1) Es klingelt
Am Donnerstagvormittag klingelte es.
Waschbär war wieder als Erster an der Tür.
„Ich mache auf!“
Als er die Tür öffnete, stand Metzger Wolf davor.
Etwas gebräunter als sonst.
Mit einer Reisetasche.
Und einem großen, sorgfältig eingepackten Stück Fleisch unter dem Arm.
„Wieder da“, sagte Wolf.
Waschbär strahlte.
„Schwarzwald!“
„Genau.“
Odin kam aus dem Flur.
„Hallo.“
Wolf stellte die Tasche ab und ging sofort zu ihm.
„Odin. Vielen Dank.“
Odin nickte.
„Alles gut.“
„Post, Pflanzen, Zeitung, alles?“
„Ja.“
Wolf lächelte erleichtert.
„Perfekt.“
Dann sah er das eingepackte Stück an.
„Und das ist für euch.“
Kroko erschien fast augenblicklich.
„Was?“
Wolf grinste.
„Schwarzwälder Schinken.“
Kroko wurde sehr aufmerksam.
2) „Da war noch was“
Wolf wollte gerade weiter erzählen, als Odin sagte:
„Unter der Spüle war was.“
Wolf sah ihn an.
„Was?“
„Hat getropft.“
„Wo?“
„Siphonverbindung.“
Wolf wurde sofort ernst.
„Viel?“
„Noch nicht.“
Stinkerle kam dazu.
„Die Dichtung war hart und saß nicht mehr sauber. War nur leicht feucht, aber über zwei Wochen hätte das unschön werden können.“
Wolf sah zwischen Odin und Stinkerle hin und her.
„Und ihr habt das repariert?“
Stinkerle nickte.
„Neue Dichtung. Verbindung gereinigt, neu gesetzt, geprüft. Odin hat später nochmal kontrolliert. Trocken.“
Wolf atmete hörbar aus.
„Ihr seid wirklich Gold wert.“
Odin zuckte mit den Schultern.
„War halt da.“
„Genau deshalb.“
Wolf schüttelte lachend den Kopf.
„Andere hätten mir vielleicht nach dem Urlaub gesagt, dass irgendwo Wasser steht.“
„Dann zu spät“, sagte Odin.
„Eben.“
3) Noch ein Grund mehr für Schinken
Wolf nahm das Paket wieder hoch.
„Dann ist der Schinken eigentlich zu wenig.“
Kroko nahm ihm das Stück vorsichtig ab.
„Nein.“
Wolf sah ihn an.
„Du klingst sehr überzeugt.“
„Guter Schinken reicht.“
„Direkt aus dem Schwarzwald. Schön geräuchert, ordentlich gereift.“
Kroko roch durch die Verpackung hindurch beinahe schon, was darin steckte.
„Sehr gut.“
Der Hai erschien nun ebenfalls.
„Wie lange gereift?“
Wolf dachte kurz nach.
„Mehrere Wochen.“
Der Hai wollte gerade genauer werden.
Uschi kam aus der Küche.
„Möchtest du einen Kaffee?“
Wolf nickte sofort.
„Sehr gern.“
„Und wir haben noch Mirabellenkuchen.“
Wolf lächelte.
„Dann bleibe ich fünf Minuten.“
Odin sah ihn an.
Björn hätte bei diesem Satz vermutlich gelacht.
4) Aus fünf Minuten wird mehr
Natürlich blieb Wolf nicht fünf Minuten.
Sie setzten sich auf die Terrasse.
Uschi schnitt großzügige Stücke vom Mirabellenkuchen ab. Lara brachte Kaffee und Wasser.
Wolf nahm den ersten Bissen.
„Der ist richtig gut.“
„Mirabellen vom Bauern“, sagte Odin.
Wolf nickte.
„Den kenne ich.“
Waschbär sah sofort zu Odin.
„Natürlich kennt er den.“
„Wir wohnen hier alle nicht weit auseinander“, sagte Wolf.
„Trotzdem kennt Odin jeden.“
Odin antwortete nicht.
Wolf nahm noch einen Bissen.
„Im Schwarzwald gab es übrigens auch genug Kuchen.“
„Schwarzwälder Kirschtorte?“, fragte Waschbär.
„Natürlich.“
Kroko sah interessiert auf.
„Gut?“
Wolf grinste.
„Manche sehr.“
„Manche?“
„Man kann auch im Schwarzwald schlechte Schwarzwälder essen.“
Kroko nickte ernst.
„Wichtige Information.“
5) Wandern zwischen Wald und Höhen
Wolf erzählte von seinen Wanderungen.
Von langen Wegen durch dunklere Waldstücke.
Von offenen Höhen mit weitem Blick.
Von kleinen Gasthäusern.
Von morgens noch kühler Luft und Nachmittagen, die warm, aber längst nicht so drückend gewesen waren wie am Flanellweg einige Wochen zuvor.
„Einmal sind wir fast den ganzen Tag gelaufen“, sagte er.
Odin nickte.
„Wie weit?“
„Genug.“
Der Hai sah auf.
Odin grinste ganz leicht.
Wolf verstand den Blick nicht.
„Was?“
„Nichts“, sagte Odin.
Waschbär flüsterte:
„Das ist eine Mozart-Antwort.“
Wolf erzählte weiter.
Von einem Aussichtspunkt, an dem man lange über Täler sehen konnte.
Von einem kleinen Bach.
Von Waldwegen, die morgens noch feucht gewesen waren.
