Ein Projekt mit Tiefe
„Ich schreibe ein Porträt!“, rief Tigerlein beim Frühstück, fast bevor er sich gesetzt hatte.
Der Hai runzelte die Stirn. „Über wen?“
„Über Mozart natürlich“, sagte Tigerlein, während er sich Honig auf sein Brötchen schmierte. „Für die erste Ausgabe unserer neuen Hauszeitung.“
„Was für eine Zeitung?“, fragte das Känguru, das gerade versuchte, eine Schnapspraline in die Müslischale zu schmuggeln.
„Die Flurdepesche“, erklärte Tigerlein stolz. „Jede Woche ein Artikel. Interviews. Ein Blick hinter die Gardinen des Stofftierlebens. Und ich beginne mit dem geheimnisvollsten unter uns.“
Mozart hob nur eine Augenbraue über seinem Teeglas und sagte ruhig: „Ich bin nicht geheimnisvoll. Ich bin bloß still.“
„Eben!“, rief Tigerlein. „Das ist mein Aufhänger.“
Ein Bär von Welt
Am späten Vormittag saß Tigerlein im Wohnzimmer, das Notizbuch auf den Knien, der Kugelschreiber bereit. Mozart saß im Lesesessel, in seiner gewohnten Pose – ein Bein über das andere geschlagen, eine Zeitung aus dem Jahr 2019 auf dem Schoß, als wäre sie druckfrisch.
„Mozart, darf ich dir ein paar Fragen stellen?“
„Du darfst fragen“, sagte der Bär. „Ob du eine Antwort bekommst, entscheidet das Wetter.“
„Was ist dein Lieblingsbuch?“
„Das, das ich gerade lese.“
„Und dein Lieblingsort im Haus?“
„Der, an dem ich nicht gestört werde.“
Tigerlein kaute auf seinem Stift. „Mozart, du machst es mir nicht leicht.“
Mozart lächelte. „Leichtigkeit hat nichts mit Einfachheit zu tun.“
Beobachtungen am Rand
Tigerlein gab nicht auf. Stattdessen begann er, zu beobachten.
Wie Mozart morgens seinen Tee umrührte – immer dreimal im Uhrzeigersinn.
Wie er bei Diskussionen zwischen dem Hai und dem Waschbär still blieb – aber meist ein Gedichtband aufschlug, das zufällig genau zum Thema passte.
Wie er bei Regen leise an die Fensterscheibe tippte, als würde er mit der Welt draußen sprechen.
Uschi flüsterte ihm später in der Küche zu: „Mozart ist wie Lavendel im Schrank. Er macht alles besser, aber du merkst es erst mit der Zeit.“
Tigerlein notierte den Satz sofort.
Der Moment der Wahrheit
Am Abend saß Tigerlein allein am Küchentisch. Vor sich das Notizbuch – leer. Kein Interview, keine klaren Antworten. Nur Beobachtungen, halbe Gedanken, und ein Gefühl, das sich nicht in Worte fassen ließ.
Da trat Mozart leise in die Küche. Er stellte zwei Tassen Tee auf den Tisch, setzte sich und sagte: „Vielleicht ist dein Fehler, dass du ein Porträt schreiben willst. Versuch es mit einem Spiegel.“
„Wie meinst du das?“, fragte Tigerlein.
„Was du in mir suchst, hast du schon längst gesehen – sonst hättest du mich nicht ausgewählt. Schreib das auf. Nicht mich.“
Tigerlein schwieg. Dann lächelte er.
Und schrieb.
Die Flurdepesche erscheint
Am nächsten Tag erschien die erste Ausgabe. Auf rosa Papier, mit sorgfältig gezeichnetem Titelkopf (vom Waschbär), handschriftlich vervielfältigt (vom Hai korrigiert), und in der Mitte:
„Mozart – Eine Spiegelung“
Er spricht leise, aber seine Worte hallen.
Er sitzt still, aber bewegt Gedanken.
Er liest viel, aber hört mehr.
Wer ihm begegnet, begegnet sich selbst – ein wenig weiser, ein wenig leiser, ein wenig klarer.
(aus dem Redaktionsbüro Tigerlein)
Mozart las den Artikel beim Tee.
Dann faltete er die Zeitung, strich sanft über das Papier, und sagte:
„Du hast mich nicht beschrieben. Du hast mich gespürt. Das ist Kunst.“
Und so wurde aus einem Porträt ein poetischer Blick auf die Dinge zwischen den Dingen – und Tigerlein verstand: Manche Wahrheiten schreibt man nicht. Man lässt sie stehen. Wie Mozart.