1) Genau richtiges Wetter
Der Freitag begann mit einem Himmel, der aussah, als hätte jemand beschlossen, für einmal nichts zu übertreiben.
Nicht zu heiß.
Nicht zu kühl.
Ein paar helle Wolken zogen langsam vorbei, und aus dem Garten kam eine leichte Brise.
Kroko stand auf der Terrasse und atmete tief ein.
„Grillwetter.“
Der Hai sah auf seine Wetterstation.
„Sechsundzwanzig Komma acht Grad. Geringe Bewölkung. Mäßiger Wind.“
„Sag ich doch.“
Uschi saß mit Lara am Tisch und sortierte Kräuter.
„Was willst du machen?“
Kroko dachte kurz nach.
Dann sagte er:
„Rinderfilet.“
Das Känguru hob aus der Hängematte eine Pfote.
„Kapitalintensiver Grilltag.“
„Guter Grilltag“, korrigierte Kroko.
„Das schließt sich nicht aus.“
Kroko ignorierte es, nahm eine Einkaufstasche und machte sich auf den Weg zu Metzger Wolf.
2) Zwei, die sich verstehen
Metzger Wolf stand hinter seiner Theke und bereitete gerade einige Stücke Fleisch vor.
Als Kroko hereinkam, grinste er.
„Na, heute selbst unterwegs?“
„Ja.“
„Was darf’s sein?“
„Rinderfilet. Schön zum Grillen.“
Wolf nickte sofort.
„Hab ich da.“
Er holte ein besonders schönes Stück hervor und zeigte Kroko die Marmorierung.
„Nicht zu viel dran machen. Salz, Pfeffer, ordentlich Hitze, dann ruhen lassen.“
Kroko nickte.
„Genau.“
Die beiden kamen ins Gespräch.
Über Grilltemperaturen.
Über gute Kohle.
Über Fleisch, das man besser nicht totwürzt.
Über den Unterschied zwischen „medium rare“ und dem Zustand, den manche Leute noch immer „gut durch“ nannten.
Wolf schüttelte den Kopf.
„Manche Tiere bestellen Filet und wollen es dann Schuhsohle.“
Kroko brummte zustimmend.
„Verbrechen.“
Sie verstanden sich ausgezeichnet.
So gut, dass Kroko völlig vergaß, auf die Zeit zu achten.
Und noch etwas anderes.
3) Ein kleines Problem an der Kasse
Wolf packte das Fleisch ein.
„Sonst noch was?“
„Nein. Passt.“
„Dann wären das—“
Kroko griff in seine Tasche.
Dann in die andere.
Dann noch einmal in die Einkaufstasche.
Er wurde still.
Wolf sah ihn an.
„Alles gut?“
Kroko räusperte sich.
„Geld vergessen.“
Wolf lachte.
„Ach.“
Kroko sah deutlich weniger entspannt aus.
„Ich hab wirklich gar nichts dabei.“
„Dann schreib ich’s auf.“
„Nein.“
„Warum nicht?“
„Unangenehm.“
Wolf winkte ab.
„Ich kenne euch doch. Odin erzählt genug. Den weißen Tiger kenne ich von seinen Geschichten inzwischen fast persönlich.“
Kroko verzog das Gesicht.
„Trotzdem.“
„Dann verrechne ich’s mit ihm.“
Kroko wurde noch unwohler.
„Nein, nein.“
Dann griff er in die Jackentasche.
Und zog ein Smartphone heraus.
Wolf sah hin.
„Du hast ein Handy?“
Kroko sah auf das Gerät.
„Natürlich.“
Niemand im Flanellweg hatte es bislang je bewusst gesehen.
4) Der weiße Tiger am Festnetz
Kroko wählte die Nummer vom Flanellweg.
Wie fast immer klingelte das Festnetz im Büro.
Der weiße Tiger ging ran.
