1) Odin hat heute ein Ziel
Am Dienstagmorgen zog Odin seine Jacke an.
Waschbär saß am Wohnzimmertisch und zeichnete.
„Runde?“
„Ja.“
Der Hai sah aus der Küche.
„Björn?“
„Vielleicht später.“
„Wolf?“
„Mal sehen.“
Odin steckte sein Smartphone ein.
Mehr sagte er nicht.
Natürlich ging er heute nicht einfach nur spazieren.
In seinem Handy stand eine Adresse, die Alfonso ihm geschickt hatte.
Dazu ein Name.
Und darunter:
Wegen Auto. Erwartet dich.
Odin ging hinaus.
Waschbär zeichnete weiter.
Niemand ahnte etwas.
Noch nicht.
2) Das Haus passt schon zum Besitzer
Die Adresse lag nicht weit außerhalb seiner üblichen Runde.
Ein gepflegtes Haus.
Sauberer Vorgarten.
Gerade geschnittene Hecke.
Keine herumliegenden Gartengeräte.
Kein schiefer Blumentopf.
Odin klingelte.
Die Tür öffnete sich.
Ein Waschbär stand davor.
Aber nicht irgendein Waschbär.
Er trug ein sauberes Hemd, eine dunkle Weste und eine feine Uhr.
Sein Fell saß so ordentlich, als hätte jedes einzelne Haar einen Termin.
„Odin.“
„Hallo.“
Der Waschbär lächelte.
„Wir kennen uns doch.“
Odin sah genauer hin.
Dann fiel es ihm ein.
„Dorffest.“
„Mehrfach sogar.“
„Stimmt.“
„Wir haben uns nur nie richtig unterhalten.“
„Stimmt auch.“
Der Waschbär trat zur Seite.
„Dann wird es Zeit.“
3) Das Gegenteil von Waschbär
Schon nach wenigen Minuten dachte Odin:
Waschbär wird das niemals glauben.
Der andere Waschbär sprach ruhig.
Sehr klar.
Höflich.
Fast schon elegant.
Kein wildes Herumwuseln.
Keine Kastanien in der Tasche.
Keine Farbe im Fell.
Keine spontane Erkundung fremder Schränke.
Im Flur stand nichts herum.
Die Schuhe waren sauber aufgereiht.
Ein Schirmständer enthielt exakt zwei Schirme.
Odin sah sich um.
„Ordentlich.“
Der Waschbär lächelte.
„Ich mag klare Verhältnisse.“
Odin musste ein wenig grinsen.
„Ich kenne noch einen Waschbär.“
„Ach?“
„Sehr anders.“
„Das klingt interessant.“
Das sollte sich noch als Untertreibung erweisen.
4) Das Auto
Sie gingen zur Garage.
Dort stand das Auto.
Nicht sportlich.
Nicht riesig.
Aber solide.
Dunkler Lack.
Saubere Linien.
Bequeme Sitze.
Genug Platz für Einkäufe, Kisten oder einen größeren Ausflug.
Hochwertig verarbeitet, aber nicht protzig.
So ein Auto, bei dem man das Gefühl hatte, dass Türen satt zufallen und nichts unnötig klappert.
Odin ging einmal herum.
„Gut gepflegt.“
Der Waschbär nickte.
„Immer.“
„Service?“
„Lückenlos.“
Er zeigte auf eine Mappe.
„Alle Rechnungen. Wartungen. Reifen. Bremsen. Was gemacht wurde, steht drin.“
Odin sah ihn an.
„Das gefällt dem Hai.“
„Wer ist der Hai?“
Odin sagte:
„Lange Geschichte.“
5) Warum verkauft man so etwas?
Odin setzte sich probeweise hinein.
Bequem.
Gute Übersicht.
Keine komplizierte Spielerei.
Der Waschbär lehnte an der Garagenwand.
„Ich verkaufe ihn eigentlich nur, weil es langsam zu viel wird.“
„Zu viel?“
„Ich habe mir einen Sportwagen gekauft.“
Odin nickte.
„Okay.“
„Und das Cabrio habe ich ja auch noch.“
Odin sah ihn an.
„Mhm.“
„Und den Geländewagen.“
Kurze Pause.
Odin sagte:
„Das ist dann wirklich viel.“
Der Waschbär lachte.
„Genau.“
Er mochte das Auto offensichtlich.
Aber vier Fahrzeuge waren selbst ihm irgendwann etwas übertrieben vorgekommen.
