1) Der große Wäscheberg
Am Dienstagmorgen stand Uschi vor mehreren Wäschekörben.
Sie hatte sortiert.
Und sortiert.
Und noch einmal sortiert.
„Das ist ganz schön viel.“
Lara kam dazu und sah auf die Stapel.
„Was haben wir denn alles gemacht?“
Uschi deutete auf den ersten Korb.
„Waschbär.“
Darin lagen mehrere T-Shirts und Hemden mit gelben, grünen, blauen und ockerfarbenen Farbresten.
Waschbär kam gerade vorbei.
„Künstlerkleidung.“
„Wäsche“, sagte Uschi.
Der zweite Korb enthielt Hemden und leichte Kleidung von den vielen Ausflügen der vergangenen Wochen.
Der dritte war beinahe vollständig mit Küchenhandtüchern, Geschirrtüchern und Schürzen gefüllt.
Kroko sah hinein.
„Die braucht man.“
„Deswegen waschen wir sie.“
Dazu kamen Bettwäsche, Handtücher, Poolwäsche und allerlei Kleinigkeiten.
Uschi klatschte einmal in die Pfoten.
„Dann fangen wir an.“
2) Die erste Runde
Die erste Maschine bekam robuste Alltagswäsche.
Uschi dosierte Waschmittel, wählte das Programm und schloss die Tür.
„So.“
Die Maschine begann ruhig.
Wasser lief ein.
Die Trommel bewegte sich langsam.
Waschbär stand davor.
„Kann man gut zuschauen.“
„Du musst nicht die ganze Zeit davor sitzen“, sagte Uschi.
„Ich beobachte den Prozess.“
Eine Weile passierte nichts Besonderes.
Dann kam der Schleudergang.
Die Trommel beschleunigte.
Die Maschine begann leicht zu vibrieren.
Dann etwas stärker.
Und schließlich machte sie einen kleinen Satz.
Waschbär riss die Augen auf.
„Oh!“
Noch ein leichtes Hüpfen.
„Sie lebt!“
Uschi kam sofort zurück.
„Nein, nein, nein.“
Waschbär legte beide Pfoten auf die Oberseite.
„Rodeo!“
„Runter da!“
„Ich stabilisiere sie.“
„Du machst genau das Gegenteil.“
3) Stinkerle hört das Geräusch
Stinkerle kam aus dem Nebenraum.
Er blieb einen Moment stehen und hörte zu.
Die Maschine vibrierte erneut.
„Unwucht.“
Waschbär nickte begeistert.
„Sehr schöne.“
„Nein.“
Stinkerle schaltete den Schleudergang ab und wartete, bis die Trommel vollständig stillstand.
„Erst einmal prüfen wir die Aufstellung.“
Der Hai erschien ebenfalls.
„Wie stark war die Bewegung?“
Uschi zeigte ungefähr mit der Pfote.
„Ein paar Millimeter? Vielleicht mehr.“
Waschbär sagte:
„Sie hat versucht, Richtung Tür zu gehen.“
„Hat sie nicht“, sagte Stinkerle.
„Emotional schon.“
Stinkerle kniete sich vor die Maschine.
„Eine Waschmaschine darf beim Schleudern etwas vibrieren. Aber wenn sie sichtbar wandert oder hüpft, stimmt meistens entweder die Lastverteilung, die Aufstellung oder die Dämpfung nicht.“
Waschbär setzte sich daneben.
„Erklär weiter.“
Stinkerle sah ihn an.
„Du hörst wirklich zu?“
„Heute schon.“
4) Warum Waschmaschinen hüpfen
Stinkerle öffnete die Tür und verteilte die Wäsche neu.
„Erster Punkt: Unwucht in der Trommel. Wenn schwere Stücke zusammenkleben oder sich auf einer Seite sammeln, entsteht beim Schleudern eine exzentrische Masse.“
Der Hai nickte sofort.
„Also Schwerpunkt außerhalb der Rotationsachse.“
„Genau.“
Stinkerle nahm ein besonders schweres nasses Handtuch heraus.
„Wenn das hier auf einer Seite hängt und die Trommel mit hoher Drehzahl läuft, wirkt eine ziemlich ordentliche Fliehkraft.“
Waschbär sah das Handtuch an.
