31. August 2026 Bewölkt Sommer 7 min

Die Flohmarkt-Buchführung und die Afrika-Woche

Die Flohmarkt-Buchführung und die Afrika-Woche

1) Die Sache ist noch nicht abgeschlossen

Am Montagmorgen saß der Hai wieder am Tisch.

Vor ihm lagen die Liste vom Flohmarkt, sein Tablet, ein Taschenrechner und mehrere kleine Zettel.

Der weiße Tiger kam aus dem Büro.

„Was machst du?“

„Buchführung.“

„Die hast du gestern gemacht.“

„Den Kassensturz.“

„Und was machst du jetzt?“

Der Hai sah ihn an, als wäre die Antwort offensichtlich.

„Die Auswertung.“

Der weiße Tiger blieb stehen.

„Welche Auswertung?“

„Verkaufserlös nach Warengruppe. Durchschnittlicher Verkaufspreis. Abschlagsquote gegenüber ausgezeichnetem Preis. Abverkaufsrate. Anteil Barverkauf gegenüber Tauschgeschäft.“

Der weiße Tiger schwieg kurz.

„Hai.“

„Ja?“

„Es war ein Hofflohmarkt.“

„Das weiß ich.“

„Ein Sonntag. Ein paar Tische.“

„Gerade deshalb ist der Datensatz schön überschaubar.“

Der weiße Tiger ging weiter.

„Du übertreibst.“

„Ein bisschen.“

Dass der Hai das selbst zugab, war bemerkenswert.


2) Der monetäre Sonderfall Küchenreibe

Waschbär kam vorbei und sah auf die Tabelle.

„Steht meine Reibe drin?“

„Es war nicht deine.“

„Die Reibe.“

„Ja.“

Der Hai zeigte auf eine Zeile.

Küchenreibe – Tauschgeschäft – Gegenwert nicht exakt bestimmbar.

Waschbär setzte sich.

„Aber Uschi findet das Badewannenset sehr wertvoll.“

„Subjektiv.“

„Dann schreib sehr wertvoll.“

„Das ist keine Buchführungsgröße.“

Das Känguru hörte das aus der Hängematte.

„Tauschwert und Gebrauchswert sind grundsätzlich voneinander zu unterscheiden!“

Der Hai sah hinaus.

„Bitte nicht.“

Das Känguru setzte sich auf.

„Marx hätte—“

„Nein.“

„Ich habe noch gar nichts gesagt.“

„Das verbessert die Lage.“

Waschbär zeigte auf die Tabelle.

„Kannst du nicht einfach einen Lavendelwert eintragen?“

Der Hai ignorierte ihn.


3) Kategorien, die niemand verlangt hat

Bis zum Mittag hatte der Hai die Verkäufe in Gruppen sortiert.

Möbel.
Beleuchtung.
Küche.
Dekoration.
Haushalt.
Sonstiges.

Dann berechnete er den durchschnittlichen Verkaufspreis jeder Kategorie.

Stinkerle kam dazu.

„Warum?“

„Weil wir dadurch sehen, welche Warengruppen am stärksten waren.“

„Wir machen doch nicht jede Woche einen Flohmarkt.“

„Das ist derzeit nicht geplant.“

„Dann wofür brauchen wir die Information?“

Der Hai dachte nach.

„Sie ist trotzdem vorhanden.“

Für den Hai war das offenbar Grund genug.

Er erstellte ein Balkendiagramm.

Dann ein Kreisdiagramm.

Dann entschied er, dass das Kreisdiagramm weniger aussagekräftig war und baute stattdessen eine zweite Balkengrafik.

Tigerlein blickte über seine Schulter.

„Das könnte fast eine Podcastfolge werden.“

Der weiße Tiger rief aus dem Büro:

„Nein.“


4) Die Abverkaufsquote

Am Nachmittag erreichte der Hai den für ihn wichtigsten Teil.

Er verglich die Zahl der angebotenen Gegenstände mit den verbliebenen Sachen.

„Sehr hohe Abverkaufsquote.“

Uschi stellte ihm Tee hin.

