1) Ein ruhiger Freitag am Pool
Der Freitag begann warm und freundlich. Nach dem Trubel der letzten Tage wirkte der Flanellweg fast erleichtert, dass heute nichts Besonderes passieren musste. Kein vermisster Hund, keine Nachbarschaftsdiplomatie, keine Gewitterfront, keine großen Einkaufsmissionen.
Nur Garten.
Pool.
Sonne.
Ruhe.
Uschi stellte ein Tablett mit kühlen Getränken auf den Terrassentisch. Lara hatte sich einen Platz am Poolrand gesucht und ließ die Füße ins Wasser hängen. Mozart saß unter dem Apfelbaum, das Notizbuch offen, schrieb aber kaum. Odin saß im Schatten und las auf seinem Smartphone ein paar Nachrichten aus der Katzengruppe.
Das Känguru lag in seiner Hängematte und wirkte, als sei die Welt endlich wieder in einer akzeptablen Ordnung.
„So“, sagte es. „Heute passiert nichts.“
Kroko brummte aus Richtung Küche: „Gefährlicher Satz.“
Der Hai stand am Sonnenschirm und richtete ihn sorgfältig aus. „Schattenfläche ausreichend. UV-Index erhöht, aber kontrollierbar.“
„Ich brauche keinen Schatten“, sagte das Känguru.
„Du liegst halb im Schatten.“
„Das ist Zufall.“
„Das ist Absicht“, sagte der Hai.
2) Der Sonnenschirm zeigt erste Schwächen
Der Sonnenschirm war groß, hell und eigentlich sehr nützlich. Er stand neben der Terrasse, spendete Schatten für Tisch und Poolrand und wirkte zunächst vollkommen friedlich.
Zunächst.
Dann kam ein kleiner Windstoß.
Der Schirm wackelte.
Der Hai sah sofort hin. „Hm.“
„Was hm?“, fragte Lara.
„Der Schirm bewegt sich.“
„Schirme bewegen sich bei Wind“, sagte das Känguru aus der Hängematte. „Das ist ihre poetische Seite.“
Der Hai trat näher, prüfte den Fuß, die Stange, die Neigung. „Der Stand ist nicht optimal.“
Stinkerle, der gerade mit einem Glas Wasser aus dem Haus kam, sah kurz hin. „Den Fuß müsste man mal nachziehen.“
„Später“, sagte Kroko.
„Später ist oft der Anfang von Problem“, sagte Mozart, ohne aufzusehen.
Waschbär betrachtete den Schirm interessiert. „Er sieht aus, als hätte er eine eigene Meinung.“
„Er soll Schatten spenden, keine Meinung haben“, sagte der Hai.
Der Wind ließ nach. Der Schirm beruhigte sich. Alle taten so, als sei damit alles erledigt.
Natürlich war es das nicht.
3) Beinahe-Känguru
Am frühen Nachmittag wurde es wärmer. Die Sonne stand höher, der Pool glitzerte stärker, und der Sonnenschirm war inzwischen ein wichtiges Mitglied der Terrasse geworden. Uschi saß darunter und las. Lara hatte sich ein Handtuch über die Beine gelegt. Waschbär malte kleine Wasserreflexe auf Papier, obwohl das Wasser ständig anders aussah und ihn dadurch „künstlerisch herausforderte“.
Das Känguru lag in seiner Hängematte, halb dösend, halb philosophisch anwesend.
Dann kam der Wind zurück.
Nicht stark wie beim Gewitter, aber kräftig genug, um den Schirm zu packen.
Er drehte sich.
Dann kippte er leicht.
Der Hai rief: „Achtung!“
Der Sonnenschirm machte eine sehr unentschlossene Bewegung – erst Richtung Tisch, dann Richtung Pool, dann plötzlich Richtung Hängematte.
Das Känguru öffnete ein Auge.
„Warum wird der Himmel größer?“
In letzter Sekunde hielt Stinkerle die Stange fest, Kroko griff nach dem Schirmtuch, und der Schirm blieb schräg über dem Rasen hängen, keine Pfote breit vom Känguru entfernt.
Für einen Moment war alles still.
Dann sagte das Känguru: „Ein Anschlag.“
„Ein lockerer Sonnenschirm“, sagte der Hai.
„Ein Anschlag mit technischer Schwäche.“
Uschi stand sofort auf. „Alles okay?“
Das Känguru setzte sich auf, zog die Decke um sich und sah den Schirm streng an. „Körperlich ja. Politisch erschüttert.“
Kroko brummte: „Dann steh halt nicht unter wackeligen Dingen.“
„Ich lag.“
„Noch schlimmer.“
4) Reparatur oder Verbesserung
Stinkerle legte den Sonnenschirm auf die Terrasse und untersuchte den Fuß. Waschbär war sofort neben ihm.
„Wir reparieren ihn“, sagte Stinkerle.
„Wir verbessern ihn“, sagte Waschbär.
Der Hai hob den Kopf. „Bitte zuerst reparieren. Dann eventuell verbessern.“
„Das ist eine sehr eingeschränkte Sicht auf Fortschritt“, sagte Waschbär.