„Flanellweg.“
„Ich bin beim Wolf.“
„Gut.“
„Hab Geld vergessen.“
Kurze Pause.
Dann lachte der weiße Tiger.
Nicht nur ein kleines Schnauben.
Richtig.
„Was?“
Kroko wurde grimmig.
„Sehr lustig.“
„Du hast doch dein Smartphone.“
„Ja.“
„Dann bezahl damit.“
Kroko sah Wolf an.
Dann wieder aufs Smartphone.
„Wie?“
Der weiße Tiger lachte erneut.
„Alle Flanellweg-Smartphones haben die Flanellweg-Kreditkarte hinterlegt.“
Kroko schwieg.
„Seit wann?“
„Schon lange.“
„Warum weiß ich das nicht?“
„Weil du dein Smartphone offenbar nur zum Telefonieren benutzt.“
Wolf hielt sich sichtbar zurück, nicht ebenfalls zu lachen.
Kroko schaltete auf Lautsprecher.
„Erklär ihm das.“
Der weiße Tiger sagte:
„Wolf, kannst du ihm kurz kontaktloses Bezahlen zeigen?“
„Sehr gern.“
„Danke.“
5) Kroko entdeckt die Zukunft
Wolf stellte das Kartenterminal auf den Tresen.
„Einfach entsperren.“
Kroko entsperrte das Smartphone.
„Und jetzt?“
„Doppelt drücken.“
„Da?“
„Ja.“
Auf dem Bildschirm erschien die hinterlegte Karte.
Kroko starrte darauf.
„Die ist wirklich drin.“
Aus dem Lautsprecher sagte der weiße Tiger:
„Überraschend.“
Kroko ignorierte ihn.
Wolf hielt das Terminal hin.
„Jetzt einfach dran.“
Kroko hielt das Smartphone dagegen.
Ein kurzer Ton.
Zahlung erfolgreich.
Kroko sah das Terminal an.
Dann das Smartphone.
Dann Wolf.
„Das war’s?“
„Das war’s.“
„Keine PIN?“
„In dem Fall nicht.“
Kroko nickte langsam.
„Hm.“
Der weiße Tiger sagte aus dem Lautsprecher:
„Willkommen im einundzwanzigsten Jahrhundert.“
„Ich grille heute für dich ein Stück weniger.“
„Machst du nicht.“
Kroko legte auf.
Wolf lachte.
„Ihr seid schon eine Truppe.“
„Leider.“
Aber Kroko grinste dabei.
6) Vorbereitung im Garten
Zu Hause angekommen, legte Kroko das Rinderfilet auf die Küchenarbeitsfläche.
Uschi kam dazu.
„Hast du alles bekommen?“
„Ja.“
Der weiße Tiger erschien in der Tür.
„Und bezahlt?“
Kroko sah ihn an.
„Ja.“
„Mit dem Smartphone?“
„Ja.“
Der weiße Tiger nickte zufrieden.
„Sehr modern.“
Kroko zeigte mit dem Messer auf ihn.
„Du bekommst trotzdem Filet.“
„Wusste ich.“
Dann begann die Vorbereitung.
Uschi machte Kräuterbutter mit frischer Petersilie, Schnittlauch, etwas Thymian, Knoblauch, Salz und Zitronenabrieb.
Lara schnitt Zucchini, Paprika und Aubergine für das Grillgemüse.
Stinkerle holte die Fritteuse.
Waschbär sah sofort hinein.
„Kroketten?“
„Kroketten.“
Das Känguru richtete sich in der Hängematte auf.
„Ein sehr guter Freitag.“
7) Rinderfilet auf dem Grill
Kroko heizte den Grill kräftig vor.
Das Fleisch durfte inzwischen Zimmertemperatur annehmen.
„Nicht direkt aus dem Kühlschrank“, sagte er.
Der Hai nickte.
„Temperaturausgleich verbessert die Gleichmäßigkeit.“
Kroko sah ihn an.
