10. Oktober 2026 Nebel Herbst 7 min

Der dunkle Samstagmorgen

Der dunkle Samstagmorgen

1) Es wird einfach nicht hell

Am Samstagmorgen war es draußen nicht richtig dunkel.

Aber hell war es auch nicht.

Der Himmel hing tief.

Nebel lag über dem Garten.

Feiner Regen zog schräg an den Fenstern vorbei.

Das Gras glänzte nass.

Der Apfelbaum war nur halb deutlich zu erkennen.

Selbst die Lichterketten wirkten, obwohl sie längst ausgeschaltet waren, als fehlten sie dem Garten.

Im Haus war es still.

Sehr still.

Der erste, der wirklich wach wurde, war vermutlich der Hai.

Aber selbst er blieb noch liegen.

Das allein war bemerkenswert.


2) Mozart im Morgenmantel

Gegen halb zehn schlurfte Mozart ins Wohnzimmer.

Er trug seinen alten Morgenmantel.

Dunkel.

Weich.

Ein wenig ausgeleiert.

Offenbar seit sehr langer Zeit im Einsatz.

Waschbär saß bereits auf dem Sofa, halb unter einer Decke.

„Schöner Mantel.“

Mozart sah an sich herunter.

„Der ist alt.“

„Wie alt?“

Mozart dachte kurz nach.

„Sehr.“

Der Hai kam vorbei.

Öffnete den Mund.

Mozart hob eine Pfote.

„Nein.“

Der Hai schloss ihn wieder.

Das war für einen Samstagmorgen erstaunlich effizient.


3) Frühstück ohne Anfang und Ende

In der Küche stand Kaffee.

Tee.

Brot.

Butter.

Marmelade.

Käse.

Ein paar Eier.

Etwas Obst.

Eigentlich ein ganz normales Frühstück.

Nur begann es nicht gemeinsam.

Odin kam um Viertel nach zehn.

Lara kurz danach.

Uschi um halb elf.

Stinkerle irgendwann, als die erste Kanne Kaffee schon fast leer war.

Das Känguru erschien mit zerzaustem Fell.

„Ist noch Frühstück?“

Kroko sah auf die Uhr.

„Fast Mittag.“

„Dann Brunch.“

Der Hai wollte widersprechen.

Tat es aber nicht.


4) Selbst der Hai gibt auf

Der Hai saß mit einer Tasse am Tisch.

Vor ihm lag nichts.

Kein Tablet.

Keine Liste.

Keine Unterlagen.

Der weiße Tiger sah ihn an.

„Alles in Ordnung?“

„Ja.“

„Du arbeitest nicht.“

„Nein.“

Kurze Pause.

„Freiwillig?“

Der Hai sah zum Fenster.

Nebel.

Regen.

Kaum Licht.

Dann sagte er:

„Heute lohnt sich Effizienz nicht.“

Stinkerle grinste.

„Das schreibe ich mir auf.“

Der Hai schüttelte den Kopf.

„Einmalige Ausnahme.“


5) Waschbär beobachtet das Nichts

Waschbär hatte sich ans Fenster gesetzt.

Nicht mit Fernglas.

Nicht mit Notizblock.

Einfach so.

Draußen passierte nichts.

Genau deshalb sah er lange hin.

„Man sieht kaum das Ende vom Garten.“

Lara setzte sich neben ihn.

„Schön, oder?“

Waschbär nickte.

„Ein bisschen wie die Welt nur bis zum Zaun.“

„C’est la vie.“

„Was hat das damit zu tun?“

Lara lächelte.

„Nichts.“

Waschbär akzeptierte das.


6) Der Kamin wird früh angezündet

Noch vor elf sagte Uschi:

„Ich glaube, wir machen Feuer.“

Stinkerle nickte.

Odin holte Holz.

Der Hai sagte nichts zu Feuchtigkeit, Lagerung oder Luftzufuhr.

Fast nichts.

Nur:

„Das Holz von Stapel B ist trockener.“

Odin nahm Holz von Stapel B.

Damit war das Thema erledigt.

Wenig später knackte das erste Feuer.

Die Küchenkatzen bemerkten es sofort.

Minimaler Positionswechsel:

sehr deutlich.

Innerhalb weniger Minuten lagen alle näher am Kamin.


7) Comfort Food statt Plan

Kroko sah irgendwann in den Kühlschrank.

Dann in den Vorrat.

Dann in einen Topf.

Niemand fragte ihn, was es geben würde.

Heute war nicht der Tag für Menüs.

Er machte etwas Warmes.

Cremiges Kartoffelpüree.

Dunkle Sauce.

Gebratene Zwiebeln.

Ein paar Würstchen.

Dazu Gemüse.

Später noch eine dicke Suppe aus Resten und etwas Brot.

Einfach.

Kräftig.

Warm.

Waschbär nahm den ersten Bissen.

„Das ist gutes Wetteressen.“

Kroko nickte.

„Ja.“


8) Der Mittag kommt unbemerkt

Niemand bemerkte genau, wann Frühstück zu Mittag wurde.

Irgendwann standen noch Marmelade und Kaffee auf dem Tisch.

Daneben aber schon Suppe.

Mozart hatte sein zweites Heißgetränk.

