12. August 2026 Sonnig Sommer 8 min

Van Gogh und die Sonnenblumen vom Flanellweg

Van Gogh und die Sonnenblumen vom Flanellweg

1) Ein Buch, das man fast versteht

Am Mittwochvormittag saß Waschbär gelangweilt im Wohnzimmer.

Er hatte bereits aus dem Fenster gesehen.

Dann aus einem anderen Fenster.

Dann hatte er überlegt, ob man aus den Deckeln leerer Marmeladengläser kleine Spiegel bauen könnte.

Stinkerle hatte ihm davon abgeraten.

Also stöberte Waschbär in einem unteren Bücherregal, das normalerweise kaum jemand beachtete.

Dort fand er einen großen Bildband.

Auf dem Umschlag war ein gelbes Sonnenblumenbild zu sehen.

Darüber stand:

Vincent van Gogh – Zonnebloemen en andere werken

Waschbär setzte sich sofort auf den Boden.

„Zonnebloemen.“

Er blätterte.

„Das heißt Sonnenblumen.“

Stinkerle ging vorbei.

„Ja.“

Waschbär sah auf.

„Woher weißt du das?“

„Ist Niederländisch.“

„Das sehe ich.“

„Dann weißt du es doch.“

„Nein, ich meinte: Woher kannst du Niederländisch?“

Stinkerle blieb kurz stehen.

„Ein bisschen.“

„Warum?“

„Kann man brauchen.“

Damit setzte er seinen Weg fort.

Waschbär sah ihm hinterher.

„Das ist keine Erklärung.“

Aus der Hängematte rief das Känguru:

„Sprachen brauchen keine Rechtfertigung.“


2) „Zonnebloemen“ und andere erstaunlich lesbare Wörter

Waschbär begann, die Texte genauer anzusehen.

Viele Wörter waren fremd.

Andere sahen so vertraut aus, dass man ihren Sinn erraten konnte.

„Schilderij“, murmelte Waschbär. „Das klingt wie Schilderei.“

Stinkerle war inzwischen zurückgekommen und setzte sich dazu.

„Malerei.“

„Bloemen.“

„Blumen.“

„Kleur.“

„Farbe.“

„Geel.“

„Gelb.“

Waschbär wurde zunehmend begeistert.

„Das ist ja fast wie Deutsch, das falsch abgebogen ist.“

„Sag das keinem Niederländer.“

Sie lasen gemeinsam einige Bildbeschreibungen.

Stinkerle übersetzte Passagen über die kräftigen Farben, die vereinfachten Formen und die Sonnenblumenbilder, die Van Gogh in Arles gemalt hatte.

Waschbär betrachtete lange eine Reproduktion.

„Die Farbe liegt richtig dick drauf.“

„Teilweise sehr deutlich.“

„Und die Blumen sind gar nicht ordentlich.“

„Sie sollen auch nicht botanisch exakt sein.“

Waschbär sah zum Garten.

Dort standen ihre eigenen Sonnenblumen im Augustlicht.

Einige hoch und gerade.

Andere schon etwas schwer im Kopf.

Eine hing leicht zur Seite.

„Wir malen die.“

Stinkerle folgte seinem Blick.

Dann sah er wieder ins Buch.

„Mit richtiger Farbe.“

Waschbär strahlte.


3) Zwei Staffeleien aus dem Schuppen

Im Schuppen begann die Vorbereitung.

Stinkerle fand Holzleisten, Schrauben, zwei alte Bretter und mehrere brauchbare Scharniere.

„Wir bauen einfache Atelierstaffeleien.“

Waschbär hielt bereits zwei Leisten zusammen.

„So?“

„Nein.“

„So?“

„Auch nein.“

„Ich teste Möglichkeiten.“

Stinkerle maß, sägte und verschraubte.

Waschbär hielt Teile fest und kommentierte.

Nach einer Weile standen tatsächlich zwei stabile Staffeleien im Garten.

„Professionell“, sagte Waschbär.

Stinkerle drückte dagegen.

Nichts wackelte.

„Jetzt professionell.“

Dazu kamen zwei Bretter als Paletten.

