1) Ein kleiner leerer Platz
Der Mittwoch begann ruhig. In der Küche klapperte Kroko mit Tassen, Lara stellte leise Musik an, und Uschi ging wie nebenbei durch das Wohnzimmer, um eine Decke vom Sofa ordentlich zu falten.
Dabei fiel ihr Blick auf Elises Ladestation.
Leer.
Uschi blieb kurz stehen. Nicht lange. Elise fuhr ja oft irgendwo herum. Vielleicht unter dem Esstisch. Vielleicht im Flur. Vielleicht hatte sie gerade beschlossen, eine Ecke gründlicher zu nehmen, als irgendjemand es von ihr erwartet.
„Elise ist unterwegs“, sagte Uschi mehr zu sich selbst.
Waschbär, der am Wohnzimmertisch an einem kleinen Papierprojekt saß, hob den Kopf. „Ohne Ankündigung?“
„Sie kündigt sich selten an.“
Der Hai kam aus der Küche. „Zuletzt gesehen?“
„Gerade eben nicht“, sagte Uschi.
„Dann kein Anlass zur Sorge“, sagte der Hai zunächst. „Saugroboter bewegen sich.“
Das klang vernünftig. Also ließ Uschi es erst einmal dabei.
2) Sie ist nicht da – aber man hört sie
Eine halbe Stunde später wollte Lara im Wohnzimmer etwas vom Boden aufheben und sagte beiläufig: „Wo ist Elise eigentlich?“
„Nicht an der Station“, sagte Uschi.
„Nicht unter dem Tisch“, sagte Waschbär, der sofort nachgesehen hatte.
„Nicht im Flur“, sagte Kroko nach einem Blick hinaus.
Der Hai wurde aufmerksamer. „Dann suchen wir einmal geordnet.“
Sie sahen unter Sofa und Sesseln nach. Hinter dem Vorhang. Im kleinen Durchgang zur Lounge. Sogar im Bereich nahe der Terrassentür, obwohl Elise dort selten lange blieb.
Nichts.
„Sie kann nicht weg sein“, sagte Uschi, jetzt doch etwas besorgt. „Sie fährt ja nicht einfach aus dem Haus.“
In genau diesem Moment hörte Waschbär es.
Ein ganz leises, fernes srrrrrrr… srrrrrrr…
Er hob eine Pfote. „Still.“
Alle lauschten.
Da war es wieder. Sehr leise. Vertraut.
„Das ist Elise“, sagte Lara.
„Akustisch eindeutig“, bestätigte der Hai.
Kroko runzelte die Stirn. „Aber wo?“
Das Geräusch kam nicht aus dem Wohnzimmer. Nicht aus der Küche. Eher von unten. Oder aus einer Richtung, in der man Elise normalerweise nie hört.
Waschbär flüsterte: „Sie ist auf geheimer Mission.“
3) Spurensuche mit Sauggesang
Der Hai stellte sich an die Kellertreppe und lauschte. Das Saugen war dort tatsächlich deutlicher.
„Untergeschoss“, sagte er.
Uschi hob sofort die Augenbrauen. „Odin?“
Es war kein Vorwurf. Mehr eine Vermutung, die plötzlich sehr naheliegend wirkte.
Odin war seit dem Morgen nicht oben gewesen. Das war nicht ungewöhnlich – er verbrachte gern ruhige Stunden in seiner Einliegerwohnung. Aber Elise dort unten? Das wäre neu.
Sie gingen die Treppe hinunter. Nicht als Ermittlerkommando, eher als kleine Delegation aus Sorge und Neugier. Das Geräusch wurde lauter. Einmal stoppte es kurz, dann begann es wieder.
Vor Odins Tür blieb Uschi stehen und klopfte.
„Ja?“, kam von drinnen.
„Odin?“, fragte Uschi. „Ist Elise bei dir?“
Kurze Pause.
Dann öffnete sich die Tür.
Odin stand dahinter, ruhig wie immer, aber einen Hauch ertappt. Und hinter ihm, auf dem Boden seiner hellen Souterrainwohnung, zog Elise gerade elegant unter einem kleinen Tisch hervor und saugte eine Spur winziger Krümel weg.
Waschbär riss die Augen auf. „Entführung!“
„Ausleihe“, sagte Odin.
4) Odins Keksbeichte
Uschi trat ein und sah sich um. Odins Wohnung war wie immer ordentlich. Sehr ordentlich sogar. Aber wenn man genauer hinsah, entdeckte man an ein paar Stellen tatsächlich kleine Krümel: neben dem Sessel, unter dem Tisch, nahe dem Sofa.
Odin räusperte sich.
„Ich habe in letzter Zeit öfter Kekse gegessen.“
Kroko nickte. „Das kann passieren.“
„Mehrere Sorten“, ergänzte Odin.
