinter Büsche, riefen etwas, gingen ein paar Schritte, blieben stehen, riefen wieder.
Waschbär hielt den Pinsel in der Luft.
„Äh“, sagte er.
Der kleine weiße Hund hob sofort den Kopf.
Dann stand er auf.
Sein Schwanz begann zu wedeln, erst vorsichtig, dann so stark, dass sein ganzes kleines Hinterteil mitwackelte.
Uschi trat auf die Terrasse. „Was ist denn?“
Waschbär deutete mit dem Pinsel zur Wiese. „Da sind Leute. Ich glaube, die suchen jemanden.“
Odin stand sofort auf und sah hinüber.
Der Hund machte ein kleines, freudiges Geräusch.
„Ich glaube“, sagte Odin ruhig, „sie suchen ihn.“
Der Hai kam aus dem Haus, bereits mit seinem Tablet in der Pfote. „Dann bitte geordnete Kontaktaufnahme.“
Das Känguru rief aus der Hängematte: „Der Fall des weißen Hundes erreicht seine diplomatische Phase!“
3) Die Besitzer von Raseline
Stinkerle öffnete vorsichtig den Durchgang zur Nachbarwiese. Uschi blieb beim kleinen Hund, der inzwischen kaum noch stillstehen konnte. Lara winkte den beiden Personen auf der Wiese zu.
Sie bemerkten es sofort.
„Balu?“, rief eine Stimme.
Der kleine weiße Hund bellte einmal hell und glücklich.
„Balu!“
Jetzt gab es keinen Zweifel mehr.
Die beiden kamen schnell näher, aber nicht panisch. Eher mit dieser Mischung aus Sorge, Erleichterung und leichter Erschöpfung, die man hat, wenn man schon eine ganze Weile gesucht hat.
Es waren die Besitzer von Raseline: ein freundliches Paar aus dem Nachbarhaus, das die Tiere bisher nur aus der Ferne kannten. Sie wirkten naturverbunden, praktisch und ein bisschen so, als sei die große Wiese für sie nicht einfach Grundstück, sondern Aufgabe.
Die Frau ging in die Hocke, und der kleine Hund sprang fast in ihre Arme.
„Da bist du ja“, sagte sie erleichtert. „Du kleiner Ausreißer.“
Der Mann atmete hörbar aus. „Wir haben überall gesucht.“
Uschi lächelte warm. „Er war gestern bei Raseline auf der Wiese. Wir haben ihn zu uns genommen, weil niemand in der Nähe war.“
„Oh Gott, danke“, sagte die Frau. „Das ist so lieb von euch.“
Der Hund – Balu also – wedelte alle an, als hätte er nie eine Sorge gehabt.
Der Hai nickte sachlich. „Er wurde mit Wasser, Futter und Schatten versorgt.“
„Und mit Beobachtung“, ergänzte Waschbär.
„Sehr viel Beobachtung“, sagte Lara und sah zu den Küchenkatzen.
Die Katzen blinzelten kühl.
4) Warum Balu bei Raseline war
Nachdem die erste Erleichterung vorbei war, standen alle am Zaun und kamen ins Gespräch. Balu blieb zwischen seinen Besitzern, schaute aber immer wieder zu Raseline hinüber.
Raseline stand auf der Nachbarwiese und summte leise. Das Mähschaf hatte sich im Flanellweg-Garten bis an den Durchgang herangewagt und brummte: „alles gut?“
Balu wedelte.
Die Frau lachte. „Er liebt Raseline.“
„Er liebt den Mähroboter?“, fragte Waschbär begeistert.
„Ja“, sagte der Mann. „Seit er klein ist. Wenn Raseline fährt, will er dabei sein. Er läuft manchmal neben ihr her und passt auf, als wäre sie ein Schaf.“
Das Känguru richtete sich in der Hängematte auf. „Ein Hütehund für einen Mähroboter. Das ist große Gegenwartslyrik.“
Mozart nickte. „Tatsächlich.“
„Gestern muss er irgendwie durch eine Lücke raus sein“, sagte die Frau. „Wahrscheinlich wollte er schauen, ob Raseline arbeitet.“
„Sie hat ihn gut betreut“, sagte Uschi.
„Raseline hat uns indirekt informiert“, sagte der Hai. „Durch auffälliges Verhalten.“
Der Mann sah zu Raseline und lachte. „Das passt zu ihr.“
Stinkerle fragte interessiert: „Darf Raseline vielleicht kurz rüber? Das Mähschaf kennt sie ja.“
Die beiden Nachbarn sahen sich an.
„Warum eigentlich nicht?“, sagte die Frau. „Wenn wir dabei sind.“
Stinkerle öffnete den kleinen Durchgang weiter, und Raseline rollte langsam hinüber in den Garten des Flanellwegs. Das Mähschaf brummte sofort so freundlich, dass Waschbär fast gerührt umfiel.
„alles gut.“
Raseline antwortete.
Balu setzte sich daneben, stolz wie ein Wächter.
