1) Lara hat eine Idee
Am Dienstagmorgen stand Lara in der Küche und sah aus dem Fenster.
Der Nebel vom Vortag war verschwunden, aber die Luft blieb kühl.
„Heute passt etwas Französisches.“
Kroko sah auf.
„Was?“
Lara dachte kurz nach.
„Bœuf bourguignon.“
Kroko hob sofort den Kopf.
„Gut.“
Waschbär kam herein.
„Was ist das?“
„Rindfleisch, langsam geschmort. Mit Rotwein, Zwiebeln, Karotten, Kräutern, Pilzen.“
Waschbär nickte ernst.
„Also französischer Schmorregen.“
Lara lachte.
„So ähnlich.“
Kroko war bereits dabei, einen großen schweren Topf aus dem Schrank zu holen.
2) Die Zutaten erinnern schon an früher
Auf dem Tisch lagen bald Zwiebeln, Karotten, Knoblauch, Pilze, Kräuter und gutes Rindfleisch.
Dazu Rotwein.
Der Hai kam vorbei.
„Welcher Wein?“
Lara sah auf die Flasche.
„Burgund.“
Der Hai wurde aufmerksam.
„Aha.“
Lara sah ihn an.
„Nicht so schnell.“
„Aber das Gericht heißt—“
„Ja.“
„Und du sagtest, es erinnert dich an deine Region.“
„Auch.“
Der Hai setzte sich fast schon.
„Also Burgund?“
Lara lächelte.
„Vielleicht näher dran als Provence.“
Das war neu.
Sehr neu.
Der Hai sah aus, als hätte jemand ihm eine verschlossene Akte mit einem offenen Rand hingelegt.
3) Kroko kennt den Ablauf
Kroko begann mit dem Fleisch.
Gut trocken.
Portionsweise anbraten.
Nicht zu viel auf einmal.
„Sonst kocht.“
Lara nickte.
„Genau.“
Zwiebeln und Karotten kamen danach in den Topf.
Dann Knoblauch.
Tomatenmark.
Ein wenig Mehl.
Rotwein.
Brühe.
Thymian.
Lorbeer.
Waschbär stand daneben.
„Das riecht schon gut.“
„Wart ab“, sagte Kroko.
Lara sah ihm zu.
„Du hast das wirklich oft gemacht.“
Kroko brummte.
„Früher.“
Der Hai sah sofort zu ihm.
Kroko zeigte mit dem Kochlöffel.
„Nicht anfangen.“
Der Hai schwieg.
4) Lara erzählt vom Markt
Während das Fleisch langsam schmorte, setzte Lara sich mit Uschi an den Tisch.
Der Hai saß zufällig sehr nah.
Sehr zufällig.
Lara begann zu erzählen.
„Bei uns gab es morgens oft Markt.“
Der Hai notierte innerlich sofort: Markt.
„Nicht riesig. Aber gut.“
Käse.
Brot.
Gemüse.
Pilze.
Obst.
Fleisch.
Manche Stände jede Woche gleich.
„Und die Leute kannten sich.“
Uschi lächelte.
„So wie hier.“
„Ja. Nur anders.“
„Wie?“
Lara dachte nach.
„Mehr draußen. Mehr Kaffee zwischendurch. Weniger Eile.“
Der Hai fragte:
„Welche Stadt?“
Lara sah ihn an.
„Hai.“
„Ich frage nur.“
„Das weiß ich.“
5) Kleine Cafés und lange Nachmittage
Lara erzählte weiter.
Von Cafés mit kleinen Tischen dicht an der Straße.
Von Leuten, die morgens nur kurz einen Espresso tranken und trotzdem zehn Minuten stehen blieben.
Von älteren Herren, die Zeitung lasen.
Von kleinen Terrassen.
Von Geschäften, die mittags ruhiger wurden und am Nachmittag wieder lebendig.
„Im Herbst war es besonders schön“, sagte Lara.
„Warum?“, fragte Mozart.
„Weil die Luft klarer wurde. Morgens manchmal kühl, später Sonne. Weinberge wurden goldener. Die Märkte wechselten langsam zu Pilzen, Nüssen, Kürbis, Äpfeln.“
Der Hai hob den Kopf.
„Weinberge.“
Lara sah ihn an.
„Ja.“
„Also Ostfrankreich?“
Lara grinste.
„Du arbeitest.“
6) Der Hai grenzt ein
Der Hai hatte jetzt tatsächlich ein Blatt Papier.
„Also: Weinberge, Burgund, Märkte, eher kontinentaler Herbst, nicht direkt mediterran.“
Lara lachte.
„Du machst wirklich eine Analyse daraus.“
„Natürlich.“
„Vielleicht hilft dir noch: Es gab morgens manchmal Nebel über den Feldern.“
Der Hai wurde noch aufmerksamer.
„Und Winter?“
„Kälter als an der Küste.“
„Flüsse?“
Lara dachte nach.
„Ja.“
„Welche?“
„Mehrere.“
Der Hai seufzte.
„Das ist absichtlich.“
„Natürlich.“
Aber er lächelte trotzdem.
