1) Noch einmal überraschend mild
Am Mittwochmittag sah der Hai auf die Wetterstation.
Dann noch einmal.
„Das ist erstaunlich.“
Der weiße Tiger sah von seinem Kaffee auf.
„Was?“
„Heute Abend immer noch über zwanzig Grad.“
„Im September.“
„Mitte September.“
Der Hai wirkte nicht empört.
Nur analytisch irritiert.
Draußen lag der Garten in weichem Licht.
Die Luft war warm, aber nicht sommerlich drückend.
Klar.
Trocken.
Fast windstill.
Kroko kam aus der Küche, sah auf die Terrasse und sagte:
„Draußen.“
Uschi grinste.
„Großes Essen?“
„Ja.“
Damit war der Abend entschieden.
2) Pullover und trotzdem Terrasse
Am späten Nachmittag begannen alle, den großen Tisch draußen herzurichten.
Uschi trug einen Cardigan.
Lara eine leichte Strickjacke.
Odin hatte eine dünne Jacke an.
Das Känguru erschien in einem dickeren Pullover und erklärte:
„Ich kleide mich saisonal, unabhängig von der objektiven Temperatur.“
Waschbär trug ebenfalls einen Pullover.
Allerdings einen mit einem viel zu großen Kragen.
„Herbstmodus.“
Stinkerle sah ihn an.
„Dir ist doch warm.“
„Optisch nicht.“
Das Mähschaf fuhr noch eine langsame Runde über den Rasen.
Raseline ebenfalls.
Beide hatten deutlich weniger zu tun als im August.
3) Kroko baut draußen seine Küche auf
Kroko wollte heute nicht nur grillen.
Er stellte draußen mehrere Dinge bereit.
Den Grill.
Eine schwere Pfanne.
Ein Brett.
Schalen mit Gemüse.
Kräuter.
Butter.
Knoblauch.
Kartoffeln.
Pilze.
Ein schönes Stück Fleisch.
Lara sah zu.
„Was genau wird das?“
„Abendessen.“
„Das sehe ich.“
Kroko brummte.
„Spätsommer.“
Das war offenbar die kulinarische Kategorie.
Uschi brachte frischen Rosmarin und Thymian aus dem Garten.
„Die letzten richtig schönen Bündel.“
Kroko nahm sie.
„Perfekt.“
4) Alles riecht noch einmal nach Sommer
Bald zischte Fleisch auf dem Grill.
In der Pfanne brieten Pilze mit Zwiebeln.
Kartoffeln wurden knusprig.
Paprika und Zucchini bekamen Röstaromen.
Tomaten aus dem Garten kamen nur kurz dazu.
Nicht mehr ganz so viele wie vor einigen Wochen.
Aber noch genug.
Waschbär stand daneben.
„Es riecht wie August.“
Uschi sah in den Garten.
„Fast.“
Lara schüttelte leicht den Kopf.
„Nein. Anders.“
„Wie?“
„Mehr Erde. Weniger Hitze.“
Mozart, der am Tisch saß, nickte.
„Und früheres Licht.“
5) Die Lampen gehen an
Genau das fiel wenig später allen auf.
Es war noch gar nicht spät.
Und trotzdem gingen die Gartenlampen bereits an.
Warm.
Gelblich.
Zwischen den Pflanzen.
Am Weg.
Unter der Terrasse.
Waschbär sah sich um.
„Die waren im August erst viel später an.“
Der Hai nickte.
„Sonnenuntergang verschiebt sich deutlich.“
Das Känguru sagte:
„Der Sommer verliert die Verhandlungshoheit.“
Der Hai sah es an.
„Oder die Tage werden kürzer.“
„Das meinte ich.“
Der große Tisch wirkte plötzlich sehr gemütlich.
Noch draußen.
Aber schon mit Herbstgefühl.
6) „Früher war das Mitte September anders“
Beim Essen kam das Thema fast von selbst.
Der weiße Tiger sah auf die Temperaturanzeige am Haus.
„Immer noch 19 Grad.“
Uschi schüttelte den Kopf.
„Abends.“
Lara nickte.
„Mitte September.“
Der Hai sagte:
„Solche warmen Phasen gab es natürlich schon immer mal.“
„Aber häufiger“, sagte Stinkerle.
„Und länger.“
Mozart sah hinaus.
„Die Jahreszeiten fühlen sich weniger zuverlässig an.“
Das Känguru hob die Gabel.
