1) Ein Himmel, den fast niemand mehr kannte
Am Samstagmorgen stand Uschi an der Terrassentür und sah hinaus.
Der Himmel war grau.
Nicht gewittrig.
Nicht bedrohlich.
Einfach bedeckt.
„Komisch“, sagte sie.
Lara kam dazu.
„Man hat sich wirklich an Sonne gewöhnt.“
Ein leichter Schauer zog über den Garten. Nicht stark genug, um große Pfützen zu bilden, aber deutlich genug, dass kleine Tropfen auf dem Pool tanzten.
Der Hai sah auf seine Wetterstation.
„Niederschlag.“
Kroko kam mit einer Kaffeetasse vorbei.
„Sehe ich.“
„Null Komma acht Millimeter bisher.“
„Trotzdem Regen.“
Das Känguru lag drinnen auf dem Sofa statt in der Hängematte.
„Die Atmosphäre zeigt endlich wieder sozialdemokratische Tendenzen.“
Niemand fragte nach.
2) Jeder in seiner kleinen Welt
Der Tag entwickelte sich still.
Tigerlein saß mit Kopfhörern und Schnittprogramm am Tisch.
„Ich muss die Übergänge sauberer machen.“
Waschbär zeichnete daneben mit Bleistift.
„Ich mache heute Wolken.“
„Warum Wolken?“
„Weil sie endlich da sind.“
Stinkerle hatte im Schuppen ein kleines Werkstück zerlegt und sortierte Schrauben.
Der Hai saß vor seinem Tablet, sagte wenig und grübelte offenbar weiterhin über offene Lebensläufe, vergangene Kapitel und ungeklärte Zusammenhänge.
Mozart schrieb in sein Buch.
Kroko kochte.
Uschi räumte, brachte Tee, stellte Handtücher weg, kontrollierte zwischendurch die Wäsche und sorgte dafür, dass überall wenigstens eine gewisse Grundordnung herrschte.
Lara hatte sich in eine Ecke der Küche zurückgezogen und bereitete etwas vor, das sehr französisch aussah.
„Was machst du?“, fragte Waschbär.
„Madeleines.“
„Natürlich.“
„Warum natürlich?“
„Weil du französisch bist, wenn niemand hinsieht.“
Lara lächelte.
„C’est la vie.“
Der Hai sah kurz auf.
Dann wieder weg.
3) Die Küchenkatzen sind weg
Gegen Mittag fiel Uschi etwas auf.
„Wo sind die Katzen?“
Alle sahen sich um.
Nicht im Wohnzimmer.
Nicht auf der Fensterbank.
Nicht unter dem Tisch.
Nicht bei Frau Nüsslein, soweit man durch den Regen sehen konnte.
Tigerlein nahm sofort das Aufnahmegerät.
„Verschwundene Küchenkatzen, Folge siebenunddreißig.“
„Noch nicht“, sagte Uschi.
Sie suchten.
Dann hörte Stinkerle ein ganz leises Geräusch aus dem Hauswirtschaftsraum.
Er öffnete die Tür.
Der Trockner war fertig.
Warm.
Trocken.
Und darin lagen zwei sehr zufriedene Katzen.
Die getigerte zuerst.
Die Leopardenkatze dahinter.
Beide eingerollt zwischen frisch getrockneten Handtüchern.
Waschbär sah hinein.
„Das ist genial.“
Uschi stemmte die Pfoten in die Hüften.
„Ihr könnt doch nicht in den Trockner.“
Die getigerte Katze blinzelte.
Minimaler Positionswechsel: keiner.
Stinkerle schüttelte den Kopf.
„Nur reingeklettert, nachdem er fertig war.“
„Zum Glück“, sagte Uschi.
Die Katzen fanden den Unterschied offenbar weniger relevant.
4) Elise und die Streuselkuchenkrümel
Kaum war dieses Problem gelöst, kam das nächste.
Elise, der Staubsaugerroboter, arbeitete sich durch das Wohnzimmer.
Normalerweise zuverlässig.
