1. Montag wie aus Glas
Der Montag lag über dem Dorf wie eine gläserne Glocke. Die Luft stand, die Fliegen schwebten, selbst das Mähschaf draußen brummte langsamer, als hätte die Hitze seine Programme gedehnt. Vom Feldrand roch es nach trockenem Stroh, nach Staub und nach reifem Apfel.
Mozart stellte eine Kanne Pfefferminztee auf den Couchtisch, legte die Zeitung neben sich – ungeöffnet – und schob das Notizbuch zurecht. Der Pool draußen warf tanzendes Licht durchs Fenster an die Wohnzimmerdecke; sie flackerte wie Wasser.
„Montags sind Gedichte am muthaftesten“, sagte Mozart zu niemandem, schraubte den Füller auf und atmete lang aus. „Und die Stille am willigsten.“
2. Der Plan des Bären und die Idee der Stille
Mozart hatte das Gedicht seit Tagen im Kopf wie einen leisen Ohrwurm: ein Sommerstück über Schatten und Glanz, über Schweißtropfen, die den Rücken hinabkullern, und über die träge Freundlichkeit der Zeit im August. Er wollte die Mittagsstunde nutzen, jene heilige Pause, wenn selbst der Radio in der Küche leiser gestellt wird.
Er schrieb die ersten Zeilen, rund und bedächtig:
Zur Mittagsruh, wenn Winde ruhn,
verliert die Zeit den Eilzugschuh’n.
Er nickte. „So.“ Dann legte er die Pfote auf die Seite, um den Füller nicht aus Versehen…
„KLONG!“ machte es im Garten.
3. Stinkerles Hammerschlag und der Schaumschatten
„Hoppla!“, rief Stinkerle. „Alles gut! Nur eine winzige Planabweichung!“
Mozart rieb sich die Stirn. Ein Tintenklecks landete auf dem Rand der Seite und breitete sich wie ein Tintenmond aus. Durchs Fenster sah man Stinkerle am Pool hantieren. Ein Schraubstock, zwei Bretter, ein Eimer mit Seife – warum war da Seife?
„Stinkerle?“, rief Mozart und stellte sich ans Fenster.
„Verbesserung am Filter! Von Standgas auf Sommerglanz!“, rief das Stinktier stolz. Es drückte auf einen Knopf. Der Filter gab ein tiefes Brummen von sich – und blies eine Wolke feiner Blasen in den skandalös klaren Pool.
Mozart seufzte, setzte sich und sah den Klecks an. „Nun“, sagte er, „vielleicht ist auch ein Hammerschlag ein Takt.“ Er notierte:
Ein ferner Schlag, ein Blasenchor,
die Stille hat ein neues Ohr.
Draußen rief das Känguru aus der Hängematte: „Ich nenne es revolutionäre Hydro-Ästhetik!“
„Ich nenne es Beweis, dass Seife und Filter natürliche Gegner sind“, brummte Kroko aus der Küche.
4. Elise, das Staublicht und der Hai mit der Liste
„Wrrr-wrrr“, machte Elise. Der Saugroboter rollte aus dem Flur ins Wohnzimmer, schimmerte im wandernden Lichtfleck und fuhr eine perfekte Spirale um Mozarts Pfoten herum. Ein Körnchen Staub funkelte wie ein Stern.
„Elise, du bist Pünktlichkeit mit Rädern“, sagte Mozart freundlich.
Aus dem Erdgeschoss klapperten Schritte. Der Hai erschien im Türrahmen mit Klemmbrett und der ernsten Miene eines Beamten am Freitag um eins. „Hinweis an alle: Mittagsruhe von 12:30 bis 14:30. Aushang erfolgt. Ausnahme: medizinisch notwendige Geräusche.“
„Und poetisch notwendige“, sagte Mozart.
Der Hai blätterte, notierte: „Poetisch… vorläufig geduldet.“
Elise piepste und parkte exakt unter dem Couchtisch. Mozart schrieb:
Ein sacht Geräusch im Teppichland,
ein Kreis, der sich zur Stille spannt.
Dann sah er hinaus. Auf dem Feld flimmerte die Luft. Das Mähschaf bog am Zaun ab, als folge es einer unsichtbaren Partitur.
5. Kängurus Melonenfrage, Lara im Radio und Tigerlein am Pegel
„Mozart!“, rief das Känguru. „Wo ist die große Wassermelone? Kapitalistisches Obstversteck!“
„Zweite Kühlschranketage, links hinter den Gurken“, antwortete Mozart ohne aufzuschauen.
„Ha!“, jubelte das Känguru, und Messerklacken setzte ein, rhythmisch, beinahe musikalisch.
