1) Fundstück aus Pappe und Zeit
Der Freitag war ruhig, und Odin hatte einen von diesen seltenen Momenten, in denen er etwas sucht, ohne zu wissen, dass er es sucht. In seiner Einliegerwohnung unten stand eine Kiste, alt, leicht eingedrückt, beschriftet nur mit einem verblassten „Diverses“.
Er hob den Deckel, wühlte ein wenig – und hielt plötzlich ein Kartenspiel in der Pfote. Abgegriffen, weich an den Kanten, mit einem Geruch nach Keller und Wohnzimmerabenden.
Odin lächelte. „Ach.“
Er brachte die Karten nach oben, legte sie auf den Küchentisch und sagte: „Heute wird gespielt.“
Der Hai hob sofort den Kopf. „Welche Spielvariante?“
Odin sah ihn an. „Mehrere.“
Der Hai wirkte gleichzeitig interessiert und beunruhigt. „Mehrere? Das ist… unübersichtlich.“
„Es ist Freitag“, sagte Odin. „Freitag darf unübersichtlich sein.“
2) Mau Mau mit dem Waschbär: Drama in kleinen Karten
Als Erster klebte Waschbär an den Karten wie eine Katze an einem Sonnenfleck. „Oh! Spielkarten! Das ist… analoges Chaos!“
Odin setzte sich ihm gegenüber, mischte ruhig, verteilte, und sagte: „Mau Mau.“
„Perfekt“, rief Waschbär. „Das kann ich mit Gefühl spielen.“
Und genau das tat er. Jede Karte wurde kommentiert, als wäre sie ein kleiner Theaterauftritt.
„Eine Sieben“, sagte Waschbär feierlich und legte sie hin, als würde er einen Fluch aussprechen. „Zieh zwei – und zieh sie mit Würde!“
Odin zog zwei, ohne Miene. „Würde ist optional“, sagte er trocken.
Waschbär spielte Herz, Karo, Pik wie Stimmungen. Er jubelte bei jeder passenden Karte und stöhnte über jede Hand, als hätte das Schicksal persönlich gemischt.
„Du bist wirklich… emotional kompetitiv“, bemerkte Lara vom Radio aus.
„Das ist Kunst“, sagte Waschbär.
Odin nickte. „Und trotzdem verlierst du gleich.“
Waschbär verlor tatsächlich – aber mit so viel Stil, dass es sich anfühlte wie ein Sieg in einer anderen Kategorie. Er verbeugte sich. „Ich akzeptiere diese Niederlage als dramaturgisch sinnvoll.“
3) Rommé mit Stinkerle: Kombinatorik und Bastelhirn
Nach dem Mau Mau kam Stinkerle dazu, mit diesem Blick, der bei ihm immer bedeutet: Ich mag Systeme, solange ich sie anfassen kann.
„Was spielen wir?“, fragte er.
Odin sortierte die Karten. „Rommé.“
Stinkerle wurde sofort ernst. Nicht Hai-ernst, eher Werkstatt-ernst. Er legte Karten aus, schob Reihen, bildete Gruppen, überlegte in Mustern. Man sah: Rommé war für ihn wie ein kleines technisches Problem, nur ohne Schrauben.
„Das ist wie… Teile sortieren“, murmelte Stinkerle zufrieden.
„Ja“, sagte Odin. „Nur dass die Teile dich ärgern dürfen.“
Stinkerle ärgerte sich genau einmal – als Odin ihm eine Reihe wegschnappte, die perfekt in Stinkerles Kopf gepasst hatte.
„Du bist unfair“, sagte Stinkerle.
Odin lächelte minimal. „Ich bin alt.“
Sie spielten mehrere Runden, und irgendwann saßen beide da, Kartenfächer in der Pfote, und es war diese stille Freude im Raum, die entsteht, wenn man gemeinsam konzentriert ist, ohne dass es anstrengend wird.
Waschbär schaute kurz rein, sah die Stille und flüsterte: „Das ist euch zu wenig Chaos.“
„Das ist uns genau richtig“, sagte Odin.
