1) Odin hat Zeit
Der Samstag begann freundlich.
Kühl am Morgen, später mild.
Kein Regen.
Kaum Wind.
Ein klarer Himmel über den ersten herbstlicher werdenden Farben.
Odin zog eine leichte Jacke an.
„Bin unterwegs.“
Waschbär sah vom Maltisch auf.
„Björn?“
„Auch.“
Der Hai fragte:
„Wie lange?“
Odin zuckte mit den Schultern.
„Mal sehen.“
Das war heute besonders ernst gemeint.
Er hatte keinen festen Plan.
Keinen Termin.
Nur die Stofftasche.
Smartphone.
Portemonnaie.
Und Lust, ein bisschen durchs Dorf zu gehen.
Dann war er weg.
2) Erst zu Metzger Wolf
Bei Wolf war nicht besonders viel los.
Das änderte sich sofort, als Odin hereinkam.
„Na!“
Wolf kam hinter dem Tresen hervor.
„Wie geht’s?“
„Gut.“
„Und euch?“
„Auch.“
Odin sah in die Auslage.
Wolf grinste.
„Du guckst schon wieder so.“
„Wie?“
„Als wüsstest du noch nicht, was du willst, aber gleich nimmst du trotzdem was mit.“
Odin sah auf ein schönes Stück Rind.
„Das vielleicht.“
Wolf nickte.
„Hab ich heute frisch.“
Dann begann natürlich ein Gespräch.
Über den Urlaub.
Über die wieder dichtere Spüle.
Über einen Bekannten im Ort.
Über einen Kunden, den Odin natürlich ebenfalls kannte.
Und über das Wetter.
Zwanzig Minuten später hatte Odin Fleisch in der Tasche.
Und ein kleines zusätzliches Stück Schinken.
„Für unterwegs oder für später“, sagte Wolf.
„Danke.“
3) Björn ist keine schnelle Station
Bei Björn roch es nach Brot, Kaffee und Zimt.
Odin ging hinein.
Björn sah ihn.
„Da ist er ja.“
„Hallo.“
„Heute früh?“
„Runde.“
„Setz dich.“
Das war kein Vorschlag.
Odin setzte sich.
Björn stellte ihm einen Kaffee hin.
„Frau Biber hat was Neues gemacht.“
„Was?“
„Birne, Walnuss, bisschen Karamell.“
Odin sah zur Auslage.
„Großes Stück.“
Björn grinste.
„Für alle?“
„Ja.“
Natürlich blieb es nicht beim Kuchen.
Björn erzählte von einer Stammkundin.
Von einem Mehl-Lieferanten.
Von einer kleinen Reparatur am Ofen.
Von Frau Bibers Meinung, dass er die neue Tarte „zu rustikal“ dekoriert hatte.
„Sie hatte recht“, sagte Björn.
Odin grinste.
„Natürlich.“
4) Obst und Gemüse
Danach ging Odin weiter.
Im kleinen Obst- und Gemüseladen standen schon deutlich mehr herbstliche Sachen.
Kürbisse.
Birnen.
Pflaumen.
Trauben.
Pilze.
Lauch.
Sellerie.
Odin nahm einen kleinen Hokkaido.
Dazu Birnen.
Etwas Lauch.
Ein paar Pilze.
Und schöne dunkle Trauben.
Die Verkäuferin sah in seine Tasche.
„Kocht Kroko?“
Odin nickte.
„Dann nimm die Pilze ruhig.“
„Gut?“
„Heute sehr.“
Odin nahm etwas mehr.
Dann sah er noch ein Bund Petersilie.
„Auch.“
Die Tasche wurde voller.
5) Fuchs & Flor
Eigentlich wollte Odin weiter.
Dann sah er das Schaufenster von Fuchs & Flor.
Herbstlich.
Dahlien.
Astern.
Hagebutten.
Gräser.
Ein paar dunklere Blätter.
Odin blieb stehen.
Dann ging er hinein.
Die Füchsin lächelte.
„Odin.“
„Hallo.“
„Für wen?“
Odin sah auf einen kleinen gebundenen Strauß.
Nicht groß.
Aber sehr schön.
Warme Rot- und Gelbtöne.
Etwas Beeriges.
Gräser.
Eine kleine Sonnenblume.
„Uschi und Lara.“
Die Füchsin nickte.
„Dann passt der.“
Sie wickelte ihn ein.
„Sag ihnen liebe Grüße.“
„Mach ich.“
Dann unterhielten sie sich noch über Mozart.
Natürlich.
„Er war wirklich sehr nett“, sagte die Füchsin.
Odin nickte.
„Ist er.“
Und wieder verging mehr Zeit als geplant.
6) Zu Hause: jeder in seiner Welt
Während Odin unterwegs war, war es am Flanellweg ungewöhnlich ruhig.
Waschbär malte.
Heute keine Kastanienstadt.
Keine Schaumkatastrophe.
Einfach Aquarelle.
Herbstbäume.
Der Garten.
Ein etwas zu großer roter Pilz.
Stinkerle saß am Werkbrett und bastelte an einer kleinen Holzhalterung.
„Wofür?“, fragte Waschbär.
„Später.“
„Geheim?“
„Nein.“
„Dann sag.“
„Später.“
Der Hai saß am Tisch und machte Listen.
Was genau, wusste niemand.
Der weiße Tiger ging vorbei.