Uschi stellte Gläser mit Wasser bereit und legte alte Tücher dazu.

„Bitte nicht die gute Tischdecke.“

„Wir malen draußen“, sagte Waschbär.

Lara brachte zwei alte Hemden als Malkittel.

Waschbär zog seines an.

Fünf Minuten später hatte es bereits einen gelben Fleck am Ärmel.

Noch bevor irgendein Bild begonnen hatte.


4) Sonnenblumen, aber nicht zu ordentlich

Die Staffeleien wurden so aufgestellt, dass die Sonnenblumen gut zu sehen waren.

Waschbär stellte eine Vase auf einen kleinen Gartentisch und schnitt mit Uschis Erlaubnis einige reife Blüten.

Andere blieben im Beet.

„Wir brauchen beides“, erklärte er. „Blumen vor uns und Blumen dahinter.“

Stinkerle mischte Farben.

Gelb.

Ocker.

Orange.

Grün.

Blau.

Braun.

Waschbär betrachtete seine Palette.

„Wir brauchen noch mehr Gelb.“

„Wir haben drei Gelbtöne.“

„Das ist bei Sonnenblumen nicht viel.“

Sie begannen.

Zuerst zögerlich.

Dann immer kräftiger.

Stinkerle arbeitete mit deutlichen, kontrollierten Strichen. Seine Vase stand sauber, aber die Blüten wirkten lebendig und leicht übertrieben.

Waschbär dagegen legte Farbe so dick auf, als müsse das Bild auch aus drei Metern Entfernung noch ertastbar sein.

„Nicht glattstreichen“, sagte er zu sich selbst.

Er setzte einen dicken gelben Strich.

Dann noch einen.

Dann Orange.

Dann Grün.

Dann irgendwie Blau an eine Stelle, an der eigentlich kein Blau vorgesehen war.

„Warum blau?“, fragte Stinkerle.

„Weil das Gelb sonst nicht weiß, wie gelb es ist.“

Stinkerle dachte kurz nach.

„Kann man gelten lassen.“


5) Mozart erklärt, das Känguru ergänzt

Mozart hatte sich mit seinem Notizbuch in den Schatten gesetzt und beobachtete die beiden.

Das Känguru lag in der Hängematte.

Natürlich wurde aus dem Beobachten bald eine kunsthistorische Diskussion.

„Van Gogh gehört zu den interessantesten Figuren seiner Epoche“, sagte Mozart. „Weil seine Bilder nicht einfach die sichtbare Welt wiederholen. Farbe und Pinselstrich tragen selbst Bedeutung.“

Das Känguru nickte tief.

„Genau. Die Befreiung der Farbe von der objektiven Realität.“

Mozart sah zu ihm.

„Das ist tatsächlich nicht ganz falsch.“

Das Känguru wirkte erfreut.

„Natürlich nicht.“

Mozart sprach über den Postimpressionismus, über die Entwicklung weg von rein optischen Eindrücken, über persönliche Wahrnehmung und über die besondere Energie der sichtbaren Pinselführung.

Das Känguru ergänzte:

„Und natürlich den Widerstand gegen die akademische Kunstindustrie.“

Mozart lächelte.

„Zum Teil.“

„Ich sagte ja: Industrie.“

„Du sagst das zu fast allem.“

„Weil fast alles eine hat.“

Waschbär rief vom Bild:

„War Van Gogh arm?“

Mozart nickte langsam.

„Zu Lebzeiten hatte er wirtschaftlich große Schwierigkeiten und nur wenig Anerkennung.“

Das Känguru richtete sich sofort auf.

„Da haben wir es.“

„Wir haben noch gar nichts“, sagte Mozart.


6) Das Känguru wird Kunsttheoretiker

Das Känguru ließ sich nun nicht mehr bremsen.

„Seht euch die Sonnenblumen an. Keine botanische Unterwerfung. Keine glatte Repräsentation. Die Blume befreit sich von der Erwartung des Marktes.“

Stinkerle malte weiter.

„Das ist eine Sonnenblume.“

„Gerade deshalb.“

Mozart nahm einen Schluck Wasser.

