1) Der Baum ist voll
Am Freitagmorgen stand Uschi unter dem großen Apfelbaum.
Sie sah nach oben.
„Jetzt.“
Lara kam mit einem Korb dazu.
„Sind sie so weit?“
Uschi nahm einen Apfel in die Pfote, hob ihn leicht an und drehte.
Er löste sich fast von selbst.
„Ja.“
Der Apfel war gelbgrün mit rötlichen Stellen und roch schon deutlich süß.
Waschbär kam angerannt.
„Ernte?“
„Ernte.“
Damit war sein Tagesprogramm geklärt.
Nur das Känguru wirkte weniger begeistert.
Es lag in seiner Hängematte.
Die hing selbstverständlich an genau diesem Baum.
„Ich möchte darauf hinweisen, dass dieser Baum momentan einer geistigen Nutzung unterliegt.“
Uschi sah zu ihm.
„Wir müssen an die Äpfel.“
„Ich bin mitten in einer Betrachtung über Eigentum und Natur.“
Lara grinste.
„Dann kannst du sie ja von unten betrachten.“
2) Hängematte gegen Erntekorb
Einige Äpfel waren problemlos erreichbar.
Andere nicht.
Und ein besonders schöner Ast hing direkt über dem Känguru.
Waschbär stand darunter und sah nach oben.
„Da sind richtig gute.“
Das Känguru zog die Decke etwas höher.
„Diese Äpfel befinden sich im Bereich meiner persönlichen Ruhezone.“
Uschi stemmte die Pfoten in die Hüften.
„Du kannst fünf Minuten raus.“
„Das ist ein Präzedenzfall.“
Stinkerle kam vorbei.
„Oder wir nehmen die Hängematte kurz ab.“
Das Känguru setzte sich sofort auf.
„Das wäre ein unverhältnismäßiger Eingriff.“
Lara lachte.
Schließlich stieg es doch aus.
Mit der Würde eines Wesens, das überzeugt war, einer staatlichen Maßnahme nachgegeben zu haben.
„Ich erwarte eine faire Verteilung der Ernte.“
„Du bekommst später Kuchen“, sagte Uschi.
„Akzeptiert.“
3) Waschbär sammelt nach eigenen Regeln
Die ersten Körbe füllten sich schnell.
Uschi pflückte sorgfältig.
Lara ebenfalls.
Waschbär weniger.
Er sammelte nach Kategorien, die niemand kannte.
„Der ist rund.“
„Ja“, sagte Lara.
„Der auch.“
„Äpfel sind oft rund.“
„Der hier sieht freundlich aus.“
Uschi sah hin.
„Was macht ihn freundlich?“
„Die rote Backe.“
Einige Äpfel legte Waschbär in einen eigenen kleinen Korb.
„Sonderäpfel.“
Der Hai kam vorbei.
„Was bedeutet Sonderäpfel?“
„Charakter.“
„Das ist keine objektive Sortierung.“
Waschbär nickte.
„Deshalb ist sie ja von mir.“
4) Stinkerles Sortierstation
Stinkerle hatte inzwischen entschieden, dass die Sache eine kleine Infrastruktur brauchte.
Aus dem Schuppen holte er zwei Böcke, Bretter und mehrere flache Kisten.
Nach kurzer Zeit stand unter der Terrasse eine einfache Sortierstation.
Drei Bereiche:
Gut zum Lagern
Bald verarbeiten
Beschädigt / sofort verarbeiten
Der Hai sah darauf.
„Sehr gut.“
Dann holte er sofort Etiketten.
Stinkerle sah ihn an.
„Die Schilder reichen.“
„Zusätzliche Kennzeichnung hilft.“
„Es sind drei Kisten.“
Der Hai klebte trotzdem kleine Labels an die Seiten.
Waschbär brachte einen Apfel.
„Wo kommt freundlich hin?“
„Bald verarbeiten“, sagte Stinkerle.
5) Der Hai entdeckt Qualitätsmanagement
Binnen einer Stunde stand der Hai vollkommen in der Ernteorganisation.
Er prüfte Druckstellen.
Stellte Äpfel vorsichtig um.
Notierte grob die Mengen.
„Wir haben erstaunlich viele.“
Uschi nickte.
„Der Baum hatte trotz der Hitze ein gutes Jahr.“
„Die Beregnung dürfte geholfen haben.“
„Bestimmt.“
Das Mähschaf fuhr in sicherem Abstand vorbei.
Ein Apfel fiel vom Baum.
Plopp.
Das Mähschaf stoppte.
„Hindernis.“
Waschbär rannte hin.
„Gerettet.“
Von nebenan kam Raseline:
„Hier nichts.“
„Hier Äpfel.“
„Viel Arbeit.“
„Ja.“
6) Kroko übernimmt die zweite Hälfte
Als der dritte Korb in die Küche kam, stand Kroko davor.
