1) Noch einmal richtig heiß
Schon am Vormittag war klar, dass dieser Donnerstag kein Tag für lange Unternehmungen draußen werden würde.
Der Hai stand an seiner Wetterstation.
„Dreiunddreißig Komma zwei Grad. Weiter steigend.“
Kroko öffnete kurz die Terrassentür.
Warme Luft strömte herein.
Er schloss sie wieder.
„Drinnen.“
Die Klimaanlage lief im Wohnzimmer bereits seit dem späten Vormittag. Die Küchenkatzen hatten ihre gewohnten Plätze gefunden: kühl, aber nicht direkt im Luftstrom.
Uschi und Lara hatten morgens noch gegossen und empfindliche Pflanzen kontrolliert. Danach waren auch sie ins Haus gegangen.
Das Känguru lag unter dem Sonnensegel in der Hängematte.
Neben ihm: Wasser, Sonnencreme und die inzwischen bewährte Kühltasche.
„Ich bleibe der Hitze durch institutionelle Ortsfestigkeit überlegen.“
„Du bleibst einfach liegen“, sagte Stinkerle.
„Auch eine Institution.“
Waschbär saß im Schatten und betrachtete sein noch immer trocknendes Sonnenblumenbild.
Nur Tigerlein war unruhig.
„Ich brauche eine neue Podcastidee.“
Der weiße Tiger sah nicht vom Bildschirm auf.
„Dann such eine.“
Das tat Tigerlein.
2) Das Rotweinregal gibt kein Interview
Tigerlein ging in den Keller.
Dort war es ohnehin etwas kühler, und außerdem gab es viele Dinge, über die man vielleicht eine Folge machen konnte.
Vorräte.
Werkzeug.
Einmachgläser.
Die spontane Linsensuppe.
Und das Weinregal.
Tigerlein stellte sich davor.
„Vielleicht eine Folge über den Keller als Gedächtnis des Hauses.“
Es schaltete das Aufnahmegerät ein.
„Vor mir befindet sich eine Auswahl verschiedener Rotweine...“
Pause.
„...die sich bisher nicht zu ihrer Lagerung äußern möchten.“
Das Regal blieb still.
Tigerlein ging einen Schritt näher.
„Vielleicht etwas über Jahrgänge?“
Keine Antwort.
„Terroir?“
Nichts.
Tigerlein seufzte.
„Das Rotweinregal ist kein guter Gesprächspartner.“
Dann bemerkte es die offene Tür zu Odins kleiner Einliegerwohnung.
Von dort kam eine angenehme, kühle Brise.
Auch Odin hatte sein Klimagerät laufen.
Tigerlein steckte den Kopf hinein.
„Odin?“
„Ja.“
„Darf ich reinkommen?“
Kurze Pause.
Dann:
„Klar.“
3) Ein seltener Besuch
Odin saß in seinem Wohnzimmer und las.
Die Wohnung war ruhig und angenehm kühl. Die Vorhänge waren etwas zugezogen, das Licht weich, und auf einem kleinen Tisch stand ein Glas Wasser.
Tigerlein trat ein.
„Hier ist es ja wunderbar.“
Odin nickte.
„Kühl.“
„Oben auch. Aber hier unten noch mehr.“
„Keller hilft.“
Tigerlein setzte sich.
Für eine Weile sagte keiner etwas.
Dann fragte es:
„Was machst du eigentlich so den ganzen Tag, wenn du hier unten bist?“
Odin sah kurz überrascht aus.
„Verschiedenes.“
„Zum Beispiel?“
„Lesen. Nachrichten. Katzengruppe. Telefonieren. Einkaufen. Manchmal raus.“
Tigerlein nickte begeistert.
„Das ist interessant.“
„Ist normal.“
„Normal ist oft interessant.“
Odin nahm einen Schluck Wasser.
„Wenn du meinst.“
Tigerlein schaltete vorsichtig das Aufnahmegerät ein.
„Darf ich?“
Odin dachte kurz nach.
„Wenn du nichts Komisches draus machst.“
„Versprochen.“
4) Odin erzählt vom Alltag
Tigerlein stellte diesmal keine großen Fragen.
Es ließ Odin einfach reden.
Über den Bäcker.
Über Björn, bei dem ein kurzer Einkauf häufig länger dauerte als vorgesehen.
„Weil er viel redet?“
Odin nickte.
„Und du nicht?“
„Manchmal.“
Tigerlein grinste.
Odin erzählte von der Katzengruppe auf dem Smartphone, von Nachrichten aus der Umgebung, von kleinen Wegen durch den Ort und davon, dass er gern früh einkaufte, wenn noch nicht so viel los war.
„Und die Sonnenbrille?“, fragte Tigerlein.
Odin berührte kurz den Bügel seiner normalen Brille.
„Hab mehrere.“
„Die neue ist schick.“
„Danke.“
Tigerlein fragte nicht weiter.
Stattdessen ging es um Kaffee, um die Ruhe in der kleinen Wohnung und darum, dass Odin die Hitze noch nie besonders mochte.
„Deshalb Klimaanlage?“
„Ja.“
„Beste Anschaffung des Sommers?“
Odin dachte nach.
„Eine davon.“
Tigerlein war zufrieden.
Das war viel mehr Gespräch, als es erwartet hatte.
5) Die Bildbände
Dann fiel Tigerleins Blick auf den Wohnzimmertisch.