„Dann lieber zu jemandem, der es benutzt.“
Das gefiel Odin.
6) Zwei Waschbären, die sich offenbar kennen
Beim Rundgang ums Auto kamen sie wieder auf den Flanellweg.
„Du wohnst doch dort oben bei den anderen?“
„Ja.“
„Mit dem anderen Waschbär?“
Odin blieb stehen.
„Du kennst ihn?“
Der Waschbär strahlte plötzlich.
„Natürlich.“
Odin sah irritiert aus.
„Woher?“
„Aus der Waschbärgruppe.“
Jetzt war Odin endgültig verwirrt.
„Ihr habt auch eine Gruppe?“
„Mehrere.“
„Mehrere?“
Der Waschbär lachte.
„Die Katzen sind organisiert. Wir sind eher... vernetzt.“
„Chaotisch?“
„Sehr.“
Das klang schon vertrauter.
7) Waschbär ist offenbar bekannt
Der elegante Waschbär holte sein Smartphone heraus.
„Moment.“
Er zeigte Odin eine Seite.
Bilder.
Aquarelle.
Kastanienfiguren.
Herbstzeichnungen.
Skizzen aus dem Garten.
Odin erkannte sofort den Stil.
„Das ist von unserem Waschbär.“
„Ja.“
„Im Internet.“
„Schon länger.“
Odin sah ihn an.
„Der hat viele Leute da.“
„Ziemlich viele.“
„Follower?“
„Ja.“
Odin wurde fast empört.
„Davon hat der nichts gesagt.“
Der andere Waschbär grinste.
„Typisch.“
Odin sah noch einmal auf die Bilder.
Einige hatten erstaunlich viele Reaktionen.
Kommentare.
Geteilte Beiträge.
Andere Waschbären, die eigene Versionen nachgebaut hatten.
„Das weiß bei uns keiner.“
„Dann wisst ihr es jetzt.“
Odin steckte die Information innerlich sehr sorgfältig ein.
8) Die Waschbären sind erstaunlich gut vernetzt
Der andere Waschbär erzählte weiter.
Waschbären hatten ihre eigenen Gruppen.
Kleine Chats.
Größere Foren.
Kreativgruppen.
Tauschgruppen.
Regionale Gruppen.
Eine davon offenbar nur für Gartensachen.
Eine andere für Kunst.
Eine dritte für „interessante Dinge, die irgendwo gefunden wurden“.
Odin musste lachen.
„Das passt.“
„Sehr.“
„Und ihr kennt euch alle?“
„Nicht alle. Aber jemand kennt immer jemanden.“
Das war fast wie bei Odins Katzengruppe.
Nur weniger strukturiert.
Und offensichtlich mit mehr Bildern.
9) Eine Runde fahren
Dann kam der praktische Teil.
Der Waschbär setzte sich auf den Beifahrersitz.
Odin ans Steuer.
„Mach ruhig.“
Odin stellte Sitz und Spiegel ein.
Dann fuhren sie los.
Keine Prüfung.
Kein Prüfer.
Kein Fahrschulauto.
Nur eine normale Runde.
Das Auto fuhr ruhig.
Sanft.
Leise.
Odin mochte sofort, wie wenig Aufregung es machte.
Ein bisschen Landstraße.
Ein paar enge Straßen.
Einmal rückwärts.
Dann wieder zurück.
Der Waschbär sagte:
„Du fährst angenehm.“
Odin grinste.
„Frisch bestanden.“
„Dafür sehr entspannt.“
„War Nebel.“
„Prüfung im Nebel?“
„Ja.“
„Dann passt das.“
10) Sie werden sich einig
Zurück in der Garage gingen sie die Unterlagen durch.
Preis.
Zustand.
Wartung.
Zubehör.
Reifen.
Alles wirkte fair.
Kein Druck.
Keine hastige Entscheidung.
Odin dachte eine Weile nach.
Dann nickte er.
„Passt.“
Der Waschbär lächelte.
„Gut.“
„Mach die Unterlagen fertig.“
„Mach ich.“
Es fehlten noch ein paar organisatorische Dinge.
Übergabe.
Papiere.
Versicherung.
Anmeldung.
Der Waschbär wollte alles sauber vorbereiten.
Natürlich.
„Ich melde mich die nächsten Tage.“
„Gut.“
Odin ging zufrieden.
Und beschloss:
Zu Hause erzählte er erst einmal nichts.
