1) Der Hai hat zu viele offene Akten
Am Samstagmorgen saß der Hai am Terrassentisch.
Vor ihm lag sein Tablet.
Darauf standen mehrere Überschriften:
Waschbär – Schweizerdeutsch
Waschbär – mögliche Reisen
Kroko – Kochkenntnisse
Mozart – Alter / historische Erfahrungen
Lara – Frankreich
Känguru – Australien?
Hinter manchen Punkten standen Fragezeichen.
Hinter Waschbär standen besonders viele.
Der weiße Tiger kam mit Kaffee vorbei.
„Was ist das?“
„Offene Fragen.“
„Über uns?“
„Teilweise.“
Der weiße Tiger sah auf die Liste.
„Warum?“
„Weil Informationen fehlen.“
„Das tun sie meistens.“
Der Hai sah ihn an.
„Das stört dich nicht?“
„Nein.“
Dann ging der weiße Tiger zurück ins Büro.
Der Hai blickte wieder auf seine Liste.
Das half überhaupt nicht.
2) Nun ist Kroko dran
Aus der Küche kam bereits ein vertrautes Klappern.
Kroko stand am Herd.
Auf der Arbeitsfläche lagen Gemüse, Kräuter, Butter, Mehl, mehrere Schüsseln und ein Stück Fleisch.
Der Hai erschien in der Tür.
„Was kochst du?“
„Abendessen.“
„Was genau?“
„Später.“
Der Hai trat näher.
„Gestern war das Rinderfilet außergewöhnlich gut.“
Kroko nickte.
„War gutes Fleisch.“
„Aber nicht nur das. Die Garstufe war exakt. Das Grillgemüse ebenfalls. Und die Kräuterbutter.“
„Ja.“
„Du kannst außerdem Patisserie.“
Kroko schnitt eine Schalotte.
„Ein bisschen.“
Der Hai starrte ihn an.
„Ein bisschen? Du hast Panna Cotta, verschiedene Cremes, Schwarzwälder Kirschtorte und mehrere französische Gerichte gemacht.“
„Hab gekocht.“
„Wo hast du das gelernt?“
Kroko zuckte mit den Schultern.
„Hier und da.“
Der Hai erstarrte.
Diese Antwort kannte er.
3) „Hier und da“ ist keine Herkunftsangabe
Der Hai setzte sich auf einen Küchenstuhl.
„Bitte präzisieren.“
Kroko gab Butter in eine Pfanne.
„Früher.“
„Wann früher?“
„Vor dem Flanellweg.“
„Wo?“
„In Küchen.“
„Welchen Küchen?“
Kroko sah ihn an.
„Restaurantküchen.“
Der Hai tippte sofort.
„Plural.“
„Hai.“
„Wie viele Restaurants?“
„Genug.“
„Welche Küche?“
„Verschieden.“
„Ausbildung?“
„Auch.“
„Welche?“
Kroko rührte in der Pfanne.
„Kochen.“
Der Hai legte das Tablet langsam auf den Tisch.
Waschbär kam herein, nahm eine Weintraube aus einer Schale und grinste.
„Er macht das genauso wie ich.“
„Das ist nicht lustig.“
„Doch.“
„Nein.“
„Ein bisschen.“
4) Uschi erklärt schließlich einiges
Uschi hatte das Gespräch eine Weile mitgehört.
Schließlich stellte sie ihre Tasse ab.
„Kroko war früher lange in einem ziemlich guten Restaurant.“
Der Hai drehte sich sofort zu ihr.
Kroko sagte nichts.
„Wie gut?“
Uschi überlegte.
„So ein Restaurant, bei dem nicht einfach nur eine Küche gemacht wurde. Sehr gehoben, sehr sorgfältig. Typisch Michelin-orientiert eben.“
Der Hai nahm das Tablet wieder.
„Das erklärt einiges.“
„Sie haben viel gewechselt“, sagte Uschi. „Deutsche Sachen, französische Küche, italienische Gerichte, alpine Küche. Saisonale Menüs. Viel Handwerk. Kroko hat dort sehr viel gelernt.“
Kroko schnitt weiter.
„War lange her.“
„Wie lange warst du dort?“, fragte der Hai.