„Zu viele.“
Uschi lachte.
„Das ist doch gut.“
„Ja.“
Er nahm einen Apfel.
Schnitt ihn auf.
Probierte.
„Gut.“
Dann begann er sofort zu planen.
Ein Teil für Apfelkuchen.
Ein Teil für Kompott.
Ein Teil für Apfelmus.
Und einige schöne Exemplare zur Seite.
Lara sah auf den Stapel.
„Was hast du mit denen vor?“
Kroko brummte.
„Pfannkuchen.“
Waschbär, der gerade hereinkam, jubelte.
7) Der Apfelkuchen
Kroko begann mit dem Kuchen.
Butter.
Zucker.
Eier.
Mehl.
Ein wenig Vanille.
Die Äpfel wurden geschält, geviertelt und eingeschnitten.
Uschi half beim Vorbereiten.
Lara gab Zimt dazu.
Kroko legte die Apfelstücke dicht auf den Teig.
„Viel.“
„Es ist Apfelkuchen“, sagte Uschi.
„Genau.“
Oben kamen noch Mandeln und ein wenig Zucker.
Dann in den Ofen.
Schon nach kurzer Zeit roch das ganze Erdgeschoss nach warmem Apfel, Butter und Zimt.
Der weiße Tiger kam aus dem Büro.
„Was passiert hier?“
„Ernte“, sagte Odin.
„Das riecht deutlich besser als Ernte.“
8) Kompott oder Apfelmus
Auf dem Herd stand gleichzeitig ein großer Topf.
Apfelstücke.
Ein wenig Wasser.
Zitronensaft.
Zimt.
Nur wenig Zucker.
Kroko ließ alles langsam weich werden.
Waschbär sah hinein.
„Kompott?“
„Teilweise.“
„Wie teilweise?“
Kroko nahm einen Stampfer.
„Ein Teil bleibt stückig.“
Dann später:
„Ein Teil Mus.“
Der Hai nickte.
„Zwei Produktlinien.“
Kroko sah ihn an.
„Nein.“
Aber genau das war es trotzdem.
Uschi holte saubere Gläser.
Ein Teil wurde heiß eingefüllt.
Der Keller bekam damit einen weiteren kleinen Vorrat für kühlere Tage.
9) Apfelpfannkuchen am Abend
Eigentlich hätte der Kuchen gereicht.
Eigentlich auch das Apfelmus.
Aber Kroko hatte Apfelpfannkuchen angekündigt.
Also gab es Apfelpfannkuchen.
Die Äpfel wurden dünn geschnitten.
Der Teig angerührt.
In der Pfanne karamellisierten die Scheiben leicht, bevor Kroko den Teig darüber gab.
Ein wenig Zimt.
Etwas Zucker.
Manche bekamen später einen Löffel Apfelkompott dazu.
Das Känguru saß am Tisch und sah sehr zufrieden aus.
„Damit ist die Nutzung meines Baumes zumindest teilweise kompensiert.“
Uschi sah es an.
„Deines Baumes?“
„Des Baumes, an dem meine Hängematte hängt.“
Der Hai sagte:
„Das begründet kein Eigentum.“
Das Känguru hob die Gabel.
„Das ist eine Frage der Perspektive.“
10) Der Garten riecht nach September
Nach dem Essen saßen alle noch lange zusammen.
Der Apfelkuchen stand angeschnitten auf dem Tisch.
Daneben ein kleines Glas frisches Apfelmus zum Probieren.
Im Keller warteten bereits weitere Gläser.
Draußen hing die Hängematte wieder am Baum.
Unter ihm lagen nur noch wenige Äpfel.
Der größte Teil war geerntet.
Waschbär zeigte stolz seinen Korb mit den „freundlichen“ Äpfeln.
Uschi hatte beschlossen, dass sie daraus morgen noch etwas machen würden.
Stinkerles Sortierstation stand ordentlich an der Terrasse.
Der Hai hatte sie natürlich dokumentiert.
Kroko lehnte sich zufrieden zurück.
„Guter Baum.“
Das war vermutlich sein größtes Lob für einen Apfelbaum.
Mozart schrieb:
„Der September kündigt sich nicht nur mit kühleren Morgen an.
Manchmal hängt er rot und golden in einem Baum.Dann werden Hängematten geräumt,
Körbe gefüllt,
Äpfel sortiert
und aus einem einfachen Erntetag entstehen plötzlich
Kuchen, Kompott, Mus und Pfannkuchen.Manche sehen darin Vorrat.
Andere Qualitätsmanagement.
Waschbär sieht freundliche Äpfel.
Das Känguru sieht Besitzfragen.Kroko sieht vor allem,
was man daraus kochen kann.Und vielleicht ist genau das das Schöne an einer Ernte:
Der Sommer bleibt noch ein wenig da,
nur diesmal in Gläsern, auf Tellern
und im Duft von warmem Apfel und Zimt.“