21. November 2025 Sonnig Winter 5 min

Uschi und die verschwundenen Ausstechförmchen

Uschi und die verschwundenen Ausstechförmchen

Ein freitäglicher Plätzchenplan

Der Freitag im Flanellweg begann mit einem Schubser in Richtung Wochenende.
Draußen war es trocken, aber grau; drinnen in der Küche roch es noch leise nach den Makronen der Küchenkatzen. Uschi stellte eine Schüssel auf den Tisch, band sich die Schürze um und setzte ihre Blume im Haar gerade.

„Heute“, verkündete sie, „machen wir Ausstechplätzchen. Klassisch. Mit Marmelade dazwischen.“
Der Hai hob den Kopf vom Klemmbrett.
„Projekt: Doppeldecker-Marmeladenplätzchen. Notiert.“

Kroko schaltete automatisch den Ofen ein.
„Der denkt schon, es ist wieder Plätzchentag“, brummte er zufrieden.

Uschi ging zur Küchenschublade, in der seit Jahren, zuverlässig, die Ausstechförmchen wohnten. Sterne, Herzen, Monde, Tannenbäume – ein kleines Zinn-Universum.

Sie zog die Schublade auf.
Leere. Nur ein verirrter Flaschenverschluss und ein Gummiband lagen darin.

„…Huch.“


Das große Förmchen-Rätsel

„Hai?“ rief Uschi. „Hast du die Ausstecher umgeräumt?“
Der Hai kam sofort heran, als ginge es um eine Steuerprüfung.
Er sah in die Schublade, dann in seine Listen.
„Lagerort: zweite Schublade rechts. Anzahl: 23. Aktueller Bestand: null.“
Er klappte das Klemmbrett zu. „Wir haben einen Bestandskonflikt.“

Das Känguru stützte sich mit den Ellenbogen auf die Arbeitsplatte.
„Vielleicht sind sie in den Untergrund gegangen. Organisierte Förmchenbewegung.“

„Sehr witzig“, seufzte Uschi. „Wir brauchen sie. Der Teig wartet doch schon im Kopf.“

Waschbär kam pfeifend in die Küche, ein bisschen Glitzer im Fell, als hätte er sich mit einer Bastelkiste geprügelt.
„Guten Morgen, ihr Backrevolutionäre! Warum blickt ihr, als sei der Ofen explodiert?“

„Die Ausstechförmchen sind weg“, sagte der Hai.
Waschbärs Blick glitt kurz zur Decke, dann zur Seite.
„Interessant.“

Uschi verengte die Augen.
„Waschbär…?“


Kunst am Haken

Zehn Minuten später standen sie zu viert im Flur – vor der Treppe, direkt unter der Lampe.
Dort hing seit gestern Abend eine neue „Installation“: ein kreisförmiges Mobile aus glänzenden Metallformen, kunstvoll an Fäden befestigt, drehend im Luftzug. Sterne, Monde, Herzen, Tannenbäume – sie glitzerten im Lampenlicht.

„Tadaaa“, sagte der Waschbär, nicht ohne Stolz. „‚Kosmos der Möglichkeiten‘. Mein neues Werk.“

Uschi legte den Kopf schief.
„Das sind unsere Ausstechförmchen.“

„Das waren eure Ausstechförmchen“, korrigierte der Waschbär sanft. „Jetzt sind sie freie Formen im Raum. Kunst. Konzeptuell.“

Das Känguru prustete.
„Konzeptuell kann man schlecht Plätzchen ausstechen.“

Der Hai nahm einen Ausdruck an, den man nur als internes Alarmprotokoll beschreiben konnte.
„Wir könnten das Mobile vorsichtig demontieren.“

Waschbär biss sich auf die Lippe.
„Wenn wir es ein bisschen hängen lassen dürfen, baue ich neue Förmchen. Oder helfe Stinkerle. Und für heute… improvisieren wir. Es soll ja nach Oma schmecken, nicht nach Perfektion.“

Uschi atmete einmal tief durch. Das Mobile drehte sich leise und war tatsächlich hübsch.
„Na gut“, seufzte sie. „Heute improvisieren wir. Aber bis Weihnachten brauche ich wieder Sterne.“


Werkstattideen mit Stinkerle

Im Keller, im Werkraum, leuchtete bald die Arbeitslampe auf.
Stinkerle zog ein paar dünne Metallstreifen hervor, die er eigentlich für „Projekt: unbekannte Zukunftsapparatur“ aufheben wollte.

