17. Mai 2026 Sonnig Frühling 8 min

Der Mai-Blumenstrauß und der große Spargelsonntag

Der Mai-Blumenstrauß und der große Spargelsonntag

1) Ein Sonntag, der nach Mai riecht

Der Sonntag begann hell und warm. Nicht heiß, nicht schwer, sondern genau richtig: dieses freundliche Maiwetter, bei dem die Fenster offen stehen dürfen und niemand sofort fragt, ob es zieht.

Uschi stand in der Küche und sah auf den letzten Blumenstrauß der Floristin Füchsin. Er war noch schön, aber schon ein bisschen weicher geworden. Manche Blüten neigten sich, andere hielten tapfer, und der ganze Strauß hatte diesen stillen Charme von Dingen, die gut waren und langsam weiterziehen.

Lara trat neben sie. „Der war wirklich schön.“

„Ja“, sagte Uschi. „Die Füchsin hat ein Gefühl dafür.“

Odin saß am Küchentisch, trank Tee und sagte nichts. Aber Odin hörte solche Sätze. Er hörte sie nicht nur, er speicherte sie. Nicht sichtbar, nicht dramatisch, aber zuverlässig.

Kroko war währenddessen am Kühlschrank beschäftigt. „Ich habe kleine Steaks aufgetaut“, brummte er.

Der Hai hob den Kopf. „Fleischplanung?“

„Sonntag“, sagte Kroko. „Und Kartoffeln.“

„Welche Kartoffeln?“, fragte Waschbär, als wäre Kartoffel eine Kunstform.

„Pellkartoffeln. In Butter angebraten. Schwenkkartoffeln.“

Das Känguru aus der Hängematte rief: „Kartoffeln sind die demokratischste Beilage!“

„Heute nicht politisch“, brummte Kroko.

„Kartoffeln sind immer politisch“, sagte das Känguru.

Odin stand auf. „Ich gehe kurz raus.“

Uschi schaute zu ihm. „Zum Spaziergang?“

„Zum Ort“, sagte Odin.

Mehr sagte er nicht.


2) Odin kommt mit Mai zurück

Als Odin später wiederkam, öffnete Uschi die Tür – und blieb sofort stehen.

In Odins Pfote lag ein großer Blumenstrauß. Nicht irgendeiner. Ein richtiger Mai-Strauß: frisch, duftend, mit hellen Blüten, ein paar kräftigeren Farbakzenten, zartem Grün und dieser unverkennbaren Handschrift der Floristin Füchsin. Weich, weiblich, lebendig – aber nicht kitschig.

Uschi wurde ganz still.

Lara kam aus der Küche und machte ein kleines Geräusch, das irgendwo zwischen Freude und Überraschung lag. „Oh…“

Odin reichte den Strauß Uschi. „Für euch. Von der Füchsin.“

Uschi nahm ihn vorsichtig, als wäre er ein lebendiges Wesen. „Odin.“

„Du mochtest den letzten“, sagte er schlicht.

Lara lächelte. „Sehr.“

„Dann war es naheliegend“, sagte Odin.

Er stellte außerdem eine Tasche auf den Küchentisch. Darin: frischer Spargel. Dick, glatt, hell, hervorragend. Man sah sofort, dass Odin nicht einfach „Spargel“ gekauft hatte, sondern den richtigen.

Kroko trat näher, schaute hinein und brummte tief. „Sehr gute Qualität.“

„Ja“, sagte Odin.

Dann holte er noch eine kleine Schale Erdbeeren hervor und stellte sie vor Uschi.

„Die haben dich wahrscheinlich wieder angelacht“, sagte Lara.

Uschi lachte leise. „Diesmal hat Odin für mich zurückgelächelt.“

Odin hob nur eine Augenbraue, aber man sah: Er war zufrieden.


3) Die Küche wird zum Sonntagszentrum

Von da an lief alles wie von selbst, aber auf diese gute, volle Art.

