1) Der Sommer macht Pause
Am Sonntagmorgen sah der Garten aus, als hätte jemand die Helligkeit etwas heruntergedreht.
Der Himmel war vollständig bedeckt. Die Blätter bewegten sich kaum, auf den Terrassenplatten lag noch etwas Feuchtigkeit, und das Thermometer zeigte gerade einmal zwanzig Grad.
Der Hai stand vor seiner Wetterstation.
„Außentemperatur zwanzig Komma drei Grad. Keine Hitzeentwicklung zu erwarten.“
Kroko öffnete die Terrassentür und blieb einen Moment stehen.
„Kühl.“
„Für den Sommer ungewöhnlich mild.“
„Kühl.“
Im Wohnzimmer war es fast ebenso warm wie draußen. Die Klimaanlage blieb ausgeschaltet.
Das Känguru sah zur stillen Inneneinheit.
„Die technische Moderne hat heute frei.“
„Sie muss einfach nicht laufen“, sagte der Hai.
„Auch Maschinen brauchen einen Sonntag.“
Die Küchenkatzen hatten ihren Platz am Teppich verlassen und saßen nun auf der Fensterbank. Minimaler Positionswechsel: näher an das geschlossene Fenster, weil dort heute keine Hitze lauerte.
Waschbär blickte hinaus.
„Kein Pooltag.“
„Man könnte trotzdem schwimmen“, sagte Stinkerle.
Waschbär sah auf den grauen Himmel.
„Theoretisch.“
Niemand ging hinaus.
2) Uschi erklärt den Badetag
Uschi betrachtete das Wetter deutlich zufriedener als die anderen.
„Dann mache ich heute einen richtigen Badetag.“
Lara sah auf. „Mit allem?“
„Mit allem.“
Uschi nahm frische Handtücher, einen Bademantel, mehrere kleine Fläschchen und eine Schachtel mit Nagellack aus dem Schrank.
Waschbär beobachtete die wachsende Sammlung.
„Wie lange dauert das?“
„So lange, wie es dauert.“
Das Känguru hob anerkennend eine Pfote.
„Eine konsequente Verweigerung zeitlicher Verwertungslogik.“
„Sie geht baden“, sagte Kroko.
Uschi verschwand im Badezimmer und schaltete zunächst die große Regendusche ein. Bald hörte man das gleichmäßige Rauschen des Wassers durch den Flur.
Lara stellte ihr noch eine Kanne warmen Tee vor die Tür.
„Falls du später etwas möchtest.“
„Danke!“
Dann wurde die Tür geschlossen.
Für die nächsten Stunden war Uschi nicht zuständig.
3) Ein Haus ohne Plan
Die übrigen Tiere standen eine Weile etwas ratlos im Wohnzimmer.
An heißen Tagen war alles klar: Pool, Schatten, Klimaanlage, kalte Getränke. An sonnigen Tagen gab es Gartenarbeit, Terrasse oder einen Ausflug in den Ort.
Heute war es weder heiß noch wirklich kalt. Nur grau.
Waschbär legte sich auf das Sofa.
„Mir fehlt eine Wetteranweisung.“
Stinkerle saß am Tisch und prüfte eine Schublade.
„Man kann auch drinnen etwas machen.“
„Bauen?“
„Heute nicht.“
Der weiße Tiger hatte seinen Computer geschlossen. Selbst er wollte am Sonntag nicht arbeiten.
Odin saß im Sessel und las. Er schien als Einziger kein Problem mit der Leere des Tages zu haben.
„Was machst du?“, fragte Waschbär.
„Lesen.“
„Und danach?“
Odin blätterte um. „Weiterlesen.“
Das Känguru lag quer über einem Sessel.
„Ein Tag ohne äußere Forderung offenbart die innere Orientierungslosigkeit des modernen Wesens.“
Kroko sah es an. „Du langweilst dich.“
„Auch das.“
4) Karten auf dem großen Tisch
Lara fand schließlich ein altes Kartenspiel im Schrank.
„Wir könnten etwas spielen.“
Der Hai wurde sofort aufmerksam.
„Mit klaren Regeln?“
„Es ist ein Kartenspiel.“
„Welches?“
Am Ende einigten sie sich auf mehrere einfache Runden, damit auch Waschbär teilnehmen konnte, ohne nach jedem Zug eine neue Variante zu erfinden.
Der Hai mischte sehr ordentlich.
„Die Karten müssen vollständig zufällig verteilt werden.“
Das Känguru sah ihm zu.
„Zufall unter kontrollierten Bedingungen.“
„Das ist der Sinn des Mischens.“
Odin setzte sich dazu. Der weiße Tiger ebenfalls.
Schon in der ersten Runde versuchte Waschbär, zwei Karten besonders unauffällig nebeneinanderzuschieben.
Stinkerle sah hin.
„Was machst du?“
„Ich sortiere mein Schicksal.“
„Du tauschst Karten.“
„Dann sortiere ich zu aktiv.“
Der Hai nahm die Karten zurück und verteilte neu.
Das Känguru gewann überraschend die erste Runde und erklärte, dies sei ein Triumph nichtlinearer Strategie.
In der zweiten verlor es deutlich.
„Das System ist fehlerhaft.“
„Die Regeln sind gleich geblieben“, sagte der Hai.
„Dann ist der Zufall parteiisch.“
5) Das Puzzle aus dem Schrank
Während die Kartenrunde weiterging, stöberte Stinkerle in einem unteren Fach und fand eine alte Puzzleschachtel.