„Das macht so viel Ärger?“
„Bei tausend oder mehr Umdrehungen pro Minute: ja.“
Dann prüfte Stinkerle die Füße der Maschine.
Er setzte eine kleine Wasserwaage auf die Oberseite.
„Zweiter Punkt: Die Maschine muss sauber stehen.“
Die Blase war leicht aus der Mitte.
„Da haben wir schon was.“
Der Hai beugte sich darüber.
„Abweichung nach links.“
„Minimal, aber vorhanden.“
Stinkerle löste die Kontermutter eines Stellfußes und drehte ihn ein wenig heraus.
Dann prüfte er erneut.
„Jetzt besser.“
5) Trommel, Bottich und Dämpfer
Waschbär schaute durch die geöffnete Tür.
„Aber warum ist die Trommel überhaupt so beweglich?“
Stinkerle lächelte.
„Weil sie es sein muss.“
Er zeigte ins Innere.
„Die sichtbare Edelstahltrommel sitzt im Bottich. Der ganze Bottich hängt federnd im Gehäuse und wird unten von Stoßdämpfern geführt.“
Waschbär blinzelte.
„Die Waschmaschine hat Stoßdämpfer?“
„Natürlich.“
„Wie ein Auto?“
„Vom Prinzip ähnlich. Sie sollen die Bewegung des Bottichs beruhigen.“
Der Hai hatte inzwischen die Bedienungsanleitung gefunden.
Ganz hinten gab es eine technische Zeichnung.
„Hier.“
Er hielt sie hoch.
Eine Explosionsdarstellung zeigte Trommel, Bottich, Lagerung, Riemenscheibe, Motor, Federn, Dämpfer und Gehäuseteile.
Der Hai wurde still.
Stinkerle bemerkte es.
„Alles gut?“
„Sehr.“
Der Hai setzte sich mit der Anleitung an den Tisch.
„Der Bottich hängt hier an zwei Federn.“
„Ja.“
„Und unten zwei Dämpfer.“
„Ja.“
„Interessant.“
Von da an war der Hai nur noch eingeschränkt ansprechbar.
6) Kleine Pflege, wenn man schon dabei ist
Stinkerle beschloss, die Gelegenheit zu nutzen.
„Wenn wir sie schon ausrichten, machen wir gleich Pflege.“
Uschi war sofort dafür.
„Sehr gern.“
Zuerst wurde das Flusensieb kontrolliert.
Stinkerle legte ein flaches Gefäß und ein Handtuch davor.
„Immer bedenken: Da kann Restwasser kommen.“
Er öffnete langsam.
Ein kleiner Schwall Wasser lief heraus.
Waschbär sah hinein.
„Schatzsuche.“
Im Filter fanden sich ein paar Fasern, ein Haar, ein kleiner Faden und überraschenderweise eine winzige Papierklammer.
Der Hai blickte kurz von seiner Explosionszeichnung auf.
„Die gehört nicht dahin.“
„Das ist richtig.“
Stinkerle reinigte das Sieb und den Sitz sorgfältig.
Dann wischte er die Türmanschette aus.
„Hier sammelt sich gern Waschmittelrest, Feuchtigkeit und Kleinkram.“
Uschi half mit einem Tuch.
„Und die Schublade?“
„Auch.“
Sie nahmen die Waschmittelschublade heraus, spülten sie gründlich und entfernten Ablagerungen aus den Kanälen.
Waschbär hielt die leere Schublade hoch.
„Das ist erstaunlich kompliziert für Seife.“
„Weil Wasser in verschiedene Kammern geleitet wird“, erklärte Stinkerle.
„Vorwäsche, Hauptwäsche, Weichspülerbereich.“
„Wir benutzen kaum Weichspüler.“
„Umso besser.“
7) Der Hai in der Explosionszeichnung
Währenddessen war der Hai vollkommen in der Anleitung verschwunden.
„Warum ist der Motor hier nicht direkt an der Trommel?“
„Weil diese Maschine einen Riemenantrieb hat“, sagte Stinkerle.