Heute jedoch blieb sie mitten auf dem Teppich stehen.
„Fehler“, sagte sie.
Stinkerle ging hin.
„Was jetzt?“
Der Teppich war voller winziger Streuselkuchenkrümel.
Nicht dramatisch viele.
Aber genug, dass sich einige zusammen mit Fasern und Fusseln um eine Bürste gewickelt hatten.
Waschbär kniete sich hin.
„Sie hat Kuchen gegessen.“
„Sie hat Krümel eingesaugt.“
„Dasselbe in technisch.“
Stinkerle hob Elise vorsichtig an, löste die Bürste und entfernte die Mischung aus Fusseln, Krümeln und einem langen Faden.
Der Hai sah zu.
„Wartungsbedarf durch kulinarische Kontamination.“
Kroko rief aus der Küche:
„Dann esst sauberer.“
Das Känguru sagte:
„Krümel sind ein Nebenprodukt von Wohlstand.“
Niemand widersprach, weil niemand Lust hatte.
5) Das Mähschaf sagt nein
Draußen hatte der Regen inzwischen aufgehört.
Das Mähschaf stand im Terrassenhafen.
Der Hai prüfte die Zeit.
„Du könntest eine Runde fahren.“
Das Mähschaf bewegte sich nicht.
„Nass.“
„Nur leicht.“
„Nass.“
Raseline stand auf der Nachbarwiese ebenfalls noch an ihrer Station.
Waschbär trat dazu.
„Ihr habt heute keine Lust, oder?“
Das Mähschaf brummte:
„Später.“
Der Hai sah auf den Rasen.
„Es wäre technisch möglich.“
Das Mähschaf antwortete nicht.
Der Hai sah zu Waschbär.
„Es ignoriert mich.“
„Es lebt im Hier und Jetzt.“
Der Hai mochte diesen Satz nicht.
Später fuhr das Mähschaf doch noch eine kleine Runde.
Aber nur am Rand.
Und auffällig nahe bei Raseline.
6) Es klingelt
Am Nachmittag klingelte es.
Kroko stand gerade am Herd und rührte in einer Sauce.
Er hörte die Tür.
„Wer?“
Odin ging öffnen.
Draußen stand Metzger Wolf.
Mit einer Kühltasche.
Kroko kam dazu.
Sah Wolf.
Sah die Tasche.
Und wurde sofort etwas steif.
„Ich hab bezahlt.“
Wolf lachte.
„Darum geht’s nicht.“
Kroko sah trotzdem kurz auf sein Smartphone.
„Sicher?“
„Ganz sicher.“
Der weiße Tiger rief aus dem Büro:
„Die Karte funktioniert noch.“
Kroko knurrte.
Wolf grinste.
„Ich wollte eigentlich zu Odin.“
Odin trat nach vorne.
„Was gibt’s?“
Wolf hob die Kühltasche.
„Erstens: Fleisch.“
Kroko entspannte sich sichtbar.
„Gut.“
7) Fast zwei Wochen Schwarzwald
Wolf stellte die Tasche auf den Tisch.
„Ich fahre morgen weg.“
„Wohin?“, fragte Odin.
„Schwarzwald. Knapp zwei Wochen.“
Waschbär kam sofort näher.
„Wegen der Schwarzwälder Kirschtorte?“
Wolf sah ihn an.
„Nein.“
„Schade.“
Wolf öffnete die Kühltasche.
Darin lagen mehrere gute Stücke Fleisch, sauber verpackt.
„Ich will meine Reste vorher ordentlich unterbringen. Das hier wäre sonst zu viel.“
Kroko sah hinein.
Seine Augen wurden größer.
„Sehr gut.“
Wolf nickte.
„Dachte ich mir.“
Dann zog er einen Schlüsselbund aus der Tasche.
„Und wie immer…“
Odin hielt die Pfote hin.
„Pflanzen.“
„Genau. Briefkasten. Einmal lüften. Vielleicht Kühlschrank checken, falls ich was vergessen hab.“
„Mach ich.“
„Du hast den anderen Schlüssel noch?“
„Der war alt.“
„Stimmt. Hier ist der neue.“
Odin nahm ihn.