Lara ihr drittes.

Das Känguru hatte sich wieder auf das Sofa gelegt.

Der Hai sagte:

„Eigentlich ist das zeitlich nicht mehr eindeutig.“

Der weiße Tiger antwortete:

„Dann lass es.“

Der Hai sah ihn an.

Dann nickte er.

Wieder ein außergewöhnlicher Tag.


9) Alte Decken, warme Socken

Uschi verteilte Decken.

Lara nahm gleich zwei.

Mozart blieb im Morgenmantel.

Waschbär wickelte sich so tief ein, dass nur noch der Kopf herausguckte.

Stinkerle zog dicke Socken an.

Odin saß einfach da und trank Kaffee.

Das Känguru sagte:

„Der Mensch hat offenbar Jahrtausende Zivilisation aufgebaut, um an solchen Tagen unter Decken zu liegen.“

Der Hai sah es an.

„Das ist historisch verkürzt.“

„Aber emotional richtig.“

Mozart nickte.

„Sehr.“


10) Niemand will raus

Gegen Nachmittag fragte Waschbär:

„Sollten wir spazieren gehen?“

Alle sahen zum Fenster.

Der Regen war etwas stärker geworden.

Der Nebel dichter.

Odin sagte:

„Nein.“

Lara:

„Nein.“

Uschi:

„Nein.“

Stinkerle:

„Nein.“

Der Hai:

„Nicht notwendig.“

Das Känguru sagte:

„Ich unterstütze kollektive Immobilität.“

Kroko sagte nur:

„Essen bald.“

Damit war die Entscheidung endgültig.


11) Ein Tag ohne Projekt

Am Nachmittag gab es keine Aufgabe.

Das war ungewohnt.

Waschbär malte ein bisschen.

Nicht zielgerichtet.

Ein paar graue Flächen.

Fenster.

Regen.

Licht.

Lara las.

Mozart döste wieder.

Uschi blätterte in einer Zeitschrift.

Der weiße Tiger hatte den Laptop zwar geöffnet, aber nach zehn Minuten wieder geschlossen.

Stinkerle sortierte keine Werkzeuge.

Der Hai organisierte nichts.

Das Känguru schrieb nicht einmal politische Notizen.

Alle machten erstaunlich wenig.

Und niemand störte sich daran.


12) Süßes muss trotzdem sein

Am späten Nachmittag stellte Kroko noch etwas auf den Tisch.

Warmer Grießbrei.

Mit Zimt.

Etwas Apfelkompott aus dem Keller.

Waschbär sah die Schale an.

„Das ist Kindheitsessen.“

Kroko brummte.

Mozart nahm einen Löffel.

„Sehr gut.“

Der weiße Tiger nickte.

„Sehr überzeugend.“

Kroko war zufrieden.

Draußen lief Wasser am Fenster herunter.

Drinnen war es warm.


13) Der Tag wird noch dunkler

Gegen fünf sah es draußen schon nach Abend aus.

Die Lichterketten gingen an.

Warmweiß spiegelte sich im nassen Glas.

Der Garten verschwand fast vollständig im Nebel.

Nur der nächste Bereich war noch zu erkennen.

Waschbär stand am Fenster.

„Jetzt sieht es wirklich aus wie November.“

Der Hai sagte:

„Es ist Oktober.“

„Ich sagte sieht aus.“

„Stimmt.“

Waschbär drehte sich um.

„Du widersprichst heute sehr wenig.“

Der Hai dachte nach.

„Keine Energie.“

Alle lachten.


14) Einfach nur gemütlich

Am Abend gab es noch Brot, Suppe und Reste.

Niemand setzte sich besonders ordentlich an den Tisch.

Einige blieben im Wohnzimmer.

Andere holten sich Schalen.

Lara saß mit beiden Füßen unter der Decke.

Mozart noch immer im Morgenmantel.

Odin lehnte entspannt im Sessel.

Der Kamin war nur noch ruhig am Glühen.

Keine großen Gespräche.

Keine Pläne.

Keine Überraschungen.

Nur Wärme.


15) Ein Tag, an dem nichts fehlen musste

Später war der Regen immer noch da.

Der Nebel auch.

Niemand hatte etwas geschafft, was sich besonders aufzählen ließ.

Keine Termine.

Keine Reparaturen.

Keine Einkäufe.

Keine großen Geschichten.

Und trotzdem ging es allen gut.

Sehr gut sogar.

Mozart nahm schließlich sein Notizbuch.

Noch immer im Morgenmantel.

Und schrieb:

„Manche Tage sind dunkel,
bevor sie überhaupt richtig angefangen haben.

Der Nebel nimmt dem Garten die Ferne,
der Regen nimmt dem Tag die Eile
und irgendwann merkt niemand mehr,
ob gerade Frühstück, Mittag oder schon Abend ist.

Einer schläft,
einer liest,
einer kocht etwas Warmes,
und selbst der Hai lässt die Dinge für einmal
einfach liegen.

Vielleicht braucht ein guter Samstag
manchmal nicht mehr als ein Feuer,
eine Decke,
etwas Comfort Food
und die Gewissheit,
dass heute wirklich niemand irgendwohin muss.“