Ein Loch mit Aussicht
Früh am Morgen – der Tau glitzerte noch auf dem Lavendel – standen die Tiere bereit.
Uschi hatte zum Frühstück Beerenquark gemacht, und selbst der Hai gönnte sich zwei Löffel, ehe er seine Arbeitsweste überwarf. Darin befand sich, ordentlich sortiert: Maßband, Winkelmesser, DIN-Regelwerk 1183-A für Grubentiefe bei Gartenpools, Notizblock.
„Tagesziel“, erklärte er, „ist eine saubere, etwa ein Meter tiefe Mulde, leicht oval, mit leichtem Randverlauf. 4×3 Meter Grundfläche. Tiefe mittig maximal 110 cm. Entspricht exakt dem Wassertiefenbedürfnis für Nilpferde, Krokodile und gelegentlich schwimmende Stoffhaie.“
„Und für Plansch-Waschbären!“, rief Waschbär.
„Und politische Diskussionen im Wasser“, fügte das Känguru hinzu.
Die Grube sollte zwischen dem Apfelbaum und dem Lavendelbeet entstehen.
Die Absperrbänder flatterten noch vom Vortag.
Stinkerle rollte die erste Schubkarre heran.
Kroko knetete schon mit seinen kräftigen Pfoten die Erde.
„Ich spüre das“, brummte er zufrieden. „Da unten ist guter Lehm.“
Grabungsarbeit mit Stil
Waschbär rutschte als Erster mit dem Po in die Grube – einfach aus Begeisterung.
„Boah! Man fühlt sich direkt wie eine archäologische Sensation!“
„Oder ein Pfirsichkern“, meinte Uschi und lachte.
Mozart saß auf einem Campingstuhl, mit einem kleinen Notizbuch und notierte feinsäuberlich:
- 10:03 Uhr: Humusschicht
- 10:20 Uhr: Lehmanteil deutlich
- 10:32 Uhr: Krokodilscherz über Maulwurfsknochen (nicht belegt)
Der Hai maß mit Akribie.
„Wir brauchen an der Südseite einen leichten Überhang. Das verhindert Erosion bei Starkregen. Und ästhetisch wirkt es fließender.“
„Der Hai liebt Winkel“, murmelte Waschbär.
„Die Winkel lieben mich“, entgegnete er.
Kroko übernahm den Tiefencheck.
„Ich hab ein gutes Gruben-Gespür. Ist wie beim Kochen – man weiß einfach, wann’s richtig ist.“
Die Erde wurde in einer Ecke des Gartens aufgestapelt.
„Perfekt“, rief das Känguru. „Das wird meine Beobachtungsdüne!“
„Das wird dein Hügelbeet“, sagte Uschi.
„Meine was?“
„Ich bring Lavendel und Sommerblumen, dann sieht’s schöner aus. Und die Bienen freuen sich auch.“
Laras Lied
Währenddessen saß Lara auf einem klapprigen Küchenstuhl neben dem Radio.
Es lief ein altes französisches Lied.
Ein sanftes Chanson.
„C’était un jour d’été…“
Lara lauschte.
In ihren blauen Augen glänzte ein Hauch von Fernweh.
„Das habe ich als ganz junges Hündchen gehört… In einem anderen Sommer. Damals, in der Bretagne…“
Sie sagte es leise, fast mehr zu sich selbst.
Mozart, der gerade eine Tonscherbe als „vielleicht antik“ eingestuft hatte, sah zu ihr.
„Es klingt nach Vergänglichkeit“, sagte er.
„Und Aufbruch“, flüsterte sie.
Sie holte Papier, er einen Füller.
Sie schrieben gemeinsam.
Worte wie Wellen
Am Abend, als die Sonne hinter dem Apfelbaum versank und die Tiere den Staub von den Pfoten klopften, las Mozart im Wohnzimmer vor:
„Der Frühling zieht weiter, mit leichten Schritten.
Der Sommer tritt ein, mit warmem Atem.
In der Tiefe wachsen Wurzeln –
im Licht wachsen Träume.“
Lara saß mit einem kleinen Lächeln daneben.
„Ein Graben ist mehr als ein Loch. Es ist ein Anfang.“
Ein Loch und viel mehr
Die Grube war fast fertig.
Der Hai hatte sie viermal vermessen.
Kroko lag mit ausgestreckten Beinen darin und streckte die Zunge raus.
„Die Tiefe ist gut. Hier kann ich dösen.“
„Du kannst überall dösen“, meinte das Känguru.
Tigerlein interviewte zum Abschluss Mozart.
„Wie würden Sie das heutige Projekt beschreiben?“
Mozart überlegte.
„Eine Erdbegegnung mit Zukunft.“
Tigerlein nickte feierlich.
„Kommt in den Podcast.“