03. Juni 2026 Bewölkt Frühling 8 min

Die geheimen Vorräte vor dem letzten Feiertag

Die geheimen Vorräte vor dem letzten Feiertag

1) Der letzte Feiertag vor der langen Strecke

Der Mittwoch begann mit einem ernsten Blick des Hai auf den Kalender.

„Morgen ist Feiertag“, sagte er.

„Ja“, sagte Lara. „Fronleichnam.“

„Und danach“, fuhr der Hai fort, „kommt in Hessen auf absehbare Zeit kein weiterer Feiertag.“

Im Raum wurde es kurz still.

Kroko stellte seine Kaffeetasse ab. „Dann müssen wir uns eindecken.“

„Das klingt dramatisch“, sagte Waschbär.

„Das ist Vorratslogik“, sagte Kroko. „Morgen Pizza. Freitag Lasagne. Samstag… irgendwas Gutes.“

Der Hai nickte. „Versorgung für mehrere Tage sinnvoll.“

Uschi lächelte. „Dann machen wir Einkaufsrunden.“

Odin steckte schon sein Smartphone ein. „Ich gehe zu Björn.“

„Baguette?“, fragte Lara.

„Und was er sonst empfiehlt.“

„Das heißt Kuchen“, flüsterte Waschbär.

Kroko zog seine Jacke an. „Ich gehe zum Wolf.“

Uschi nahm Laras Arm. „Wir gehen zum Gemüsemarkt.“

„Und auf dem Rückweg?“, fragte Lara unschuldig.

Uschi lächelte ebenso unschuldig. „Mal sehen, ob wir zufällig an der Floristin vorbeikommen.“

Der Hai sah alle an. „Bitte Einkaufszwecke klar halten.“

Das Känguru rief aus der Hängematte: „Der Feiertag braucht kulinarische Infrastruktur!“

„Ausnahmsweise korrekt“, sagte Kroko.


2) Kroko beim Metzger Wolf

Kroko war beim Metzger Wolf in seinem Element. Der Wolf stand hinter der Theke, als hätte er bereits geahnt, dass vor einem Feiertag jemand aus dem Flanellweg auftauchen würde.

„Kroko“, sagte er. „Feiertagsvorrat?“

„Pizza morgen“, sagte Kroko. „Lasagne Freitag. Und allgemein Wochenende.“

Der Wolf nickte ernst. „Dann brauchen wir mehrere Ebenen.“

Das gefiel Kroko.

Er nahm etwas gute Salami für die Pizza, ein bisschen Schinken, ein paar würzige Kleinigkeiten für unterschiedliche Beläge. Für die Lasagne ließ er sich Hackfleisch frisch vorbereiten, nicht zu mager, nicht zu fett. Genau richtig.

„Lasagne?“, fragte Wolf.

„Überraschung“, sagte Kroko.

„Für wen?“

„Für alle.“

Wolf grinste. „Dann packe ich dir noch etwas dazu, das der Sauce Tiefe gibt.“

Kroko nickte anerkennend. „Du verstehst.“

Als er den Laden verließ, war seine Tasche gut gefüllt. Offiziell war damit alles erledigt.

Inoffiziell bog Kroko nicht direkt nach Hause ab.


3) Uschi, Lara und der sehr zufällige Blumenweg

Uschi und Lara hatten währenddessen auf dem Gemüsemarkt freie Bahn. Sie kauften Tomaten, Paprika, Pilze, Zucchini, Zwiebeln, Basilikum, frische Kräuter und Salat. Alles, was man für Pizza, Lasagne und gute Beilagen brauchen konnte.

„Die Tomaten sind schön“, sagte Uschi.

„Für Pizza oder Lasagne?“, fragte Lara.

„Für beides. Und für den Tisch.“

Lara lachte. „Du kaufst Gemüse auch nach Dekorationswert.“

„Natürlich.“

Auf dem Rückweg lag die Floristin Füchsin rein zufällig auf ihrer Route. Sehr zufällig. Fast mathematisch unausweichlich.

„Wenn wir schon hier sind“, sagte Lara.

