1) „Einmal richtig Ordnung“
Uschi stand am Mittwochmorgen mitten im Wohnzimmer.
Sie sah zum Regal.
Dann zum Schrank.
Dann zur Decke auf dem Sessel.
Dann zu einer kleinen Kiste unter dem Beistelltisch.
„Heute.“
Lara sah von ihrem Tee auf.
„Was heute?“
Uschi legte die Hände in die Hüften.
„Einmal richtig Ordnung.“
Aus dem Flur kam Stinkerles Stimme:
„Oh.“
Waschbär erschien sofort.
„Was machen wir?“
„Herbstputz.“
Waschbär grinste.
„Schätze finden.“
„Putzen.“
„Auch.“
Der Hai kam dazu.
„Mit System?“
Uschi sah ihn an.
„Ja.“
Der Hai war damit vollständig an Bord.
2) Das Wohnzimmer explodiert
Schon eine Stunde später sah das Wohnzimmer schlimmer aus als vorher.
Decken lagen auf dem Sofa.
Kissen auf dem Boden.
Kisten standen offen.
Ein Regal war halb leer.
Der Inhalt eines Schrankfachs bedeckte den Esstisch.
Waschbär stand mitten darin und sah glücklich aus.
„Das ist großartig.“
Lara hielt eine alte Tischdecke hoch.
„Warum haben wir davon fünf?“
Uschi dachte nach.
„Weil man irgendwann immer noch eine dazubekommt.“
Der Hai begann zu zählen.
„Genau sieben.“
Uschi sah ihn an.
„Das macht es nicht besser.“
3) Deckenberge
Der größte Berg bestand aus Decken.
Dicke Winterdecken.
Leichte Sommerdecken.
Wolldecken.
Picknickdecken.
Eine alte karierte.
Eine mit Blumen.
Eine, die niemand mochte, aber auch niemand wegwerfen wollte.
Lara zog ihre Lieblingsdecke sofort heraus.
„Die bleibt bei mir.“
Waschbär sah hin.
„Keine Sorge. Die Höhle hat inzwischen eine eigene.“
Lara nickte.
„Gut so.“
Der Hai schlug Kategorien vor.
„Wohnzimmer, Schlafzimmer, Gäste, draußen, Reserve.“
Uschi sagte:
„Das ist sinnvoll.“
Der Hai strahlte.
4) Die erste Überraschung
Unter einem Stapel alter Kissen fand Waschbär eine kleine Holzkiste.
„Was ist das?“
Niemand wusste es.
Er öffnete sie.
Darin lagen:
mehrere Buntstifte,
zwei alte Radiergummis,
ein kleines Skizzenheft,
ein Stück Kreide,
drei Knöpfe,
eine Murmel,
und ein winziger Kompass.
Der Hai sah hinein.
„Wem gehört das?“
Waschbär nahm das Skizzenheft.
„Mir.“
Alle sahen ihn an.
„Seit wann hast du einen Kompass?“, fragte Stinkerle.
Waschbär dachte nach.
„Schon lange.“
„Woher?“
„Weiß nicht mehr.“
„Und warum lag das alles hier?“
Waschbär zuckte mit den Schultern.
„Sicher verstaut.“
Der Hai schloss kurz die Augen.
5) Noch mehr Waschbär-Besitz
Es blieb nicht bei der Kiste.
In einem Schrankfach tauchte ein zusammengerolltes Stück Stoff auf.
Waschbär entrollte es.
Eine kleine selbstgemachte Fahne.
Mit einem aufgemalten Waschbärkopf.
„Oh!“
Uschi sah ihn an.
„Auch deine?“
„Ja.“
„Seit wann?“
„Weiß nicht.“
Später fand Lara hinter Büchern eine kleine Dose mit getrockneten Blüten.
Auch Waschbär.
Dann ein altes Kartenspiel.
Auch Waschbär.
Dann einen einzelnen Handschuh.
„Auch meiner.“
Stinkerle sah ihn an.
„Hast du überall Depots?“
Waschbär dachte ernsthaft darüber nach.
„Vielleicht.“
6) Der Hai will Besitzverhältnisse klären
Der Hai hatte inzwischen eine Liste.
„Wir müssen Eigentum eindeutig zuordnen.“
Waschbär sah ihn an.
„Warum?“
„Weil sonst niemand weiß, wem was gehört.“
„Ich weiß es doch, wenn ich es sehe.“
„Das ist kein System.“
„Aber es funktioniert.“
„Offensichtlich nicht.“
Waschbär nahm eine kleine Blechdose aus einem Regal.
„Die gehört mir.“
Der Hai sah hinein.
Darin waren Kastanien, eine Schraube, zwei Büroklammern und ein Bonbonpapier.
„Was ist das?“
„Wichtige Sachen.“
Der Hai schrieb:
Waschbär – Blechdose – gemischter Inhalt – Bedeutung unklar
Waschbär nickte.
„Perfekt.“
7) Alte Dinge aus vergangenen Jahren
Zwischen den Waschbär-Funden tauchten auch andere Sachen auf.
Eine alte Weihnachtsdecke.
Ein vergessener Kerzenhalter.
Ein kleines Fotoalbum.
Zwei Tischsets, die Uschi sofort wiedererkannte.
Eine alte Thermoskanne.
Ein Wollschal.
Lara hielt ihn hoch.
