1) Die Tomaten sind so weit
Am Sonntagmorgen stand Kroko vor dem Gemüsebeet.
Er sagte nichts.
Uschi kam dazu.
„Sind sie so weit?“
Kroko nickte.
Vor ihnen hingen rote Tomaten.
Große.
Mittlere.
Kleine.
Runde.
Längliche.
Ein paar leicht unregelmäßige.
Viele davon vollkommen reif.
Lara kam mit einem Korb.
„Das ist heute mehr als ein Salat.“
„Viel mehr“, sagte Uschi.
Waschbär erschien.
„Ernte?“
Kroko nickte.
Waschbär verschwand sofort und kam mit einem viel zu kleinen Körbchen zurück.
Der Hai sah es.
„Damit kommst du ungefähr bis zur dritten Pflanze.“
Waschbär sah in seinen Korb.
„Dann brauche ich mehr Infrastruktur.“
Stinkerle holte größere Kisten.
2) Der Garten wird leerer
Bald waren fast alle draußen.
Uschi pflückte vorsichtig die größeren Früchte.
Lara kümmerte sich um die kleineren Rispen.
Waschbär arbeitete begeistert und musste mehrfach daran erinnert werden, Tomaten nicht einfach abzureißen.
„Mit Stielansatz.“
„Ja.“
„Nicht quetschen.“
„Ja.“
„Und nicht jonglieren.“
Waschbär hielt inne.
„Das wollte ich gar nicht.“
Der Hai sah ihn an.
„Noch nicht.“
Odin trug volle Körbe zur Terrasse.
Stinkerle sortierte nach Größe und Zustand.
Kroko prüfte.
„Die direkt Sauce.“
„Die?“, fragte Lara.
„Salat.“
„Und die kleinen?“
Kroko sah sie an.
„Pesto.“
Das war das Wort, auf das niemand vorbereitet gewesen war.
3) Die Küche wird Produktionsraum
Eine Stunde später sah die Küche aus wie eine kleine Manufaktur.
Schüsseln überall.
Große Töpfe.
Messer.
Bretter.
Sieb.
Gläser.
Deckel.
Handtücher.
Der Hai schrieb eine kleine Aufgabenliste.
Waschen
Sortieren
Einschneiden
Blanchieren
Häuten
Zerkleinern
Kochen
Pürieren
Würzen
Abfüllen
Einkochen
Waschbär sah auf die Liste.
„Das ist sehr viel für Tomaten.“
Kroko nickte.
„Ja.“
Der weiße Tiger kam kurz herein.
Sah alles.
„Ich gehe wieder ins Büro.“
„Feigling“, sagte Waschbär.
„Effiziente Ressourcennutzung“, antwortete der weiße Tiger.
4) Das Häuten
Die großen Tomaten wurden kreuzweise eingeritzt.
Dann kurz in heißes Wasser.
Danach in kaltes.
Uschi zog die erste Haut ab.
Fast von selbst.
Waschbär sah fasziniert zu.
„Sie zieht ihre Jacke aus.“
„So kann man es nennen“, sagte Lara.
Bald halfen mehrere mit.
Stinkerle blanchierte.
Lara häutete.
Uschi schnitt.
Odin brachte Schüsseln weg.
Der Hai kontrollierte, dass nichts durcheinanderkam.
Kroko arbeitete am Herd.
Natürlich platzte irgendwann eine Tomate.
Roter Saft auf Waschbärs Pfote.
Er sah hin.
„Jetzt geht es los.“
5) Zwiebeln, Knoblauch und sehr viel Knoblauch
Für die Sauce kamen frische Zwiebeln in große Töpfe.
Langsam anschwitzen.
Dann Knoblauch.
Viel Knoblauch.
Der Hai sah auf die Menge.
„Ist das nicht überproportional?“
Kroko sah ihn an.
„Nein.“
Noch eine Knoblauchzehe.
Dann die Tomaten.
Frischer Basilikum.
Thymian.
Etwas Oregano.
Salz.
Pfeffer.
Ein wenig gutes Olivenöl.
Lara roch über dem Topf.
„Jetzt wird es richtig.“
Kroko nickte.
Die Sauce begann langsam zu köcheln.
Das Haus roch plötzlich wie eine italienische Küche im September.
6) Reduzieren braucht Zeit
Die Sauce durfte nicht nur warm werden.
Sie musste reduzieren.
Wasser raus.
Geschmack rein.
Kroko rührte.
Stinkerle rührte.
Lara rührte.
Waschbär durfte auch rühren.
Einmal.
Dann spritzte es.
Ein roter Punkt landete auf dem Schrank.
Ein zweiter auf Waschbärs Nase.
Ein dritter auf dem Hai.
Stille.
Der Hai sah auf den Fleck an seiner Flosse.
Waschbär grinste.
„Du bist jetzt Teil der Sauce.“
„Nein.“
Uschi reichte ihm ein Tuch.
7) Pürieren und abschmecken
Als die Sauce weit genug eingekocht war, wurde püriert.
Nicht völlig glatt.
Nur so, dass noch etwas Struktur blieb.
Kroko probierte.
Dann Lara.
Dann Uschi.
„Mehr Basilikum.“
„Ein bisschen Salz.“
„Vielleicht noch ein Schuss Olivenöl.“
Kroko nickte.
Der Hai wollte ebenfalls probieren.
