26. Mai 2026 Sonnig Frühling 7 min

Die Sonnenterrasse für Küchenkatzen

Die Sonnenterrasse für Küchenkatzen

1) Das Problem mit der Sonne

Der Dienstag war warm, hell und angenehm. Nicht so heiß, dass man Schatten suchen musste, aber sonnig genug, dass die Küchenkatzen den ganzen Vormittag mit höchster Präzision am Wohnzimmerfenster lagen.

Tiger links. Leopard rechts.

Dann Wechsel.

Dann beide diagonal.

Dann wieder ein paar Zentimeter weiter, exakt mit dem wandernden Sonnenfleck.

Waschbär beobachtete das eine ganze Weile, die Pfoten auf der Fensterbank, und sagte schließlich: „Die arbeiten sehr hart.“

Kroko, der gerade Kaffee machte, brummte: „Die liegen.“

„Professionell“, sagte Waschbär. „Sie liegen professionell.“

Uschi kam dazu und sah die Katzen an. „Sie lieben die Sonne.“

„Ja“, sagte Waschbär. „Aber sie haben draußen keinen richtigen Sonnenplatz.“

Der Hai hob vom Tablet den Kopf. „Draußen gibt es Terrasse, Stühle, Boden, Bank.“

Waschbär sah ihn an, als hätte er etwas sehr Kaltes gesagt. „Hai. Das sind Katzen. Die brauchen keinen Platz. Die brauchen einen Platz.“

Stinkerle, der zufällig in Hörweite war, blieb stehen.

„Einen Katzenplatz?“

Waschbär nickte langsam.

Stinkerles Augen begannen zu leuchten. „Aus Resten?“

„Aus Resten“, bestätigte Waschbär.

Der Hai atmete ein. „Bitte definiert—“

Da waren beide schon auf dem Weg zum Schuppen.


2) Der Schuppen liefert wieder

Im Schuppen fanden sie wie immer mehr, als vernünftigerweise existieren sollte.

Ein paar alte Holzbretter.
Zwei stabile kurze Beine von einem früheren Gartenhocker.
Ein Stück wetterfester Stoff.
Etwas Schaumstoffpolster, sauber eingerollt.
Eine kleine Latte, die Stinkerle sofort „perfekt für eine Kante“ nannte.
Und ein Rest Sisalseil, das Waschbär ehrfürchtig hochhielt.

„Das ist für Katzen“, sagte er.

„Das war mal für irgendwas anderes“, sagte Stinkerle.

„Jetzt ist es für Katzen. Dinge finden ihre Bestimmung.“

Stinkerle zog einen Plan in die Luft. „Erhöht. Nicht zu hoch. Stabil. Mit leichtem Dach?“

„Nein“, sagte Waschbär. „Nicht Dach. Sonne.“

„Also offen.“

„Aber gemütlich.“

„Mit Polster.“

„Und Rand.“

„Und Kratzkante.“

„Und vielleicht ein kleines Schild.“

Stinkerle hielt inne. „Was soll auf dem Schild stehen?“

Waschbär dachte nach. „Sonnenloge.“

Stinkerle nickte. „Gut.“

Vom Garten her rief der Hai, der inzwischen näher gekommen war: „Ich habe das Wort ‘erhöht’ gehört. Bitte Traglast beachten.“

„Für zwei Katzen“, rief Stinkerle.

„Und Würde“, ergänzte Waschbär.

„Würde hat kein Gewicht“, sagte der Hai.

„Du weißt das nicht“, rief Waschbär zurück.


3) Bau einer Katzenloge

Sie bauten auf der Terrasse, weil der Tag schön war und Uschi meinte, dass Sägemehl draußen besser aufgehoben sei als im Wohnzimmer.

Stinkerle schraubte die Beine an eine flache Holzplattform, verstärkte die Ecken und testete das Ganze mit beiden Pfoten.

„Stabil.“

Der Hai drückte prüfend auf eine Seite. „Kippverhalten?“

„Nicht kippig“, sagte Stinkerle.

„Das ist kein Fachbegriff.“

„Aber wahr.“

Waschbär polsterte die Oberfläche mit dem Schaumstoff und spannte den wetterfesten Stoff darüber. Es wurde nicht perfekt glatt, aber genau richtig weich. Danach wickelte er Sisalseil um eine Seitenkante, damit die Küchenkatzen dort kratzen konnten, ohne dass Kroko irgendwann „wer hat den Stuhl zerstört?“ brummt.

Uschi kam mit Tee auf die Terrasse und blieb sofort stehen. „Oh, das wird ja richtig schön.“

„Katzen-Sonnenloge“, sagte Waschbär stolz.

Lara schaute aus der Balkontür. „Das klingt nach einem besseren Hotelzimmer.“

„Für Katzen ist jedes gute Möbel ein Hotelzimmer“, sagte Mozart, der mit seinem Notizbuch im Schatten saß.

Kroko kam ebenfalls raus, sah das kleine Möbel und brummte: „Wenn die das annehmen, gehört es ihnen. Für immer.“

„Das ist der Plan“, sagte Uschi.

„Dann sag später nicht, ich hätte nicht gewarnt.“


4) Die skeptische Abnahme

Als die Sonnenloge fertig war, stellten sie sie an eine gute Stelle auf der Terrasse: Sonne am Nachmittag, aber nahe genug am Haus, dass die Katzen nicht das Gefühl haben mussten, außerhalb ihrer Zuständigkeit zu liegen. Außerdem mit Blick in den Garten, zum Pool, zum Grill und – sehr wichtig – in Richtung Frau Nüssleins Grundstück.