„Heute darfst du das Thermometer.“
Der Hai strahlte fast.
Das Filet kam auf den heißen Rost.
Sofort begann es zu zischen.
Ein kräftiger Duft von Röstaromen zog über die Terrasse.
Kroko drehte die Stücke nur wenige Male.
„Nicht dauernd anfassen.“
Waschbär stand daneben.
„Ich fasse gar nichts an.“
„Gut.“
Das Gemüse lag auf der anderen Seite des Grills, leicht geölt, mit Kräutern und etwas Salz.
In der Küche brutzelten die Kroketten goldbraun in der Fritteuse.
Der Hai prüfte die Kerntemperatur.
„Fast.“
Kroko drückte leicht auf das Fleisch.
„Auch fast.“
Der weiße Tiger sagte:
„Wenn ihr euch einig seid, wird es vermutlich gut.“
8) Kräuterbutter, Kroketten und Rotwein
Nach dem Grillen ließ Kroko das Filet noch einige Minuten ruhen.
Dann wurde aufgeschnitten.
Innen rosa.
Saftig.
Genau richtig.
Metzger Wolf hätte vermutlich genickt.
Kroko legte jeweils ein Stück Kräuterbutter darauf, das langsam zu schmelzen begann.
Dazu kamen das Grillgemüse und eine große Schüssel Kroketten.
Uschi öffnete eine Flasche Rotwein aus dem Keller.
„Passt dazu.“
Odin nickte.
„Guter.“
Das Känguru hob sein Glas.
„Auf die Digitalisierung des Kroko-Zahlungsverkehrs.“
Kroko knurrte.
„Aufs Essen.“
Alle stießen an.
Der weiße Tiger probierte das Filet.
„Sehr überzeugend.“
Kroko lehnte sich zufrieden zurück.
„Wolf hat gutes Fleisch.“
„Und du hast es gut gemacht“, sagte Lara.
Das nahm Kroko deutlich lieber an.
9) Ein langer Spätsommerabend
Nach dem Essen blieb niemand sofort aufstehen.
Dafür war der Abend zu schön.
Der Himmel wurde langsam goldener, dann orange. Die Luft war mild genug, dass niemand frieren musste, aber kühl genug, dass der heiße Sommer weit weg wirkte.
Die Gläser wurden noch einmal gefüllt.
Die Küchenkatzen lagen unter dem Tisch und hatten genau jene Position gewählt, von der aus zufällig herunterfallende Fleischstücke theoretisch erreichbar gewesen wären.
Minimaler Positionswechsel: strategisch hervorragend.
Waschbär lehnte sich zurück.
„Heute war irgendwie ein sehr erwachsener Tag.“
Stinkerle sah ihn an.
„Wegen kontaktlosem Bezahlen?“
„Wegen Filet und Rotwein.“
Das Känguru sagte:
„Das ist eine sehr bürgerliche Definition von Erwachsensein.“
Odin grinste.
Kroko nahm sein Smartphone aus der Tasche und sah es einen Moment an.
„Das kann also bezahlen.“
Der weiße Tiger nickte.
„Und noch sehr viel mehr.“
Kroko steckte es wieder weg.
„Reicht erstmal.“
Mozart sah über die Terrasse, die leeren Teller und den warmen Garten und sagte:
„Manchmal beginnt ein schöner Abend
mit einer vergessenen Geldbörse.
Dann entdeckt ein Kroko,
dass sein Smartphone mehr kann als telefonieren,
ein Metzger hilft ohne großes Aufheben,
und irgendwo im Büro lacht ein weißer Tiger.
Am Ende zählen aber weder Karte noch Technik,
sondern ein gutes Stück Fleisch,
Kräuterbutter, Rotwein
und Freunde, die lange sitzen bleiben,
weil ein Spätsommerabend
einfach zu schön ist,
um ihn früh zu beenden.“