09. Juni 2025 Sonnig Sommer 3 min

Der Hai und der Etikettendrucker

Der Hai und der Etikettendrucker

Montag mit Mission

„Ich verstehe gar nicht, wie wir bislang ohne klare Beschriftung leben konnten“, sagte der Hai und hielt feierlich ein frisch gedrucktes Etikett in die Luft: TEE - GRÜN - KOFFEINFREI, Serifenschrift, Großbuchstaben, zentriert.

Stinkerle, der gerade an der Spüle stand, drehte sich langsam um.
„War das nicht einfach die kleine gelbe Dose?“

„Nicht mehr!“, sagte der Hai.
„Es ist jetzt die eindeutig gekennzeichnete, logisch eingeordnete und zukunftssichere grüne-Teesorte-Dose, Regal B, Fach 2.“


Es beginnt harmlos

Zuerst kamen die Küchendosen dran.
Dann die Gewürze.
Dann der Vorratsschrank.

Jedes Glas bekam ein Etikett:
„Paprika – edelsüß“
„Oregano (mind. haltbar bis 11/2026)“
„Notfall-Schokolade – nur bei Stromausfall öffnen“

Uschi beobachtete ihn schmunzelnd:
„Wenn du so weitermachst, bekommt mein Erdbeerquark bald auch ein Etikett.“

„Wenn du möchtest: Ja bitte!“, sagte der Hai. „Zutatenliste gleich mit?“


Der Hai dreht auf

Gegen Mittag war der Hai in einen regelrechten Etikettier-Rausch geraten.
Selbst Elise, der Saugroboter, bekam einen Aufkleber:
„Elise – Reinigungseinheit #1 – Zuständig für Wohnzimmer, Di/Do/Sa“

Im Flur tauchten plötzlich kleine Schilder auf:
„Jacken – lang“, „Jacken – kurz“, „Taschen – privat“, „Taschen – öffentlich“

Das Känguru trat ratlos aus seinem Zimmer:
„Warum steht auf meinem Türrahmen „Känguru – Wohneinheit mit aktivistischem Schwerpunkt“?“

„Damit Besucher sofort wissen, was sie erwartet.“


Leichte Reibungen

Am Nachmittag wurde es... sensibel.
Das Waschbär-Regal im Wohnzimmer bekam gleich sechs Unterkategorien.
Tigerlein fand auf seinem Laptop einen Aufkleber:
„Mediengerät – Kreativarbeit – Achtung: Daten unsortiert“

„Was soll das heißen?“, fragte er entrüstet.

„Nur ein Hinweis zur langfristigen Verbesserung der Dateiablage“, erklärte der Hai sachlich.

Mozart blickte kurz über den Rand seiner Zeitung und sagte nur:
„Bürokratie ist die Kunst, aus der Ordnung ein Erlebnis zu machen.“


Einsicht am Abend

Am Abend saß der Hai mit Uschi und Kroko bei einer Tasse Kamillentee.
Der neue Etikettendrucker stand stolz auf dem Küchentisch, flankiert von leeren Etikettenrollen und einem Tablet mit der App-Oberfläche.

„Ich glaube… ich habe mich etwas hinreißen lassen“, gab der Hai zu.
„Etwas“, sagte Kroko trocken.
„Wir lieben deine Ordnung“, sagte Uschi sanft, „aber nicht alles muss einen Rahmen und eine Schriftgröße haben.“

Der Hai nickte.
„Ich werde die Etiketten auf dem Waschbär-Regal... vereinfachen.“

„Danke“, murmelte Waschbär, der unter dem Tisch gelegen hatte – mit einem Etikett auf der Stirn: „Ruhezone – nicht stören“


Und so ging der Montag zu Ende – mit strukturierter Teelagerung, milden Anekdoten und einer neuen Etikettenordnung, die ein wenig entschärft, aber mit Liebe beibehalten wurde.
Denn Ordnung ist gut – aber Freundschaft ist besser.