24. November 2025 Sonnig Winter 6 min

Der Hai und die Plätzcheninventur

Der Hai und die Plätzcheninventur

Montagsstimmung zwischen Zucker und Zetteln

Der Montag war grau, aber das Haus fühlte sich süß an.
Überall standen noch Spuren der letzten Tage herum: eine angebrochene Streuselkuchenschachtel vom Bäcker-Biber, ein Teller mit den runden Marmeladenplätzchen, eine Dose Spritzgebäck auf dem Küchenschrank ganz oben.

Der Hai stand mitten in der Küche, das Klemmbrett in der Flosse, ein ernstes Funkeln in den Knopfaugen.
„Wir haben“, erklärte er, „den Überblick über die Plätzchenlage verloren.“

Washbär saß auf dem Küchentisch, schlenkerte mit den Pfoten und grinste.
„Ich nenne das Überfluss.“
„Ich nenne das ein logistisches Risiko“, entgegnete der Hai. „Wir brauchen eine Inventur.“

Uschi goss Tee ein.
„Solange du nicht alles wegschließt…“
„Nur erfassen“, versprach der Hai. „Bestand, große Linien, Lagerorte.“


Wiegen, zählen, notieren

Kurz darauf war die Küche eine Mischung aus Backstube und Buchhaltung.
Auf der Arbeitsplatte stand eine Küchenwaage, daneben ein Stapel Klebezettel, ein Stift und mehrere geöffnete Dosen.

„Dose A: Vanillekipferl“, murmelte der Hai. „Bruttogewicht: 842 Gramm. Geschätzte Stückzahl: 51.“
„52“, korrigierte Stinkerle, der neugierig mitzuerte.
Der Hai setzte einen kleinen Stern hinter die Zahl.
„Pluralmeinung“, murmelte er.

Uschi reichte die Marmeladenplätzchen-Dose.
„Dose B. Sehr beliebt.“
Der Hai notierte: Marmeladen-Doppeldecker – mittlere Haltbarkeit, hohe Verschwindensquote.

Die Küchenkatzen lagen auf dem Fensterbrett und beobachteten alles aufmerksam; gelegentlich rückten sie eine leere Dose ein Stück zur Seite, damit der Hai besser rankam.

Kroko trug eine Keksdose aus dem Wohnzimmer herüber.
„Das hier ist die Makronenreserve.“
Der Hai wog, zählte, nickte zufrieden.
„Ordnung in der Makronenfrage: akzeptabel.“

Nach und nach wurden Dosen aus dem Vorratskeller, vom Wohnzimmerschrank und sogar aus der Lounge gebracht. Tigerlein protokollierte nebenbei mit dem Mikrofon „für die historische Forschung“.

Alles lief wie geschmiert – bis der Hai bei „Dose F“ ankam.


Die verschwundene Blechdose

„Dose F“, las der Hai von seiner Vorliste ab. „Spritzgebäck mit Walnuss, Blechdose, blau, auf dem hohen Küchenregal.“

Alle sahen automatisch nach oben.
Auf dem hohen Küchenregal stand ein leerer Platz und ein feiner Kreis aus Krümeln, als hätte dort bis vor kurzem etwas sehr Leckeres gelebt.

„War da nicht…?“ begann Uschi.
„Doch“, sagte der Hai. „Gestern früh noch. Bestand geschätzt: über 60 Stück. Verbleib: unklar.“

Das Känguru trat hinzu, die Pfoten in den Taschen.
„Klingt nach einem Kriminalfall. ‚Das Phantom der Dose F‘.“
„Kein Kriminalfall“, wehrte der Hai ab. „Nur ein ungeklärter Transfer.“

„Wer hat sie zuletzt gesehen?“ fragte Mozart, der im Türrahmen stand und die Szene mit einem kleinen Lächeln verfolgte.
„Ich nicht“, sagte Waschbär. „Ich schwöre auf meinen letzten Kipferl.“
„Ich auch nicht“, meinte Kroko. „Ich war mit Gulasch beschäftigt.“

Elise rollte am Boden vorbei, machte kurz bip, als sie über ein Krümelchen fuhr, das definitiv nach Spritzgebäck aussah.