„Lange.“
„Welche Position?“
„Verschiedene.“
„Gab es Sterne?“
Kroko sah ihn an.
„Essen war gut.“
Uschi lächelte.
„Mehr wirst du vermutlich nicht bekommen.“
Kroko nickte.
„Heute wichtiger.“
5) Waschbär versteht das sehr gut
Waschbär saß inzwischen auf der Arbeitsplatte.
„Ich verstehe Kroko.“
Der Hai sah misstrauisch zu ihm.
„Natürlich.“
„Man muss nicht alles von früher erklären.“
„Doch. Wenn dadurch offene Fragen entstehen.“
„Warum?“
„Weil offene Fragen beantwortet werden können.“
Waschbär dachte nach.
„Aber dann entstehen neue.“
Der Hai schwieg.
Das war ärgerlicherweise richtig.
Kroko sagte:
„Gegenwart reicht.“
Waschbär nickte.
„Genau.“
Der Hai deutete auf ihn.
„Du bist das schlechteste Beispiel. Ich weiß bis heute nicht, warum du Schweizerdeutsch kannst.“
Waschbär nahm noch eine Weintraube.
„Vielleicht weiß ich es selbst nicht.“
„Vor vier Tagen hast du gesagt, du hättest es im Radio gelernt.“
„Vielleicht war das richtig.“
„Und davor warst du eventuell in der Schweiz.“
„Auch möglich.“
„Beides gleichzeitig?“
„Warum nicht?“
Der Hai schloss kurz die Augen.
6) Plötzlich sind alle verdächtig
Der Hai ging zurück auf die Terrasse.
Seine Liste wurde nun länger.
Mozart saß im Schatten und schrieb.
Der Hai setzte sich zu ihm.
„Wie alt bist du eigentlich?“
Mozart sah auf.
„Alt genug.“
Der Hai wartete.
„Wie alt genau?“
Mozart lächelte.
„Manche Zahlen werden interessanter, wenn man sie nicht hinschreibt.“
„Das ergibt keinen Sinn.“
„Doch.“
„Du erzählst von Jahrzehnten, Reisen und Dingen, die sehr lange zurückliegen.“
„Das stimmt.“
„Also?“
Mozart setzte seinen Füller wieder aufs Papier.
„Ich habe viel gesehen.“
Der Hai schrieb:
Mozart – weiterhin unklar.
Dann kam Lara vorbei.
„Was hast du eigentlich genau in Frankreich gemacht?“
Lara blieb stehen.
Sie dachte kurz nach.
Dann lächelte sie.
„C’est la vie.“
Der Hai sah sie an.
„Das ist keine Antwort.“
„Aber eine sehr französische.“
Und ging weiter.
7) Das Känguru und Australien
Nun blieb nur noch das Känguru.
Es lag in der Hängematte.
Der Hai trat davor.
„Warst du wirklich einmal in Australien?“
Das Känguru öffnete ein Auge.
„Was bedeutet wirklich?“
„Physisch dort.“
„Geografische Anwesenheit ist nur eine Dimension von Zugehörigkeit.“
„Also nein?“
„Das habe ich nicht gesagt.“
„Also ja?“
„Auch das habe ich nicht gesagt.“
Der Hai wurde unruhiger.
„Du hast mehrfach behauptet, Australien zu kennen.“
„Ich kenne Australien.“
„Aus eigener Erfahrung?“
Das Känguru griff in die Kühltasche.
„Erfahrung ist ein breiter Begriff.“
„Warst du dort?“
Das Känguru nahm eine Schnapspraline.
„Vielleicht war Australien bei mir.“
Der Hai sah es lange an.
Dann fügte er auf seinem Tablet drei weitere Fragezeichen hinzu.
8) Nun wird der Hai ausgefragt
Waschbär hatte das Ganze beobachtet.
„Jetzt du.“
Der Hai drehte sich um.
„Was?“
„Wir stellen Fragen.“
„Über mich?“
„Ja.“
Stinkerle kam dazu.
„Wo warst du eigentlich, bevor du zum Flanellweg kamst?“
Der Hai antwortete sofort:
„In einem Hochregallager.“
Das wussten einige bereits.
„Was hast du dort gemacht?“, fragte Tigerlein.
