1) Morgens ist alles anders
Das Mähschaf wachte im Terrassenhafen auf.
Es war still.
Nicht nur frühmorgendlich still.
Anders still.
Die Luft war kühler.
Auf dem Rasen lagen kleine glänzende Tropfen.
Das Mähschaf fuhr ein Stück hinaus.
Die Räder hinterließen dunklere Spuren im feuchten Gras.
„Nass.“
Von nebenan kam Raselines Stimme.
„Hier auch.“
Das Mähschaf sah über die Grundstücksgrenze.
Raseline stand noch an ihrer Ladestation.
Vor ihr lag die große Wiese.
Auch dort glänzte alles.
„Später starten?“, fragte Raseline.
„Ja.“
Beide warteten.
Das wäre ihnen im Hochsommer nicht passiert.
Da war der Boden morgens oft schon trocken gewesen.
2) Das Gras braucht weniger
Gegen zehn Uhr begann das Mähschaf seine erste Runde.
Es erwartete viel Arbeit.
Doch schon nach den ersten Metern merkte es:
Weniger Widerstand.
Weniger lange Halme.
Weniger nachgewachsene Spitzen.
„Langsam.“
Raseline antwortete:
„Bei mir auch.“
Im August hatten beide teilweise täglich sichtbar etwas geschafft.
Jetzt wirkte eine Fläche nach mehreren Tagen fast unverändert.
Das Mähschaf fuhr weiter.
„Weniger.“
Raseline dachte kurz nach.
„Herbst.“
Das Mähschaf sagte nichts.
Es mochte das Wort.
Noch war es kein richtiger Herbst.
Aber der Garten begann, davon zu erzählen.
3) Erstes Laub
Unter dem Apfelbaum lag ein Blatt.
Gelbgrün.
Dann noch eines.
Und noch eines.
Das Mähschaf näherte sich.
Ein Blatt blieb kurz unter dem Gehäuse hängen.
„Mitfahrer.“
Es zog es ein Stück weiter.
Dann blieb das Blatt zurück.
Raseline meldete:
„Bei mir viele kleine Blätter.“
„Bäume?“
„Rand.“
Auf der Wiese nebenan standen Sträucher und ein paar ältere Bäume.
Der Wind hatte dort bereits mehr heruntergeholt.
„Umfahren?“, fragte das Mähschaf.
„Teilweise.“
Ein größeres Blatt lag flach auf dem Gras.
Raseline fuhr darüber.
Es raschelte.
„Geräusch.“
„Schön?“
„Ja.“
Das Mähschaf suchte sich ebenfalls ein trockenes Blatt.
Raschel.
„Ja.“
4) Der Waschbär bringt Unruhe
Mittags kam Waschbär in den Garten.
Mit einem Korb.
Das Mähschaf beobachtete ihn.
Waschbär sammelte Blätter.
Gelbe.
Braune.
Ein besonders großes.
Dann legte er sie auf dem Rasen aus.
In einem Kreis.
Das Mähschaf stoppte.
„Hindernis.“
Waschbär sah es.
„Kunst.“
„Im Weg.“
„Nur kurz.“
Raseline fragte:
„Was ist los?“
„Waschbär.“
„Verstanden.“
Waschbär legte noch zwei Blätter dazu.
„Das ist ein Herbstmandala.“
Das Mähschaf wartete.
Stinkerle kam vorbei.
„Was machst du?“
„Land Art.“
„Mitten auf Mähschafs Strecke?“
Waschbär sah auf die Blätter.
„Stimmt.“
Er schob das Kunstwerk an den Rand.
„Weiter.“
Das Mähschaf fuhr los.
„Danke.“
5) Feuchter Boden
Am Nachmittag war der Rasen zwar oberflächlich trockener, aber der Boden darunter noch weich.
Das Mähschaf merkte es an den Rädern.
Nicht problematisch.
Nur anders.
Bei einer engeren Kurve rutschte es ganz leicht.
„Hm.“
Raseline meldete:
„Hier weich.“
„Auch.“
Das Mähschaf passte seine Richtung etwas an.
Es fuhr größere Bögen.
Weniger hektisch.
Die ruhigere Jahreszeit brauchte offenbar auch ruhigere Bewegungen.
Stinkerle sah das von der Terrasse aus.
„Gut gemacht.“
Das Mähschaf fuhr weiter.
Lob wurde gespeichert.
6) Uschi und die ersten Herbstarbeiten
Später war Uschi im Garten.
