23. Oktober 2025 Sonnig Herbst 7 min

Die Taschenlampennacht – Flüstern, Funzeln, Freundeschauer

Die Taschenlampennacht – Flüstern, Funzeln, Freundeschauer

1) Klick – und die Stille hat Lichtbedarf

Es passierte um kurz nach sechs. Die Bankerlampe zuckte, der Kühlschrank seufzte, das Radio verstummte mitten in Laras Satz. Dann nichts. Ein Schwarz, das nicht böse war – nur vollständig.

„Stromausfall,“ stellte der Hai fest, sachlich wie eine Wetterkarte. Er klappte das Tablet zu, das ohne Strom nur Spiegel war. „Protokoll: Ruhe bewahren, Lichtquellen verteilen, Wärme sichern.“

Uschi tastete ins Schubfach der Küche und legte Kerzen auf den Tisch: dicker Honigton, zwei Teelichter, eine lange schlanke in Abendrot. „Ich hab’ Wachs genug.“

Stinkerle holte aus dem Werkzeugwagen die Notlaterne 1.0 (minzduftfrei), drei Stirnlampen, eine Taschenlampe mit Kurbel. „Autarkbetrieb, Kapitel eins.“

Kroko schaltete das Gas an – das durfte – und setzte Wasser auf. „Heißgetränke gehen immer. Kakao und Tee, später vielleicht Brühe.“

Die Küchenkatzen saßen am Boden und sahen mit runden Pupillen in die Schatten; es war das gelassene Staunen von Expertinnen. Draußen blinkte der Freitonast nicht – er war ein Ast, kein Strom. Im Terrassenhafen glomm die kleine Heizung des Mähschafs noch nach; ein zufriedenes alles gut brummte herüber, als wäre Dunkel nur ein anderer Anstrich von Abend.


2) Lager im Wohnzimmer – Kerzen als Landschaft

Sie zogen ins Wohnzimmer um. Decken über die Lehnen, Kissen wie Inseln, Kerzen in Marmeladengläsern – die gestrigen Laternen bekamen eine Zusatzschicht Bedeutung.

„Taschenlampen bitte nicht direkt in Augen richten,“ mahnte der Hai, „wir erzählen heute nicht vom Zahnarzt.“
„Wir erzählen überhaupt,“ beschloss das Känguru, Mütze im Nacken. „Taschenlampennacht! Thema: Gruseln, aber freundlich. Regeln: Keine echten Monster, keine Panik, am Schluss ein Lachen.“

Tigerlein verteilte kleine Zettel: Titel / Ort / unerwartetes Geräusch. „Für die Dramaturgie,“ flüsterte Lara, und strich das Radio liebevoll – nutzlos, aber beruhigend.

Uschi zündete die Kerzen an; ein dünnes Gold sprang über Wachsberge. Der Waschbär baute aus Taschenlampen einen „Lichtkreis“ – Lampen nach oben, die Decke als Zelt. Stinkerle steckte die Stirnlampen an die Sessellehnen; es sah aus, als hätten die Möbel Ideen.

„Sicherheitsansage: Offene Flammen in Reichweite, aber nicht in Reichweite von Schwänzen,“ sagte der weiße Tiger, der die Kerzen so platzierte, dass selbst ein hupender Schatten nicht kippte. Elise parkte im Halbkreis und piepste ein bereit, das man gut hörte, weil es so leise war.


3) Runde eins – Geschichten, die im Halbdunkel wachsen

„Ich beginne,“ sagte Uschi und legte die Pfote neben die Kerze. „Die Spülbürste im Keller. Es war einmal ein Keller, in dem das Licht so selten brannte, dass die Spinnen Namen trugen. Eines Abends hörte ich schschsch – als ob jemand mit einer Bürste putzte, wo niemand war. Ich hin – Kerze voran – und siehe da: Die Spülbürste war vom Haken gefallen und schliff an der Wand entlang, weil der Wind durch den Schacht…“ – „…die Ordnung verbessern wollte,“ ergänzte der Hai.

Gelächter. Gruselgrad: angenehm.

„Ich,“ meldete sich der Waschbär. Er hielt die Taschenlampe unter sein Kinn – sofort sah er aus wie eine Karikatur von sich selbst. „Das Rascheln hinter dem Vorhang. Ich war klein und mutig und zog den Vorhang auf. Dahinter stand… mein Spiegelbild, mit einer Wolldecke auf der Schulter. Seitdem grüße ich mich, wenn ich mich nachts treffe.“

„Pädagogisch wertvoll,“ nickte Mozart. „Selbstgespräche als Gattung.“

Das Känguru räusperte sich. „Die Hängematte, die flüsterte. Neulich, spät, hörte ich ein huiii. Ich dachte: Gespenst! Aber es war der Wind, der durch die leeren Knoten strich und die Hängematte bat, sich an den Frühling zu erinnern. Ich sagte: Einverstanden.

Die Kerzen warfen Schatten wie weiche Zeichnungen. Der Freitonast draußen wagte ein ding, so gedämpft, als trüge er Filzschuhe.


