29. November 2025 Sonnig Winter 8 min

Odin und der Raclette-Samstag

Odin und der Raclette-Samstag

Frostiger Morgen beim Bäcker-Biber

Der Samstag begann klar und kalt.
Die Luft vor dem Flanellweg war so frisch, dass der Atem kleine Wolken machte, der Garten war von einer dünnen Eisschicht überzogen, Mähschaf stand still im Terrassenhafen und hatte den Betrieb auf „nuja“ umgeschaltet.

Odin zog sich seinen Schal zurecht und machte sich früh auf den Weg in die Stadt.
Im Haus schliefen die meisten noch; nur Mozart hatte aus dem Sessel heraus ein leises „Grüß Björn“ hinterhergerufen.

Die Hauptstraße roch nach Kälte und ein bisschen nach Kaffee.
Die Bäckerei des Biber-Bäckers strahlte warmes Licht auf den Gehweg. Als Odin die Tür öffnete, läutete die Glocke, und ihm schlug der Duft von frischem Brot und Torte entgegen.

Björn, der Bäcker-Biber, wischte sich gerade Mehl von der Schürze.
„Guten Morgen, Odin! Wieder auf Tortenmission?“

„Für den Nachmittag“, nickte Odin. „Etwas mit Obst wäre schön. Es ist kalt, aber die Seele darf fruchtig bleiben.“

Björn lachte und packte ein großes Stück gedeckten Apfelkuchen und eine beerige Torte ein.


Neuigkeiten zwischen Tortenstücken

Während er ein wenig auf die Verpackung achtete, beugte sich der Biber leicht über die Theke.
„Hast du schon gehört? Die Mäuse sind zurück.“

„Welche Mäuse?“ fragte Odin.

„Na, die mit dem Käseladen. Mäuse-Ehepaar, kleine Seitenstraße hinter dem Park. Die hatten im Herbst Renovierungspause – alles neu gemacht, andere Regale, neue Käse. Heute ist erste Woche wieder richtig offen.“

Odin hob die Augenbrauen.
„Käseladen, sagst du?“

„Mit allem“, schwärmte Björn. „Weichkäse, Hartkäse, Ziegenkäse… und sie haben jetzt eine Ecke nur für Raclette und Fondue. ‚Winterzone‘ nennen sie das.“

Das Wort „Raclette“ setzte sich bei Odin sofort fest.
Er sah kurz in Gedanken den großen Tisch im Wohnzimmer, den Kamin, die Tiere, die sich über dampfende Pfännchen beugen.

„Ich glaube“, sagte er ruhig, „ich mache noch eine kleine Runde, bevor ich heimgehe.“

Er bezahlte, packte die Tortenbox in seine Tasche und zog den Schal etwas höher. Der Tag hatte plötzlich ein klares Thema.


Im Käseladen der Mäuse

Der Käseladen lag tatsächlich ein Stück abseits, in einer Seitenstraße, in der sich der Frost in den Pflasterfugen sammelte. Über der Tür hing ein neues Schild: „Maus & Maus – Käse & mehr“.

Als Odin eintrat, klingelte eine leise Glocke.
Drinnen war es warm, und die Luft war dicht von Käsegerüchen – nussig, mild, kräftig, alles durcheinander, aber erstaunlich harmonisch.

Hinter der Theke standen zwei Mäuse: ein Ehepaar, beide mit kleinen Schürzen.
„Grüezi“, sagte die eine und lachte. „Verzeih, alte Gewohnheit. Guten Morgen!“
„Willkommen bei Maus & Maus“, ergänzte der andere. „Was kann’s denn sein?“

Odin ließ den Blick über die Theke wandern.
„Ich hörte etwas von… Raclette.“

Die Mäuse strahlten.
„Da sind Sie richtig“, sagte die erste. „Wir haben original Schweizer Raclette. Mild, würzig, und eine etwas kräftigere Sorte, wenn es der Abend verträgt.“

Sie legten ihm ein paar Stücke auf ein Brett, ließen ihn riechen, erklärten Reifegrade und Konsistenz, als wäre es eine kleine Wissenschaft.

„Ich nehme eine Mischung“, entschied Odin. „Wir sind viele am Tisch. Und wir haben einen Kamin – das verpflichtet zu Genuss.“

Die Mäuse packten den Käse sorgfältig ein, mit einem kleinen Etikett: „Raclette – für einen warmen Abend“.
„Grüßen Sie den Flanellweg“, sagte der Mäusemann zum Abschied. „Wir hören manchmal das Mähschaf bis hierher.“

Odin nickte, bedankte sich, und machte sich mit Torte und Käse auf den Weg zurück durch die kalte Stadt.


Nachmittagskaffee und eine Überraschung

Am Nachmittag war das Wohnzimmer im Flanellweg ein Postkartenmotiv:
Kaminfeuer, Decken, ein niedriger Tisch, auf dem schon Teller und Tassen standen. Uschi brachte eine große Kanne Kaffee, Lara steuerte eine Kanne Tee bei, die nach Orange und Wintergewürzen duftete.