Ganz selbstverständlich.
8) Neue Fragen
Der Hai war inzwischen nähergekommen.
„Wie immer?“
Wolf sah ihn an.
„Ja.“
„Wie oft war Odin schon für Ihre Wohnung zuständig?“
Odin sagte:
„Mehrmals.“
Der Hai wurde aufmerksam.
„Wie lange kennen Sie sich?“
Wolf überlegte.
„Schon ziemlich.“
„Seit wann genau?“
Odin sah ihn an.
„Hai.“
„Ich frage nur.“
Waschbär grinste.
„Du fragst wieder.“
Der Hai hielt inne.
„Stimmt.“
Das Känguru erschien aus dem Wohnzimmer.
„Die Vergangenheit ist zurück.“
Der Hai schloss kurz die Augen.
Wolf verstand gar nichts.
„Ist alles okay?“
„Ja“, sagte Odin.
„Sehr.“
Lara stellte einen Teller Madeleines auf den Tisch.
„Möchten Sie eine?“
Wolf nahm eine.
„Gern.“
Damit war die Befragung vorerst beendet.
9) Kroko macht etwas daraus
Am Abend verwandelte Kroko Wolfs Mitbringsel in ein großes Essen.
Es gab kurzgebratenes Fleisch mit kräftiger Sauce, Ofengemüse, Kartoffeln und dazu einen frischen Salat.
Einige der Stücke legte er für später zurück.
„Zu schade für alles auf einmal.“
Uschi nickte.
„Sehr vernünftig.“
Lara stellte ihre Madeleines dazu.
Waschbär nahm zwei.
„Französischer Nachtisch.“
„Nicht ganz.“
„Aber nah genug.“
Der Hai wollte eigentlich noch wissen, wie oft Odin bei Wolf die Pflanzen gegossen hatte.
Und seit wann.
Und warum Wolf ihm so selbstverständlich den Schlüssel gab.
Und wie gut Odin sich eigentlich im Ort auskannte.
Dann probierte er das Essen.
Er wurde still.
Kroko sah ihn an.
„Gut?“
Der Hai nickte.
„Sehr.“
Der weiße Tiger hob sein Glas.
„Dann ist ja wieder alles geklärt.“
Der Hai sah ihn an.
„Nein.“
„Aber für heute?“
Der Hai nahm noch etwas Sauce.
„Für heute.“
10) Ein grauer Tag mit vielen kleinen Geschichten
Am Abend zog noch einmal ein kurzer Schauer über den Garten.
Die Tiere saßen drinnen.
Tigerlein schnitt weiter an seinem Podcast.
Waschbär zeichnete jetzt das Mähschaf unter einer Wolke.
Stinkerle legte Werkzeug zurück.
Der Hai dachte weniger.
Mozart schrieb mehr.
Kroko räumte die Küche auf.
Uschi sorgte dafür, dass nichts herumstand.
Lara brachte die letzten Madeleines.
Die Küchenkatzen lagen inzwischen wieder im Wohnzimmer.
Nicht im Trockner.
Zumindest vorerst.
Elise fuhr nach ihrer Reinigung wieder zuverlässig.
Das Mähschaf stand im Terrassenhafen.
„Alles gut.“
Mozart sah auf den Regen am Fenster und schrieb:
„Ein grauer Tag muss nicht still sein.
Manchmal reicht ein bisschen Regen,
damit jeder in seine eigene kleine Welt geht.
Einer schneidet Töne,
einer zeichnet,
einer schraubt,
einer grübelt,
einer kocht.Und trotzdem kreuzen sich die Wege:
im warmen Trockner,
zwischen Streuselkuchenkrümeln,
an einer Haustür mit Fleisch und Schlüsselbund.Vielleicht besteht ein Haus genau daraus:
aus vielen kleinen Welten,
die sich den ganzen Tag kaum berühren
und am Abend doch wieder
am selben Tisch landen.“