„Wäre es unhöflich, nicht kurz reinzugehen“, sagte Uschi.

Die Füchsin begrüßte sie mit einem warmen Lächeln. „Wieder etwas fürs Haus?“

„Für den Feiertag“, sagte Uschi.

„Dann etwas Helles. Nicht zu festlich, aber besonders.“

Die Füchsin band einen kleineren Strauß als sonst, leichter, luftiger, mit zarten Blüten und frischem Grün. Ein Strauß, der nicht nach großem Anlass aussah, sondern nach „der Tisch darf schöner sein“.

Lara betrachtete ihn. „Der passt zur Pizza.“

Die Füchsin lachte. „Das habe ich noch nie als Kriterium gehört.“

„Im Flanellweg ist das sehr logisch“, sagte Uschi.


4) Odin verquatscht sich bei Björn

Odin war bei Björn dem Bäcker-Biber natürlich nur kurz.

Das sagte er zumindest vorher.

In Wirklichkeit stand er lange genug im Laden, dass Björn ihm erst Brot zeigte, dann Baguette, dann Pizzateig-Tipps gab, dann von einer neuen Torte erzählte, dann Frau Biber kurz aus der Backstube kam und erklärte, welche Kuchenstücke sich am besten über Feiertag und Wochenende halten.

Odin hörte ruhig zu. Das war seine Art, sich zu verquatschen: nicht viel reden, aber lange bleiben.

„Für Pizza morgen brauchst du Baguette eigentlich nicht“, sagte Björn.

„Doch“, sagte Odin. „Für davor, danach und falls Kroko findet, dass etwas fehlt.“

Björn nickte. „Sehr vorausschauend.“

Odin nahm frisches Baguette, ein helles Brot, ein paar Kuchenstücke und etwas Kleines, das Björn ihm mitgab, „weil Feiertag ist“.

„Sag Kroko, wenn er Lasagne macht, soll er das Brot kurz aufbacken. Dann ist es perfekt dazu.“

Odin hob eine Augenbraue. „Woher weißt du von Lasagne?“

Björn grinste. „Kroko war beim Wolf. Der Ort redet.“

Odin nickte langsam. „Natürlich.“


5) Kroko bei Maus & Maus

Kroko stand inzwischen vor dem Laden Maus & Maus – Käse und mehr.

Er kannte ihn bisher nur aus Odins Erzählungen. Und aus der Geschichte mit dem Videoanruf. Aber er war selbst noch nie dort gewesen. Das musste sich ändern.

Drinnen roch es nach Käse, Holz, kühler Theke und sehr guter Beratung. Die beiden Schweizer Mäuse begrüßten ihn höflich und freundlich.

„Ah, Sie sind aus dem Flanellweg“, sagte Maus.

„Kroko“, sagte Kroko.

„Natürlich“, sagte Maus. „Odin hat Sie erwähnt.“

Kroko brummte zufrieden. „Ich brauche Käse.“

„Das ist hier ein guter Anfang“, sagte Maus.

Zuerst ging es um Lasagne. Kroko erklärte, dass sie übermorgen stattfinden sollte, als Überraschung. Die Mäuse empfahlen ihm eine Mischung: etwas Mildes zum Schmelzen, etwas Würzigeres für Tiefe, ein bisschen Parmesan-Charakter für oben.

„Nicht zu dominant“, sagte Kroko.

„Aber mit Rückgrat“, sagte Maus.

Kroko nickte. „Genau.“

Dann wurde er ernster. „Und Grillkäse.“

Die beiden Mäuse sahen ihn aufmerksam an.

„Letztes Wochenende“, sagte Kroko schwer, „ist einer durch den Rost gelaufen.“

Maus und Maus tauschten einen Blick, der zugleich Mitgefühl und Fachwissen enthielt.

„Dann war es nicht der richtige Käse“, sagte Maus.

„Oder nicht die richtige Technik“, sagte die andere Maus.

Kroko sah aus, als hätte man eine Wunde berührt.

Sie erklärten ihm verschiedene Sorten: Halloumi, fester Grillkäse, Käse in Schalen, Käse auf Plancha, Käse mit höherer Strukturfestigkeit. Kroko hörte zu wie in einer Meisterklasse.