Spurensuche im ganzen Haus

Der Hai beschloss, systematisch vorzugehen.
„Wir durchsuchen die üblichen Hotspots: Wohnzimmer, Lounge, Flur, Büro, eventuell Uschis Bad – falls jemand heimlich Wannenplätzchen eingeführt hat.“

Sie teilten sich auf.
Das Känguru durchsuchte das Wohnzimmer und kommentierte alles laut:
„Sofaritze frei von Dosen, nur Fernbedienung und ein Bleistift.“

Waschbär nahm den Flur und inspizierte sogar das Ausstech-Mobile, falls sich die Dose künstlerisch transformiert haben sollte.
Kroko schaute im Keller nach, zwischen Tomatensauce und eingekochtem Gulasch.
Die Küchenkatzen patrouillierten zwischen Küche und Esszimmer, Elise schnupperte in den Ecken.

Nur Mozart und Odin verschwanden kurz in Richtung Lounge, um „mal zu schauen, ob da jemand zufällig Snackreserven deponiert hat“ – kehrten aber ohne Dose zurück.

Nach einer Weile standen sie wieder in der Küche, ein wenig zerzaust, aber ohne Ergebnis.
„Die Dose ist weg“, stellte der Hai fest. „Das ist… frech.“


Die leise Auflösung

Es war Lara, die die rettende Idee hatte.
Sie trat in die Küche, stellte eine neue Kanne Tee auf den Tisch und fragte beiläufig:
„Sucht ihr zufällig eine blaue Blechdose mit Spritzgebäck?“

Alle drehten sich zu ihr um.
„Ja!“ riefen mindestens drei gleichzeitig.

„Die steht im Studio“, sagte sie ruhig. „Tigerlein hat gestern Abend welche mitgenommen, als wir eine lange Schnittsession für seinen Podcast hatten. Ich dachte, ihr hättet ihm das erlaubt.“

Tigerlein, der sich bis dahin hinter dem Türrahmen gehalten hatte, wurde schlagartig rot im Fell.
„Ich… habe ein Zettelchen an die Dose gelegt“, murmelte er. „‚Podcast-Verpflegung‘. Vielleicht… ist der runtergefallen.“

Der Hai atmete hörbar aus.
„Also doch kein Plätzchen-Diebstahl.“

„Nur Medienarbeit“, ergänzte Lara. „Wir haben sie gerecht geteilt. Es sind noch welche übrig.“

Fünf Minuten später stand die Dose wieder auf dem Küchentisch. Ein gutes Drittel fehlte – aber der Rest sah so ordentlich aus, dass selbst der Hai milde gestimmt war.

„Wir ergänzen das Protokoll“, sagte er. „Zwischennutzung: Podcast-Snacks. Verantwortliche: Tigerlein und Lara. Status: geklärt.“

Waschbär grinste.
„Die Moral: Wer gute Plätzchen backt, ernährt irgendwann ganze Medienabteilungen.“


Kaminabend und Satz des Tages

Am Abend saßen sie wieder im Wohnzimmer.
Der Kamin brannte, auf dem Tisch stand unter anderem die zurückgekehrte Blechdose F, diesmal für alle. Die Plätzcheninventur war abgeschlossen; der Hai hatte eine saubere Liste – inklusive Bemerkungsfeld „wahrscheinlicher Verbrauch bis Heiligabend“.

Uschi schenkte Tee nach, Kroko hatte einen Espresso für sich selbst gezogen, die Küchenkatzen lagen zufrieden am Teppichrand.

Tigerlein saß mit Lara auf der Couch, das Mikrofon lag ausnahmsweise ausgeschaltet neben ihnen.
„Ich bring beim nächsten Schnitt meine eigenen Kekse mit“, murmelte er.
„Oder du fragst vorher nach“, meinte der Hai. „Das funktioniert auch.“

Mozart nahm sich ein Spritzgebäck, drehte es einmal in der Pfote und sah dann in die Runde.

„Mozart“, sagte Tigerlein, jetzt doch mit eingeschaltetem Mikrofon, „Satz des Tages?“

Der Bär nickte und sprach:

„Ordnung ist gut,

solange sie Platz lässt für eine verschwundene Dose

und das Wiederfinden mit einem Lächeln.

Pläne zählen Stücke –

aber Geschichten zählen wir immer noch gemeinsam.“