21. August 2026 Sonnig Sommer 7 min

Mozarts Spaziergang und der Streuselkuchen

Mozarts Spaziergang und der Streuselkuchen

1) Mozart braucht einen langen Weg

Der Freitagmorgen war mild.

Die Luft hatte bereits etwas von Spätsommer, obwohl die Sonne noch warm genug war, dass niemand an Herbst denken wollte.

Mozart nahm sein Notizbuch, steckte den Füller ein und sagte nur:

„Ich gehe ein Stück.“

Uschi sah auf.

„Allein?“

Mozart nickte.

„Heute ja.“

Niemand fragte weiter.

Er ging durch den Garten, am Mähschaf vorbei und hinaus auf die Wege zwischen den Feldern.

Dort war es stiller.

Das Getreide war vielerorts bereits abgeerntet. Auf manchen Flächen standen nur noch Stoppeln, andere waren grün von Zwischenfrüchten. Am Wegesrand blühten Disteln, wilde Kräuter und letzte Sommerblumen.

Mozart ging langsam.

Nicht, weil er müde war.

Sondern weil es keinen Grund gab, schneller zu sein.


2) Spätsommer über den Feldern

Der Himmel war hoch und klar.

Ein leichter Wind bewegte das Gras an den Feldrändern.

Mozart blieb gelegentlich stehen.

Er sah Bienen über späten Blüten.

Hörte einen Vogel weit draußen.

Beobachtete, wie sich Schatten über die Stoppelfelder schoben.

Er dachte über den Sommer nach.

Über die große Hitze.

Über den Garten.

Über all die seltsamen kleinen Geschichten der vergangenen Wochen.

Waschbärs Schweizerdeutsch.

Krokos Restaurantvergangenheit.

Den Hai und seine offenen Fragen.

Odin mit seinen vielen stillen Wegen.

Mozart lächelte.

„Jeder trägt etwas mit sich herum.“

Dann schrieb er einen kurzen Satz in sein Buch und ging weiter.


3) Fuchs & Flor

Auf dem Rückweg nahm Mozart den Weg durch den Ort.

Vor Fuchs & Flor blieb er stehen.

Die Füchsin hatte den Bereich vor dem Laden wieder neu dekoriert.

Es gab kräftige Spätsommerfarben: Dahlien, Sonnenblumen, Astern, Gräser und kleine Zweige mit ersten Hagebutten.

Mozart betrachtete einen Strauß besonders lange.

Die Füchsin kam heraus.

„Gefällt er Ihnen?“

Mozart nickte.

„Sehr.“

Dann stellte er sich höflich vor.

„Mozart. Vom Flanellweg.“

Die Füchsin lächelte sofort.

„Ach, Sie sind Mozart.“

Mozart hob leicht die Augenbrauen.

„Sie kennen mich?“

„Natürlich. Uschi und Lara erzählen öfter von Ihnen.“

Mozart sah etwas überrascht aus.

„Tatsächlich?“

„Von Ihren Geschichten. Und davon, dass Sie immer so schöne Sätze am Ende finden.“

Mozart lächelte.

„Das ist freundlich.“

Die Füchsin deutete auf die Blumen.

„Sie mögen eher die ruhigen Sträuße, oder?“

Mozart sah sie an.

„Offenbar kennen Sie mich wirklich schon ein wenig.“


4) Streuselkuchen bei Björn

Ein paar Häuser weiter roch es nach frischem Gebäck.

Mozart ging zu Björn.

„Guten Tag.“

Björn blickte auf.

„Mozart!“

Mozart blieb stehen.

„Auch Sie?“

Björn lachte.

„Odin erzählt genug.“

„Was erzählt er denn?“

„Dass Sie viel schreiben. Viel gesehen haben. Und manchmal Dinge sagen, über die er später noch nachdenkt.“

Mozart war still.

Dann lächelte er.

„Das klingt nach Odin.“

In der Auslage stand ein großes Blech Streuselkuchen.

Goldbraune Streusel.

Ein saftiger Boden.

Ein ganz leichter Duft nach Butter und Vanille.

Mozart zeigte darauf.

„Davon ein Stück, bitte.“

Björn schnitt eine Ecke heraus.

„Die ist besonders gut.“

Mozart setzte sich draußen auf die kleine Bank und aß langsam.

Der Kuchen war einfach.

Aber sehr gut.

Genau das Richtige nach einem langen Spaziergang.


5) Odin beim Fotografen

Als Mozart weiterging, sah er auf der anderen Straßenseite Odin.

Er kam gerade aus dem lokalen Fotogeschäft.

Mozart blieb kurz stehen.

Odin sah ihn ebenfalls.

„Hallo.“

„Hallo.“

In Odins Hand war ein kleiner Umschlag.

Mozart sah darauf.

„Fotos?“

Odin verzog leicht das Gesicht.

„Passfotos.“

„Ah.“

Odin mochte es nicht besonders, fotografiert zu werden.

Im Laden hatte der Fotograf ihn mehrfach gebeten, den Kopf ein wenig zu drehen.

Dann gerade.

Dann nicht ganz so ernst.

Dann doch lieber neutral.

Odin hatte bei jedem Versuch ungefähr gleich ausgesehen.

„Bitte nicht lächeln“, hatte der Fotograf gesagt.

Odin hatte geantwortet:

„Gut.“

Das war der einfachste Teil gewesen.

Nun waren die Fotos fertig.

Odin betrachtete den Umschlag.

„Nicht schlimm.“

Für Odin war das großes Lob.


