16. Juni 2026 Sonnig Sommer 8 min

Der Hai und das Fischbrötchen der Ablenkung

Der Hai und das Fischbrötchen der Ablenkung

1) Ein ungelöster Vorgang

Der Dienstag begann mit einem Blick.

Nicht einem dramatischen Blick. Nicht einem wütenden. Sondern einem Hai-Blick auf die leere Küchenrollenhalterung.

„Das ist immer noch nicht korrigiert“, sagte der Hai.

Kroko, der gerade Kaffee machte, drehte sich um. „Was?“

Der Hai zeigte auf den Halter. „Küchenrolle.“

Aus der Hängematte rief das Känguru: „Das Thema ist historisch abgeschlossen.“

„Nein“, sagte der Hai. „Es ist offen.“

„Ich habe Schnapspralinen beschafft.“

„Und Küchenpapier vergessen.“

„Priorisierung.“

„Fehlpriorisierung.“

Uschi kam in die Küche, sah den Hai an und merkte sofort, dass hier etwas nicht einfach von allein verschwinden würde. „Möchtest du eine Liste machen?“

Der Hai richtete sich auf. „Ja.“

„Dann machen wir eine richtige Liste.“

Das beruhigte ihn sichtbar.

Das Känguru murmelte: „Jetzt wird der Einkauf bürokratisiert.“

„Korrekt“, sagte der Hai. „Und diesmal erfolgreich.“


2) Die vollständige Liste

Uschi setzte sich mit dem Hai an den Küchentisch. Vor ihnen lagen ein Notizblock, ein Stift und Hais Tablet. Der Hai nannte Kategorien. Uschi nannte Dinge, die wirklich fehlten. Lara ergänzte Kleinigkeiten. Kroko brummte aus der Küche gelegentlich Zutaten in die Runde.

„Küchenrolle“, sagte der Hai zuerst.

„Ganz oben“, sagte Uschi.

„Nicht verhandelbar.“

„Dann Milch, Joghurt, Salat, Gurken, etwas Obst.“

„Kaffee?“, fragte Odin ruhig.

Der Hai prüfte. „Noch ausreichend, aber Nachkauf sinnvoll.“

„Dann Kaffee“, sagte Uschi.

„Spülmittel“, sagte Stinkerle aus dem Flur.

„Notiert.“

„Vielleicht etwas Süßes“, sagte Waschbär.

Der Hai sah ihn an.

„Für Gäste.“

„Unpräzise.“

„Für uns als Gäste unseres eigenen Lebens.“

Uschi lächelte. „Eine Packung Kekse.“

Der Hai notierte widerwillig: Kekse, eine Packung.

Das Känguru hob aus der Hängematte eine Pfote. „Schnapspralinen?“

„Nein“, sagte der Hai.

„Nur für Versorgungssicherheit.“

„Nein.“

„Du untergräbst die Resilienz des Hauses.“

„Du hast genug.“

Das stimmte. Leider sogar sichtbar.


3) Der Hai geht allein

Nach dem Frühstück nahm der Hai den großen Korb. Nicht irgendeinen Korb. Den stabilen, geräumigen, leicht überdimensionierten Einkaufskorb, der im Flanellweg für ernsthafte Versorgungsfahrten genutzt wurde.

„Ich gehe allein“, sagte er.

Uschi nickte. „Schaffst du?“

Der Hai sah sie an.

„Natürlich schaffst du“, sagte sie sanft. „Ich meine nur: Der Korb wird voll.“

„Gewicht kalkuliert.“

Kroko brummte: „Kauf nicht den halben Laden.“

„Ich kaufe nach Liste.“

Das Känguru rief: „Der Ort ist dienstags anders. Sei wachsam.“

Der Hai blieb stehen. „Anders?“

„Dienstag hat eine andere Energie.“

„Das ist keine relevante Information.“

Odin sah von seinem Smartphone auf. „Doch.“

Der Hai musterte ihn kurz. Odin sagte nichts weiter. Die Sonnenbrille lag heute nicht auf seiner Nase, aber auf dem Tisch neben ihm, was fast genauso geheimnisvoll wirkte.

„Ich werde berichten“, sagte der Hai.

Dann ging er.


4) Dienstag im Ort

Der Ort war tatsächlich anders an einem Dienstag.