„Klimawandel.“
Diesmal widersprach niemand.
Der Hai nickte.
„Ein einzelner warmer Abend beweist nichts für sich allein. Aber der langfristige Trend ist eindeutig.“
Das war eine seltene Form von Einigkeit am Tisch.
7) Zwischen Freude und Nachdenken
Sie waren froh über den schönen Abend.
Natürlich.
Niemand wollte so tun, als wäre es schlecht, draußen sitzen zu können.
Aber es hatte etwas Merkwürdiges.
Ein spätsommerliches Geschenk.
Und gleichzeitig ein kleines Zeichen dafür, dass das Wetter nicht mehr ganz in die alten Erwartungen passte.
Uschi sagte:
„Ich freue mich trotzdem auf den Herbst.“
Lara nickte.
„Ich auch.“
Waschbär fragte:
„Auf was genau?“
„Nebel.“
„Kastanien.“
„Suppen“, sagte Kroko.
„Kerzen“, sagte Uschi.
„Pilze“, sagte Odin.
„Herbstmärkte“, sagte Lara.
Das Känguru sagte:
„Gesellschaftliche Innenschau.“
Niemand griff das auf.
8) Ein Tisch zwischen zwei Jahreszeiten
Kroko brachte die letzten Sachen.
Das Fleisch war perfekt.
Die Kartoffeln knusprig.
Die Pilze kräftig.
Das Gemüse noch spätsommerlich frisch.
Dazu Brot.
Kräuterbutter.
Ein Glas Rotwein für die, die wollten.
Der weiße Tiger probierte.
„Sehr überzeugend.“
Kroko nickte.
Waschbär sah auf den Tisch.
„Das ist Sommeressen mit Herbstkleidung.“
„Genau“, sagte Lara.
Der Satz gefiel allen.
Denn genau so fühlte sich der Abend an.
9) Der Garten klingt schon ruhiger
Später, als alle satt waren, wurde es stiller.
Keine Grillhitze mehr.
Nur die Gartenlampen.
Ein leichter Luftzug.
Das Rascheln erster trockener Blätter.
Das Mähschaf stand längst im Terrassenhafen.
Raseline war auf der Nachbarwiese kaum noch zu erkennen.
Im Pool spiegelten sich die Lichter.
Niemand dachte ans Baden.
Das war vielleicht das deutlichste Zeichen.
Der Sommer war noch da.
Aber nur noch als Gast.
10) Vorfreude auf das, was kommt
Waschbär begann aufzuzählen.
„Halloween.“
„Noch dauert es“, sagte der Hai.
„Trotzdem.“
Uschi ergänzte:
„Mehr Bäder.“
Kroko:
„Schmorgerichte.“
Lara:
„Pilze und Wein.“
Stinkerle:
„Werkstattabende.“
Odin:
„Spaziergänge.“
Mozart:
„Nebel.“
Der weiße Tiger sah in die Runde.
„Und drinnen wird es wieder ruhiger.“
Das Känguru hob sein Glas.
„Auf den Herbst.“
Diesmal klang es nicht einmal ironisch.
Alle stießen an.
11) Der Sommer geht langsam
Später räumten sie gemeinsam ab.
Niemand hatte Eile.
Kroko packte die Reste weg.
Uschi nahm die Kräuter mit hinein.
Lara löschte die ersten Kerzen.
Waschbär blieb noch kurz draußen stehen.
„Meinst du, das war das letzte große Essen draußen?“
Stinkerle sah zum Himmel.
„Vielleicht.“
Der Hai sagte:
„Kann noch einmal warm werden.“
Waschbär grinste.
„Dann machen wir noch eins.“
Das war eine gute Lösung.
Mozart schrieb später:
„Manchmal geht der Sommer nicht mit einem großen Abschied.
Er bleibt noch einen Abend länger.Man sitzt draußen,
trägt schon Pullover,
isst noch einmal zwischen Kräutern und Grillduft
und merkt erst an den frühen Lampen,
wie weit das Jahr schon gegangen ist.Vielleicht ist es ein Geschenk.
Vielleicht auch eine Erinnerung daran,
dass sich das Klima verändert
und alte Gewissheiten leiser werden.Aber der Herbst wartet ohnehin schon.
Mit Nebel, Kastanien, Suppen, Pilzen, Kerzen
und all den stilleren Dingen.Der Sommer muss deshalb nicht verschwinden.
Er darf einfach langsam Platz machen.“