Er bekam einen kleinen Löffel.
„Sehr ausgewogen.“
Kroko sah zufrieden aus.
Das war fast schon eine Qualitätsfreigabe.
8) Gläser, Gläser, Gläser
Dann kam die Abfüllphase.
Saubere Gläser standen bereit.
Heißes Einfüllen.
Ränder sauber halten.
Deckel drauf.
Dann einkochen.
Der Hai war vollkommen in seinem Element.
Er hatte Etiketten vorbereitet.
Nicht nur:
Tomatensauce
Sondern:
Tomatensauce – Garten – Knoblauch/Basilikum – September
Dazu Datum.
Charge.
Der weiße Tiger kam wieder herein.
„Natürlich gibt es Chargen.“
„Natürlich.“
Waschbär wollte rote Punkte auf die Etiketten malen.
Diesmal durfte er.
9) Pesto rosso aus den kleinen Tomaten
Die kleineren, besonders aromatischen Tomaten bekamen eine andere Bestimmung.
Ein Teil blieb frisch.
Für Salate.
Für Brot.
Für die nächsten Wochen.
Der Rest wurde zu Pesto rosso.
Tomaten.
Gutes Olivenöl.
Parmigiano Reggiano.
Knoblauch.
Geröstete Nüsse.
Basilikum.
Etwas Salz.
Alles wurde verarbeitet.
Kroko probierte.
„Sehr gut.“
Lara auch.
„Das bleibt aber nicht alles im Glas.“
„Nein.“
Eine große Portion kam direkt in eine Schale für die nächsten Tage.
Ein Teil wurde sauber abgefüllt und haltbar gemacht.
Waschbär nahm einen Löffel.
„Das ist gefährlich gut.“
10) Der Vorrat wächst
Am Nachmittag standen die ersten fertigen Gläser nebeneinander.
Tomatensauce.
Pesto rosso.
Frische kleine Tomaten in Körben.
Ein Teil im Kühlschrank.
Ein Teil kühl gelagert.
Der Hai sah auf alles.
„Sehr zufriedenstellend.“
Uschi lachte.
„Du meinst die Ordnung.“
„Auch den Inhalt.“
Im Keller bekamen die neuen Gläser einen eigenen Abschnitt.
Neben Apfelmus.
Pflaume.
Birne.
Linsensuppe.
Der Vorrat wurde immer herbstlicher.
11) Die rote Bilanz
Erst als die Küche fast wieder sauber war, sahen die Tiere sich gegenseitig genauer an.
Waschbär hatte rote Flecken an beiden Pfoten.
Einen am Ohr.
Einen an der Wange.
Stinkerle hatte Tomatenspritzer am Unterarm.
Lara ein paar Flecken am Ärmel.
Uschi an den Fingern.
Kroko sah aus, als hätte er mit Absicht in einer Tomatenküche gearbeitet.
Der Hai hatte einen erstaunlich hartnäckigen roten Punkt auf der Flosse.
Odin sah vergleichsweise sauber aus.
Waschbär zeigte auf ihn.
„Wie hast du das gemacht?“
„Abstand.“
Das war vermutlich die richtige Antwort.
12) Hochbetrieb im Bad
Am Abend herrschte im Bad reger Verkehr.
Zuerst Waschbär.
„Schon wieder?“
Uschi sah ihn an.
„Ja.“
„Aber ich war doch neulich.“
„Und heute bist du Tomate.“
Dann Stinkerle.
Dann Lara.
Dann Kroko.
Der Hai wusch sich besonders gründlich die Pfoten.
„Tomaten färben stärker als erwartet.“
Waschbär rief aus dem Flur:
„Ich sagte doch, du bist Teil der Sauce.“
„Nein.“
Handtücher wanderten in den Wäschekorb.
Das Waschbecken wurde mehrfach ausgespült.
Uschi wartete geduldig.
13) Endlich gehört die Wanne Uschi
Erst spät war das Badezimmer wieder ruhig.
Sauber.
Trocken.
Niemand mehr drin.
Uschi nahm ihren Bademantel.
Ein großes Handtuch.
Tee.
Badesalz.
Ein paar Tropfen ätherisches Öl.
Kerzen.
Warmwasser.
Dann schloss sie die Tür.
Diesmal wollte sie niemand mehr sehen.
Nicht in einer Stunde.
Nicht in zwei.
Unten probierte Kroko noch einmal das frische Pesto rosso auf einem Stück Brot.
Der weiße Tiger nickte.
„Sehr überzeugend.“
Der Hai sah auf die Etikettenliste.
Waschbär betrachtete seine endlich wieder sauberen Pfoten.
Und im Keller standen Gläser voller September.
Mozart schrieb:
„Eine Ernte endet nicht,
wenn die letzte Tomate vom Strauch kommt.Dann beginnt erst das Schneiden,
Häuten, Kochen, Rühren, Würzen
und das unvermeidliche rote Spritzen.Aus einem Garten werden Gläser,
aus kleinen Tomaten Pesto,
aus frischen Kräutern ein Duft,
der noch Stunden im Haus bleibt.Und irgendwann am Abend stellt man fest,
dass nicht nur die Sauce rot geworden ist.Vielleicht gehört auch das zum Herbst:
sich ein wenig schmutzig machen,
viel für später bewahren
und am Ende sehr sauber
in warmem Wasser verschwinden.“