03. Juni 2025 Sonnig Sommer 3 min

Uschi, das stille Zentrum

Uschi, das stille Zentrum

Der stille Morgen

Niemand sah, wann Uschi aufstand.
Es war, als wäre sie einfach schon da gewesen.
Wie der Duft von Lavendel in alten Schubladen oder das Gefühl, dass alles gut wird.

Sie hatte sich heute für ihr leicht geblümtes Kimono-Kleid entschieden. Ihre Haare waren hochgesteckt, die Flip-Flops noch in der Hand.
„Barfuß fühlt man die Welt besser“, sagte sie manchmal.

Während die anderen noch dösten oder langsam ihre Tassen fanden, hatte Uschi bereits:

  • eine Schüssel Obstsalat geschnippelt
  • drei Orchideen umgetopft
  • den Balkon mit einem neuen Windspiel dekoriert
  • und ein Kapitel aus einem Buch über japanische Teekultur gelesen.

Tigerlein wundert sich

Tigerlein saß mit dem Notizbuch in der Küche, die Kamera auf dem Tisch.
Er wollte eigentlich weiter an seinem Podcast feilen – eine neue Episode über „die Rollen im Haus“ –, und dachte, er hätte mit Mozart, dem Hai und dem Känguru schon die komplexesten Figuren eingefangen.

„Uschi, kann ich dich eigentlich mal was fragen?“

„Natürlich, Liebling“, sagte sie, während sie eine Avocado mit chirurgischer Präzision entkernte.

„Was… machst du eigentlich den ganzen Tag, wenn du nicht gerade Tee servierst oder den Erdbeerquark machst?“

Uschi lachte leise.

„Ach mein Schatz… ich lebe.“


Ein kleiner Einblick

Sie winkte ihn auf den Balkon.
Dort stand eine Staffelei, auf der ein pastellfarbenes Aquarell blühte – es zeigte den Garten bei Morgendämmerung, voller weicher Grüntöne und Lichtflecken.

„Ich male. Ich schreibe manchmal kleine Gedichte. Und ich lese…“
Sie deutete auf ein Regal voller Bücher: Philosophie, Botanik, Geschichte.
„Wusstest du, dass ich einmal eine kleine Ausstellung hatte? Im Gemeindezentrum in Nieder-Wiesen. Fünf Besucher, ein Töpfer, ein Weißwein.“

Tigerlein blätterte erstaunt durch ein Notizbuch – filigrane Zeichnungen, Tagebuchsätze, Zitronenschalensonne.

„Ich dachte… du bist einfach nur…“

Uschi hob die Braue.
„Die Mutter? Die, die Muffins macht?“

Er errötete.
Sie legte ihm die Hand auf den Kopf.

„Das ist okay. Ich war auch mal jung. Da sieht man das Große oft nur in Großem.“


Die anderen bemerken es kaum

Während Tigerlein in Uschis Welt eintauchte, rief Kroko aus der Küche:
„Uschi, is der Tee bald soweit? Und hast du was gegen den Kalk im Wasserkocher gemacht?“

„Gleich, mein Lieber!“, rief sie zurück – mit einem Lächeln, das nichts verriet.

Der Hai notierte im Flur: „Teeversorgung: lückenlos. Hausstimmung: stabil.“

Das Känguru schlich an ihr vorbei, flüsterte:
„Du bist das Rückgrat, Schwester. Ohne dich wär hier nur Konfusion und kalter Filterkaffee.“

Doch auch das Känguru wusste nicht, dass Uschi am Vortag heimlich drei kaputte Kabel flickte, zwei philosophische Texte ausdruckte – und nachts beim Vollmond auf dem Balkon saß und ein Haiku schrieb.


Ein Schluss aus Licht

Am Abend saß Uschi im Wohnzimmer.
Die Tiere hatten ihren Tee, das Sofa war weich, Elise summte leise durch den Flur.

Tigerlein schnitt an seinem Tonmaterial.
„Ich glaube“, murmelte er, „ich mach eine ganze Folge über dich.“

Uschi sah ihn an, warm wie ein Kissen nach dem Sonnenfenster.

„Mach das, mein Schatz.
Aber verrat ihnen nicht alles.
Manches gehört nur mir.“


Und so bleibt Uschi das leise Zentrum des Hauses – nicht die Sonne, die laut scheint, sondern der Mond, der das Wasser lenkt, das Herz wärmt und mit einer einzigen, stillen Bewegung die Nacht vergoldet.