1) Ein Freitag mit fehlendem Schnurren
Der Freitag war hell, freundlich und etwas schläfrig. Nicht müde im schlechten Sinn, eher so, als hätte das Haus beschlossen, den Frühling nicht zu überfordern. Die Fenster standen offen, aus dem Garten kam Vogelstimmengewirr, und irgendwo draußen brummte das Mähschaf zufrieden seine Bahnen.
Uschi stand in der Küche und schnitt Obst. Lara sortierte am Radio Musik. Kroko machte Kaffee, obwohl niemand danach gefragt hatte, weil Kaffee bei ihm weniger Bestellung als Grundversorgung ist.
Alles war normal.
Fast alles.
„Wo sind eigentlich die Küchenkatzen?“, fragte Waschbär plötzlich.
Niemand antwortete sofort.
Alle schauten automatisch zu den üblichen Orten: Fensterbank. Kaminplatz. Teppichkante. Stuhl unter dem Küchentisch.
Nichts.
„Vielleicht im Wohnzimmer“, sagte Lara.
Dort waren sie nicht.
„Vielleicht in der Sonne“, sagte Uschi.
Auch dort nicht.
Der Hai hob sofort den Kopf. „Ungewöhnlich.“
„Sie sind Katzen“, brummte Kroko. „Ungewöhnlich ist ihr Beruf.“
Doch nach ein paar Minuten kamen sie wieder herein. Ganz ruhig. Ganz elegant. Tiger vorne, Leopard knapp dahinter. Sie liefen durch die Küche, als wäre nichts gewesen, tranken kurz Wasser und legten sich dann an die Fensterbank.
Minimaler Positionswechsel: von „verschwunden“ zu „wir waren nie weg“.
Waschbär kniff die Augen zusammen. „Verdächtig.“
2) Wieder weg
Eine Stunde später waren sie wieder verschwunden.
Diesmal fiel es Lara auf. „Moment. Schon wieder?“
Der Hai stand auf. „Zeitpunkt notieren.“
„Hai“, sagte Uschi.
„Nur innerlich“, sagte der Hai.
Sie suchten nicht panisch, denn Küchenkatzen sind keine Tiere, die sich panisch suchen lassen. Sie sind Tiere, die entscheiden, ob man sie findet. Trotzdem schaute Waschbär unter das Sofa, hinter den Vorhang, in die Lounge und sogar kurz in Richtung Treppe nach oben.
„Nichts“, sagte er. „Sie sind… aus der Realität gefallen.“
Odin, der gerade aus seiner Einliegerwohnung hochkam, hörte den Satz und blieb stehen. „Wer?“
„Die Küchenkatzen“, sagte Waschbär. „Sie verschwinden.“
Odin hob eine Augenbraue. „Katzen verschwinden nicht. Sie gehen.“
„Wohin?“
Odin schwieg einen Moment. Dann sagte er: „Das ist die Frage.“
Und genau in diesem Moment kamen die beiden wieder herein. Ruhig. Gepflegt. Kein Staub, keine Eile, kein schlechtes Gewissen.
Der Leopard setzte sich vor Uschi hin und blinzelte langsam.
Der Tiger leckte sich die Pfote.
„Die wissen was“, flüsterte Waschbär.
„Natürlich wissen sie was“, sagte Mozart von der Tür zur Terrasse. „Katzen wissen immer etwas, das sie nicht teilen.“
3) Der Zufall am Gartenzaun
Am Nachmittag ging Uschi in den Garten, um nach den Kräutersamen zu sehen. Lara kam mit, mehr wegen der Sonne als wegen der Samen. Waschbär folgte ihnen, weil Waschbär folgt, wenn irgendwo kleine Wahrheiten passieren könnten.
Der Garten war lebendig, aber vorsichtig. Die Hecke blieb in Ruhe wegen der Amseln. Die Vogelhäuser wurden nur aus Entfernung betrachtet. Das Mähschaf brummte freundlich, Raseline antwortete von nebenan.
Dann raschelte es am Rand des Grundstücks.
Nicht in der Hecke. Nicht bei den Vögeln.
Am Zaun.
Waschbär drehte sich um. „Da.“
Zwischen zwei unauffälligen Stellen im Zaun schlüpfte zuerst der Tiger hindurch. Dann der Leopard. Nicht hektisch, nicht heimlich im menschlichen Sinn – eher so, als wäre das ein offizieller Katzenweg, den nur niemand genehmigt hatte.
„Aha“, sagte der Hai, der inzwischen ebenfalls dazugekommen war und sofort sehr aufrecht stand. „Grenzübertritt.“
„Hai“, sagte Lara, „das sind Katzen.“
„Trotzdem.“
Die beiden Katzen liefen nicht weit. Sie überquerten ein kleines Stück Grün und steuerten zielstrebig auf Frau Nüssleins Garten zu.
Uschi wurde ganz still. Dann lächelte sie. „Oh nein.“
„Was?“, fragte Waschbär.
„Ich glaube“, sagte Uschi, „sie besuchen Frau Nüsslein.“
4) Frau Nüssleins Terrassentür
Die Tiere beobachteten vorsichtig, aus respektvollem Abstand. Niemand wollte die Amseln stören, niemand wollte die Katzen erschrecken, und niemand wollte in Frau Nüssleins Garten stehen, als wäre man ein Ermittlerteam.