„Das tat gut nach dem trockenen Sommer hier.“
Alfonso hätte ihm vermutlich sofort zugestimmt.
6) Familie und lange Abende
Ein großer Teil des Urlaubs war aber gar nicht nur Urlaub gewesen.
„Ich hab Familie besucht“, sagte Wolf.
„Einige habe ich seit Ewigkeiten nicht gesehen.“
Uschi nickte.
„Dann war es bestimmt schön.“
„Sehr. Viel gegessen. Viel geredet. Zu viel gegessen.“
Kroko sah ihn an.
„Gibt es nicht.“
Wolf lachte.
„Doch. Glaub mir.“
Er erzählte von langen Abenden an großen Tischen.
Von Verwandten, die immer noch dieselben Geschichten erzählten wie vor Jahren.
Von einem Onkel, der darauf bestand, dass sein Kartoffelsalat der einzig richtige sei.
Das Känguru wäre vermutlich sofort in eine kulturpolitische Analyse eingestiegen.
Zum Glück war es gerade draußen in der Hängematte und hörte nur halb zu.
„Mit Brühe oder Mayonnaise?“, fragte Kroko.
Wolf grinste.
„Brühe.“
Kroko nickte zufrieden.
„Gut.“
7) Waschbär will Urlaub beweisen lassen
Waschbär setzte sich näher.
„Hast du Fotos?“
Wolf zog sein Smartphone heraus.
„Ein paar.“
Damit war Waschbär vollständig beschäftigt.
Wald.
Eine Berghütte.
Ein Teller mit Käse und Brot.
Eine Aussicht.
Ein Familienfoto.
Ein Stück Schwarzwälder Kirschtorte.
Waschbär blätterte begeistert.
„Da! Noch ein Kuchen.“
„Ja.“
„Und da! Schinken.“
„Auch.“
Der Hai sah über seine Schulter.
„Interessant wäre auch die Reiseroute.“
Wolf lachte.
„Ich wollte Urlaub machen, keine Logistikstudie.“
Der Hai nickte langsam.
„Verständlich.“
Dann sah er trotzdem auf die Karte im Hintergrund eines Fotos.
8) Der Schinken wird ausgepackt
Später öffnete Kroko das Paket.
Der Schwarzwälder Schinken war dunkel, fest und roch kräftig nach Rauch und Reifung.
„Sehr schön.“
Wolf nickte.
„Hab ich bei einem kleinen Betrieb mitgenommen.“
Kroko schnitt eine hauchdünne Scheibe ab.
Dann noch eine.
Alle durften probieren.
Uschi nahm ein kleines Stück.
„Sehr aromatisch.“
Lara nickte.
„Und nicht zu salzig.“
Der weiße Tiger kam aus dem Büro, probierte ebenfalls.
„Sehr überzeugend.“
Wolf sah zu Kroko.
„Damit kannst du bestimmt was anfangen.“
Kroko brummte.
„Sehr viel.“
Waschbär hob die Pfote.
„Kann man damit Crêpes machen?“
Lara sah zu ihm.
„Ja.“
Kroko ebenfalls.
„Ja.“
Waschbär wirkte sehr zufrieden.
9) Dankbarkeit ohne großes Aufheben
Als Wolf schließlich wirklich aufbrechen wollte, stand er noch einmal bei Odin.
„Nochmals danke.“
Odin nickte.
„Gern.“
„Vor allem wegen der Spüle. Das hätte richtig nervig werden können.“
„Deshalb schaut man nach.“
Wolf lächelte.
„Ich weiß schon, warum ich dir den Schlüssel gebe.“
Der Hai hörte das.
Er machte diesmal keine Notiz.
Fast.
Wolf klopfte Odin kurz auf die Schulter.
„Wenn du mal was brauchst, sag Bescheid.“
Odin antwortete:
„Mach ich.“
Beide wussten vermutlich, dass er es eher selten tun würde.
Dann verabschiedete Wolf sich.
Waschbär winkte lange hinterher.
„Schönen Nach-Urlaub!“
Wolf drehte sich noch einmal um.
„Danke!“
10) Ein ganz normaler schöner Besuch
Am Abend lag das große Stück Schwarzwälder Schinken bereits ordentlich verpackt im Kühlschrank.
Kroko hatte sichtbar Pläne damit.
Die letzten Mirabellenkuchenstücke waren verschwunden.
Auf der Terrasse wurde es langsam ruhiger.
Odin saß mit einem Glas Wasser da.
Uschi räumte die Tassen zusammen.
Waschbär sah sich noch einmal Wolfs Urlaubsfotos an, die er sich natürlich hatte schicken lassen.
Der Hai dachte darüber nach, wie erstaunlich viele Bewohner des Ortes Odin eigentlich kannten.
Dann ließ er den Gedanken liegen.
Zumindest für heute.
Mozart schrieb:
„Manchmal kommt jemand aus dem Urlaub zurück
und bringt mehr mit als einen Schinken.Geschichten von Wegen im Wald,
von Familie, langen Tafeln,
kühleren Abenden und Orten,
an denen der Sommer anders riecht.Und manchmal erfährt man erst beim Heimkommen,
dass während der eigenen Abwesenheit
jemand still die Blumen gegossen,
die Post hereingeholt
und sogar ein kleines Problem repariert hat,
bevor es groß werden konnte.Dankbarkeit braucht dann keine große Rede.
Ein ehrliches ›Danke‹,
ein Stück Kuchen auf der Terrasse
und etwas guter Schwarzwälder Schinken
reichen vollkommen.“