4) Runde zwei – das kleine Zittern und die großen Hände

Kroko brachte Kakao und Oolong und eine Kanne Brühe, die roch nach Gemüsegarten und Trost. „Flüssiger Mut,“ erklärte er.

Die Treppenstufe, die sprach,“ begann der Hai. „Einmal nachts knarz. Ich ging dem nach – eine Stufe ohne Last. Analyse: Holz arbeitet. Doch der Gedanke gefiel mir, dass das Haus sagt: Ich pass’ auf. Also benannte ich die Stufe: „Wache“. Seitdem knarzt sie wie ein Gruß.“

Das Glas im Flur,“ setzte Tigerlein nach. „Seit wir Laternen basteln, sehe ich überall kleines Licht. Gestern spiegelte sich im Flur das Raseline-Glas als zweiter Mond. Ich dachte erst, es sei jemand – war auch jemand: der Sommer, der kurz winkte.“

Der Schatten im Apfelbaum,“ sagte Odin. „Vor Jahren, ein Wind, ein Ruck – ich sah etwas groß werden. Es war die Krone, die näher trat. Ich erklärte das damals der Vernunft und behielt die Poesie: Bäume möchten abends erzählen, wenn niemand mehr erntet.“

Mozart trank einen Schluck, stellte die Tasse ab und begann, ohne Titel, nur mit Stimme: „Fenster atmen. Wir glauben, Glas sei Grenze. Aber heute knistert es anders, wenn der Strom fehlt. Man hört, wie warmes Zimmer auf kalte Luft trifft. Das ist kein Grusel – eher ein Vertrag: Ich halte dich, sagt das Haus. Und der Abend antwortet: Ich lehne mich an.

Stille, die sich gut anfühlte. Die Küchenkatzen schnurrten als Basslinie. Elise rückte einen Zentimeter näher an die Gruppe, als hätte auch sie eine Geschichte – die von einer vergessenen Büroklammer unter dem Sofa, die nur im Dunkeln funkelt.


5) Finale – Schattenfiguren, Lachen, der Satz des Tages

Der Waschbär machte mit den Pfoten Schattenfiguren an die Wand: Hund, Vogel, ein erstaunlich gutes Krokodil, das Kroko grinsen ließ. Uschi formte ein Herz, das an der Tapete pulsierte. Stinkerle ließ seine Stirnlampe durch die Finger gleiten – ein winziges Nordlicht, privat.

„Letzte Runde: Ein Grusel, der am Ende lächelt“, schlug Lara vor.

Der Kühlschrankgeist,“ sagte Kroko. „Wenn es sehr still ist, höre ich ihn nachts brummen – heute nicht. Ich vermisse ihn. Morgen bring’ ich ihm ein Stück Käse als Friedensgabe.“

Der Paragraph im Dunkeln,“ grinste das Känguru und sah den Hai an. „Ich saß einmal ohne Licht vor einem dicken Ordner. Da spürte ich, wie mich Ordnung anguckte. Ich hab’ zurückgestarrt, bis der Morgenkammerbeschluss gefasst war: Ordnung ohne Wärme ist null und nichtig.“ – „Einstimmig,“ sagte der Hai.

Die Stimme im Glas,“ beschloss Mozart und hob die Laterne mit dem Freitonstern. „Manchmal meint man, Licht könne sprechen. Es sagt nicht viel. Nur: Ich bin da. Und das reicht.“

Draußen rauschte eine Böe durchs Feld, freundlich wie ein großes Tier. Der Terrassenhafen glomm; das Mähschaf brummte ein spürbares alles gut.

In diesem Moment flackerte die Bankerlampe auf – einmal, zweimal – und blieb an. Ein leises Klicken aus Küche, ein Summen von irgendwo. Der Strom war zurück.

Niemand sprang auf. Sie blieben noch einen Atemzug in der Taschenlampennacht sitzen, als hielten sie einen Deckel auf einer kostbaren Stille, die man nicht sofort auslüften will.

„Resümee,“ sagte der Hai. „Ungeplantes Gemeinschaftsereignis: erfolgreich, warm, erzählbar.“

Uschi pustete eine Kerze aus, dann noch eine. „Wir heben die übrigen für morgen auf. Vielleicht brauchen wir wieder Geschichten.“

Die Küchenkatzen streckten sich. Elise piepste zufrieden und fuhr eine Abschlussacht. Lara drehte das Radio leise auf, nur ein Ton wie ein Fenster, das man nicht ganz schließt.

Mozart klappte sein Notizbuch auf. Die Worte kamen wie warme Lichter, die man in Gläser stellt:

Wenn Strom verschwindet,

zeigt sich, was bleibt:

Hände, die Kerzen halten,

Stimmen, die Schatten zähmen—

und ein Haus, das im Dunkeln näher rückt.

Sie nickten, tranken den letzten Schluck, ließen die Lampen leuchten – aber nicht zu hell. Draußen stand der Oktober wie ein freundlicher Wächter. Drinnen lag eine Nacht, die man gern wiederfinden möchte, wenn man sie braucht.