Uschi stellte den Blumenstrauß in eine große Vase und richtete ihn auf dem Küchentisch aus. Sofort veränderte sich der Raum. Der Mai war nicht mehr nur draußen im Garten, sondern mitten in der Küche. Lara stellte das Küchendisplay auf eine ruhige Bilderfolge mit Blumen vom letzten Sommer, und plötzlich schien das Haus mehrere Frühlinge gleichzeitig zu haben.

Kroko übernahm das Essen. Die Steaks wurden vorbereitet, der Spargel geschält, die Kartoffeln als Pellkartoffeln gekocht. Uschi half beim Spargel, Lara machte Salat, Waschbär durfte die Erdbeeren ansehen, aber nicht „künstlerisch umsortieren“.

„Ich fasse sie nur mit den Augen an“, sagte Waschbär.

„Gut“, sagte Uschi.

Der Hai kam dazu und sah die Arbeitsflächen. „Viele parallele Prozesse.“

„Ja“, sagte Kroko. „Sonntag.“

„Ich könnte eine Zeitplanung—“

„Nein“, sagte Kroko.

Der Hai schwieg, aber blieb in der Nähe. Nur für den Fall, dass jemand eine Zeitplanung brauchte. Niemand tat das.


4) Hollandaise, Butter und Krokos Bratpfanne

Die Sauce Hollandaise wurde zum Mittelpunkt der Küche. Kroko bestand darauf, sie selbst zu machen, aber Uschi blieb neben ihm, weil Hollandaise eine Sauce ist, die man respektieren muss.

Eigelb, Butter, Wärme, Geduld. Nicht zu heiß. Nicht zu schnell. Rühren, schauen, fühlen.

„Das ist eine Diva“, sagte Lara.

„Das ist Technik“, sagte der Hai.

„Das ist Sauce“, sagte Kroko.

Uschi lächelte. „Es ist alles drei.“

Die Sauce wurde glänzend, hell, cremig. Kroko probierte, gab einen Hauch Zitrone dazu, etwas Salz, noch einmal rühren. Dann nickte er.

„Gut.“

Das war bei Kroko ein Siegel.

Nebenbei wurden die Pellkartoffeln geschält und in Butter geschwenkt. Kroko ließ sie in der Pfanne leicht goldbraun werden, mit Petersilie am Ende. Der Duft war unglaublich: Butter, Kartoffel, Kräuter, Spargel, Steak. Dazu der Blumenstrauß, die Erdbeeren, der Maiwind durch das Fenster.

Der weiße Tiger kam ungewöhnlich früh aus dem Büro. Er blieb im Türrahmen stehen und sagte: „Das riecht sehr überzeugend.“

Waschbär flüsterte zu Tigerlein: „Wenn er ‘sehr überzeugend’ sagt, heißt das: Er bleibt.“

Tigerlein grinste und hielt die Kamera trotzdem unten. Manche Momente musste man nicht sofort aufnehmen.


5) Die Katzen und ihr doppelter Sonntag

Die Küchenkatzen hatten den Tag ebenfalls auf ihre Weise verstanden.

Am Vormittag lagen sie am Wohnzimmerfenster, mehr in der Sonne als sonst, als würden sie Licht sammeln. Minimaler Positionswechsel: ein paar Zentimeter nach links, dann wieder nach rechts, exakt dem Sonnenfleck folgend.

Zwischendurch verschwanden sie.

Niemand kommentierte es sofort.

Dann kamen sie wieder. Würdevoll. Unauffällig satt. Ein Hauch von „wir waren nur kurz geschäftlich unterwegs“ in der Haltung.

Waschbär sah sie an. „Frau Nüsslein?“

Der Tiger blinzelte.

Der Leopard setzte sich.

„Eindeutig Frau Nüsslein“, sagte Waschbär.

Später sah man vom Fenster aus, wie Frau Nüsslein kurz auf ihrer Terrasse stand und in Richtung Flanellweg lächelte. Uschi winkte ihr zu. Die Katzen taten so, als hätten sie mit alledem nichts zu tun.

„Sie haben heute Leckerli und Sonne“, sagte Lara. „Das ist ein sehr guter Katzensonntag.“

„Und danach beobachten sie unser Essen“, brummte Kroko.

Die Katzen schnurrten synchron. Kein Widerspruch.


