Ein Donnerstag zum Drinnenbleiben
Der Tag begann mit einem Geräusch:
Nicht Regen, nicht Schnee – sondern dieses trockene Knacken, wenn Frost sich in alles setzt. Die Felder vor dem Flanellweg wirkten wie mit Glas überzogen, der Garten war starr, selbst der Kastanienbaum sah beleidigt aus.
„Heute geht keiner raus“, stellte Kroko fest, als er die Terrassentür für einen kurzen Blick öffnete und die Kälte wie eine Wand hereinkroch.
Uschi nickte, zog den Bademantel enger.
„Draußen ist ein Nein“, sagte sie. „Drinnen ist ein Ja.“
Also sammelten sich nach und nach alle im Wohnzimmer.
Der Kamin brannte schon, dank Odin, der wie üblich früh geschürt hatte. Decken lagen bereit, auf dem Couchtisch stand eine erste, fast unauffällige Dose Plätzchen. Die Küchenkatzen hatten sich an den Rand des Teppichs gelegt, die Schwänze eingerollt, und selbst Mähschaf blieb im Terrassenhafen im Energiesparmodus.
Besonders auffällig: der große weiße Tiger aus dem Büro.
Er saß in einem Sessel, den man sonst nur aus der Entfernung kannte, mit einer Tasse Tee in der Pfote, als sei das die normalste Sache der Welt.
„Heute ist General-Innenrevision“, murmelte das Känguru. „Selbst die seltenen Gestalten sind anwesend.“
Kaminrunde und die Frage nach dem Schachgenie
Der Hai hatte natürlich sein Klemmbrett dabei – aber statt Plätzchenlisten standen heute nur drei Worte oben: Tee, Kekse, Schach.
Auf dem Wohnzimmertisch lag ein Schachbrett, die Figuren ordentlich sortiert in zwei Reihen.
„Strategisches Denken“, begann der Hai, „ist eine Frage der Struktur. Daher liegt es nahe, dass ich im Haus das stärkste Schachprofil habe.“
Der weiße Tiger hob eine Augenbraue.
„Ich verwalte Finanzen, Versicherungen und langfristige Planungen“, entgegnete er ruhig. „Ich denke in Jahrzehnten. Schach ist nur ein kleiner Ausschnitt davon.“
Das Känguru sah von seiner Decke auf.
„Ihr diskutiert hier ernsthaft über König-Figur-Schieberei, während der Winter versucht, uns in den Autoritarismus zu frieren?“
Mozart, der im Sessel am Fenster saß, lächelte nur leicht.
„Vielleicht“, meinte er, „ist der beste Schachspieler derjenige, der gar nicht laut fragt, ob er der beste ist.“
Der Hai und der Tiger warfen ihm einen Blick zu, in dem sowohl Respekt als auch leichte Herausforderung lagen.
„Spielen wir“, entschied der Hai. „Erst Tiger gegen mich. Mozart kommentiert. Danach sehen wir weiter.“
Die große Partie
Sie rückten einen kleinen Beistelltisch näher an den Kamin.
Der weiße Tiger nahm Platz auf der einen Seite, der Hai auf der anderen. Dazwischen: das Schachbrett, das in flackerndem Kaminlicht beinahe theatralisch wirkte.
„Weiß oder Schwarz?“ fragte der Tiger.
„Weiß“, entschied der Hai. „Ich eröffne gern strukturiert.“
Die ersten Züge waren ruhig, fast höflich. Bauern, Springer, Leichtfiguren – ein vorsichtiges Abtasten. Um sie herum sammelten sich nach und nach Zuschauer: Waschbär, Känguru, Uschi mit einer Teekanne, Tigerlein mit Mikrofon (auf „nur Aufnahme für später“ gestellt).
Mozart saß etwas abseits, sah dem Spiel zu, aber mehr noch den beiden Spielern.
„Er macht gleich einen Fehler auf der C-Linie“, murmelte er irgendwann leise, mehr zu sich als zu den anderen.
„Wer?“ fragte Waschbär.
Mozart lächelte.
„Das Schöne ist, dass ihr es gleich selbst seht.“
Drei Züge später tat der Hai tatsächlich etwas, was er später „eine unzureichend durchgerechnete Variante“ nennen würde.