„Das kann sehr passieren“, sagte Kroko.
Der Hai sah zu Elise, die gerade unter dem Sofa verschwand. „Und da du keinen eigenen Saugroboter hast…“
„…habe ich Elise gefragt“, sagte Odin.
Waschbär legte den Kopf schief. „Gefragt?“
Odin deutete auf Elise. „Sie kam mit.“
Als hätte sie das bestätigen wollen, fuhr Elise in diesem Moment an Odins Fuß vorbei, piepte leise und machte unbeirrt weiter.
Uschi musste lachen. Die Erleichterung löste sich aus ihr. „Ich dachte schon, sie wäre irgendwo festgefahren.“
„Nein“, sagte Odin. „Sie hilft.“
„Gerne offenbar“, sagte Lara, die Elise beobachtete. „Sie klingt zufrieden.“
Der Hai nickte. „Arbeitsumgebung normal. Keine Störung erkennbar.“
5) Elise im Sonderauftrag
Odin erklärte, dass er Elise oben hatte vorbeifahren sehen, als er kurz an der Küche vorbei war. Da sei ihm der Gedanke gekommen, dass seine Wohnung nach den letzten Keksabenden „eine gründliche Runde“ vertragen könnte.
„Ich wollte sie später zurückbringen“, sagte er.
„Du hättest Bescheid sagen können“, sagte Uschi sanft.
„Ja“, sagte Odin. „Das stimmt.“
Es war keine große Entschuldigung nötig. Alle kannten Odin. Wenn er sich etwas auslieh, tat er es nicht leichtfertig. Aber Uschi hatte Elise lieb, und wenn etwas an seinem Platz fehlte, merkte sie es.
Waschbär setzte sich in Odins Sessel und sah zu, wie Elise unter dem Bücherregal entlangfuhr. „Sie sieht hier unten sehr professionell aus.“
„Sie sieht immer professionell aus“, sagte der Hai.
„Hier wirkt es geheimdienstlicher“, sagte Waschbär.
Das Känguru, das aus Neugier inzwischen ebenfalls an der Tür aufgetaucht war, kommentierte: „Private Haushalte ohne eigene Automatisierung greifen auf gemeinschaftliche Infrastruktur zurück. Sehr vernünftig.“
„Du könntest auch einfach sagen: Odin hat den Staubsauger geliehen“, sagte Lara.
„Das wäre weniger bedeutsam.“
Kroko schaute auf die Krümelspur nahe dem kleinen Tisch und sagte: „Welche Kekse?“
Odin antwortete, etwas zurückhaltend: „Butterkekse. Hafer. Und ein paar mit Schokolade.“
Kroko brummte anerkennend. „Solide Auswahl.“
6) Rückkehr zur Station
Als Elise ihre Runde beendet hatte, fuhr sie mit sichtbar stolzer Zielstrebigkeit zur Tür zurück. Stinkerle, der inzwischen ebenfalls neugierig geworden war, hob sie nicht hoch, sondern ließ sie selbst entscheiden. Elise rollte durch den Flur, nahm die Kellerschwelle mit einem kleinen Ruck und machte sich auf den Weg zurück nach oben.
Alle folgten ihr ein Stück, als wäre sie von einem wichtigen Außeneinsatz heimgekehrt.
Oben im Wohnzimmer fand sie ihre Station sofort, richtete sich aus, dockte an und piepte leise.
Uschi kniete sich kurz zu ihr. „Na, du fleißiges Mädchen.“
Elise blieb natürlich vollkommen sachlich. Aber jeder im Flanellweg wusste: Das war ein erfolgreicher Tag für sie.
Odin stand daneben und sagte: „Danke.“
„Elise oder uns?“, fragte Lara.
„Allen“, sagte Odin.
Uschi sah ihn warm an. „Beim nächsten Mal sagst du einfach Bescheid.“
Odin nickte. „Mache ich.“
Waschbär grinste. „Oder wir richten unten eine Zweitstation ein.“
Der Hai hob sofort den Kopf. „Das wäre technisch—“
„Nein“, sagte Uschi und lächelte.
„Nur als Gedanke“, sagte der Hai.
„Ein späterer Gedanke“, sagte Lara.
7) Mozarts Satz des Tages
Am Abend war Elise wieder an ihrem Platz, Odin hatte sich mit Tee zu den anderen gesetzt, und die Sache war längst nicht mehr Sorge, sondern Geschichte.
Mozart lächelte und sagte:
„Manche verschwinden nicht,
sie helfen nur woanders.
Ein leeres Plätzchen im Raum
macht kurz unruhig –
bis man hört,
dass das Vertraute
noch immer arbeitet.
Und manchmal führt Fürsorge
einfach eine Treppe tiefer,
dorthin,
wo jemand Krümel hatte
und nicht allein damit bleiben musste.“