„Strategische Position“, sagte der Hai.

„Soziale Position“, sagte Waschbär.

„Katzenposition“, sagte Odin, der gerade vorbeikam und die Sache mit einem Blick verstanden hatte.

Stinkerle wackelte noch einmal an der Konstruktion. Nichts wackelte.

Waschbär befestigte ein kleines Schild an der Seite:

Sonnenloge

Darunter, kleiner:

für Küchenkatzen

Der Hai las es. „Korrekt beschriftet.“

Das war sein Segen.

Nun fehlte nur noch die eigentliche Prüfung.

Die Küchenkatzen saßen drinnen am Fenster und beobachteten alles. Tiger blinzelte. Leopard blinzelte. Beide wirkten, als hätten sie den gesamten Bauprozess bewertet, ohne je offiziell beteiligt gewesen zu sein.

Uschi öffnete die Terrassentür.

„Na?“, sagte sie sanft. „Schaut mal.“

Die Katzen bewegten sich nicht sofort.

Dann stand Tiger auf.

Leopard folgte.

Langsam. Würdevoll. Kein Eilen. Kein sichtbares Interesse, das wäre ja unwürdig gewesen. Sie traten auf die Terrasse, gingen an der neuen Sonnenloge vorbei, schnupperten, taten so, als sei alles eher mittelwichtig.

Waschbär hielt den Atem an.

Tiger sprang hinauf.

Leopard sprang hinterher.

Beide drehten sich einmal, zweimal, dann ließen sie sich nieder.

Exakt in die Sonne.

Synchrones Schnurren.

Waschbär flüsterte: „Sie haben sie angenommen.“

Kroko brummte: „Jetzt gehört sie ihnen.“


5) Die Terrasse hat neue Besitzer

Von diesem Moment an war die Sonnenloge nicht mehr „ein gebautes Ding“, sondern Territorium.

Die Küchenkatzen lagen darauf wie zwei kleine Herrscherinnen des warmen Nachmittags. Tiger vorne, Leopard halb dahinter, beide in einer Position, die gleichzeitig entspannend und überwachend war. Gelegentlich hob eine den Kopf, wenn ein Vogel vorbeiflog oder Raseline von nebenan piepte. Dann wurde wieder geschnurrt.

„Sie sehen glücklich aus“, sagte Uschi.

„Sie sehen zuständig aus“, sagte Lara.

Der Hai betrachtete das Ergebnis. „Nutzungsannahme unmittelbar. Sehr gutes Zeichen.“

„Das heißt: Sie mögen es“, sagte Waschbär.

„Ja“, sagte der Hai. „Das heißt es.“

Stinkerle setzte sich auf die Terrassenstufe, sichtbar zufrieden. „Aus Resten. Komplett aus Resten.“

„Das ist das Beste daran“, sagte Uschi. „Etwas, das sonst herumgelegen hätte, ist jetzt ein Lieblingsplatz.“

Das Känguru rief aus der Hängematte: „Produktionsmittel in Katzenpfoten!“

„Die Katzen besitzen jetzt ein Luxusmöbel“, sagte Kroko.

„Das ist ihre gerechte Teilhabe an der Terrasse“, sagte das Känguru.

Die Katzen reagierten nicht. Sie hatten offenbar keine Meinung zur Eigentumsfrage. Oder eine sehr klare.


6) Abendsonne auf Fell

Am Abend stand die Sonne tiefer, aber die Sonnenloge hatte noch immer einen warmen Streifen Licht. Die Küchenkatzen rückten nur minimal nach – ein paar Zentimeter, genau genug, um die letzten Strahlen mitzunehmen.

Minimaler Positionswechsel: höchste Präzision.

Uschi stellte später eine kleine Wasserschale in die Nähe. „Wenn sie jetzt öfter draußen liegen.“

Der Hai nickte. „Sinnvoll.“

Stinkerle dachte schon über eine kleine Erweiterung nach. „Vielleicht ein abnehmbares Schattensegel für heiße Tage.“

„Später“, sagte Uschi.

Waschbär flüsterte: „Und vielleicht ein kleines Kissen mit Muster.“

„Später“, wiederholte Uschi.

Kroko sah zu den Katzen, die inzwischen so tief entspannt waren, dass selbst er weich wurde. „Na gut. Ist schön geworden.“

Stinkerle grinste. Waschbär strahlte.

Odin stand kurz an der Terrassentür, sah die Katzen, sah die Loge und nickte. „Guter Bau.“

Das war ein großes Lob.

Als die Tiere später im Garten saßen, lag die Sonnenloge ruhig auf der Terrasse. Nicht auffällig, nicht übertrieben. Einfach richtig. Ein kleiner Platz, der vorher gefehlt hatte, ohne dass jemand es genau wusste.

Mozart sah zu den Katzen, die in der letzten Wärme des Tages lagen, und sagte:

„Manche Dinge baut man nicht,
weil sie nötig sind,
sondern weil jemand
noch schöner ruhen könnte.
Aus Holzresten, Stoff
und ein wenig Aufmerksamkeit
wird dann ein Ort.
Und wenn eine Katze ihn annimmt,
ist jede Planung
vollständig bestätigt.“