„Also Motor unten, Riemen zur großen Trommelriemenscheibe.“
„Genau.“
„Und das Gegengewicht?“
„Oben und vorne am Bottich.“
Der Hai blätterte.
„Beton?“
„Bei vielen Maschinen, ja.“
Waschbär sah erstaunt aus.
„Da ist ein Stein drin?“
„Im weitesten Sinne.“
„Warum?“
Stinkerle setzte sich kurz auf die Fersen.
„Weil die Maschine Masse braucht. Die Gegengewichte stabilisieren das System. Sonst würde der Bottich bei Unwucht noch viel stärker reagieren.“
Der Hai tippte auf die Zeichnung.
„Und wenn ein Dämpfer verschleißt, steigt die Amplitude.“
„Genau.“
„Wenn die Feder beschädigt ist, ebenfalls.“
„Ja.“
„Wenn das Lager Spiel hat—“
„Dann hätten wir andere Symptome und meist deutlich unangenehmere Geräusche.“
Der Hai nickte ehrfürchtig.
„Sehr gutes System.“
Waschbär sah zur Waschmaschine.
„Ich wusste gar nicht, dass da drin so viel passiert.“
„Die meisten Geräte sind innen interessanter als außen“, sagte Stinkerle.
8) Ein Probelauf
Nachdem alles gereinigt und die Maschine exakt ausgerichtet war, startete Stinkerle einen kurzen Probelauf ohne große Last.
Die Trommel drehte sich.
Wasser lief ein.
Alles klang normal.
Dann kam eine moderate Schleuderdrehzahl.
Die Maschine vibrierte nur leicht.
Stinkerle legte eine Pfote auf die Oberseite.
„So soll es sein.“
Waschbär wirkte fast enttäuscht.
„Sie macht gar nichts mehr.“
„Sie wäscht.“
„Aber kein Rodeo.“
„Genau das war das Ziel.“
Der Hai hob die Anleitung.
„Die dynamische Stabilität ist wieder deutlich besser.“
Uschi lächelte.
„Mir reicht, wenn sie nicht durch den Raum hüpft.“
9) Die letzte Runde am Abend
Am Abend lief noch eine letzte Maschine.
Diesmal mit Handtüchern und einigen der schwereren Stücke.
Uschi hatte darauf geachtet, die Trommel sinnvoll zu beladen.
„Nicht zu voll, nicht zu leer.“
Stinkerle nickte.
„Und schwere Teile mischen, damit sich nicht alles auf einer Seite sammelt.“
Der Schleudergang begann.
Die Trommel beschleunigte.
Alle lauschten.
Die Maschine stand ruhig.
Ein sanftes, gleichmäßiges Brummen.
Keine Sprünge.
Kein Wandern.
Kein Klappern.
Waschbär legte sich beinahe mit dem Ohr an die Seite.
„Langweilig.“
Uschi strahlte.
„Perfekt.“
Stinkerle war ebenfalls sichtbar zufrieden.
„Sauber ausgerichtet, Filter frei, Manschette sauber, Schublade gepflegt. Passt.“
Der Hai hielt noch immer die Anleitung in der Hand.
„Ich würde gern später noch den Wasserweg nachvollziehen.“
Stinkerle grinste.
„Gern.“
Waschbär sah zu ihm.
„Und ich darf beim nächsten Mal wieder Rodeo sagen?“
„Nur wenn wirklich etwas hüpft.“
„Abgemacht.“
Mozart, der das Ganze aus sicherer Entfernung verfolgt hatte, schrieb am Abend:
„Manche Tage drehen sich
um große Pläne, Reisen oder Feste.
Andere um nasse Handtücher,
ein Flusensieb
und eine Maschine,
die ein wenig zu viel Eigenleben entwickelt.Dann braucht es jemanden,
der nicht nur sagt, dass etwas wackelt,
sondern wissen möchte, warum.
Einen Stinkerle mit Wasserwaage,
einen Hai mit Explosionszeichnung
und einen Waschbär,
der selbst aus einer Unwucht
noch ein Rodeo macht.Und wenn am Abend alles ruhig läuft,
frisch gewaschene Wäsche duftet
und die Maschine einfach stehen bleibt,
kann selbst ein ganz gewöhnlicher Waschtag
überraschend zufrieden machen.“