„Wir können einfache Formen machen“, erklärte er. „Rund, vielleicht ein Herz. Ohne zu viel Schnörkel.“
Waschbär skizzierte mit einem Bleistift kleine Umrisse auf einem Kartonrest.
„Schau, so ein Zweidrittel-Mond. Und ein schlichtes Blatt.“

Sie bogen, hämmerten leicht, löteten vorsichtig. Es wurde nichts Spektakuläres, aber brauchbar: ein Herz, ein Blatt und ein etwas unentschiedener Halbmond, der dennoch Charme hatte.

„Für später“, sagte Stinkerle zufrieden. „Das Kunst-Mobil bleibt, und wir haben wieder Werkzeug.“
Waschbär grinste.
„Doppelte Kulturförderung.“

Mit den provisorischen Förmchen unter dem Arm liefen sie zurück in die Küche.


Plätzchen wie bei Oma

Uschi hatte den Teig inzwischen fertig: buttrig, glatt, leicht glänzend.
„Gut“, sagte sie. „Wir machen es wie früher. Runde Plätzchen mit Marmelade. Hat meine Oma auch so gemacht – mit einem Glas.“

Sie stellte ein schlichtes Wasserglas auf den Tisch.
„Das hier ist unser Universal-Ausstecher. Es braucht nicht viel.“

Der Hai beobachtete das skeptisch.
„Durchmesserstandardisierung… interessant.“

Sie rollten den Teig aus. Uschi stach mit dem Glas Kreise aus, Waschbär testete zwischendurch die neuen Förmchen von Stinkerle – ein paar Herzen, ein paar Blätter, der schiefe Halbmond für experimentelle Esser*innen.

Das Känguru beschriftete mit Filzstift ein Blatt Papier:
„Freitags-Kreise – solidarisch rund“.
Lara ließ im Radio dazu leise nostalgische Musik laufen, als hätte sie das Wort „Oma“ gehört.

Nach dem Backen und Abkühlen kam der Marmeladenteil:
Apfelgelee aus eigenem Garten, rote Johannisbeermarmelade aus dem Vorratskeller. Jeweils ein Klecks auf einen Kreis, ein zweiter Kreis oben drauf – fertig waren kleine, unaufgeregte, sehr einladende Doppeldecker.

„Sie sehen unscheinbar aus“, stellte der Hai fest.
„So fängt es immer an“, meinte Uschi. „Der Rest ist Geschmack.“


Abend, Teller, Kamin – und der Satz des Tages

Am Abend stand ein großer Teller dieser schlichten, runden Plätzchen auf dem Couchtisch im Wohnzimmer. Daneben ein paar Herzen und Blätter aus Stinkerles neuen Förmchen. Der Kamin verbreitete warmes Licht, die Küchenkatzen lagen wieder wie selbstverständlich auf dem Teppichrand und taten so, als seien sie nie nachtaktiv.

Die Tiere probierten.
Die Plätzchen waren zart, mürbe, mit einer süß-säuerlichen Marmeladenschicht dazwischen, die ein bisschen klebte und genau das richtige Maß an Kindheitsgefühl mitbrachte.

„Die sind… gefährlich gut“, murmelte Kroko nach dem dritten.
„Gefährlich schlicht“, ergänzte das Känguru. „So was mag das Volk.“

Der Hai nickte langsam.
„Notiz: Tradition ist nicht zwingend ineffizient.“

Mozart nahm einen der schlichten Kreise, betrachtete ihn kurz, dann Uschi.
„Deine Oma hätte sie gemocht“, sagte er leise.

Tigerlein hob sein Mikrofon.
„Mozart, Satz des Tages?“

Der Bär lehnte sich zurück, hörte dem Kamin zu und sprach dann:

„Nicht jede Form braucht einen Stern,

um zu leuchten.

Manchmal reicht ein runder Teigkreis

und ein Löffel Erinnerung dazwischen.“