Der Hai wurde lebhaft.
„Bestandsführung, Wegeoptimierung, Kontrolle von Einlagerungen, Abweichungsanalyse, teilweise Unterstützung bei Inventuren. Sehr interessantes System. Die Lagerplätze waren eindeutig nummeriert, es gab geregelte Prozesse, Barcodeerfassung—“
Waschbär hob die Pfote.
„Und davor?“
Der Hai hielt inne.
„Davor?“
„Ja.“
„Ich... war woanders.“
„Wo?“
Der Hai dachte nach.
„Verschieden.“
Kroko sah aus der Küche.
„Aha.“
Der Hai wurde unruhig.
Tigerlein fragte:
„Und warum bist du eigentlich genau zum Flanellweg gekommen?“
Der Hai öffnete den Mund.
Dann schloss er ihn wieder.
„Es ergab sich.“
Waschbär strahlte.
„Das ist eine Waschbärantwort.“
„Nein.“
„Doch.“
„Überhaupt nicht.“
„Sehr.“
9) Eine unangenehme Symmetrie
Der Hai sah auf sein Tablet.
Dann zu den anderen.
„Das ist etwas anderes.“
„Warum?“, fragte Stinkerle.
„Weil ich...“
Er verstummte.
Der weiße Tiger war inzwischen aus dem Büro gekommen.
„Weil du deine Vergangenheit auch nicht vollständig dokumentiert hast?“
„Ich habe wichtige Teile dokumentiert.“
„Kroko auch“, sagte Uschi.
„Er kann kochen.“
„Waschbär kann Schweizerdeutsch“, sagte Lara.
„Mozart kann sich erinnern“, ergänzte Tigerlein.
„Ich kann Rätoromanisch“, sagte das Känguru.
Alle sahen es an.
„Bun di“, fügte es hinzu.
Der Hai seufzte.
Mozart legte seinen Füller weg.
„Vielleicht sind wir alle ein wenig aus Geschichten zusammengesetzt, deren erste Kapitel nicht hier stehen.“
Der Hai sah ihn an.
„Das klingt poetisch, beantwortet aber nichts.“
„Das ist der Vorteil.“
10) Kroko beendet die Untersuchung
Dann öffnete sich die Terrassentür.
Kroko kam mit einer großen Platte heraus.
Das Gespräch verstummte sofort.
Es gab zart geschmortes Kalbfleisch mit einer kräftigen, glänzenden Sauce, dazu kleine gebratene Kartoffeln, Pilze, glasierte Möhren und grüne Bohnen.
Außerdem hatte Kroko aus den restlichen Kräutern eine feine Kräutercreme gemacht.
„Essen.“
Der Hai sah auf den Teller.
Dann auf Kroko.
„Ist das französisch?“
Kroko setzte sich.
„Ein bisschen.“
„Deutsch?“
„Auch.“
„Alpin?“
„Vielleicht.“
Der Hai wollte weiterfragen.
Dann probierte er.
Er wurde still.
Der weiße Tiger nahm ebenfalls einen Bissen.
„Sehr überzeugend.“
Uschi lächelte.
„Jetzt weißt du wenigstens, warum er das kann.“
Der Hai kaute langsam.
„Teilweise.“
Waschbär hob sein Glas.
„Auf teilweise Antworten.“
Das Känguru ergänzte:
„Und auf biografische Selbstbestimmung.“
Der Hai wollte widersprechen.
Dann nahm er noch etwas Sauce.
Und vergaß es für einen Moment.
Mozart sah zufrieden über den Tisch und sagte:
„Wer lange genug fragt,
entdeckt irgendwann nicht nur
die Geheimnisse der anderen,
sondern auch die Lücken
in der eigenen Geschichte.
Kroko war in Küchen,
Waschbär vielleicht in der Schweiz,
Lara irgendwo zwischen Frankreich
und einem ›C’est la vie‹,
und selbst der Hai weiß nicht mehr genau,
welcher Weg ihn zum Flanellweg führte.
Vielleicht muss man nicht jedes frühere Kapitel kennen,
um zu verstehen, wer heute am Tisch sitzt.
Und falls doch noch Fragen bleiben,
hilft manchmal eine sehr gute Sauce.“