1) Ein Tag für Pizza
Der Freitag begann stiller als gewöhnlich.
Das späte WM-Spiel steckte einigen Tieren noch in den Knochen. Waschbär erschien erst spät zum Frühstück. Das Känguru lag schon in der Hängematte, behauptete aber, es ruhe nur „aus sportpolitischen Gründen“. Der Hai hatte die wichtigsten Spielszenen noch einmal gedanklich sortiert und sagte beim Kaffee etwas über Raumaufteilung, worauf niemand näher einging.
Draußen war es wunderschön.
Die Sonne stand klar über dem Garten, aber es wehte ein leichter Wind. Die Sommerblumen leuchteten, das Zitronenbäumchen im Terrakottatopf glänzte im Morgenlicht, und unter Odins Sonnensegel war es angenehm kühl.
Kroko trat auf die Terrasse, sah zum Himmel und brummte zufrieden.
„Heute Pizza.“
Lara hob den Kopf. „Schon wieder Italien?“
Kroko richtete sich etwas auf. „Nicht einfach Italien. Napoli.“
Das Känguru rief aus der Hängematte: „Das Krokodil wechselt erneut die nationale Küchenidentität!“
„Coccodrillo“, sagte Kroko.
Damit war der Tagesplan beschlossen.
2) Der Teig bestimmt den Rhythmus
Kroko hatte den Teig bereits am Vorabend vorbereitet. Während die anderen noch Fußball geschaut hatten, war er zwischendurch leise in die Küche gegangen, hatte Mehl, Wasser, Salz und sehr wenig Hefe miteinander verbunden und den Teig ruhen lassen.
Nun stand er in einer großen Schüssel, weich, elastisch und voller kleiner Luftblasen.
Der Hai sah hinein. „Wie lange gereift?“
„Lang genug“, sagte Kroko.
„Das ist keine Zeitangabe.“
„Für Teig schon.“
Der Hai wollte nachfragen, sah aber Krokos Gesicht und entschied, dass manche kulinarischen Systeme offenbar eigene Regeln hatten.
Coccodrillo teilte den Teig in einzelne Portionen und formte runde Ballen. Sehr ruhig, sehr konzentriert. Kein Nudelholz. Kein hektisches Drücken.
Waschbär kam dazu und wollte sofort helfen.
„Darf ich einen formen?“
Kroko sah auf Waschbärs Pfoten.
„Ich wasche sie.“
„Sehr gründlich.“
Fünf Minuten später stand Waschbär bereit und bekam einen kleinen Teigballen. Er behandelte ihn zunächst zu vorsichtig, dann zu begeistert.
„Nicht kneten“, sagte Kroko. „Formen.“
„Ich forme seine Zukunft.“
„Du drückst die Luft raus.“
Waschbär hielt sofort inne. „Entschuldigung.“
Kroko rettete den Teig mit wenigen Handgriffen.
3) Wenige Zutaten, große Diskussionen
Bei Pizza Napoletana, erklärte Kroko, brauche es keine endlosen Beläge.
„Wenig. Gut. Richtig.“
Er stellte die Zutaten bereit:
San-Marzano-Tomaten.
Mozzarella.
Basilikum.
Olivenöl.
Etwas Knoblauch.
Sardellen.
Kapern.
Oliven.
Und ein paar wenige weitere Zutaten für klassische Varianten.
Uschi brachte frisches Basilikum aus dem Garten. Lara half beim Abtropfen des Mozzarellas. Der Hai sortierte die Zutaten in saubere Reihen, was Kroko ausnahmsweise nicht störte.
„Welche Sorten?“, fragte Tigerlein.
Kroko zählte auf:
„Marinara. Margherita. Napoli. Vielleicht Diavola für die, die wollen.“
Das Känguru kam näher. „Keine Hängematten-Speziale?“
„Nein.“
„Mit Schnapspralinen?“
Alle sahen es an.
„Ich teste nur die Grenzen traditioneller Küche.“
„Die Grenze ist hier“, sagte Kroko und zeigte auf den Tisch.
Waschbär wollte eine Pizza mit fünf Farben gestalten. Kroko erlaubte ihm schließlich eine Margherita mit besonders schön verteiltem Basilikum.
„Aber nicht zu viel.“
„Kunst braucht Raum.“
„Pizza auch.“
4) Der Ofen wird heiß
Am Nachmittag bereitete Kroko den Pizzaofen auf der Terrasse vor. Die Hitze stieg langsam, dann immer stärker. Der Hai beobachtete das Thermometer mit wachsendem Respekt.
„Sehr hohe Temperatur.“
„Muss“, sagte Kroko.
Stinkerle prüfte den Stand des Ofens, den Abstand zu Pflanzen und Sonnensegel und legte das notwendige Werkzeug bereit. Tigerlein stellte sich mit der Kamera in sichere Entfernung.
„Heute dokumentiere ich nur den Prozess“, sagte es.
„Nicht im Weg stehen“, sagte Kroko.
„Das gehört zur Dokumentation.“
Die erste Pizza war eine Marinara: Tomate, Knoblauch, Oregano, Olivenöl. Kein Käse.
Waschbär war überrascht. „Pizza ohne Käse?“
Kroko sah ihn streng an. „Sehr alte Pizza.“
„Dann respektiere ich sie.“
Coccodrillo zog den Teig mit den Pfoten auseinander, drückte nur die Mitte flach und ließ den Rand luftig. Dann kamen Tomate, Knoblauch und ein dünner Faden Olivenöl darauf.