5) Kaffee, Kuchen und die große Wiese
Uschi lud die Nachbarn auf die Terrasse ein. „Wenn ihr kurz bleiben mögt – wir haben Kaffee.“
„Und Kuchen“, sagte Odin, der in diesem Moment sehr hilfreich an Björns Vorräte erinnerte.
Kroko brummte aus der Küche: „Es gibt Kuchen.“
Das war im Flanellweg praktisch eine offizielle Einladung.
Kurz darauf saßen alle zusammen im Garten: die Tiere, die Besitzer von Raseline, Balu auf seiner Decke, Raseline beim Mähschaf, und die Küchenkatzen hoch oben auf ihrer Sonnenloge, wo sie die gesamte Situation streng bewerteten.
Uschi brachte Kaffee. Lara stellte Teller hin. Odin schnitt Kuchen. Kroko tat so, als sei alles ganz normal, stellte aber besonders große Stücke bereit.
Die Nachbarn erzählten von ihrer Wiese. Sie gehörte zum alten Grundstück, war früher einmal anders genutzt worden, und sie hatten beschlossen, sie nicht kurz und streng zu halten, sondern etwas natürlicher. Ein großer Bereich blieb höher, für Insekten und Vögel, nur die Wege und einige Ränder wurden regelmäßig von Raseline gemäht.
„Deshalb fährt sie so viel“, sagte der Mann. „Nicht, weil wir alles kurz wollen. Eher, damit ein bisschen Ordnung bleibt, ohne die Wiese totzumähen.“
Der Hai nickte anerkennend. „Differenziertes Flächenmanagement.“
„So kann man es nennen“, sagte die Frau lächelnd.
Waschbär sah zu Raseline. „Also ist sie nicht nur Mähroboterin. Sie ist Landschaftspflegerin.“
„Das gefällt mir“, sagte die Frau.
Balu legte den Kopf auf die Pfoten, immer noch mit einem Auge bei Raseline. Das Mähschaf und Raseline standen nebeneinander, als würden sie nachbarschaftlich über Grasqualitäten sprechen.
„Und Balu?“, fragte Lara.
„Balu ist unser kleiner Schatten“, sagte die Frau. „Sehr lieb, manchmal etwas zu neugierig. Und offenbar heimlich mit Raseline befreundet.“
„Das verstehen wir sehr gut“, sagte Uschi.
6) Ein Nachbarschaftsnachmittag
Der Nachmittag wurde länger, als alle gedacht hatten. Aus einer Fundsache wurde ein Gespräch, aus Sorge wurde Erleichterung, und aus der Nachbarwiese wurde plötzlich ein Ort mit Geschichte.
Waschbär zeigte sein halb fertiges Aquarell. Die Frau erkannte sofort Raseline darin, obwohl es eigentlich nur ein grüner Farbverlauf mit einem kleinen weißen Fleck war.
„Das ist Balu!“, sagte sie.
Waschbär strahlte. „Jetzt ja.“
Tigerlein kam irgendwann mit Mikrofon dazu, nahm aber nur ein paar leise Gartenklänge auf: Stimmen, Tassen, Raselines Summen, Mähschafs Brummen, Balus zufriedenes Schnaufen.
Der Hai erwähnte seine fast gedruckten Suchposter nicht weiter. Nur Uschi wusste es und lächelte ihn einmal so an, dass er etwas verlegen auf sein Tablet sah.
Das Känguru sagte: „Seht ihr? Diplomatie. Erst ein Hund, dann Kuchen, dann Flächenmanagement.“
„Das ist fast richtig zusammengefasst“, sagte Mozart.
Die Küchenkatzen blieben skeptisch, aber weniger angespannt. Minimaler Positionswechsel: eine Pfote über den Rand der Sonnenloge, als Zeichen, dass der Hund vielleicht nicht unmittelbar gesellschaftsgefährdend war.
Am späten Nachmittag verabschiedeten sich die Nachbarn mit Balu. Raseline rollte wieder zurück auf ihre Wiese, nachdem sie sich vom Mähschaf mit einem kleinen Signal verabschiedet hatte.
Balu drehte sich noch einmal um und wedelte.
„Komm gern wieder“, sagte Waschbär.
Der Hai hob eine Flosse. „Nur bitte offiziell.“
Alle lachten.
7) Mozarts Satz des Tages
Als es wieder ruhiger wurde, saß Mozart unter dem Apfelbaum und sah zur Nachbarwiese hinüber, wo Raseline ihre Bahn fortsetzte. Im Garten des Flanellwegs brummte das Mähschaf zufrieden.
Mozart sagte:
„Manchmal beginnt Nachbarschaft
nicht mit einer Einladung,
sondern mit einem kleinen Hund,
der zu neugierig war.
Man sucht,
man findet,
man setzt Kaffee auf –
und plötzlich hat die Wiese nebenan
nicht nur einen Zaun,
sondern Gesichter,
Geschichten
und einen Namen,
der wedelt.“