6) Der große Tisch im Mai

Am Abend kamen alle zusammen. Nicht nur die üblichen, die ohnehin immer am Tisch landen, sondern wirklich alle.

Odin setzte sich ruhig dazu.
Mozart kam mit seinem warmen Blick.
Der weiße Tiger blieb, statt sich wieder ins Büro zurückzuziehen.
Tigerlein war da, ohne Mikrofon.
Der Hai hatte ausnahmsweise keine Liste in der Pfote.
Stinkerle und Waschbär saßen nebeneinander, beide ungewöhnlich still, weil der Duft sie überstimmt hatte.
Das Känguru lag erst noch in der Hängematte, kam dann aber sehr schnell, als Kroko „Essen“ rief.

Auf dem Tisch standen Spargel, Steaks, Schwenkkartoffeln, Salat, Hollandaise, etwas Butter, frische Petersilie und später die Erdbeeren für danach. Der Blumenstrauß stand etwas abseits, aber sichtbar, als würde er über den Abend wachen.

Der erste Bissen Spargel mit Hollandaise machte alle kurz still.

Uschi lächelte. Lara seufzte leise. Kroko nickte mit tiefer Zufriedenheit.

Der Hai probierte und sagte: „Die Sauce ist stabil.“

Kroko sah ihn an.

„Und sehr gut“, ergänzte der Hai schnell.

Der weiße Tiger nahm noch etwas Hollandaise. Das fiel auf, weil er sonst selten Nachschlag nahm.

„Schmeckt?“, fragte Uschi sanft.

Er nickte. „Sehr.“

Odin aß ruhig, sah in die Runde und wirkte zufrieden, weil die Dinge wieder einmal genau so ineinandergegriffen hatten, wie er es gern mochte: ein Strauß, ein Markt, ein gutes Stück Spargel, ein Zuhause.

Mozart sagte leise: „Manchmal ist ein Sonntag nicht ruhig, weil wenig passiert. Sondern weil alles stimmt.“

Das Känguru hob die Gabel. „Ich möchte festhalten: Nach Gemüse, Suppe, Kräutern und Pflanzenarbeit ist dieses Steak eine notwendige historische Ergänzung.“

„Iss einfach“, sagte Kroko.

„Tue ich ja.“


7) Erdbeeren, Blumen und weicher Abend

Nach dem Essen gab es die Erdbeeren. Nicht als große Torte, nicht verarbeitet, einfach frisch. Uschi bekam die schönsten, obwohl sie protestierte. Odin sagte nur: „Für dich.“

Lara stellte die Vase etwas näher. Uschi nahm eine kleine Blüte aus dem Strauß – eine, die locker saß – und steckte sie sich wieder hinters Ohr. Diesmal fast selbstverständlich.

Kroko brummte: „Steht dir.“

Der weiße Tiger nickte kurz. „Ja.“

Uschi wurde weich bis in die Schultern. „Danke.“

Draußen ging die Sonne langsam tiefer. Das Mähschaf stand im Terrassenhafen, Raseline war nebenan still geworden. Die Vögel in den Hecken blieben ungestört. Frau Nüssleins Garten lag friedlich da, und irgendwo dort hatten zwei Küchenkatzen heute ihren zweiten kleinen Sonntag erlebt.

Im Flanellweg war niemand mehr eilig. Die Teller waren leer, die Sauce fast restlos verschwunden, der Blumenstrauß duftete, und der Mai stand offen vor ihnen.


8) Mozarts Satz des Tages

Mozart sah über den Tisch, zu den Blumen, zu den Erdbeeren, zu Odin und dem weißen Tiger, die beide still, aber sichtbar zufrieden waren.

„Ein guter Sonntag
sammelt viele kleine Gaben:
Blumen für die Seele,
Spargel für die Jahreszeit,
Kartoffeln in Butter,
Sauce mit Geduld
und Menschen,
die bleiben, obwohl sie gehen könnten.
Wenn selbst die Stillen
noch etwas nachnehmen,
dann weiß ein Haus:
Heute hat der Mai
richtig geschmeckt.“