„Das haben wir gestern schon gesehen.“

„Jetzt haben wir eine Zahl.“

„Macht dich die Zahl glücklicher?“

Der Hai nickte sofort.

„Ja.“

Uschi lächelte.

„Dann ist sie ja zu etwas gut.“

Der Hai zeigte ihr seine Tabelle.

„Die meisten größeren Gegenstände wurden vollständig verkauft. Besonders gut liefen Lampen und kleinere Möbel.“

„Und der Nussknacker.“

„Kategorie Dekoration.“

„Frau Nüsslein war sehr glücklich damit.“

Der Hai hielt kurz inne.

Dann fügte er tatsächlich eine kleine Notiz hinzu:

Nussknacker – Käuferzufriedenheit offenbar hoch.

Uschi sah ihm über die Schulter.

„Das ist jetzt aber keine klassische Buchführung mehr.“

„Zusatzinformation.“


5) Der weiße Tiger versucht einzugreifen

Gegen Nachmittag kam der weiße Tiger erneut vorbei.

Der Hai hatte inzwischen eine neue Tabelle begonnen.

„Was ist das jetzt?“

„Preisabweichungen.“

„Welche Preisabweichungen?“

„Auszeichnung zu tatsächlichem Verkauf.“

Der weiße Tiger setzte sich.

„Wie viel Geld ist insgesamt reingekommen?“

Der Hai nannte die Summe.

„Stimmt sie mit der Kasse überein?“

„Ja.“

„Sind alle Verkäufe nachvollziehbar?“

„Ja.“

„Dann bist du fertig.“

Der Hai sah ihn an.

„Nein.“

„Doch.“

„Ich habe die Verhandlungsquote noch nicht ausgewertet.“

Der weiße Tiger lächelte.

„Du hast gestern zwei Leuten Rabatt gegeben.“

„Eben.“

„Das ist keine Quote, das sind zwei Leute.“

Der Hai dachte kurz darüber nach.

„Es lässt sich trotzdem als Quote ausdrücken.“

Der weiße Tiger stand wieder auf.

„Du bist nicht zu retten.“

Der Hai wirkte damit durchaus zufrieden.


6) Die große Präsentation

Am Abend bat der Hai alle ins Wohnzimmer.

„Ich möchte kurz die Ergebnisse des gestrigen Flohmarkts vorstellen.“

Das Känguru blieb zunächst in der Hängematte.

„Wie kurz?“

„Etwa fünfzehn Minuten.“

Stinkerle sah auf die Uhr.

Waschbär setzte sich auf den Teppich.

Uschi und Lara nahmen auf dem Sofa Platz.

Kroko kam mit einer Schale kleiner Snacks.

Odin setzte sich in einen Sessel.

Mozart hatte sein Notizbuch dabei.

Der weiße Tiger lehnte sich an die Tür.

Der Hai verband sein Tablet mit dem Fernseher.

Auf dem Bildschirm erschien:

HOFFLOHMARKT FLANELLWEG – AUSWERTUNG UND ERKENNTNISSE

Darunter stand:

Version 1.3

Der weiße Tiger hob eine Augenbraue.

„Es gibt Versionen?“

„Natürlich.“


7) Balken, Preise und erstaunlich wenig Begeisterung

Der Hai begann.

„Zunächst der Gesamtumsatz.“

Er zeigte eine Grafik.

„Anschließend die Aufteilung nach Warengruppen.“

Nächste Folie.

„Hier sehen wir, dass kleine Möbel im Verhältnis zur Stückzahl einen überproportionalen Erlös erzielt haben.“

Waschbär hob die Pfote.

„Wo ist das Badewannenset?“

„Später.“

Nächste Folie.

„Interessant ist außerdem die Abverkaufsrate.“

Kroko nahm einen Snack.

Lara lehnte sich zu Uschi.

„Wie viele Folien?“

Der Hai hörte es.

„Elf.“

Der weiße Tiger musste lachen.

Dann griff Odin nach der Fernbedienung.

„Wann kommt Afrika?“

Alle sahen zum Fernseher.