Der weiße Tiger packte zu: eine Figur, dann eine zweite, ein sauberer Angriff am Rand.
„Ui“, machte das Känguru. „Da bröckelt die Bürokratie.“
Der Hai kämpfte sich zurück, blockte, konterte mit einem Turm, opferte einen Läufer. Es wurde still im Wohnzimmer, nur das Knistern des Kaminfeuers und gelegentliche Tellergeräusche von Plätzchen, die „zur Nervennahrung“ dienten.
Am Ende stand der weiße Tiger knapp besser.
„Noch drei Züge“, sagte Mozart sanft. „Dann ist der König müde.“
Er hatte Recht. Drei Züge später war die Stellung nicht mehr zu halten.
„Gut gespielt“, sagte der Hai ehrlich. „Ich werde das analysieren.“
Der Tiger nickte respektvoll.
„Du warst gefährlicher, als es aussah.“
„Und der beste Spieler?“ fragte das Känguru in die Runde.
Mozart sah zum Brett, dann in die Flammen.
„Der beste Spieler“, sagte er, „ist im Moment eindeutig der Kamin. Er hat uns alle dazu gebracht, hier zu sitzen und nachzudenken.“
Waschbär entdeckt Dame und Mühle
Während das Rematch zwischen Hai und Tiger nur in Form von Debatten über Varianten stattfand, hatte der Waschbär das Schachbrett längst zur Seite gedreht. In einer Schublade unter dem Wohnzimmertisch hatte er etwas entdeckt: ein altes Spielbrett mit Kreisen und Linien – Mühle – und ein Set runder Steine in zwei Farben.
„Das da“, meinte er, „ist mehr meine Liga. Knappe Regeln, klares Muster, viel Platz für Chaos.“
Uschi setzte sich zu ihm, Tigerlein legte das Mikrofon mal weg.
Sie spielten zuerst Dame – die vereinfachte Variante mit diagonalem Schlagen – und lachten, als Waschbär in beeindruckendem Tempo versuchte, seine Steine zu „künstlerisch“ anzuordnen und völlig vergaß, dass man auch gewinnen kann.
„Ich nenne das expressive Dame“, erklärte er.
Bei Mühle wurde es strukturierter.
Drei in einer Reihe – so schwierig konnte das nicht sein.
„Das ist wie Plätzchen auf ein Blech legen“, sagte Uschi. „Nur ohne Zucker.“
Im Hintergrund diskutierten Hai und weißer Tiger Endspielvarianten, vorn auf dem Teppich lachten Waschbär und Uschi über beinahe-Mühlen und unklare Züge. Es war, als hätte das Wohnzimmer mehrere Ebenen von Strategie – von hochkomplex bis herrlich schlicht.
Zu viele Plätzchen, genau genug Wärme
Je später es wurde, desto tiefer sanken die Plätzchenstände. Vanillekipferl, Spritzgebäck, Marmeladenplätzchen – alles fand nach und nach den Weg auf Teller, in Pfoten und in zufriedenes Schweigen.
Uschi schenkte Tee nach, Kroko zog sich einen Espresso aus dem Vollautomaten („für die Endspielphase des Tages“), der Hai machte nur noch halbherzige Notizen.
Die Küchenkatzen lagen gestreckt in Kaminnähe und rührten sich nur, wenn jemand versehentlich Krümel in ihre Richtung schob.
Draußen war die Kälte so dicht, dass man sie fast sehen konnte. Drinnen war es weich: Decken, Licht, Stimmen, ein Schachbrett, ein Mühlespiel, ein Haus voller Figuren, die alle irgendwie ihren Platz gefunden hatten.
Tigerlein nahm das Mikrofon wieder zur Pfote.
„Mozart“, fragte er leise, „hast du einen Satz des Tages?“
Der Bär sah einen Moment lang auf das Schachbrett, das nun verlassen vor dem Kamin stand, dann auf den Mühleplan mit seinen Steinchen, dann auf die Teller, auf denen nur noch ein paar vereinzelte Plätzchen lagen.
Er lächelte und sagte:
„Manche spielen Schach,
andere Dame oder Mühle –
am Ende ziehen wir doch alle
nur näher ans Feuer,
um die gleichen Plätzchen zu teilen.“