1) Am Morgen wird aus Waschbär Waschbärli
Am Samstagmorgen erschien Waschbär in einem roten Hemd mit weißem Halstuch in der Küche.
Er stellte sich vor Kroko, legte eine Pfote auf die Brust und sagte:
„Grüezi mitenand.“
Kroko sah ihn an.
„Morgen.“
„Hüt isch dr Erschte Auguscht.“
Der Hai hob den Kopf. „Der Schweizer Nationalfeiertag.“
Waschbär nickte feierlich.
„Und drum bin i hüt s’Waschbärli.“
„Du bist immer Waschbär“, sagte Stinkerle.
„Hüt nöd. Hüt bin i eidgenössisch.“
Das Känguru kam aus dem Wohnzimmer.
„Ich bin ebenfalls Schweizer.“
Lara sah es an. „Seit wann?“
„Seit ich von der historischen Bedeutung des Tages erfahren habe.“
„Also seit gerade eben“, sagte der weiße Tiger.
„Nationalität ist auch eine geistige Haltung.“
Der Hai schüttelte den Kopf.
Waschbärli störte das nicht. Es hatte bereits einen Plan.
„Mir mached Fondue.“
Kroko sah zur Wetterstation.
„Im Sommer?“
„Sommerfondue.“
„Draußen?“
„Natürlich. Im Garte. Sehr schweizerisch.“
2) Odin wird zur Einkaufsbegleitung bestimmt
Für ein gutes Fondue brauchte es guten Käse.
Waschbärli dachte sofort an Maus & Maus.
Odin saß mit Kaffee am Tisch und bemerkte zu spät, dass er bereits in die Planung einbezogen worden war.
„Du chunsch mit.“
Odin sah ihn an. „Wohin?“
„Zu Maus & Maus.“
„Warum ich?“
„Du verquatschisch di guet mit Fachleut.“
Odin schwieg.
Das war nicht falsch.
Der Hai stellte sofort eine Liste zusammen.
„Wir brauchen eine geeignete Käsemischung, Weißwein, eventuell Stärke, Knoblauch und Brot.“
„Brot bei Björn“, sagte Waschbärli.
„Baguette“, ergänzte Lara.
Kroko sah auf die Liste. „Nicht zu schwer. Sommerlich.“
„Wie macht man Fondue sommerlich?“, fragte Stinkerle.
Lara dachte nach. „Leichtere Käsemischung, viel Brot, Gemüse dazu, vielleicht Trauben und kleine Kartoffeln.“
Das Känguru hob eine Pfote.
„Fondue ist ohnehin eine gemeinschaftliche Form direkter Demokratie.“
„Es ist geschmolzener Käse“, sagte Kroko.
„Beides schließt sich nicht aus.“
Odin stand auf und nahm seine Tasche.
„Wir gehen.“
Waschbärli strahlte.
„Guet. Los.“
3) Bei Maus & Maus
Maus & Maus begrüßten die beiden mit sichtlicher Freude.
Der Laden duftete nach Käse, Holz und kühlem Keller. In der Auslage lagen verschiedene Sorten, ordentlich beschriftet und sorgfältig temperiert.
„Fondue am ersten August?“, fragte die erste Maus.
„Im Garte“, sagte Waschbärli.
Die zweite Maus nickte anerkennend. „Sommerfondue.“
Odin sah sie an. „Geht also.“
„Natürlich“, sagte die erste Maus. „Man muss nur die Mischung anpassen.“
Sie schlugen eine Kombination vor, die würzig, aber nicht zu schwer war. Etwas Gruyère, ein milderer Anteil dazu und eine kleine Menge kräftiger Käse für Tiefe.
„Nicht zu fett, nicht zu dominant“, erklärte die zweite Maus. „Und draußen lieber etwas flüssiger halten.“
Odin fragte nach Temperatur, Reifegrad und Mengen.
Damit begann das erwartete längere Gespräch.
Waschbärli probierte währenddessen kleine Käsewürfel.
„Sehr fein.“
„Nicht alle essen“, sagte Odin.
