1) Odin hat einen Termin
Der Freitag begann mit einem seltenen Anblick: Odin war schon früh vollständig fertig.
Er trug eine kleine Tasche, hatte sein Smartphone mit der getigerten Hülle dabei und stand an der Haustür, bevor Kroko den zweiten Kaffee gemacht hatte.
Uschi sah von ihrem Platz auf. „Wo gehst du hin?“
„In den Ort.“
„Zu Björn?“, fragte Lara.
Odin schüttelte den Kopf. „Später vielleicht.“
Der Hai hob sofort den Blick. „Was für ein Termin?“
„Ein Kurs.“
„Welcher Kurs?“
Odin zog die Tasche etwas höher über die Schulter. „Ein wichtiger.“
Das Känguru rief aus der Hängematte: „Die Wissensgesellschaft greift nach dem Tiger!“
Odin sah kurz zu ihm. „Ja.“
Dann ging er.
Waschbär trat an die Tür und sah ihm nach. „Sehr geheimnisvoll.“
„Odin ist immer geheimnisvoll“, sagte Kroko.
„Aber heute mit Tasche.“
„Noch geheimnisvoller“, sagte Lara.
2) Bei den lokalen Sanitätern
Der Kurs fand in einem hellen Schulungsraum der örtlichen Sanitäter statt. An den Wänden hingen Pläne, Hinweise und Bilder von Rettungsfahrzeugen. Auf den Tischen lagen Verbandmaterial, Übungspuppen und kleine rote Taschen.
Ein freundlicher Sanitäter begrüßte Odin.
„Erste-Hilfe-Kurs?“
Odin nickte. „Ja.“
„Dann sind Sie richtig.“
Die Gruppe war bunt gemischt. Einige wirkten etwas nervös, andere neugierig, manche schauten vor allem auf die Uhr. Odin setzte sich ruhig in die zweite Reihe und hörte aufmerksam zu.
Es ging um Notruf, Eigenschutz, Bewusstlosigkeit, stabile Seitenlage, Druckverbände und Wiederbelebung.
Als die Übungspuppe auf den Boden gelegt wurde, kniete Odin sich daneben und arbeitete konzentriert.
„Etwas kräftiger drücken“, sagte die Kursleiterin.
Odin korrigierte die Bewegung.
„Genau so.“
Er nickte.
Beim Verbinden war er besonders ordentlich. Der Verband saß fest, aber nicht zu eng.
„Haben Sie das schon mal gemacht?“, fragte ein Sanitäter.
„Nein.“
Der Sanitäter betrachtete den Verband. „Sieht aber gut aus.“
„Ich höre zu“, sagte Odin.
Das stimmte.
3) Odin verquatscht sich
In der ersten Pause stellte Odin sich mit einem Kaffee zu zwei Sanitätern.
Eigentlich wollte er nur kurz fragen, wie oft sie solche Kurse anboten.
Dann sprachen sie über den Ort.
Dann über Einsätze bei Sommerhitze.
Dann über die Schwierigkeiten enger Straßen.
Dann über Katzen, die sich gern in Rettungswagen versteckten.
Odin erzählte von der Katzengruppe.
Das war der Punkt, an dem das Gespräch länger wurde.
„Es gibt wirklich eine lokale Katzengruppe?“, fragte einer der Sanitäter.
„Ja.“
„Mit Empfehlungen?“
„Handwerker. Vermisste Tiere. Neuigkeiten.“
„Und Katzen?“
„Auch.“
Der zweite Sanitäter lachte. „Da müssen wir eigentlich rein.“
„Nur mit Einladung.“
„Streng.“
„Sinnvoll.“
Als die Pause längst vorbei war, stand die Kursleiterin in der Tür.
„Wir würden gern weitermachen.“
Odin sah auf seine Kaffeetasse. „Ja.“
Der erste Sanitäter grinste. „Wir waren fast fertig.“
„Das sagt Odin überall“, hätte Björn vermutlich gesagt.
4) Mittagspause im Ort
In der Mittagspause ging Odin eine kleine Runde.
Die anderen Kursteilnehmer hatten Brote dabei oder gingen schnell zum Imbiss. Odin dagegen steuerte auf Björns Bäckerei zu.
Björn sah ihn durch die Tür kommen und hob eine Pfote.
„Da bist du ja. Heute spät.“
„Kurs.“
„Was für einer?“
„Erste Hilfe.“
Björn nickte anerkennend. „Sehr sinnvoll.“
Dann deutete er auf die Auslage. „Wir probieren heute etwas Neues.“
Dort lagen runde, glänzende Brioche-Hamburgerbrötchen. Goldbraun, weich, leicht süßlich und deutlich feiner als gewöhnliche Brötchen.
Odin nahm eines in die Pfote und drückte es vorsichtig.
„Sehr weich.“
„Genau“, sagte Björn. „Aber stabil genug für Burger. Kroko soll sie testen.“
Daneben lagen belegte Brötchen für die Mittagspause: Käse, Salat, Ei, Schinken, Tomate. Und neu waren lange, knusprige Käsestangen.
„Der Käse ist von Maus & Maus“, sagte Björn stolz. „Die beiden haben mir eine Mischung empfohlen, die beim Backen gut schmilzt, aber nicht einfach davonläuft.“
Odin nickte. „Kroko kennt das Problem.“
„Grillkäse?“
„Ja.“
Björn lachte.
5) Kuchen für das Team
Frau Biber kam mit einem frischen Blech Kuchen aus der Backstube.
„Oh, Odin. Möchten Sie etwas fürs Wochenende?“
„Für den Kurs.“
„Für alle?“
„Ein paar Stücke.“
Sie stellte eine kleine Auswahl zusammen: Apfelkuchen, Johannisbeerschnitte, ein Stück Zitronenkuchen und einige kleine Streuselschnitten.