6) Das Bürgerbüro

Dann ging Odin über die Straße.

Direkt zum Bürgerbüro.

Mozart sah ihm nach.

„Noch mehr Verwaltung.“

Odin nickte.

„Personalausweis.“

„Läuft ab?“

„Bald.“

Dann verschwand er durch die Tür.

Zur selben Zeit saß der Hai zu Hause am Wohnzimmertisch.

Vor ihm stand sein geliebtes Etiketten-Labelgerät.

Er beschriftete kleine Boxen.

Kabeladapter.

Ersatzbatterien.

Poolmessmittel.

Kleine Schrauben – Edelstahl.

Plötzlich hielt er inne.

Er sah zur Tür.

Der weiße Tiger kam vorbei.

„Was ist?“

Der Hai sah konzentriert in die Ferne.

„Irgendwo findet gerade Bürokratie statt.“

Der weiße Tiger blieb stehen.

„Wie kommst du darauf?“

„Ich spüre es.“

„Du spürst Bürokratie?“

Der Hai nickte langsam.

„Formulare. Lichtbild. Ausweis. Wahrscheinlich eine Unterschrift.“

Der weiße Tiger sah ihn an.

„Hast du eine Eingebung?“

Der Hai legte das Labelgerät hin.

„Vielleicht sollte ich nachsehen.“

„Nein.“


7) Mozart und Odin begegnen sich wieder

Mozart war inzwischen noch ein wenig durch den Ort gegangen.

Als er wieder Richtung Flanellweg lief, kam Odin hinter ihm her.

„Schon fertig?“, fragte Mozart.

Odin nickte.

„Ja.“

„Neuer Personalausweis?“

„Beantragt.“

„Und die Passfotos?“

Odin hob den Umschlag.

„Eins gebraucht.“

Mozart lächelte.

„Dann war der Fotografentermin nicht umsonst.“

Odin brummte.

„Hätte trotzdem drauf verzichten können.“

Sie gingen ein Stück gemeinsam.

„Björn kennt mich“, sagte Mozart.

Odin sah zu ihm.

„Ja.“

„Wegen dir.“

„Hab erzählt.“

„Offenbar.“

Odin zuckte mit den Schultern.

„Du bist interessant.“

Mozart sagte nichts.

Aber er lächelte.


8) Fast ein ganzes Blech

Bevor sie den Heimweg ganz antraten, ging Odin noch einmal zu Björn.

„Streuselkuchen.“

Björn grinste.

„Wie viel?“

Odin sah auf das Blech.

„Alles.“

Björn hob die Augenbrauen.

Dann blickte er auf die fehlende Ecke.

„Fast alles.“

Odin sah ebenfalls hin.

„Fehlt was.“

Björn musste lachen.

„Ja.“

Odin verstand nicht, warum.

„Dann eben den Rest.“

Björn packte das große verbleibende Stück sorgfältig ein.

Mozart stand ein paar Schritte entfernt.

Er wusste genau, wo die fehlende Ecke geblieben war.

Er sagte nichts.


9) Große Freude am Flanellweg

Als Odin mit dem großen Kuchenpaket nach Hause kam, wurde er sofort bemerkt.

Waschbär erschien zuerst.

„Was ist das?“

„Streuselkuchen.“

Kroko kam aus der Küche.

„Wie viel?“

Odin stellte das Paket auf den Tisch.

„Fast ein Blech.“

Uschi strahlte.

„Oh, wunderbar.“

Lara holte Teller.

Das Känguru kam tatsächlich aus der Hängematte.

„Ein gesellschaftlich relevanter Kuchenmoment.“

Der Hai erschien mit dem Labelgerät in der Hand.

„Warst du im Bürgerbüro?“

Odin sah ihn an.

„Ja.“

Der Hai wurde sofort hellwach.

„Wusste ich es doch.“

„Woher?“

„Gespürt.“

Odin setzte sich.

„Aha.“

Mehr sagte er nicht.


10) Die fehlende Ecke

Der Kuchen wurde aufgeteilt.

Waschbär bemerkte die fehlende Ecke.

„Warum fehlt da was?“

Odin zuckte mit den Schultern.

„War schon.“

„Vielleicht Qualitätsprüfung“, sagte Kroko.

Björn hatte beim Einpacken ähnlich geschmunzelt.

Odin hatte auch das nicht verstanden.

Mozart nahm sich ein kleines Stück.

Er wusste genau, dass die fehlende Ecke seine gewesen war.

Er schwieg.

Später saß er an seinem Platz mit dem Notizbuch.

Er schrieb über die Felder.

Über die Füchsin.

Über Björn.

Über Odin vor dem Fotogeschäft.

Über das Bürgerbüro.

Über einen Kuchen, dessen fehlendes Stück nur für einen selbst eine Geschichte war.

Dann schrieb er:

„Man geht manchmal fort,
weil man allein sein möchte,
und kommt mit mehr Begegnungen zurück,
als man erwartet hat.

Eine Füchsin kennt den eigenen Namen,
ein Bäcker kennt Geschichten,
die man selbst nie erzählt hat,
und ein stiller Tiger lässt sich widerwillig fotografieren,
weil selbst ein Personalausweis irgendwann alt wird.

Am Ende fehlt eine Ecke vom Streuselkuchen.
Niemand weiß warum.
Einer weiß es genau.

Und vielleicht sind gerade diese kleinen Geheimnisse
die freundlichsten –
weil sie nichts verbergen müssen
und trotzdem nur einem selbst gehören.“