„I prüefe d’Qualität.“
Die Mäuse erklärten außerdem, warum ein Fondue nicht zu stark kochen durfte, weshalb der Käse langsam eingerührt werden musste und was man tun konnte, wenn es sich trennte.
Odin hörte sehr genau zu.
„Kroko wird das wissen“, sagte er.
„Dann wird es gut“, sagte die erste Maus.
4) Baguette und ein Schweizer Gespräch bei Björn
Danach gingen sie zu Björn.
Der Bäcker-Biber hatte bereits mehrere lange Baguettes im Korb liegen.
„Für ein Fest?“, fragte er.
Waschbärli stellte sich aufrecht hin.
„Nationalfiirtag.“
Björn sah zu Odin.
„Schweiz?“
Odin nickte. „Fondue.“
Björn packte mehrere Baguettes ein, dazu ein dunkleres Landbrot und ein paar kleine Brötchen.
„Damit etwas Auswahl da ist.“
Waschbärli entdeckte außerdem kleine rote und weiße Gebäckstücke in der Auslage.
„Die passen perfekt.“
„Die waren eigentlich nur zufällig so dekoriert“, sagte Björn.
„Hüt isch nüt zufällig.“
Odin und Björn gerieten anschließend in ein Gespräch über Brotkruste, Käseverträglichkeit und die Frage, ob Baguette für Fondue zu luftig oder gerade deshalb besonders gut sei.
Diesmal war der Laden nicht voll.
Waschbärli wartete geduldig.
„Hüt darfsch di verquatsche.“
Odin sah ihn an.
„Danke.“
Nach weiteren zehn Minuten gingen sie schließlich zurück.
Mit Käse, Brot und deutlich mehr Informationen, als für ein Fondue unbedingt nötig gewesen wären.
5) Die Schweiz zieht auf der Terrasse ein
Zu Hause begann die Dekoration.
Uschi legte eine rote Tischdecke auf. Lara faltete weiße Servietten zu kleinen Kreuzen. Waschbärli hängte rote und weiße Bänder zwischen Terrasse und Apfelbaum.
Stinkerle baute eine sichere, ebene Unterlage für den Fonduetopf.
Der Hai prüfte Abstände, Brenner und Stolperwege.
„Keine Stoffdekoration in Flammennähe.“
„Selbstverständlich“, sagte Waschbärli.
Dann wühlte es in einem Küchenschrank und zog plötzlich einen gelben Streuer hervor.
„Aromat!“
Alle sahen hin.
Kroko nahm ihn entgegen und las das Etikett.
„Wie lange steht das hier?“
„Seit immer“, sagte Waschbärli ehrfürchtig.
Der Hai prüfte das Haltbarkeitsdatum.
„Noch verwendbar.“
Das Känguru trat näher.
„Aromat ist ein zentraler Pfeiler der schweizerischen Staatsordnung.“
Lara lachte. „Das ist Gewürz.“
„Gewürz und Identität.“
Waschbärli stellte den Streuer mitten auf den Tisch.
„Jetzt isch es offiziell.“
6) Kängurus Geschichte der Schweiz
Während Kroko den Käse vorbereitete, hielt das Känguru einen Vortrag.
„Die Schweiz entstand“, begann es, „als mehrere freiheitsliebende Täler beschlossen, weder von Königen noch von schlecht organisierten Nachbarn verwaltet zu werden.“
Der Hai hob den Kopf.
„Das ist stark verkürzt.“
„Historische Klarheit braucht Mut zur Verdichtung.“
Das Känguru erzählte vom Rütlischwur, von Bergen, Kantonen, Neutralität und direkter Demokratie.
Einige Details waren richtig.
Andere offensichtlich erfunden.
„Wilhelm Tell hat vermutlich auch Fondue gegessen, bevor er den Apfel traf“, behauptete es.
„Nein“, sagte der Hai.
„Nicht bewiesen.“
„Eben.“
Waschbärli nickte begeistert.
„Und nachher hät er Aromat uf de Apfel gmacht.“
Lara setzte sich dazu.
„Ihr vergesst die Romandie.“
Sie erzählte von Genf, Lausanne, dem Genfersee, französischer Sprache und den kulturellen Unterschieden innerhalb der Schweiz.