Der Hai hielt inne.

„Was?“

Tigerlein sah auf die Uhr.

„Die Afrika-Woche beginnt heute.“

Waschbär sprang auf.

„Mit Elefanten!“

Lara sagte:

„Und Savanne.“

Odin ergänzte:

„Großkatzen.“

Nun sah sogar der weiße Tiger interessierter aus.


8) Die Konkurrenz ist zu stark

Der Hai blickte auf seine Folie.

Dann auf die Uhr.

Auf dem Doku-Sender begann gerade die erste Sendung:

Afrika – Leben in der Savanne.

„Ich bin fast fertig“, sagte der Hai.

Der weiße Tiger sah auf die Anzeige.

„Du bist bei Folie vier.“

„Die restlichen sind schneller.“

Das Känguru kam nun tatsächlich herein.

„Afrika?“

„Ja.“

„Dann möchte ich selbstverständlich meine Kenntnisse über Australien—“

„Afrika“, sagte Stinkerle.

„Ich kann mich anpassen.“

Der Hai schaffte noch eine Folie.

Dann begann die Titelmusik der Dokumentation.

Auf dem Bildschirm erschienen riesige Ebenen im Abendlicht.

Eine Elefantenherde zog durch hohes Gras.

Waschbär sagte nur:

„Oh.“

Damit war die Präsentation praktisch verloren.


9) Selbst der Hai schaut irgendwann mit

Der Hai setzte sich zunächst noch mit seinem Tablet daneben.

„Die Folien könnte ich später—“

Dann erschien eine Luftaufnahme eines Flusslaufs.

Eine Herde Antilopen.

Giraffen zwischen Akazien.

Schließlich ein Löwe im Gras.

Odin sah aufmerksam hin.

Der weiße Tiger ebenfalls.

Mozart lächelte.

„Das erinnert mich an—“

Der Hai sah sofort zu ihm.

Mozart hob eine Pfote.

„Nicht heute.“

Der Hai grinste ein wenig.

Nach zehn Minuten lag das Tablet geschlossen neben ihm.

Das Känguru kommentierte natürlich die sozialen Strukturen der Elefantenherde.

„Matriarchale Organisationsform.“

Lara nickte.

„Das stimmt sogar.“

Das Känguru sah triumphierend aus.

Kroko reichte Snacks herum.

Die Küchenkatzen saßen auffällig aufmerksam vor dem Fernseher, sobald Großkatzen erschienen.

Minimaler Positionswechsel: deutlich näher zum Bildschirm.


10) Eine abgeschlossene Akte

Nach der Dokumentation räumte der Hai sein Tablet weg.

Waschbär fragte:

„Bist du traurig, dass wir deine Auswertung nicht fertig gesehen haben?“

„Nein.“

„Wirklich?“

Der Hai nickte.

„Ich kenne sie ja.“

Das war offenbar das Entscheidende.

Der weiße Tiger sah ihn an.

„Du bist also zufrieden?“

Der Hai lächelte.

„Sehr.“

„Obwohl niemand die letzten sechs Folien gesehen hat?“

„Sie sind korrekt.“

Mehr brauchte er nicht.

Er speicherte die finale Datei noch einmal.

Version 1.4 – final

Dann überlegte er kurz.

Und änderte sie in:

Version 1.4 – final_final

Der weiße Tiger bemerkte es.

Sagte aber nichts.

Mozart schrieb später:

„Manche freuen sich über einen leeren Tisch nach einem Flohmarkt.
Andere erst über die Tabelle,
die erklärt, warum er leer geworden ist.

Der Hai braucht Balken, Zahlen, Quoten
und elf Folien,
um einen Sonntag vollständig abzuschließen.

Doch selbst die beste Auswertung
hat es schwer gegen Elefanten im Abendlicht,
Löwen im hohen Gras
und eine ganze Woche Afrika im Fernsehen.

Vielleicht ist Zufriedenheit aber ohnehin etwas Eigenes:
Die anderen müssen nicht jede Folie gesehen haben.
Es genügt manchmal völlig,
dass sie fertig ist.“