„Noch vom Dachboden?“
„Teilweise.“
„Natürlich.“
7) Kroko setzt etwas an
In der Küche war Kroko erstaunlich früh aktiv.
Ein großer Topf stand auf dem Herd.
Knochen.
Abschnitte.
Wurzelgemüse.
Zwiebeln.
Tomatenmark.
Alles wurde geröstet.
Dann abgelöscht.
Langsam.
Sorgfältig.
Stundenlang.
Uschi kam vorbei.
„Was wird das?“
„Demi-glace.“
„Heute noch?“
Kroko nickte.
„Hab gutes Gefühl.“
Uschi sah ihn an.
„Wofür?“
„Abend.“
Mehr sagte er nicht.
Lara kam dazu.
„Du weißt doch noch gar nicht, was Odin mitbringt.“
Kroko brummte.
„Passt schon.“
8) Odin kommt schwer beladen zurück
Am Nachmittag ging die Tür auf.
Odin kam herein.
Mit zwei Taschen.
Und einem Blumenstrauß.
Waschbär war sofort da.
„Was hast du alles?“
„Viel.“
Uschi kam aus dem Wohnzimmer.
Dann sah sie den Strauß.
„Oh.“
Lara ebenfalls.
Odin hielt ihn hin.
„Von der Füchsin.“
„Für uns?“
„Ja.“
Uschi nahm ihn vorsichtig.
„Der ist wunderschön.“
Lara sah die Dahlien und Hagebutten.
„Sehr herbstlich.“
Odin nickte.
„Dachte ich auch.“
Dann wurden die Taschen ausgepackt.
Fleisch.
Schinken.
Birnen.
Pilze.
Trauben.
Lauch.
Kürbis.
Kuchen.
Kroko kam dazu.
Sah das Fleisch.
Dann die Pilze.
Dann die Demi-glace.
Er grinste.
„Wusste ich.“
9) Kroko hatte wirklich recht
Der Abend nahm plötzlich Form an.
Kroko briet das Fleisch scharf an.
Die Pilze separat.
Aus der Demi-glace wurde eine tiefe, glänzende Sauce.
Lauch und Kürbis kamen als Gemüse dazu.
Dazu Kartoffeln.
Nicht kompliziert.
Aber sehr gut.
Lara stellte den Strauß auf den großen Tisch.
Uschi zündete zwei Kerzen an.
Der weiße Tiger holte eine Flasche Rotwein.
Das Känguru erschien pünktlich zum Essen.
„Ich hatte das Gefühl, heute passiert etwas.“
Der Hai sah es an.
„Du hast das Essen gerochen.“
„Intuition hat viele Formen.“
10) Ein großer Tisch im September
Am Abend saßen alle zusammen.
Das Fleisch war zart.
Die Sauce tief und kräftig.
Die Pilze erdig.
Der Kürbis leicht süß.
Dazu Rotwein.
Brot.
Und später der Birnen-Walnuss-Kuchen von Björn.
Der weiße Tiger probierte die Sauce.
„Sehr überzeugend.“
Kroko nickte zufrieden.
Odin erzählte von seiner Runde.
Von Wolf.
Björn.
Dem Laden.
Der Füchsin.
„Du hast dich überall verquatscht“, sagte Uschi.
Odin grinste.
„Ja.“
„Und hattest Spaß.“
„Ja.“
Das fiel tatsächlich auf.
Er wirkte leicht.
Locker.
Zufrieden.
11) Waschbär zeigt seine Bilder
Nach dem Essen holte Waschbär seine Aquarelle.
„Ausstellung.“
Der Hai sah das erste Bild an.
Ein Baum.
Ein Weg.
Viel Orange.
„Schön.“
Das zweite zeigte Kroko als kleinen grünen Fleck in einer sehr großen Küche.
„Warum bin ich so klein?“
„Weil die Küche groß ist.“
Das dritte zeigte den Garten.
Mit Mähschaf.
Raseline.
Kastanien.
Und einem enormen Pilz.
Stinkerle sagte:
„Der Pilz ist größer als das Mähschaf.“
„Perspektive.“
Der Hai wollte etwas sagen.
Tat es aber nicht.
12) Ein ruhiger Abend
Später blieb der Rotwein noch eine Weile auf dem Tisch.
Niemand hatte Eile.
Draußen war es kühl, aber klar.
Die Fenster spiegelten warmes Licht.
Der Blumenstrauß stand mitten zwischen den Tellern.
Der Rest der Demi-glace kühlte bereits für einen späteren Tag ab.
Der Hai hatte seine Listen vergessen.
Waschbär seine Bilder verteilt.
Stinkerle sein Bastelprojekt beiseitegelegt.
Und Odin lehnte sich einfach zurück.
Mozart schrieb:
„Es gibt Tage, an denen niemand etwas Besonderes plant
und gerade deshalb alles gut zusammenfindet.Einer geht durchs Dorf
und bringt Fleisch, Pilze, Kuchen, Birnen
und einen kleinen Herbststrauß nach Hause.Einer setzt eine Sauce an,
weil er ein gutes Gefühl hat.Andere malen, basteln, schreiben Listen
oder tun einfach das, was sie gern tun.Und am Abend steht plötzlich ein großer Tisch da,
mit Rotwein, warmem Licht
und genug Geschichten für alle.Vielleicht ist Ruhe genau das:
wenn nichts Spektakuläres passiert
und man trotzdem später denkt,
dass der Tag ziemlich vollkommen war.“