Ein Morgen ohne Mozart
Der Mittwoch begann mit einer Ungeheuerlichkeit:
Mozarts Sessel war leer.
Die Zeitung lag ungeöffnet auf dem Tisch. Der Kamillentee war kalt geworden.
„Das ist… ungewöhnlich“, sagte der Hai und klappte sein Kontrollheft auf.
„Ich habe ihn zuletzt gestern Abend gesehen. 22:04 Uhr, Wohnzimmer. Dann – nichts.“
„Vielleicht hat er sich im Bücherregal verlaufen“, mutmaßte das Känguru.
„Oder im Archiv“, ergänzte der Waschbär.
„Oder bei den Weinflaschen“, sagte Kroko hoffnungsvoll.
Uschi schüttelte den Kopf.
„Er hat gestern gesagt, er fühlt sich etwas… rastlos. Vielleicht wollte er einfach mal hinaus.“
Mozarts geheime Reise
Tatsächlich war Mozart früh am Morgen losgelaufen – mit seinem alten Gehstock, seinem dunkelgrünen Halstuch und einer kleinen Umhängetasche, in der sich eine Thermoskanne, ein Moleskine-Heft und zwei Butterbrote befanden.
Er lief durch das Dorf, vorbei an den stillen Gärten, an flatternden Wäscheleinen und über schmale Feldwege.
Die Welt war still, aber nicht leer – sie war lebendig in ihrer Unaufgeregtheit.
Am Waldrand setzte er sich auf eine Bank und atmete tief ein.
„Ich habe so oft nachgedacht über alles“, murmelte er.
„Heute will ich nur sehen.“
Ein Zufall, der keiner war
Er begegnete einem alten Dackel, der mit melancholischem Blick durchs Gras streifte.
Einem Kind, das ihm eine Kastanie schenkte.
Und einer älteren Dame mit Strohhut, die neben ihm auf der Bank Platz nahm.
„Schön hier“, sagte sie.
„Sehr“, antwortete Mozart.
Sie sprachen wenig.
Nur über das Wetter, über den Klang des Windes und dass manche Gedanken in der Stille besser klingen.
Als sie ging, überreichte sie ihm einen kleinen Zettel mit einem Gedicht:
„Nicht das große laute Sagen
Lenkt das Dasein in den Sinn.
Sondern stilles Weitertragen
Lässt uns wissen, wer wir sind.“
Zurück mit Licht im Blick
Als Mozart am frühen Nachmittag zurückkam, warteten schon alle im Wohnzimmer.
„Mozart!“, rief der Waschbär.
„Wir dachten schon, du wärst in den Flieder gefallen.“
Mozart lächelte.
„Ich habe einen kleinen Ausflug gemacht.
Nur ich, die Welt und ein paar Gedanken.“
Der Hai reichte ihm eine aktualisierte Abwesenheitsnotiz zur Unterschrift.
„Ich trage es als ‘kontemplativen Spaziergang zur Selbstvergewisserung’ ein“, sagte er trocken.
Mozart nickte.
„Das trifft es erstaunlich gut.“
Ein stiller Abend
Am Abend saßen sie wieder zusammen.
Mozart mit seinem Tee, der Waschbär mit einer Decke auf den Schultern, Uschi summte leise beim Spülen.
„Und, was hast du gelernt da draußen?“, fragte das Känguru.
Mozart blickte auf seine dampfende Tasse.
„Dass es nicht immer große Reisen braucht, um sich selbst zu begegnen.
Nur ein paar Schritte, die man nicht erklärt – sondern einfach geht.“
Und so endet Mozarts kleiner Ausbruch nicht mit einem Knall, sondern mit einem Gefühl: dass selbst der weiseste Bär manchmal einfach loslaufen muss. Nicht, um sich zu verändern – sondern um sich selbst wieder ein wenig näher zu kommen.