Immerhin war er weiter als noch vor ein paar Wochen.
7) Pilze und kleine Zwiebeln
Kroko kam zurück zum Topf.
Die Sauce wurde dunkler.
Tiefer.
Er briet Pilze separat an.
Dazu kleine Perlzwiebeln.
Butter.
Ein wenig Salz.
Lara sah zu.
„Genau so.“
„Muss separat.“
„Ja.“
Waschbär fragte:
„Warum nicht alles zusammen?“
Kroko sagte:
„Textur.“
Lara ergänzte:
„Und Geschmack.“
Die Pilze sollten nicht stundenlang im Schmortopf verschwinden.
Die Zwiebeln sollten noch als eigene kleine Dinge erkennbar bleiben.
Der Hai nickte.
„Modulare Küche.“
Kroko sah ihn an.
„Nein.“
8) Landschaften im Herbst
Später erzählte Lara von Fahrten durch die Landschaft.
Von sanften Hügeln.
Von Feldern.
Von Weinbergen.
Von kleinen Orten mit alten Häusern und dunkleren Dächern.
Von Straßen, die morgens feucht waren.
„Und manchmal roch es überall nach Holzfeuer“, sagte sie.
Uschi lächelte.
„Das klingt sehr gemütlich.“
„War es.“
„Hast du dort lange gelebt?“, fragte Tigerlein.
Lara schwieg kurz.
„Lange genug.“
Der Hai sofort:
„Wie lange ist lange genug?“
Lara sah ihn an.
„Mehr als ein Urlaub.“
Der Hai schrieb tatsächlich etwas auf.
Waschbär lachte.
9) Cafés, Alltag und ein langsamer Rhythmus
„Was ich vermisse“, sagte Lara später, „ist gar nicht nur das Essen.“
Sie erzählte vom Rhythmus.
Morgens Markt.
Kurzer Kaffee.
Mittags etwas Einfaches.
Nachmittags Besorgungen.
Abends manchmal noch ein Glas Wein draußen, solange es ging.
„Nicht spektakulär.“
„Aber gut“, sagte Mozart.
„Sehr.“
Der Hai fragte diesmal vorsichtiger:
„Eher kleinere Stadt?“
Lara dachte nach.
„Ja.“
Der Hai nickte.
Keine genaue Antwort.
Aber wieder ein Stück.
10) Das Gericht ist fertig
Am Abend hob Kroko den Deckel.
Der Duft füllte sofort die Küche.
Das Fleisch war weich.
Die Sauce dunkel, glänzend, kräftig.
Die Pilze und kleinen Zwiebeln kamen zuletzt dazu.
Dazu machte Kroko Kartoffelpüree.
Lara schnitt frisches Brot.
Uschi bereitete einen kleinen grünen Salat.
Kroko probierte.
„Sehr gut.“
Lara probierte ebenfalls.
Sie blieb einen Moment still.
„Ja.“
Uschi sah sie an.
„Erinnert dich?“
Lara nickte.
„Sehr.“
11) Ein Abend wie früher
Alle saßen am großen Tisch.
Das Bœuf bourguignon war genau das richtige Essen für den kühleren Septemberabend.
Warm.
Tief.
Langsam.
Das Känguru nahm einen Bissen.
„Die französische Küche hat zumindest verstanden, dass Zeit ein Produktionsmittel ist.“
Der Hai sah es an.
„Das war fast sinnvoll.“
Das Känguru nahm noch einen Bissen.
„Ich kann auch konstruktiv.“
Der weiße Tiger sagte:
„Sehr überzeugend.“
Kroko brummte zufrieden.
Lara lehnte sich zurück.
„So etwas gab es damals oft an kühleren Tagen.“
Der Hai fragte nicht sofort weiter.
Das fiel allen auf.
12) Ein bisschen mehr als vorher
Später saßen Lara und der Hai noch im Wohnzimmer.
„Also“, sagte der Hai, „ich weiß jetzt zumindest mehr.“
Lara lächelte.
„Siehst du.“
„Nicht genug.“
„Natürlich nicht.“
„Aber mehr.“
„Genau.“
Der Hai dachte nach.
„Burgundnähe.“
Lara sagte nichts.
„Kleinere Stadt.“
Keine Reaktion.
„Weinberge.“
Lara trank Tee.
„Nebelige Morgen.“
Sie lächelte.
„C’est la vie.“
Der Hai lachte.
Das war vielleicht die beste Antwort, die er heute noch bekommen würde.
Mozart schrieb:
„Manche Orte kehren nicht als Adresse zurück.
Sie kommen als Geruch aus einem Topf.Als Rotwein in einer dunklen Sauce,
als Pilze in Butter,
als Brot auf einem Tisch
und als Erinnerung an Märkte, Cafés und goldene Weinberge.Der Hai möchte wissen, wo genau.
Lara erzählt lieber, wie es sich angefühlt hat.Vielleicht sind beide Fragen wichtig.
Die eine sucht den Punkt auf der Karte.
Die andere den Ort,
der im Kopf geblieben ist.Und manchmal bringt ein gutes Essen
beide ein kleines Stück näher zusammen.“