Auf dem Deckel war eine Landschaft mit Bergen, See, Wald und einem kleinen roten Haus zu sehen.
„Tausend Teile“, sagte er.
Waschbär setzte sich sofort auf.
„Das ist ein Projekt.“
„Für heute?“, fragte Lara.
Stinkerle öffnete die Schachtel.
„Vielleicht nicht fertig.“
Der weiße Tiger räumte einen zweiten Tisch frei. Dann wurden die Randteile gesucht.
Waschbär wollte zuerst alle blauen Teile nehmen.
„Himmel“, sagte er.
„Oder See“, sagte Stinkerle.
„Dann beides.“
Der Hai sortierte nach Form und Farbe. Odin fand erstaunlich schnell mehrere passende Randstücke. Lara kümmerte sich um das rote Haus.
Das Känguru legte ein einzelnes grünes Teil in die Mitte.
„Der Wald beginnt.“
„Das passt noch nirgends“, sagte Stinkerle.
„Jeder Wald beginnt irgendwo.“
Das Teil blieb zunächst liegen.
6) Krokos Kaffee und der eigene Kamillentee
Am Nachmittag ging Kroko in die Küche.
„Kaffee?“
Fast alle hoben eine Pfote.
Für die, die keinen Kaffee wollten, stellte er mehrere Tees bereit. Schwarzer Tee, Minze – und eine kleine Dose mit getrockneten Kamillenblüten.
Lara nahm sie vorsichtig in die Hand.
„Ist das unsere Kamille?“
Kroko nickte. „Neulich geerntet. Getrocknet.“
Die Blüten rochen mild, warm und leicht nach Wiese.
Der Hai trat näher.
„Vollständig trocken gelagert?“
„Ja.“
„Keine Feuchtigkeit?“
Kroko sah ihn an.
„Nein.“
Damit war auch diese Kontrolle abgeschlossen.
Kroko gab die Blüten in eine Kanne und übergoss sie mit heißem Wasser. Bald zog ein sanfter Duft durch die Küche.
„Hauseigener Kamillentee“, sagte Waschbär ehrfürchtig.
„Kamille aus dem Garten“, sagte Kroko.
„Das klingt weniger feierlich.“
Kroko stellte frischen Kaffee, Kamillentee und eine kleine Schale mit Gebäck auf den Tisch.
Odin nahm Kaffee.
Lara den Kamillentee.
Das Känguru ebenfalls, allerdings mit Honig.
„Selbst erzeugte Kräuterversorgung ist ein Schritt zur Unabhängigkeit.“
„Es ist eine Tasse Tee“, sagte der Hai.
„Jede Unabhängigkeit beginnt klein.“
7) Uschi kommt zurück
Am späten Nachmittag öffnete sich endlich die Badezimmertür.
Uschi erschien im Bademantel, mit frisch gepflegten Pfoten, glänzenden Nägeln und einem so entspannten Gesicht, als hätte sie einen ganzen kleinen Urlaub hinter sich.
„Da bist du ja“, sagte Lara.
„Es war wunderbar.“
Uschi hatte lange unter der Regendusche gestanden, danach ein warmes Bad genommen, eine Maske aufgelegt, ihre Hände gepflegt und sich Zeit für Maniküre und Pediküre gelassen.
Waschbär betrachtete ihre Nägel.
„Die glänzen mehr als der Pool.“
„Heute muss niemand in den Pool.“
Kroko stellte ihr sofort eine Tasse Kamillentee hin.
Uschi roch daran.
„Unser eigener?“
„Ja.“
Sie nahm einen Schluck und lächelte.
„Sehr gut.“
Dann sah sie zum Puzzle.
Der Rand war fast vollständig, der Himmel teilweise zusammengesetzt, und das rote Haus hatte bereits ein Dach.
„Ihr wart ja fleißig.“
Das Känguru lehnte sich zurück.
„Wir haben die Leere des grauen Sonntags kollektiv strukturiert.“
„Wir haben Karten gespielt und gepuzzelt“, sagte Lara.
„Auch das.“
8) Ein Sonntag ohne Sonne
Am Abend wurde es draußen kaum dunkler, sondern nur noch grauer.
Die Tiere ließen die Terrassentür geschlossen, obwohl es nicht kalt war. Im Wohnzimmer stand die Klimaanlage still, auf dem Tisch lagen Karten, Puzzleteile und leere Tassen.
Kroko kochte noch eine zweite Kanne Kamillentee.
Uschi setzte sich mit gepflegten Füßen auf das Sofa und sah zufrieden in die Runde.
„Manchmal ist schlechtes Wetter sehr praktisch.“
„Weil man baden kann?“, fragte Waschbär.
„Weil niemand erwartet, dass man draußen etwas erlebt.“
Odin nickte. „Stimmt.“
Die Küchenkatzen lagen zusammengerollt auf dem Teppich. Minimaler Positionswechsel: keiner mehr vorgesehen.
Mozart betrachtete das unfertige Puzzle und sagte:
„Nicht jeder Sommertag braucht Sonne.
Manchmal hängt der Himmel grau über dem Garten,
die Klimaanlage schweigt,
und niemand weiß zunächst,
was mit dem Tag geschehen soll.
Dann werden Karten gemischt,
Puzzleteile sortiert,
Kamillenblüten aufgegossen
und ein Bad dauert so lange,
wie ein Bad eben dauern darf.
Ruhe ist nicht weniger wert,
nur weil draußen nichts glänzt.“