1) Lara sucht ihre Decke
Am Mittwochmorgen war es kühl genug, dass Lara ihre dicke Wolldecke holen wollte.
Die weiche.
Die besonders warme.
Die, die normalerweise über der Lehne ihres Sessels lag.
Nur:
Sie lag dort nicht.
Lara sah hinter den Sessel.
Nichts.
Auf dem Sofa?
Nein.
Schlafzimmer?
Auch nicht.
Sie ging in den Flur.
„Uschi?“
„Ja?“
„Hast du meine dicke Decke gesehen?“
Uschi dachte nach.
„Die graue mit dem weichen Rand?“
„Genau.“
„Nein.“
Lara sah in den Wäschekorb.
Leer.
Zumindest von Decken.
„Komisch.“
2) Der Hai beginnt mit einer Suche
Der Hai kam vorbei.
„Was fehlt?“
„Meine Wolldecke.“
Der Hai blieb stehen.
„Wann zuletzt gesehen?“
Lara sah ihn an.
„Gestern Abend.“
„Ort?“
„Wohnzimmer.“
„Benutzt?“
„Ja.“
„Danach abgelegt?“
„Am Sessel.“
Der Hai nickte.
„Dann lässt sich das eingrenzen.“
Lara lächelte.
„Es ist eine Decke, kein Vermisstenfall.“
Der Hai sah in Richtung Wohnzimmer.
„Noch nicht.“
Waschbär saß erstaunlich still am Tisch.
Sehr still.
Lara bemerkte das.
3) Waschbär weiß angeblich nichts
„Waschbär?“
Er sah auf.
„Ja?“
„Hast du meine Decke gesehen?“
Kurze Pause.
„Welche?“
„Meine dicke graue.“
Waschbär dachte auffällig lange nach.
„Vielleicht.“
Der Hai drehte sich sofort zu ihm.
„Vielleicht bedeutet?“
„Ich kenne eine Decke, die so aussieht.“
Lara legte die Arme vor der Brust.
„Wo?“
Waschbär zeigte Richtung Wohnzimmer.
„In einem Projekt.“
Stinkerle, der gerade hereinkam, blieb stehen.
„Oh nein.“
4) Das Projekt
Hinter dem Sofa war tatsächlich etwas entstanden.
Ein Stuhl stand seitlich.
Ein zweiter gegenüber.
Dazwischen lag ein Besenstiel als Querträger.
Mehrere Kissen bildeten Wände.
Ein großer Karton fungierte als Seitentunnel.
Eine dünne Decke hing über einem weiteren Abschnitt.
Und darüber:
Laras dicke Wolldecke.
Zentral.
Tragend.
Unverkennbar.
Lara sah sie an.
Dann Waschbär.
„Das ist meine.“
Waschbär nickte.
„Sie ist perfekt dafür.“
„Wofür genau?“
„Höhlensystem.“
Der Hai beugte sich herunter.
„Das ist erstaunlich komplex.“
„Danke.“
„Das war kein Lob.“
„Nehme ich trotzdem.“
5) Es gibt Bewohner
Lara wollte gerade nach ihrer Decke greifen.
Da kam aus dem Inneren der Konstruktion ein leises Geräusch.
Dann noch eins.
Uschi kniete sich hin.
„Moment.“
Waschbär sah plötzlich etwas unsicher aus.
Lara hob eine Ecke der Decke an.
Im Halbdunkel lagen zwei Küchenkatzen.
Eine zusammengerollt auf einem Kissen.
Die andere daneben.
Noch weiter hinten:
eine dritte.
Alle warm.
Alle gemütlich.
Alle vollkommen unbeeindruckt.
Eine öffnete kurz die Augen.
Dann wieder zu.
Minimaler Positionswechsel:
keiner.
Lara ließ die Decke wieder sinken.
„Oh.“
6) Die Höhle wurde offenbar übernommen
Waschbär erklärte:
„Die waren gestern noch nicht da.“
Stinkerle sah ihn an.
„Wann hast du das gebaut?“
„Gestern Nachmittag.“
„Und wann sind die Katzen eingezogen?“
„Später.“
Uschi sah in die Höhle.
„Natürlich.“
Die dicke Wolldecke hielt die Wärme.
Die Kissen isolierten.
Der Kartontunnel schützte vor Zugluft.
Für Küchenkatzen war das offensichtlich Premiumwohnraum.
Der Hai sagte:
„Technisch nachvollziehbar.“
Lara sah ihn an.
„Meine Decke.“
„Ja.“
„Ich hätte sie trotzdem gern wieder.“
„Auch nachvollziehbar.“
7) Erste Räumungsversuche
Waschbär kroch vorsichtig zum Eingang.