Stinkerle prüfte die Schrauben, die Klemme, die Stange und den Schirmfuß. „Der Fuß hält nicht genug. Und die Klemme ist ausgeleiert.“
„Kann man das beheben?“, fragte Uschi.
„Ja“, sagte Stinkerle. „Mit einer Verstärkung.“
Waschbär strahlte. „Und mit einer Windfahne.“
„Nein“, sagte der Hai sofort.
„Eine kleine.“
„Nein.“
„Eine dekorative.“
„Nein.“
Stinkerle dachte nach. „Eine kleine Markierung für Windrichtung wäre nicht völlig unsinnig.“
Der Hai sah ihn an, als hätte er Verrat begangen.
Das Känguru aus der Hängematte, nun in sicherer Entfernung: „Ich unterstütze die Windfahne als Mahnmal.“
Kroko brummte: „Ich unterstütze alles, was verhindert, dass der Schirm ins Essen fällt.“
Damit war die Sache praktisch beschlossen.
5) Die verbesserte Schattenmaschine
Stinkerle holte Werkzeug aus dem Schuppen: Schrauben, eine Metallmanschette, ein Stück Gummi als Klemmschutz, eine kleine zusätzliche Halterung. Waschbär brachte Farbe, eine Schnur, ein Holzstück und ein sehr kleines Fähnchen, das niemand genehmigt hatte.
„Das Fähnchen ist notwendig“, sagte er.
„Wofür?“, fragte der Hai.
„Für Charakter.“
„Sicherheitsrelevanz?“
„Emotionale Sicherheitsrelevanz.“
Der Hai sah zu Uschi.
Uschi lächelte. „Solange es nicht stört.“
Stinkerle befestigte die Manschette an der unteren Stange, verstärkte die Klemmung und beschwerte den Fuß zusätzlich mit zwei flachen Steinen, die Waschbär sofort „Schirmanker“ nannte. Dann baute er eine kleine seitliche Sicherung, damit der Schirm bei einer Böe nicht mehr sofort kippen konnte.
Waschbär bemalte die Steine mit kleinen Sonnen und Wolken.
„Das war nicht nötig“, sagte der Hai.
„Jetzt sind es freundliche Schirmanker“, sagte Waschbär.
Schließlich kam das Fähnchen oben an die Seite: klein, rot-gelb gestreift, kaum sichtbar, aber bei Wind flatternd.
Der Hai trat zurück. „Es ist… stabiler.“
„Und hübscher“, sagte Uschi.
„Und weniger mörderisch“, sagte das Känguru.
„Er war nie mörderisch“, sagte der Hai.
„Das sagt der Schirm wahrscheinlich auch.“
6) Schatten kehrt zurück
Der Sonnenschirm wurde wieder aufgestellt. Diesmal hielt er deutlich besser. Stinkerle rüttelte daran. Kroko rüttelte daran. Der Hai prüfte die Klemme. Waschbär betrachtete das Fähnchen.
Dann kam ein leichter Windstoß.
Der Schirm bewegte sich kaum. Das Fähnchen flatterte freundlich.
„Siehst du?“, sagte Waschbär. „Jetzt sagt er uns, was der Wind macht, statt einfach auf Kängurus zu fallen.“
„Das ist eine Verbesserung“, gab der Hai widerwillig zu.
Das Känguru legte sich wieder in die Hängematte, allerdings ein wenig weiter weg vom Schirm.
„Reine Vorsicht“, sagte es.
„Du hast Angst“, sagte Kroko.
„Ich habe historische Sensibilität.“
Die Küchenkatzen lagen auf ihrer Sonnenloge und hatten den gesamten Vorfall mit distanzierter Strenge beobachtet. Minimaler Positionswechsel: beide Köpfe zum Schirm, dann synchrones Blinzeln. Urteil: akzeptabel, solange der Schirm nicht auf Katzen fällt.
Am Nachmittag wurde es wieder ruhig. Uschi las weiter. Lara kühlte ihre Füße im Pool. Mozart schrieb einen Satz in sein Notizbuch. Der Hai blieb zwar in der Nähe des Schirms, aber nicht mehr direkt angespannt.
Und das Känguru murmelte aus der Hängematte: „Ich habe heute überlebt. Das wird in meinen Memoiren ein Kapitel.“
„Bitte nicht“, sagte Kroko.
7) Mozarts Satz des Tages
Am Abend stand der Sonnenschirm stabil auf der Terrasse, mit verstärktem Fuß, freundlichen Schirmankern und einem kleinen Fähnchen, das im Wind flatterte. Der Tag war doch noch ruhig geworden.
Mozart sah vom Pool zum Schirm und dann zum Känguru in der Hängematte.
„Manchmal fällt fast etwas um,
und plötzlich sieht man,
was lange locker war.
Dann braucht es keine Panik,
sondern Hände,
die festziehen,
verbessern
und vielleicht ein kleines Fähnchen anbringen.
So wird aus einem Beinahe-Missgeschick
ein besserer Schatten.“