„Der ist schön.“
Mozart sah hin.
„Den kenne ich.“
„Von wann?“
Mozart dachte nach.
„Lange her.“
Der Hai öffnete schon den Mund.
Mozart lächelte.
„Mehr weiß ich nicht.“
Der Hai schloss ihn wieder.
8) Ausräumen ist leichter als Einräumen
Am frühen Nachmittag war der einfache Teil vorbei.
Alles war draußen.
Jetzt musste entschieden werden, was wohin kam.
Das war deutlich schwieriger.
Uschi wischte Schränke aus.
Lara faltete Decken.
Stinkerle reparierte nebenbei eine lockere Schubladenführung.
Der Hai beschriftete Kisten.
Waschbär saß auf dem Boden und betrachtete seine wiederentdeckten Besitztümer.
„Ich brauche eine eigene Kiste.“
Uschi sagte:
„Du hast schon drei.“
Waschbär sah überrascht aus.
„Echt?“
Der Hai zeigte auf ein Regal.
„Vier.“
Waschbär war beeindruckt.
„Dann bin ich gut organisiert.“
Niemand antwortete.
9) Kroko findet Küchenzeug
Natürlich blieb auch die Küche nicht ganz verschont.
Uschi zog eine hintere Schublade heraus.
Kroko kam dazu.
Darin lagen alte Ausstechformen.
Ein kleiner Schneebesen.
Zwei Holzlöffel.
Ein alter Trichter.
Und ein sehr kleines Sieb.
Kroko nahm das Sieb.
„Das hab ich gesucht.“
Uschi sah ihn an.
„Seit wann?“
„Länger.“
„Warum hast du nichts gesagt?“
Kroko zuckte mit den Schultern.
„Jetzt da.“
Das war für ihn offenbar ausreichend.
10) Waschbär entdeckt einen Mantel
Im Flurschrank hing ganz hinten etwas Kleines.
Waschbär zog es heraus.
Ein alter dunkelblauer Mantel.
Seine Größe.
Er starrte ihn an.
„Oh.“
Uschi sah hin.
„Der gehört dir doch.“
„Ja.“
„Warum trägst du den nie?“
Waschbär zog ihn an.
Er passte noch.
Ein bisschen knapp.
Aber überraschend elegant.
Lara lachte.
„Du siehst richtig ordentlich aus.“
Waschbär stellte sich gerade hin.
„Wie der andere Waschbär.“
Stinkerle sagte:
„Fast.“
Waschbär steckte die Pfoten in die Taschen.
Darin fand er zwei Kastanien.
Natürlich.
11) Der Fund wird immer persönlicher
In einer alten Pappmappe tauchten Zeichnungen auf.
Waschbär setzte sich sofort.
Aquarelle.
Skizzen.
Kleine Entwürfe.
Ein paar deutlich ältere Bilder.
Uschi blätterte vorsichtig.
„Die sind wirklich schön.“
Waschbär wurde etwas stiller.
„Die hab ich ganz vergessen.“
Tigerlein kam dazu.
„Die solltest du digitalisieren.“
Odin sah aus dem Flur herein.
„Noch mehr fürs Internet?“
Waschbär sah ihn an.
„Vielleicht.“
Odin hob die Augenbrauen.
„Diesmal sagt uns jemand vorher Bescheid.“
Waschbär grinste.
12) Am Ende wird es tatsächlich ordentlicher
Gegen Abend war der Unterschied deutlich.
Die Schränke waren sauber.
Die Decken sortiert.
Die Kisten beschriftet.
Selten genutzte Dinge lagen ordentlich hinten.
Häufig gebrauchte vorne.
Waschbär hatte eine eigene große Kiste bekommen.
Darauf stand:
WASCHBÄR – PERSÖNLICH / KREATIV / SONSTIGES
Der Hai betrachtete das Etikett.
„Sonstiges ist unspezifisch.“
Uschi sah ihn an.
„Bei Waschbär ist es korrekt.“
Der Hai dachte kurz nach.
„Stimmt.“
13) Der Abend danach
Nach dem Essen saßen alle im Wohnzimmer.
Es wirkte größer.
Nicht leer.
Nur ruhiger.
Die warme Lichterkette spiegelte sich im Fenster.
Die Küchenkatzen lagen wieder in ihrer Höhle.
Waschbär hatte seine Fundkiste neben sich.
Ab und zu nahm er etwas heraus.
Den Kompass.
Die kleine Fahne.
Das Skizzenheft.
Dann den Mantel.
„Ich wusste gar nicht, dass ich so viele Sachen habe.“
Stinkerle sagte:
„Wir schon jetzt auch.“
Waschbär nickte zufrieden.
Mozart schrieb:
„Ordnung beginnt oft mit dem Satz,
man wolle nur einmal kurz einen Schrank ausräumen.Dann stehen plötzlich Kisten im Flur,
Decken auf dem Sofa
und Dinge aus vergangenen Jahren
mitten im heutigen Tag.Manche Funde erinnern uns an Orte,
manche an Menschen
und manche nur daran,
dass Waschbären offenbar überall Besitz verstecken.Vielleicht ist Herbstputz deshalb mehr als Saubermachen.
Man räumt nicht nur Dinge neu ein.
Man findet auch ein paar kleine Stücke von früher wieder
und entscheidet,
was davon mit in die gemütliche Jahreszeit darf.“