„Interessant ist eher, dass Van Gogh sehr bewusst mit Komplementärfarben und intensiven Farbbeziehungen arbeitete.“

Das Känguru nickte.

„Exakt meine These.“

„Du hast bisher nichts über Komplementärfarben gesagt.“

„Sie war implizit.“

Mozart erklärte weiter, wie Gelb, Blau und Grün in manchen Bildern gegeneinander gesetzt wurden und wie die Oberfläche durch den sichtbaren Farbauftrag beinahe körperlich wirkte.

Waschbär hörte aufmerksam zu.

Dann nahm er noch mehr Farbe.

„Körperlich.“

Er setzte einen so dicken gelben Strich, dass Stinkerle kurz hinsah.

„Das trocknet bis nächste Woche.“

„Dann ist es besonders körperlich.“


7) Waschbär wird selbst zum Gemälde

Am Nachmittag waren die Bilder weit fortgeschritten.

Stinkerles Sonnenblumen standen vor einem kräftigen Hintergrund. Seine Komposition war klar und ruhig, aber deutlich freier als sonst.

Waschbärs Bild war etwas anderes.

Die Vase schien leicht schief.

Mehrere Blumen drehten sich in verschiedene Richtungen.

Eine Sonnenblume war beinahe orange.

Der Hintergrund bestand aus breiten, sichtbaren Pinselzügen.

Und überall war Farbe.

Nicht nur auf der Leinwand.

Auch auf Waschbär.

Gelb am Ärmel.

Grün am Bauch.

Ein blauer Streifen an der Pfote.

Etwas Ocker an der Wange.

Uschi kam vorbei.

„Wie hast du Farbe hinter dein Ohr bekommen?“

Waschbär griff hin.

„Da ist Farbe?“

Lara lachte.

„Sehr viel.“

Waschbär sah an sich herunter.

„Ich arbeite immersiv.“

Stinkerle hatte lediglich einen kleinen gelben Fleck auf der Hand.

Waschbär betrachtete ihn.

„Du nimmst das nicht ernst genug.“


8) Zwei Sonnenblumenbilder im Abendlicht

Am Abend stellten sie beide Bilder nebeneinander an die Hauswand.

Die Sonne stand bereits tief und machte die Farben noch wärmer.

Stinkerles Bild wirkte kräftig, durchdacht und beinahe erstaunlich professionell.

Waschbärs war wilder.

Die Sonnenblumen sahen nicht exakt aus wie die im Garten.

Aber sie wirkten warm, lebendig und so voller Bewegung, als könnten sie sich jeden Moment dem Licht zuwenden.

Der weiße Tiger kam aus dem Büro.

Er betrachtete beide.

„Sehr überzeugend.“

Stinkerle nickte zufrieden.

Waschbär strahlte.

Das Känguru trat vor sein Bild.

„Man erkennt die Spannung zwischen Naturbeobachtung und subjektiver Wahrheit.“

Der Hai sah ebenfalls hin.

„Die Vase ist geometrisch nicht korrekt.“

„Subjektive Wahrheit“, wiederholte das Känguru.

Mozart lächelte.

„Für einmal rettet dich der Begriff.“

Waschbär stand mit verschmiertem Fell vor seinem Bild und betrachtete es lange.

„Ich mag es.“

„Das ist wichtig“, sagte Mozart.

Die echten Sonnenblumen bewegten sich leicht im warmen Abendwind.

Daneben trockneten ihre beiden gemalten Verwandten.

Und Mozart sagte:

„Ein gutes Bild muss eine Blume
nicht genauso zeigen, wie sie ist.
Manchmal zeigt es vielmehr,
wie jemand sie gesehen hat:
als Gelb gegen Blau,
als Bewegung in dicker Farbe,
als Sommer auf einer Leinwand.
Stinkerle baut zuerst eine sichere Staffelei.
Waschbär malt danach sogar sich selbst mit an.
Und irgendwo zwischen Ordnung und Überschwang
entsteht etwas Eigenes.
Vielleicht liegt genau darin
die schönste Form des Nachmalens:
nicht dasselbe Bild noch einmal zu machen,
sondern den eigenen Garten
mit neuen Augen anzusehen.“