Die Pizza glitt in den Ofen.
Alle sahen zu.
Schon nach kurzer Zeit begann der Rand aufzugehen. Kleine dunkle Flecken erschienen, die Oberfläche blubberte, und der Duft zog über die Terrasse.
„Leopardenmuster“, sagte Lara.
„Richtig“, sagte Kroko.
Die Küchenkatzen hoben gleichzeitig den Kopf. Minimaler Positionswechsel: näher an Neapel.
5) Jede Pizza nur für einen Moment
Bei dieser Art Pizza ging alles schnell.
Die Marinara kam heraus, wurde kurz abgekühlt, geschnitten und sofort verteilt. Dann folgte die Margherita mit Tomate, Mozzarella, Basilikum und Olivenöl.
Uschi nahm den ersten Bissen und lächelte. „Der Rand ist wunderbar.“
Lara nickte. „Und die Mitte ganz weich.“
Der Hai untersuchte sein Stück. „Ungewöhnlich hohe Randstruktur bei sehr dünnem Zentrum.“
„Man kann auch einfach sagen, dass sie gut ist“, sagte Uschi.
Der Hai probierte.
„Sie ist sehr gut.“
Kroko hörte das und brummte zufrieden.
Die Pizza Napoli bekam Sardellen, Kapern und Oliven. Odin mochte sie besonders. Er saß unter dem Sonnensegel, nahm einen Bissen und sagte nur: „Sehr gut.“
Das war für Kroko beinahe ein Orden.
Die Diavola wurde schärfer. Das Känguru nahm ein Stück, obwohl es vorher erklärt hatte, Schärfe sei „kulinarischer Gruppenzwang“.
Nach dem ersten Bissen trank es sofort Wasser.
„Sehr lebendig“, sagte es mit leicht feuchter Stimme.
„Zu scharf?“, fragte Lara.
„Nein. Nur offensiv.“
Waschbär bekam schließlich seine besonders schön belegte Margherita. Das Basilikum lag tatsächlich wie ein kleines Muster darauf.
„Das ist meine Sommerpizza.“
Kroko sah sie an. „Ist okay.“
Waschbär strahlte. „Coccodrillo hat Kunst anerkannt.“
6) Rotwein und Sommerabend
Als die Sonne tiefer stand, wurde es auf der Terrasse besonders schön. Das Licht fiel warm auf den Garten, die Blüten und das Zitronenbäumchen. Vom Pool kam ein leiser Schimmer, Raseline zog auf der Nachbarwiese ihre letzten Bahnen, und das Mähschaf ruhte bereits im Terrassenhafen.
Kroko holte eine Flasche Rotwein aus dem inzwischen gut sortierten Weinkeller. Nicht zu schwer, aber kräftig genug für Tomate, Kräuter und den warmen Teig.
Der Hai sah auf die Flasche. „Bei der Temperatur bitte zusätzlich Wasser.“
„Ja“, sagte Uschi.
„Selbstverständlich“, sagte Lara.
Das Känguru seufzte. „Der Hai verwaltet selbst den Wein.“
„Ich verwalte die Flüssigkeitsbilanz.“
Odin hob sein Glas. „Sinnvoll.“
Also gab es Rotwein in kleinen Gläsern und dazu große Gläser Wasser. Die Tiere saßen unter dem Sonnensegel und an der Terrasse, teilten die letzten Pizzen und ließen den Tag langsam auslaufen.
Der weiße Tiger kam aus dem Büro, bekam ein frisches Stück Margherita und blieb sitzen.
„Ausgezeichnet“, sagte er.
Kroko sah kurz sehr stolz aus, versuchte es aber hinter einem Brummen zu verbergen.
7) Ein Abend wie in Neapel, nur ruhiger
Später war der Ofen aus, aber noch warm. Auf den Tellern lagen nur noch kleine Stücke Rand. Die Rotweingläser waren fast leer, das Wasser nachgefüllt, und über dem Garten lag dieser friedliche Geruch nach warmem Stein, Tomate, Basilikum und Holzfeuer.
Das Känguru lag wieder in seiner Hängematte und sagte: „Ich gebe zu, traditionelle Pizza ist ein überzeugendes Gegenargument gegen viele moderne Entwicklungen.“
„Welche genau?“, fragte der Hai.
„Tiefkühlpizza.“
„Das ist kein politisches System.“
„Noch nicht.“
Waschbär zeichnete mit dem Finger einen kleinen Kreis auf den Tisch. „Der Rand war wie eine Wolke.“
„Eine gebackene Wolke“, sagte Lara.
Uschi sah zu Kroko. „Das war ein wunderschöner Abend.“
Kroko nickte. „Pizza war gut.“
„Nur gut?“, fragte Waschbär.
Kroko dachte kurz nach.
„Sehr gut.“
Mehr musste nicht gesagt werden.
Mozart saß am Rand der Terrasse und sah in den warmen Abend.
„Manchmal braucht ein Sommertag
keine große Reise.
Ein Teig,
der lange warten durfte,
Tomaten, Basilikum,
ein sehr heißer Ofen
und ein Glas Rotwein reichen,
um für einen Abend
ein Stück Neapel
in den Garten zu holen.
Tradition ist vielleicht nur das:
wenige gute Dinge,
mit Ruhe gemacht
und sofort miteinander geteilt.“