11) Odin unterschätzt die Waschbär-Kommunikation
Am Flanellweg kam Odin ruhig zur Tür herein.
Waschbär saß noch immer am Tisch.
„Und?“
„Was und?“
„Runde.“
„Gut.“
Der Hai fragte:
„Irgendwas Besonderes?“
„Nein.“
Odin zog die Jacke aus.
Perfekt.
Thema erledigt.
Dann vibrierte Waschbärs Smartphone.
Er sah drauf.
Seine Augen wurden groß.
„WAS?“
Odin blieb stehen.
Waschbär sprang auf.
„Du warst bei IHM?“
Stille.
Der Hai sah sofort zu Odin.
„Bei wem?“
Waschbär hielt sein Smartphone hoch.
„Er hat mir geschrieben!“
Odin schloss kurz die Augen.
Natürlich.
12) Jetzt wissen es alle
Innerhalb von Sekunden waren alle da.
Uschi.
Lara.
Stinkerle.
Kroko.
Der weiße Tiger.
Tigerlein.
Mozart.
Das Känguru.
Waschbär war vollkommen außer sich.
„Du kaufst vielleicht sein Auto!“
Odin sagte:
„Vielleicht.“
Der Hai rief:
„AUTO?“
Stinkerle grinste.
„Also doch.“
Uschi freute sich sofort.
„Hast du eins gefunden?“
„Vielleicht.“
Waschbär redete einfach weiter.
„Und wann darf ich mit?“
Odin sah ihn an.
„Warum willst du mit?“
„Weil er mich kennt!“
„Das weiß ich.“
Waschbär hielt inne.
„Woher weißt du das?“
Odin sah ihn lange an.
„Darüber reden wir auch noch.“
13) Die zweite Überraschung
Odin setzte sich.
„Warum weiß eigentlich keiner, dass deine Bilder im Internet sind?“
Waschbär wurde plötzlich deutlich ruhiger.
„Oh.“
Der Hai drehte sich zu ihm.
„Welche Bilder?“
Tigerlein ebenfalls.
„Internet?“
Waschbär sah auf sein Smartphone.
„Ich lade manchmal was hoch.“
„Manchmal?“, fragte Odin.
„Ja.“
„Du hast viele Follower.“
Waschbär grinste etwas verlegen.
„Ein paar.“
Odin sagte:
„Nicht ein paar.“
Jetzt hatte er die Aufmerksamkeit aller.
Der weiße Tiger sah amüsiert aus.
„Heute gibt es offenbar mehrere Enthüllungen.“
14) Ein sehr geselliger Abend
Am Abend war das Haus voller Gespräche.
Über das Auto.
Über Ausflüge.
Über Versicherungen.
Über Kofferraumgröße.
Über Waschbärs Bilder.
Über die mysteriöse Waschbär-Vernetzung.
Das Känguru blieb kritisch.
„Ich bleibe dabei: Individualverkehr ist strukturell problematisch.“
Odin nickte.
„Kann sein.“
„Und trotzdem kaufst du vielleicht ein Auto.“
„Vielleicht.“
„Widerspruch.“
„Praktisch.“
Das Känguru nahm einen Snack.
„Ich werde das weiter beobachten.“
Kroko brachte Brot, Käse, kleine warme Häppchen und Reste vom Sonntagsbraten in neuer Form.
Der weiße Tiger schenkte Wein ein.
Waschbär erklärte begeistert, welche seiner Zeichnungen besonders beliebt waren.
Odin saß da und dachte:
Eigentlich wollte er heute gar nichts erzählen.
Das hatte hervorragend funktioniert.
Mozart schrieb später:
„Manchmal geht jemand los,
um sich ganz still ein Auto anzusehen.Dann trifft er einen Waschbär,
der so ordentlich ist,
dass selbst seine Garage Haltung hat.Ein Auto passt,
Unterlagen werden vorbereitet,
und eigentlich könnte die Geschichte
noch ein paar Tage geheim bleiben.Eigentlich.
Doch Waschbären haben ihre eigenen Wege.
Nachrichten laufen schneller als Heimlichkeiten,
Bilder führen längst ein öffentliches Leben
und am Abend weiß wieder jeder mehr,
als Odin geplant hatte.Vielleicht ist das im Flanellweg unvermeidlich:
Geheimnisse halten lange –
aber niemals gegen eine gut vernetzte Waschbärgruppe.“