Nicht völlig anders. Die Häuser standen noch dort, wo sie standen. Björns Bäckerei roch nach Brot. Der Optiker hatte geöffnet. Der Supermarkt war da.

Aber es war lebendiger als erwartet. Mehr Leute auf dem Gehweg, mehr Körbe, mehr Stimmen. Der Hai registrierte das, ordnete es aber zunächst als „lokale Vormittagsdynamik“ ein.

Im Supermarkt arbeitete er die Liste ab.

Küchenrolle: zuerst.
Milch.
Joghurt.
Gurken.
Salat.
Obst.
Kaffee.
Spülmittel.
Kekse, eine Packung.

Er prüfte jeden Punkt. Kein Umweg zu Schnapspralinen. Kein unnötiger Gang. Keine Aktionsware, keine spontanen Körbe voller „Vielleicht“.

An der Kasse war er fast zufrieden.

„Sehr effizient“, murmelte er.

Die Kassiererin lächelte. „Großer Einkauf?“

„Haushaltsvorgang mit offener Küchenrollenkomponente.“

„Ah“, sagte sie, wie man nur sagt, wenn man freundlich ist und nicht nachfragt.

Der Hai bezahlte, packte alles ordentlich in den Korb und trat nach draußen.

Dort hörte er Stimmen. Viele Stimmen.

Und dann sah er die Stände.


5) Der Wochenmarkt

Auf dem Platz vor dem Supermarkt war Wochenmarkt.

Der Hai blieb stehen.

Das hatte niemand auf die Liste geschrieben.

Es gab Gemüsestände, Blumen, Käse, Honig, Brot, kleine Körbe mit Beeren, Kräuter, Eier und einen Stand mit duftenden Pfannen. Der Hai hätte jetzt einfach nach Hause gehen können. Der Einkauf war erledigt.

Doch dann sah er ihn.

Den Fischstand.

Ein blau-weißes Schild, ein Kühlwagen, blanke Auslage, Eis, frische Ware. Matjes. Räucherfisch. Nordseekrabben. Lachs. Makrele. Forelle. Fischbrötchen.

Auf dem Schild stand: Frisch von der See.

Der Hai trat näher.

Sehr langsam.

Sein Herz, das bei Poolwerten und Einkaufslisten zuverlässig taktete, machte plötzlich etwas Weiches.

„Oh“, sagte er.

Der Fischhändler sah ihn freundlich an. „Moin. Darf’s was sein?“

Der Hai stand vor der Auslage, als hätte jemand eine Tür in eine andere Welt geöffnet.

„Das ist… sehr frisch.“

„Heute Morgen angekommen.“

Der Hai nickte ehrfürchtig. „Direkt von der See.“

„So direkt, wie’s hier eben geht.“

Der Hai nahm diese Einschränkung ernst, aber sie störte ihn nicht.


6) Das Fischbrötchen

Er wollte nur schauen.

Natürlich.

Nur die Auslage prüfen. Die Qualität einordnen. Vielleicht Preise merken. Vielleicht später berichten.

Dann sah er die Fischbrötchen.

Matjes mit Zwiebeln. Backfisch mit Remoulade. Räucherlachs. Krabben. Brötchen, Salat, etwas Gurke, frisch belegt.

„Ein Matjesbrötchen?“, fragte der Händler.

Der Hai antwortete schneller, als er geplant hatte: „Ja.“

Er stellte den großen Korb neben sich, nahm das Brötchen und setzte sich auf eine kleine Bank am Rand des Marktes. Für einen Moment war alles sehr einfach.

Kein pH-Wert.
Keine Küchenrolle.
Keine offenen Vorgänge.
Nur frisches Brötchen, salzige See, Zwiebel, Gurke, Matjes, ein bisschen Wind und der Dienstag im Ort.

Der Hai biss hinein.

Und schloss kurz die Augen.

„Sehr gut“, sagte er leise.

Er aß langsam. Nicht hastig. Fast feierlich. Danach blieb er noch einen Moment sitzen und sah zum Fischstand hinüber. Er sprach noch kurz mit dem Händler über Herkunft, Räucherung, Transport, Kühlung und Markttage.

Der Händler erzählte gern.

Der Hai hörte gern zu.