Odin stellte die Tortenbox auf den Tisch.
„Gruß vom Bäcker-Biber“, sagte er. „Apfelkuchen und Beeren. Für die innere Farbbalance.“

Sie verteilten die Stücke. Der erste Bissen sorgte für allgemeines, sehr zufriedenes Schweigen.
Das Känguru lehnte sich zurück.
„Man merkt, dass Björn seinen Beruf als gesellschaftliche Aufgabe versteht.“

Erst, als die Teller fast leer waren, räusperte sich Odin leicht.
„Nebenbei“, begann er, „war ich noch woanders.“

Alle blickten auf.
„Wo?“ fragte Waschbär.
„Bei Maus & Maus, dem Käseladen. Sie sind zurück aus der Herbstpause. Und weil es heute so kalt ist…“ – er holte das Paket hervor – „…habe ich Raclette mitgebracht. Original Schweiz. Für heute Abend.“

Ein murmelndes „Oh“ ging durch das Zimmer.
Kroko setzte seine Tasse ab.
„Dann machen wir den großen Raclettegrill“, entschied er sofort. „Kartoffeln, Baguette, ein bisschen Gemüse…“

Er stockte.
„Schinken habe ich nicht mehr. Der ist beim Wintergrillen draufgegangen.“


Ein kurzer Anruf bei Wolf

Odin zog seelenruhig sein Handy aus der Tasche.
„Dann fragen wir jemanden, der beruflich Vorräte hat.“

Er wählte eine Nummer.
„Metzgerei Wolf, guten Tag“, meldete sich kurz darauf die vertraute Stimme.

„Hier ist Odin“, sagte der Tiger. „Spontanfrage: Wir haben Raclette, aber keinen Schinken mehr. Hast du etwas, das du uns zurücklegen kannst?“

Am anderen Ende klang ein freundliches Lachen.
„Für Raclette ist immer Platz im Plan. Ich schneide dir ein paar schöne Scheiben, etwas geräuchert, etwas mild. Ich mache gleich zu, aber für Kroko mach ich später noch mal kurz auf. Sag ihm, er soll einfach klopfen.“

„Das wird ihn sehr glücklich machen“, meinte Odin.

Wenig später zog Kroko sich Mütze und Schal an.
„Für sowas geh ich sogar noch mal in die Kälte“, brummte er gut gelaunt.

Am späten Nachmittag kam er zurück, leicht rot an der Schnauze von der Kälte, aber mit einer ordentlich verpackten Portion Schinken.
„Wolf lässt grüßen“, sagte er. „Er meinte, Käse braucht Gesellschaft.“


Racletteabend im Kaminlicht

Als draußen die Dämmerung in Nacht überging, wurde der große Tisch im Wohnzimmer zum Zentrum des Hauses.
Der Raclettegrill stand in der Mitte, Kabel ordentlich verlegt, damit niemand stolperte. Kroko hatte Kartoffeln vorgekocht, in einer Schüssel dampften sie noch nach. Daneben: Schinken, Baguette vom Bäcker-Biber, Essiggürkchen, Silberzwiebeln, Paprikastreifen, ein paar Pilze.

Uschi hatte eine Schale mit kleinem Blattsalat gemacht, „damit wir uns besser fühlen“, wie sie schmunzelnd erklärte.

Die Küchenkatzen hatten sich vor den Kamin gelegt und beobachteten alles mit halboffenen Augen – zu weit weg, um an den Käse zu kommen, aber nah genug, um jede Bewegung zu registrieren. Elise stand in ihrer neuen Ecke und summte kurz, als würde sie sich auf die Krümel des Abends vorbereiten.

Jeder bekam ein Pfännchen.
Kroko verteilte die ersten Käsewürfel, Uschi legte ein paar Kartoffelscheiben hinein, das Känguru experimentierte mit Paprika und Schinken, der Hai arrangierte seinen Inhalt so strukturiert, als würde er ein Diagramm bauen.

Der Duft, der bald aus den Pfännchen stieg, war schwer zu beschreiben und einfach richtig: geschmolzener Käse, ein Hauch Rauch vom Schinken, warme Kartoffeln, Brot, das am Rand leicht knusprig wurde.

Mozart bekam ein Glas Rotwein eingeschenkt, Odin ebenfalls, der Hai blieb bei Tee, aber aus einem Rotweinglas, „wegen der Ästhetik“.

Sie aßen langsam, Pfännchen für Pfännchen.
Es wurde gelacht, diskutiert, geschwiegen, nachgelegt. Der Kamin brannte ruhig, draußen war nur noch Dunkelheit und Frost, der an den Scheiben glänzte.

„Das ist“, sagte das Känguru nach einer Weile, „eine sehr gelungene Antwort auf den Winter.“
„Und eine kluge Verwendung von Netzwerkpflege“, ergänzte der Hai. „Bäcker, Metzger, Mäuse – alles arbeitet zusammen.“


Mozarts Satz des Tages

Später, als der Käse knapp, aber die Zufriedenheit groß war, lehnte sich Mozart im Sessel zurück.
Auf dem Tisch standen nur noch ein paar Gürkchen und ein Stück Brot, der Rotwein schimmerte dunkel im Glas, der Raclettegrill war abgeschaltet, strahlte aber noch Restwärme aus.

Tigerlein hatte sein Mikrofon griffbereit.
„Mozart“, fragte er, „Satz des Tages?“

Der Bär sah einen Moment auf den Käse, dann zum Kamin, dann zu Odin, der noch ein wenig Raclettepapier zusammenfaltete.

Er sagte:

„Manchmal braucht es nur

einen Bäcker, einen Metzger

und ein Mäusepaar mit Käse,

damit ein kalter Samstagabend zeigt:

Die Welt draußen kann frieren –

wir schmelzen uns unsere Wärme selbst.“