„Für die Sanitäter“, sagte Odin und deutete auf den größeren Karton.
Dann zeigte er auf einen kleineren.
„Und etwas für den Flanellweg.“
Frau Biber lächelte. „Natürlich.“
Björn packte zusätzlich mehrere Brioche-Hamburgerbrötchen ein, dazu zwei belegte Brötchen für Odin und einige Käsestangen.
„Die Käsestangen fürs Team?“, fragte er.
Odin dachte kurz nach. „Ein Teil.“
Björn legte mehr hinein.
„Dann bleibt bestimmt auch etwas für den Flanellweg.“
Odin sah die Tüte an.
„Vielleicht.“
Bevor er ging, sprachen sie noch über Brioche-Teig, Käsemischungen, Mittagspausen und darüber, warum belegte Brötchen in vielen Kursräumen besser schmeckten als zu Hause.
Als Odin auf die Uhr sah, musste er sich tatsächlich beeilen.
„Ich muss zurück.“
Björn grinste. „Wir waren fast fertig.“
6) Stärkung für die Sanitäter
Als Odin in den Schulungsraum zurückkam, trug er mehrere Tüten und einen Kuchenkarton.
Die Sanitäter sahen sofort auf.
„Was haben Sie denn gemacht?“
„Mittagessen.“
Odin stellte die belegten Brötchen, Käsestangen und Kuchenstücke auf den Tisch.
„Für alle.“
Die Stimmung im Raum wurde augenblicklich besser.
Die Käsestangen waren besonders beliebt. Knusprig außen, würzig und weich im Inneren.
„Sehr guter Käse“, sagte die Kursleiterin.
„Maus & Maus“, sagte Odin.
„Ist das ein Laden?“
„Schweizer Mäuse.“
Die Kursleiterin hielt inne. „Natürlich.“
Odin aß ein belegtes Brötchen und erklärte den beiden Sanitätern nebenbei noch, wo Björns Bäckerei lag und welche Brote dort besonders gut waren.
Dann ging der Kurs weiter.
Bei der Abschlussübung blieb Odin ruhig, prüfte die Lage, sprach die Übungspuppe an und arbeitete die Schritte sauber ab.
„Sehr gut“, sagte die Kursleiterin. „Besonnen und ordentlich.“
Odin nickte. „Gut.“
7) Heimkehr mit Brioche
Am späten Nachmittag kam Odin zurück in den Flanellweg.
Diesmal trug er zwei Tüten und einen kleinen Kuchenkarton.
Waschbär war sofort da. „Der geheimnisvolle Kurs-Tiger ist zurück.“
„Ja.“
Uschi sah auf die Tüten. „Und du warst doch bei Björn.“
„Mittagspause.“
Kroko nahm ihm die Brioche-Brötchen ab und betrachtete sie fachkundig.
„Hamburgerbrötchen?“
„Neu.“
Kroko drückte eines leicht zusammen. Es sprang wieder zurück.
„Gut.“
Lara öffnete die Tüte mit den Käsestangen. „Die duften großartig.“
„Käse von Maus & Maus“, sagte Odin.
Der Hai sah zum kleinen Kuchenkarton. „Wie viel Kuchen?“
„Nicht viel.“
Als der Karton geöffnet wurde, war es genug für mehrere kleine Stücke.
Das Känguru kam aus der Hängematte näher. „Odin verschwindet zu einem geheimen Kurs und kehrt mit Backwaren zurück. Das ist eine sehr vertrauenswürdige Form der Geheimhaltung.“
„War Erste Hilfe“, sagte Odin.
Alle wurden kurz still.
Uschi lächelte. „Das ist gut.“
Stinkerle nickte. „Kann man immer brauchen.“
Der Hai fragte sofort: „Wurden Wiederbelebung, stabile Seitenlage und Druckverband behandelt?“
„Ja.“
„Und Notrufschema?“
„Ja.“
„Sehr sinnvoll.“
Odin setzte sich und nahm ein kleines Stück Zitronenkuchen.
Mehr erklärte er nicht.
8) Ein ruhiger Freitagabend
Am Abend probierte Kroko die Brioche-Brötchen mit kleinen Burgern aus. Nicht groß und schwer, sondern sommerlich: etwas gegrilltes Gemüse, ein wenig Fleisch für die, die wollten, Salat, Tomate und eine frische Sauce.
Die Brötchen hielten tatsächlich gut.
„Björn kann Brioche“, sagte Kroko.
Odin nickte. „Ja.“
Die Käsestangen wurden daneben verteilt, der restliche Kuchen kam später auf den Tisch.
Waschbär wollte von Odin alle Einzelheiten des Kurses hören.
„Gab es eine Sirene?“
„Nein.“
„Ein Rettungsfahrzeug?“
„Draußen.“
„Durftet ihr fahren?“
„Nein.“
„Gab es dramatische Übungen?“
„Puppe.“
Waschbär dachte nach. „Das ist weniger filmisch, aber wichtig.“
„Ja.“
Die Küchenkatzen lagen in der Nähe und beobachteten besonders die kleinen Burger. Minimaler Positionswechsel: näher an Brioche und Grillgut, weit weg vom Verbandmaterial, das Odin vorsichtshalber in seiner Tasche gelassen hatte.
Mozart sah zu Odin und sagte:
„Manche gehen morgens fort
und erzählen kaum, wohin.
Sie lernen, wie man hilft,
sprechen in den Pausen zu lange,
bringen Kuchen für Fremde
und Brioche für zu Hause mit.
Nicht jede gute Tat
braucht eine große Erklärung.
Manchmal reicht es,
am Abend ruhig am Tisch zu sitzen
und ein wenig besser vorbereitet zu sein
als noch am Morgen.“