26. September 2026 Bewölkt Herbst 5 min

Odin, Alfonso und der Korb voller Pilze

Odin, Alfonso und der Korb voller Pilze

1) Alle haben plötzlich Autopläne

Beim Frühstück ging es schon wieder los.

Waschbär saß Odin direkt gegenüber.

„Was für ein Auto willst du?“

Odin trank Kaffee.

„Keins.“

Der Hai sah auf.

„Vorerst keins oder grundsätzlich keins?“

„Keine Pläne.“

Stinkerle sagte:

„Klein wäre praktisch.“

Lara nickte.

„Aber groß genug für Einkäufe.“

Uschi ergänzte:

„Und bequem.“

Waschbär strahlte.

„Mit großem Kofferraum für Ausflüge!“

Das Känguru schüttelte energisch den Kopf.

„Ihr seid innerhalb von vierundzwanzig Stunden von individueller Mobilität zu Besitzfantasien übergegangen.“

Der Hai sah es an.

„Es geht um ein Auto.“

„Eben.“

Das Känguru setzte zu einer längeren Rede über Ressourcenverbrauch, Flächenbedarf und motorisierten Individualverkehr an.

Odin stand auf.

„Ich geh spazieren.“

„Das ist konsequent“, sagte das Känguru.


2) Raus ins Feld

Draußen war der Tag kühl, aber freundlich.

Der Nebel vom Vortag war verschwunden.

Über den Feldern lag dieses klare Septemberlicht, in dem alles ein wenig schärfer aussah.

Odin ging langsam.

Keine Eile.

Keine Termine.

Kein Prüfer.

Keine Fahrschule.

Nur Feldwege.

Feuchte Erde.

Ein paar Krähen.

Und Wind in den Gräsern.

Nach einer Weile sah er am Waldrand eine bekannte Gestalt.

Alfonso.

Der pummelige weiße Hase stand mit einem Korb neben einer Bank.

„Odin!“

„Hallo.“

Alfonso hob den Korb.

„Pilze.“

Odin sah Richtung Wald.

„Gut.“

„Kommst du mit?“

Odin nickte.

„Ja.“


3) Im Wald

Der Waldboden war feucht.

Perfekt nach den Regenfällen der vergangenen Tage.

Zwischen Laub, Moos und alten Ästen tauchten überall Pilze auf.

Alfonso ging langsam.

Odin ebenfalls.

Beide sammelten nur, was sie sicher kannten.

Ein paar Röhrlinge.

Einige Maronen.

Später schöne Steinpilze.

Bei einem Exemplar blieb Alfonso stehen.

„Nicht hundertprozentig.“

Odin sah hin.

„Dann bleibt er.“

„Genau.“

Sie gingen weiter.

Keine Experimente.

Keine Heldentaten.

Wenn ein Merkmal nicht sauber passte, blieb der Pilz stehen.

Alfonso sagte:

„Lieber einen guten Pilz liegen lassen als einen falschen mitnehmen.“

Odin nickte.

„Immer.“

Der Korb füllte sich trotzdem erstaunlich schnell.


4) Alfonso erfährt vom Führerschein

Nach einer Weile setzten sie sich auf einen umgestürzten Stamm.

Alfonso nahm eine kleine Wasserflasche heraus.

„Und sonst?“

Odin sah in den Wald.

„Führerschein bestanden.“

Alfonso drehte sich sofort zu ihm.

„Was?“

„Gestern.“

„Das hast du einfach so nebenbei gemacht?“

Odin zuckte mit den Schultern.

„War dran.“

Alfonso lachte.

„Typisch.“

Dann dachte er kurz nach.

„Hast du schon ein Auto?“

„Nein.“

„Willst du eins?“

„Keine Pläne.“

Alfonso nickte langsam.

„Ich kenne da vielleicht jemanden.“

Odin sah ihn an.

Natürlich.


5) Ein Auto, das vielleicht passen könnte

Alfonso erzählte von einem Bekannten.

Älter.

Ordentlich.

Pflegt seine Sachen.

Hat ein Auto, das er inzwischen kaum noch braucht.