Dort lagen mehrere große Bildbände.
Einer zeigte auf dem Einband einen Tiger.
Ein zweiter einen schwarzen Sportwagen.
Der dritte eine große Motoryacht auf tiefblauem Wasser.
Tigerlein stand auf.
„Oh.“
Odin wurde merklich stiller.
Tigerlein nahm nichts in die Hand, beugte sich nur ein wenig vor.
„Großkatzen.“
„Ja.“
„Autos.“
„Ja.“
„Yachten.“
„Ja.“
Tigerlein wartete.
Odin sagte nichts weiter.
„Magst du Bildbände?“
„Manche.“
„Autos besonders?“
„Sind interessant.“
„Welche?“
„Verschiedene.“
Tigerlein sah auf den dicken Band mit glänzenden Fahrzeugen.
„Sportwagen? Klassiker?“
„Beides.“
Dann zeigte es auf den Yachtband.
„Und Yachten?“
Odin nahm sein Glas.
„Schöne Bilder.“
Tigerlein kannte diesen Ton inzwischen.
Das Gespräch war an einer unsichtbaren Schranke angekommen.
6) Tigerlein versucht es trotzdem
„Also“, sagte Tigerlein vorsichtig, „wenn du dir eine aussuchen könntest—“
„Nein.“
„Ich habe die Frage noch gar nicht gestellt.“
„Weiß ich.“
Tigerlein setzte sich wieder.
„Du bist bei manchen Themen erstaunlich gesprächig und bei anderen gar nicht.“
Odin zuckte mit den Schultern.
„Ist so.“
Tigerlein sah auf das Aufnahmegerät.
„Das wäre eigentlich eine gute Podcastfolge.“
Odin hob eine Augenbraue.
„Nein.“
„Nicht über die Yachten. Über alltägliche Interessen.“
„Hm.“
„Oder über stille Leute und die Dinge, die sie mögen.“
Odin dachte kurz nach.
„Vielleicht.“
Das war für Odin fast überschwängliche Zustimmung.
Tigerlein lächelte.
„Dann lasse ich die Bildbände raus.“
„Gut.“
Kurz darauf schaltete es das Aufnahmegerät aus.
„Danke.“
Odin nickte.
„Komm ruhig öfter.“
Tigerlein war einen Moment überrascht.
Dann strahlte es.
„Mach ich.“
7) Der Garten bekommt seinen Regen
Am Abend wurde es endlich etwas milder.
Die Sonne stand tief, aber die Wärme hing noch zwischen Haus und Garten.
Der Hai trat zur Hauszentrale.
„Bodenfeuchte niedrig. Heute vollständiger Bewässerungszyklus.“
Das Känguru zog vorsorglich die Beine in die Hängematte.
„Welche Zonen?“
„Alle.“
„Ich bleibe wachsam.“
Nacheinander öffneten sich die Magnetventile.
Die Versenkregner fuhren aus dem Rasen.
Zuerst ein leises Zischen.
Dann breite Wasserbögen.
Die Tropfen glitzerten im goldenen Licht.
Waschbär sah das.
Legte sein Handtuch weg.
Und ging direkt hinein.
„Natürlich“, sagte Stinkerle.
Waschbär drehte sich unter dem Sprühnebel im Kreis.
„Es ist noch warm!“
Ein Regner wanderte mit seinem feinen Fächer über ihn hinweg.
Waschbär streckte die Pfoten aus und begann tatsächlich zu tanzen.
Nicht besonders koordiniert.
Aber sehr zufrieden.
8) Ein heißer Tag wird weich
Uschi und Lara saßen auf der Terrasse mit kühlen Getränken.
Kroko hatte Wassermelone aufgeschnitten.
Der weiße Tiger war inzwischen ebenfalls aus dem Büro gekommen.
Tigerlein saß mit seinem Aufnahmegerät daneben.
„Ich habe heute eine gute Folge bekommen.“
„Über Wein?“, fragte Waschbär aus dem Regen.
„Nein.“
„Über Odin?“
Tigerlein sah zu Odin.
„Ein bisschen.“
Odin nickte.
Das genügte.
Der Garten wurde langsam dunkler. Die trockene Erde nahm das Wasser auf, die Pflanzen bewegten sich im feinen Sprühnebel, und die Hitze des Tages schien endlich aus dem Rasen zu steigen.
Die Küchenkatzen saßen diesmal weit genug von den Regnern entfernt.
Minimaler Positionswechsel: Sicherheitsabstand erfolgreich eingehalten.
Waschbär tanzte noch immer.
Der Hai prüfte die Zonen.
„Gleichmäßige Abdeckung.“
Dann sah er kurz zu Waschbär.
„Mit beweglichem Hindernis.“
„Ich verteile das Wasser emotional!“
Niemand fragte nach.
Mozart betrachtete Odin, Tigerlein und den glitzernden Garten und sagte:
„Ein heißer Tag macht die Welt klein.
Man sucht Schatten, kühle Räume
und möglichst wenig Bewegung.
Doch manchmal findet man gerade dort,
wo man nur nach einer Podcastidee gesucht hat,
einen seltenen Besuch,
ein unerwartet langes Gespräch
und ein paar Bildbände,
über die besser nicht zu viel gefragt wird.
Am Abend regnet es dann aus der Erde,
ein Waschbär tanzt durch die Tropfen,
und selbst die größte Hitze
wird für eine Weile
ganz weich.“