Es war gefährlich harmonisch.


7) Heimkehr mit vollständigem Einkauf

Als der Hai zurückkam, waren alle überrascht, wie zufrieden er aussah.

Er stellte den großen Korb auf den Tisch.

Uschi kam sofort dazu. „Na?“

Der Hai begann auszupacken.

Küchenrolle.

Uschi lächelte. „Sehr gut.“

Milch. Joghurt. Salat. Gurken. Obst. Kaffee. Spülmittel. Kekse.

„Liste vollständig erfüllt“, sagte der Hai.

„Ausgezeichnet“, sagte Odin.

Kroko prüfte den Kaffee. „Gut.“

Waschbär hob die Kekse. „Für Gäste unseres eigenen Lebens.“

„Eine Packung“, sagte der Hai streng.

Das Känguru kam näher. „Und? Wie war der Ort an einem Dienstag?“

Der Hai richtete sich auf. „Interessant.“

„Interessant?“, fragte Lara.

„Es war Wochenmarkt.“

Alle sahen ihn an.

„Wochenmarkt?“, sagte Uschi. „Oh! Da gibt es doch bestimmt schöne Sachen.“

Der Hai nickte. „Ja.“

„Hast du etwas mitgebracht?“, fragte Kroko.

Stille.

Der Hai blinzelte.

Dann sah er auf den Korb.

Dann auf die ausgepackten Einkäufe.

Dann wieder in die Runde.

„Nein.“


8) Vor lauter Fischbrötchen

„Nein?“, fragte Waschbär.

Der Hai wurde sehr still. „Ich habe nichts vom Wochenmarkt mitgebracht.“

„Aber du warst dort?“, fragte Lara.

„Ja.“

„Und es gab schöne Sachen?“

„Ja.“

„Und du hast nichts gekauft?“

Der Hai sah kurz aus dem Fenster, als könne der Wochenmarkt vielleicht noch einmal auftauchen.

„Ich hatte ein Fischbrötchen.“

Kroko hob den Kopf. „Ah.“

Odin nickte langsam. „Verstehe.“

Das Känguru schlug sich auf die Knie. „Ha! Der Hai vergisst den Wochenmarkt wegen Fisch! Das Universum ist gerecht!“

„Ich habe die Küchenrolle nicht vergessen“, sagte der Hai sofort.

„Aber den Markt.“

„Der Markt stand nicht auf der Liste.“

„Schnapspralinen standen bei mir auch nicht auf der Küchenrollenliste“, sagte das Känguru.

„Das ist nicht vergleichbar.“

„Es ist exakt vergleichbar, nur mit Matjes.“

Uschi legte dem Hai sanft eine Pfote auf den Arm. „Schon gut. Du hast alles Wichtige mitgebracht.“

„Und ein schönes Erlebnis gehabt“, sagte Lara.

Der Hai wirkte, als müsse er diese Kategorie erst akzeptieren.

„Ja“, sagte er dann. „Das Fischbrötchen war sehr gut.“

Waschbär flüsterte: „Der Hai hatte einen Genussmoment.“

„Ich habe es gehört“, sagte der Hai.

„Noch besser.“


9) Mozarts Satz des Tages

Am Abend stand die Küchenrolle wieder an ihrem Platz. Der Einkauf war vollständig verstaut, die Kekse waren vor Waschbär halbwegs gesichert, und der Hai hatte ausführlich vom Fischstand berichtet – von Eis, Matjes, Räucherfisch, direkter Lieferung und der Würde eines guten Fischbrötchens.

Dass er nichts vom Wochenmarkt mitgebracht hatte, wurde ihm nur noch dreimal vorgehalten. Hauptsächlich vom Känguru.

Mozart saß unter dem Apfelbaum, hörte zu und lächelte.

„Wer mit einer Liste geht,
kommt manchmal mit Ordnung zurück.
Und manchmal zusätzlich
mit dem Geschmack von Meer,
Zwiebeln
und einem Brötchen in der Sonne.
Dann fehlt vielleicht der Käse vom Markt,
das Gemüse,
der Honig,
die Blumen –
aber nicht die Geschichte.
Auch ein vergessener Einkauf
kann vollständig sein,
wenn jemand dabei
kurz glücklich war.“