In der Küche summte der Sender an. Lara testete ein neues Mikrofon. Ihre Stimme füllte den Flur wie kühler Schatten: „Sommerklänge, Ausgabe zwei: Das Rascheln der Bäume, das Gluckern der Filter, das ferne Rufen eines Postfahrrads… Test, eins, zwei.“
„Pegel gut“, meinte Tigerlein fachmännisch. „Sehr seidig in den Höhen. Aufnahme läuft.“
Mozart lauschte. In seinem Notizbuch wuchs ein Vers wie eine Efeuranke:
Ein Messer misst die Zeit in Scheiben,
der Sommer will im Klang verbleiben.
Er hielt inne, roch plötzlich Lavendel – Uschi muss an den Tüchern gewesen sein – und setzte leise hinzu:
Die Stimme, die aus Küchen fließt,
macht selbst die Hitze sanft und süß.
6. Der kleine Aufstand der Ordnung und die große Kunst der Nachsicht
Der Hai klebte inzwischen einen Aushang an die Kühlschranktür: „Mittagsruhe – gemeinschaftlich beschlossen. Bitte Rücksicht und Sommerintellegenzen wahren.“
„Sommerintellegenzen?“, fragte Kroko, ohne aufzublicken.
„Neologismus“, sagte der Hai. „Für kluge Hitze.“
„Ich streike gegen Stilleverordnungen“, erklärte das Känguru mit einer Melonenscheibe in der Pfote. „Aber unauffällig. Mit Gabel.“
„Zuständigkeitsfrage“, brummte der Hai, doch er lächelte, kaum sichtbar.
Über der Szene lag kein Streit, eher das behutsame Hin-und-her einer eingespielten WG. Mozart betrachtete sie alle, wie sie zwischen Kühlschranklicht, Radiolampen und Terrassenhelligkeit hin und her flossen. Er schrieb, diesmal schneller, als hätte jemand in seinem Kopf den Ventilator eingeschaltet:
Die Ordnung stellt ein Schild ins Licht,
doch Freundschaft lehnt es sanft – und nicht.
Die Stille ist ein weites Feld,
auf dem der Tag die Schritte zählt.
7. Das Gedicht findet seine Form
Kurz nach zwei saß Mozart wieder allein im Wohnzimmer. Der Pool glitzerte jetzt ruhiger; Stinkerle hatte die Seife abgestellt und erklärte draußen dem Mähschaf, warum Filter keine Schlagsahne mögen. Elise schlief unter dem Sofa, ein sattes „Bip“ im Traum.
Mozart trank den letzten Schluck Tee – inzwischen lauwarm – und führte den Füller über die Seite. Die Zeilen schoben sich aneinander wie Liegestühle: ohne Gedränge, aber dicht.
Er fügte die Strophen zusammen, strich ein Wort, schob ein anderes an seinen Platz. Schließlich setzte er die letzte Zeile und legte den Füller ab. Das Gedicht war kein stilles Becken geworden, sondern ein Bach: leise, doch voller kleiner Steine, über die das Wasser melodisch lief.
Abend unter dem Apfelbaum
Am Abend trugen sie Decken unter den großen Apfelbaum. Der Schatten war lang, die Luft milder, irgendwo klirrten Eiswürfel in Gläsern. Lara hatte einen Recorder aufgestellt, Tigerlein hielt das Mikro hin wie eine Kerze.
Mozart las vor. Bei „Blasenchor“ kicherte Stinkerle, beim „Neologismus“ hob der Hai die Flosse, als grüße er das Wort offiziell. Das Känguru knabberte Melone, Kroko schnupperte am Grillgut, und Uschi legte jedem eine winzige Lavendelblüte auf die Schulter.
„Ich dachte, ich brauche völlige Ruhe“, sagte Mozart, als er fertig war, „aber eigentlich brauchte ich nur euch – in eurer jeweiligen Lautstärke.“
Der Hai räusperte sich. „Vermerk: Stille ist kein Nullwert, sondern eine Komposition. Verantwortlich: alle.“
„Und schön ist sie, wenn man sie teilt“, fügte Uschi hinzu.
Mozart nickte und blickte in die Dämmerung, in der die ersten Mücken tanzten. „Die stillen Mittagsstunden“, sagte er leise, „sind vielleicht gar nicht still. Sie sind aufmerksam.“
Er faltete die Seite zusammen und steckte sie in das Buch mit den Eselsohren.
Später, als die Terrasse nur noch Flüstern war, schrieb Mozart noch eine kleine Notiz an den Rand des Gedichts – für künftige Montage:
Stille ist nicht das Fehlen von Welt,
sondern das sanfte Einverständnis mit ihr.
Elise summte einmal im Schlaf, das Mähschaf zog seine letzte Bahn, und über dem Feld schimmerte die Nacht wie eine aufgeschlagene Seite. So klang der Montag aus – nicht leise, sondern gut.