Sie schnitt Kräuter zurück.
Nicht viel.
Nur dort, wo etwas trocken geworden war.
Sie nahm verblühte Blüten ab und stellte einige Töpfe etwas geschützter.
Das Mähschaf fuhr an ihr vorbei.
„Hallo.“
„Hallo, Mähschaf.“
Uschi sah auf den Rasen.
„Du hast bald weniger zu tun.“
Das Mähschaf blieb kurz stehen.
„Weniger.“
„Ist doch auch schön.“
Das Mähschaf dachte nach.
„Mehr Laden.“
Uschi lachte.
„Genau. Mehr Pause.“
Nebenan stand Raseline gerade still.
Auch sie schien zuzuhören.
7) Kroko kommt ernten
Am Gemüsebeet war Kroko unterwegs.
Tomaten.
Paprika.
Ein paar späte Zucchini.
Er prüfte alles sehr genau.
Das Mähschaf kam näher.
Kroko hob einen Korb vom Boden.
„Durch.“
„Danke.“
Das Mähschaf fuhr vorbei.
Es roch nach Erde, Tomatenblättern und Kräutern.
Raseline fragte:
„Was riecht?“
„Gemüse.“
„Gut?“
„Ja.“
Kroko hörte das natürlich nicht.
Er pflückte eine reife Tomate.
„Noch Sommer.“
Das Mähschaf fuhr weiter.
Vielleicht stimmte beides.
Noch Sommer.
Schon Herbst.
8) Weniger Bahnen
Am späten Nachmittag stellte das Mähschaf fest, dass es bereits fast fertig war.
Früher hätte es noch mehrere Runden gebraucht.
Heute nicht.
Es fuhr zur Grundstücksgrenze.
Raseline kam ebenfalls näher.
„Schon fertig?“
„Fast.“
„Ich auch.“
Beide blieben kurz stehen.
Ein Windstoß bewegte die Bäume.
Mehrere Blätter lösten sich.
Eines segelte langsam zwischen ihnen zu Boden.
Raseline sagte:
„Mehr morgen.“
„Blätter.“
„Ja.“
„Weniger Gras.“
„Auch.“
Das Mähschaf dachte darüber nach.
„Andere Arbeit.“
„Genau.“
9) Früher Feierabend
Das Licht wurde am Abend schneller golden.
Die Schatten länger.
Das Mähschaf fuhr Richtung Terrassenhafen.
Deutlich früher als noch im August.
Raseline fuhr zu ihrer Ladestation.
„Feierabend.“
„Früh.“
„Gut?“
Das Mähschaf hielt kurz inne.
„Ja.“
Auf der Terrasse saßen einige Tiere.
Lara hatte eine Decke um die Schultern gelegt.
Uschi trank Tee.
Odin war gerade von irgendwo zurückgekommen.
Das Känguru lag noch immer in der Hängematte, inzwischen dick eingepackt.
Das Mähschaf parkte ein.
„Alles gut.“
Raseline meldete von nebenan:
„Alles gut.“
10) Die ruhigere Zeit beginnt
Später wurde es kühl.
Nicht kalt.
Nur so, dass die Terrassentür irgendwann geschlossen wurde.
Der Garten lag ruhig da.
Ein paar Blätter unter dem Apfelbaum.
Feuchte Erde.
Kürzerer Rasen.
Weniger Arbeit.
Das Mähschaf stand im Terrassenhafen und lud.
Raseline stand nebenan.
Keiner fuhr mehr.
Keiner musste.
Für die Tiere im Haus war der Wechsel kaum dramatisch.
Ein Pullover mehr.
Ein früheres Licht.
Ein bisschen Laub.
Für Mähschaf und Raseline war es eine ganze neue Saison.
Mozart schrieb später:
„Auch Maschinen merken Jahreszeiten.
Nicht an Kalendern,
sondern daran,
wie schwer das Gras unter ihnen wird,
wie lange der Tau morgens bleibt
und wie viele Blätter auf ihren Wegen liegen.Im Sommer bedeutet ein Tag viele Bahnen.
Im Herbst vielleicht nur noch wenige.Doch weniger Arbeit ist nicht weniger Leben.
Es bedeutet mehr Zeit für Rascheln,
feuchte Erde,
einen Gruß über die Grundstücksgrenze
und einen frühen Feierabend.Vielleicht kündigt sich der Herbst genau so an:
nicht laut,
sondern Bahn für Bahn ein wenig langsamer.“