„Nichts Riesiges“, sagte Alfonso. „Aber auch kein winziges Ding. Genau so, dass du Einkäufe, Kisten oder mal ein paar Sachen mitkriegst.“

Odin hörte zu.

„Gut gepflegt?“

„Sehr.“

„Service?“

„Immer gemacht.“

„Warum weg?“

„Braucht es kaum noch.“

Odin dachte nach.

„Was für eins?“

Alfonso nannte Modell und Baujahr.

Nichts Spektakuläres.

Aber vernünftig.

Praktisch.

Unaufgeregt.

Eigentlich ziemlich Odin.

Alfonso grinste.

„Könnte sogar gut zum Flanellweg passen.“

Odin sagte:

„Kann ich mir mal anschauen.“

„Ich stelle den Kontakt her.“

Damit war das Thema für Odin zunächst erledigt.


6) Zuhause kommt nur der Pilzkorb an

Als Odin am Nachmittag zurückkam, war Waschbär sofort da.

„Wo warst du?“

„Wald.“

„Mit wem?“

„Alfonso.“

Der Hai kam dazu.

„Was habt ihr gemacht?“

Odin hob den Korb.

„Pilze.“

Das war alles.

Kein Wort über das Auto.

Kein Wort über einen Kontakt.

Kein Wort über irgendeinen möglichen Termin.

Waschbär sah in den Korb.

„Oh!“

Der Hai ebenfalls.

Und innerhalb von Sekunden war das nächste Thema gefunden.

„Welche Arten genau?“

Odin seufzte.

„Jetzt geht das los.“


7) Der Hai möchte alles bestimmen

Der Korb kam auf den Küchentisch.

Der Hai legte fast sofort Papier daneben.

„Wir sollten sortieren.“

Stinkerle nickte.

„Das machen wir ohnehin.“

Odin und Alfonso hatten bereits sauber getrennt gesammelt.

Kroko kam dazu und prüfte die Pilze noch einmal.

„Gut.“

Der Hai zeigte auf einen Steinpilz.

„Boletus edulis?“

Odin nickte.

„Ja.“

„Und die?“

„Maronen.“

„Und—“

Kroko hob die Pfote.

„Nur sichere essen.“

Der Hai nickte ernst.

„Selbstverständlich.“

Waschbär nahm einen besonders schönen Pilz in die Hand.

„Der sieht aus wie aus einem Bilderbuch.“

„Nicht drücken“, sagte Kroko.

Waschbär legte ihn sofort zurück.


8) Ein herbstlicher Abend

Am Abend roch die Küche nach Butter, Zwiebeln, Kräutern und Pilzen.

Kroko hatte aus einem Teil der sicheren Speisepilze eine kräftige Pilzpfanne gemacht.

Dazu gab es Kartoffeln, ein wenig Rahm, Petersilie und knuspriges Brot.

Ein Teil der Pilze wurde für später vorbereitet.

Der weiße Tiger probierte.

„Sehr überzeugend.“

Kroko nickte zufrieden.

Waschbär sagte:

„Waldessen.“

Das Känguru sah auf den Teller.

„Immerhin lokal und nicht motorisiert beschafft.“

Odin grinste.

Der Hai war noch immer bei seiner Artenliste.

Uschi schob sie etwas zur Seite.

„Iss.“

Der Hai nahm endlich die Gabel.

Und Odin?

Der sagte kein Wort darüber, dass irgendwo im Ort vielleicht schon ein Auto auf ihn wartete, das genau richtig sein könnte.

Mozart schrieb später:

„Manchmal öffnet sich eine neue Möglichkeit ganz leise.

Einer besteht eine Prüfung,
geht am nächsten Tag einfach spazieren
und trifft im Wald jemanden mit einem Korb.

Dann sammelt man Pilze,
redet über Wege und Wetter
und erfährt nebenbei,
dass irgendwo vielleicht schon etwas Passendes wartet.

Zu Hause muss davon noch niemand wissen.
Ein Korb Pilze reicht für einen Abend vollkommen aus.

Manche Geschichten dürfen schließlich
erst ein wenig wachsen,
bevor man sie erzählt.“