„Also nicht direkt auf zu heißem Rost“, sagte er langsam.

„Nicht jeder Käse“, sagte Maus.

„Und notfalls Schale.“

„Sehr empfehlenswert.“

Kroko nickte. „Gut.“

Dann schaute er kurz zur Seite. „Und… Raclette.“

Die Mäuse lächelten.

„Für wann?“

„Samstag. Vielleicht.“

„Vielleicht?“

„Geheim.“

„Ah“, sagte Maus. „Dann besonders gut verpackt.“

Kroko nahm eine Portion Raclettekäse mit. Nicht wenig. Nicht absurd viel. Genau genug, damit ein Samstag plötzlich Raclette werden konnte.

Er verstaute alles sorgfältig und ging nach Hause, als wäre nichts gewesen.


6) Alles kommt heim

Am Nachmittag füllte sich die Küche wieder wie ein Marktplatz.

Uschi und Lara kamen mit Gemüse und Blumen.
Odin kam mit Brot, Baguette und Kuchen.
Kroko kam mit Fleisch, Wurst, Belägen – und einer Tasche, die er etwas zu unauffällig behandelte.

Der Hai sah sofort hin.

„Was ist darin?“

„Käse“, sagte Kroko.

„Für Pizza?“

„Auch.“

„Für Lasagne?“

„Vielleicht.“

„Für Samstag?“

Kroko sah ihn an. „Du stellst viele Fragen.“

Der Hai blinzelte. „Das ist meine Art.“

Uschi stellte den kleinen Feiertagsstrauß in eine Vase. Lara räumte Gemüse aus. Odin legte Brot und Kuchen bereit. Waschbär stand mitten im Raum und sah aus, als würde er gleich vor Vorfreude platzen.

„Morgen Pizza“, sagte er.

„Freitag Lasagne“, sagte Lara.

„Samstag unbekannt“, sagte Kroko.

Das Känguru aus der Hängematte rief: „Unbekannt heißt meistens Käse.“

Kroko sagte nichts.

Das war verdächtig.


7) Heimliche Kühlschrankordnung

Später, als niemand direkt hinsah, öffnete Kroko den Kühlschrank. Er verstaute den Lasagnekäse gut sichtbar genug, damit später niemand misstrauisch wurde. Den Grillkäse legte er in ein Fach, das logisch war.

Das Raclette aber kam nach hinten. Hinter ein paar Joghurtgläser, neben einen Topf mit Deckel, unter ein Tuch.

Nicht versteckt.

Nur… sehr privat platziert.

Der Hai stand plötzlich hinter ihm.

„Ist das Raclette?“

Kroko erstarrte.

„Nein.“

Der Hai sah ihn an.

Kroko seufzte. „Vielleicht.“

„Das Wetter bleibt kühl“, sagte der Hai.

„Genau.“

„Dann ist Raclette sinnvoll.“

„Sag niemandem etwas.“

Der Hai richtete sich auf. „Ich kann schweigen.“

Aus dem Wohnzimmer rief Waschbär: „Könnt ihr im Kühlschrank bitte leiser geheim sein?“

Kroko schloss die Tür.

„Niemand weiß etwas“, sagte er.

Der Hai nickte. „Offiziell.“


8) Mozarts Satz des Tages

Am Abend saßen die Tiere zufrieden zusammen. Die Einkäufe waren verstaut, der Feiertag konnte kommen, und in der Küche standen Blumen, Brot und Gemüse wie ein Versprechen für die nächsten Tage.

Mozart sah in die Runde und sagte:

„Manche Feiertage beginnen,
bevor sie im Kalender stehen:
mit Wegen zum Wolf,
zum Biber,
zum Gemüsemarkt,
zur Füchsin
und manchmal heimlich
zu den Mäusen.
Wer Vorräte sammelt,
sammelt nicht nur Essen,
sondern Vorfreude.
Und wenn im Kühlschrank
ein Geheimnis aus Käse liegt,
dann hat das Wochenende
bereits eine zweite Geschichte.“