4) Vorbereitung auf den Abend: Der Hai will Regeln
Am späten Nachmittag merkte der Hai, dass „Spieltag“ sich nicht auf Mau Mau und Rommé beschränken würde. Er rückte sein Klemmbrett näher und fragte sehr sachlich:
„Steht Skat im Raum?“
Odin nickte. „Wenn du willst.“
„Ich will“, sagte der Hai. Und das klang wie ein Antrag.
Skat war für den Hai nicht nur ein Spiel. Es war Ordnung mit Risiko. Regeln, Trumpf, Stichzwang – eine Welt, in der man sich emotional aufregen kann, ohne unprofessionell zu wirken.
Kroko brummte, dass er „bei Kartenspielen meistens nur den Tisch hält“, kam aber trotzdem dazu, weil Skat-Abende im Flanellweg mittlerweile fast so ritualisiert waren wie Raclette.
Mozart setzte sich in den Sessel und erklärte, dass er „zuschaut und kommentiert“, was bei Mozart bedeutete: Er wird das Spiel wie ein Gedicht lesen.
Tigerlein wollte aufnehmen, ließ es dann aber – Skat war eines dieser Dinge, die besser im Moment bleiben.
5) Skat am Abend: Ritual, Spannung und ein bisschen Triumph
Als es dunkel wurde, knisterte der Kamin, die Tassen standen bereit, und Odin mischte.
Der Hai saß gerade wie ein kleiner Beamter vor einer Prüfung. Odin dagegen wirkte wie immer: ruhig, wach, leicht amüsiert. Und Kroko… Kroko wirkte, als würde er Skat als „Energieverbrauch“ akzeptieren, solange es Snacks gibt.
„Reizen“, sagte Odin.
Der Hai reizte sofort präzise, ein bisschen zu schnell, als hätte er die Zahlen schon im Kopf sortiert.
„Du bist nervös“, bemerkte Mozart mild.
„Ich bin vorbereitet“, sagte der Hai.
Es wurde gespielt. Stiche fielen. Trumpf stach. Der Hai murmelte einmal „unwahrscheinlich“, als Odin genau die Karte zog, die dem Hai weh tat.
Waschbär saß daneben und verstand nur die Hälfte, aber genug, um zu sehen, wann Spannung im Raum war. Er kommentierte das Spiel wie ein Sportreporter, bis der Hai ihn mit einem Blick stoppte, der sagte: Skat ist keine Bühnenshow.
„Skat ist eine stille Schlacht“, sagte Odin.
„Und ich bin Pazifist“, sagte Waschbär – und aß ein Stück Kuchen.
In einer Partie gewann der Hai überraschend sauber. Er legte die letzte Karte hin, sehr korrekt, und sagte mit sichtbarer Zufriedenheit: „Das war… ordentlich.“
In der nächsten Partie gewann Odin – ohne dramatische Gesten, nur mit dieser Ruhe, die sich anfühlt wie ein Schachzug im Kopf. Kroko gewann genau einmal einen Stich, auf den er viel zu stolz war.
„Das war Absicht“, brummte er.
„Natürlich“, sagte Lara.
6) Ein Ende wie ein guter Abend: Karten zurück in die Kiste
Später, als die letzte Runde gespielt war, legte Odin die Karten wieder in die alte Schachtel. Ganz langsam, als würde er sie nicht nur verstauen, sondern dem Tag einen Abschluss geben.
Der Hai sah zu und sagte leise: „Wir sollten die Kiste beschriften.“
Odin hob eine Augenbraue. „Du kannst gern.“
„Ich werde“, sagte der Hai zufrieden.
Uschi kam dazu, brachte noch Tee, sah die Runde an und lächelte. „Ihr wirkt alle… angenehm müde.“
„Das ist Spielmüdigkeit“, erklärte Waschbär. „Sehr hochwertig.“
Die Küchenkatzen schnurrten synchron vor dem Kamin. Minimaler Positionswechsel: noch ein bisschen tiefer eingerollt. Selbst sie schienen zu verstehen, dass ein guter Abend nicht immer laut ist – manchmal raschelt er nur in Karten.
7) Mozarts Satz des Tages
Mozart blickte auf die Kiste mit den Karten und sagte:
„Manche Abende
brauchen keine großen Ereignisse.
Ein paar Karten,
ein warmes Licht
und Menschen, die sich Zeit geben.
Wer spielt,
übt nicht nur Regeln –
er übt Nähe.“