Die Küchenkatzen erreichten die Terrasse der Nachbarin. Der Tiger setzte sich hin. Der Leopard daneben. Beide schauten zur Tür.
Eine Sekunde.
Zwei Sekunden.
Dann öffnete sich die Terrassentür.
Frau Nüsslein erschien, mit einer Strickjacke, einem freundlichen Gesicht und dem Ausdruck einer Person, die exakt wusste, wer da kommen würde.
„Na, ihr zwei“, sagte sie. „Schon wieder?“
Waschbär hielt sich die Pfoten vor den Mund. „Schon wieder!“
Frau Nüsslein beugte sich herunter, streichelte beide kurz und holte aus einer kleinen Dose etwas heraus. Sehr klein. Sehr offensichtlich ein Leckerli.
Die Küchenkatzen nahmen es mit jener Würde an, die nur Katzen besitzen: als wäre es kein Geschenk, sondern eine überfällige Lieferung.
Uschi lachte leise. „Die kleinen Schlawiner.“
Der Hai flüsterte: „Sie beziehen externe Zusatzversorgung.“
„Sie besuchen eine Nachbarin“, korrigierte Odin ruhig.
Kroko, der inzwischen auch da war, brummte: „Und kassieren.“
„Effizient“, sagte der Hai, bevor er sich stoppen konnte.
5) Kein Skandal, nur Nachbarschaft
Frau Nüsslein bemerkte schließlich die kleine Gruppe am Zaun und winkte. Uschi winkte zurück, ein bisschen verlegen, ein bisschen amüsiert.
„Sie kommen manchmal vorbei!“, rief Frau Nüsslein freundlich. „Nur kurz. Ganz brav.“
Die Küchenkatzen sahen nicht so aus, als hätten sie vor, diese Aussage zu kommentieren.
Uschi trat näher an den Zaun. „Ich hoffe, sie stören nicht.“
„Ach was“, sagte Frau Nüsslein. „Die setzen sich hin, schauen mich an, bekommen ein kleines Stückchen und gehen wieder. Sehr höfliche Besuche.“
Der Hai räusperte sich. „Wie häufig?“
Frau Nüsslein überlegte. „Nun ja. Regelmäßig.“
Waschbär flüsterte: „Sie haben einen Nebenwohnsitz.“
Lara lächelte. „Oder eine Freundin.“
Odin nickte. „Das ist Nachbarschaft. Manchmal auf vier Pfoten.“
Frau Nüsslein hob die Dose. „Nur ein kleines Leckerli. Nichts, was ihnen schadet.“
Der Hai war sofort beruhigter. „Portioniert?“
Frau Nüsslein lachte. „Sehr portioniert.“
„Gut“, sagte der Hai ernst.
Die Küchenkatzen beendeten derweil ihren Besuch, drehten sich um und gingen zurück Richtung Zaun. Nicht eilig. Nicht schuldbewusst. Eher mit der Haltung von Leuten, die einen Termin erfolgreich abgeschlossen haben.
6) Rückkehr ohne Reue
Als die Katzen wieder im Flanellweg-Garten ankamen, standen die Tiere dort und sahen sie an.
Der Tiger blieb kurz stehen.
Der Leopard blinzelte.
Dann gingen beide an allen vorbei ins Haus, als wäre der ganze Vorgang völlig selbstverständlich. Drinnen tranken sie Wasser, liefen zum Fensterplatz und legten sich hin.
Minimaler Positionswechsel: von „geheimer Außentermin“ zu „Sonnenruhe“.
„Nicht ein bisschen schlechtes Gewissen“, sagte Waschbär.
„Katzen haben kein schlechtes Gewissen“, sagte Kroko. „Sie haben nur Prioritäten.“
Uschi stellte frisches Wasser hin, obwohl Frau Nüsslein gesagt hatte, sie bekämen nur Leckerli. „Dann wissen wir jetzt wenigstens, wo sie manchmal sind.“
Lara lächelte. „Es ist eigentlich schön. Sie haben ihr eigenes kleines Sozialleben.“
Der Hai sah immer noch nachdenklich aus. „Wir sollten es beobachten.“
„Du meinst überwachen“, sagte das Känguru aus der Hängematte.
„Ich meine beobachten“, sagte der Hai.
„Du meinst überwachen.“
Odin unterbrach ruhig: „Wir lassen ihnen ihren Weg. Solange alle wissen, dass alles gut ist.“
Das Mähschaf brummte draußen passend: „alles gut.“
Raseline antwortete von nebenan.
Die Küchenkatzen schnurrten synchron.
Und damit war die Sache entschieden.
7) Mozarts Satz des Tages
Am Abend saßen sie im Wohnzimmer, die Fenster noch offen, der Frühling draußen hörbar. Die Küchenkatzen lagen wieder an ihrem Platz, so unschuldig, wie nur Katzen nach einem erfolgreichen Doppelleben wirken können.
Mozart blickte zu ihnen hinüber und sagte:
„Katzen gehören nie ganz uns.
Sie wohnen bei uns,
aber sie behalten Wege,
die nur ihnen gehören.
Wenn sie wiederkommen,
ruhig und satt,
dann ist das kein Verrat –
sondern Vertrauen.
Und manchmal beginnt Nachbarschaft
mit zwei leisen Pfoten
an einer Terrassentür.“