„Die Schweiz ist nicht nur Schweizerdeutsch und Käse“, sagte sie.
Waschbärli sah betroffen aus.
„Aber scho sehr viel Käse.“
„Das stimmt“, sagte Lara.
Odin hörte zu und schnitt Brot.
„Mehrsprachig ist gut.“
Das Känguru hob sein Glas.
„Ich spreche ebenfalls alle Schweizer Sprachen.“
„Sag etwas auf Rätoromanisch“, forderte der weiße Tiger.
Das Känguru schwieg.
„Ich befinde mich noch in der alpinen Lernphase.“
7) Das sommerliche Fondue
Am Abend kam der Fonduetopf auf den Tisch.
Kroko hatte ihn mit Knoblauch ausgerieben, den Wein erwärmt und den Käse langsam eingerührt. Die Mischung war glatt, cremig und würzig.
Dazu standen:
Baguettewürfel,
kleine Kartoffeln,
Paprika,
Trauben,
Apfelstücke,
Gurken,
Tomaten
und einige milde eingelegte Gemüse bereit.
„Jetzt langsam eintauchen“, sagte Kroko.
Waschbärli nahm die erste Brotgabel.
„S’erschte Stück fürs Vaterland.“
Es tauchte das Brot in den Käse, drehte es sorgfältig und führte es zum Mund.
Der Käsefaden zog sich beinahe bis zum Topf zurück.
„Sehr guet.“
Odin probierte als Nächstes.
„Maus & Maus hatten recht.“
Uschi nahm eine kleine Kartoffel. Lara versuchte Traube mit Käse und fand die Kombination überraschend gelungen.
Der Hai achtete darauf, dass niemand die Gabeln verwechselte.
Das Känguru verlor sein Brotstück im Topf.
Alle sahen es an.
„Nach Schweizer Tradition muss ich nun eine Aufgabe erfüllen.“
„Welche?“, fragte Waschbärli.
„Ich darf eine politische Rede halten.“
„Nein“, sagte Kroko.
„Dann war es keine Tradition.“
8) Ein sehr eidgenössischer Sommerabend
Später wurde die Luft mild.
Die roten und weißen Bänder bewegten sich im Abendwind. Auf dem Tisch standen der Fonduetopf, Brotkrümel, leere Schalen und der Aromatstreuer, den tatsächlich niemand gebraucht hatte, der aber trotzdem wichtig wirkte.
Waschbärli sprach inzwischen fast nur noch Schweizerdeutsch.
„Das isch jetzt würkli gmüetlich.“
Uschi nickte. „Sehr.“
Lara schenkte etwas Weißwein nach und erzählte noch von Sommerabenden am Genfersee.
Odin saß zufrieden mit einem letzten Stück Baguette am Tisch.
Kroko lehnte sich zurück.
„Fondue im Sommer geht.“
Der Hai nickte. „Bei moderaten Abendtemperaturen und angepasster Beilagenauswahl eindeutig.“
Das Känguru hatte sich eine rote Serviette um die Schultern gelegt.
„Ich erkläre den Flanellweg zum unabhängigen Kanton.“
„Nein“, sagte Stinkerle.
„Autonomes Kulturgebiet?“
„Auch nein.“
Waschbärli hob sein Glas.
„Uf d’Schwiiz.“
Alle stießen an.
Mozart sah auf die Dekoration, den geschmolzenen Käse und die zufriedene Runde.
„Manche Feiertage gehören einem Land,
andere für einen Abend auch einem Garten.
Dann wird aus Waschbär ein Waschbärli,
aus Brot ein Gemeinschaftsgericht
und aus einem alten Aromatstreuer
beinahe ein Nationalsymbol.
Die Schweiz besteht aus vielen Sprachen,
Tälern, Städten und Geschichten –
und an diesem Abend
zusätzlich aus einem Fonduetopf
mitten im Flanellweg.
Vielleicht ist Eidgenossenschaft manchmal einfach das:
Alle tauchen etwas anderes ein,
aber teilen denselben Käse.“