„Hallo.“
Keine Reaktion.
„Ihr müsst leider raus.“
Eine Katze hob den Kopf.
Sah ihn an.
Legte ihn wieder hin.
Waschbär drehte sich um.
„Verhandlungen schwierig.“
Das Känguru kam dazu.
„Besetzter Wohnraum.“
Der Hai seufzte.
„Nein.“
„Doch. Faktisch.“
„Es sind Katzen.“
„Gerade deshalb ist die Eigentumsfrage interessant.“
Lara sagte:
„Meine Eigentumsfrage ist ziemlich einfach.“
8) Lockmittel
Kroko wurde hinzugezogen.
Nicht als Schlichter.
Sondern wegen Futter.
Er kam mit einer kleinen Schale.
Die Katzen hörten das sofort.
Eine hob den Kopf.
Dann die zweite.
Die dritte blieb liegen.
Kroko stellte die Schale ein Stück entfernt ab.
Die erste Katze kam heraus.
Dann die zweite.
Die dritte?
Keine Reaktion.
Waschbär flüsterte:
„Der Endgegner.“
Stinkerle musste lachen.
Lara kniete sich hin.
„Komm.“
Die Katze blinzelte.
Mehr nicht.
9) Die letzte Katze verteidigt das Zentrum
Die letzte Katze lag genau auf Laras Decke.
Natürlich.
Uschi versuchte es mit einer zweiten Schale.
Kroko mit einem kleinen Stück besonders begehrtem Futter.
Die Katze setzte sich immerhin auf.
Dann putzte sie sich.
„Sie überlegt“, sagte Waschbär.
Der Hai sah auf die Uhr.
„Seit fünf Minuten.“
Das Känguru sagte:
„Passive Resistenz.“
„Bitte nicht.“
Schließlich kam die Katze doch heraus.
Langsam.
Sehr würdevoll.
Als hätte sie selbst entschieden, den Mietvertrag zu kündigen.
Lara hob sofort ihre Decke an.
„Endlich.“
10) Aber das Höhlensystem bleibt
Waschbär sah traurig aus.
„Muss alles weg?“
Lara betrachtete die Konstruktion.
Dann die Katzen.
Die saßen inzwischen daneben und beobachteten genau.
„Nicht alles.“
Waschbär wurde sofort wieder lebendig.
„Wirklich?“
„Aber meine Decke kommt raus.“
„Okay.“
Stinkerle holte eine alte, weniger wichtige Decke aus dem Schrank.
„Nehmt die.“
Waschbär strahlte.
„Perfekt.“
Innerhalb weniger Minuten war das Dach ersetzt.
Laras Decke war frei.
Die Höhle blieb.
Und kaum war die neue Decke aufgelegt, kroch die erste Katze wieder hinein.
11) Das Problem ist nur verlagert
Lara nahm ihre Wolldecke mit aufs Sofa.
Uschi setzte sich daneben.
„Wieder da.“
„Zum Glück.“
Waschbär lag vor seiner Höhle.
Stolz.
Die Küchenkatzen zogen erneut ein.
Diesmal sogar alle drei.
Der Hai sah das Bauwerk an.
„Eigentlich müsste man die Tragstruktur verbessern.“
Stinkerle sah ihn an.
„Nein.“
„Nur ein bisschen.“
„Nein.“
Waschbär hörte das.
„Doch.“
Das Känguru sagte:
„Aus temporärer Besetzung wird institutionalisierter Wohnraum.“
Der Hai antwortete:
„Jetzt ist es wenigstens nicht mehr Laras Decke.“
Das war für ihn offenbar der entscheidende Fortschritt.
12) Ein neues Wohnzimmerproblem
Am Abend war die Sache geklärt.
Fast.
Lara hatte ihre Wolldecke zurück.
Waschbär hatte sein Höhlensystem behalten.
Die Küchenkatzen hatten ein neues Lieblingsquartier.
Und mitten im Wohnzimmer stand nun eine Konstruktion, an der niemand mehr so recht vorbeikam.
Der weiße Tiger kam aus dem Büro.
Blieb stehen.
Sah das Ganze an.
„Was ist das?“
Waschbär grinste.
„Wohnraum.“
Der weiße Tiger sah zu den Katzen.
Dann zu Lara.
„Decke wieder da?“
„Ja.“
Er nickte.
„Dann sehr überzeugend.“
Mozart schrieb später:
„Manchmal verschwindet eine Decke nicht wirklich.
Sie bekommt nur vorübergehend eine neue Aufgabe.Aus Wärme wird ein Dach,
aus Kissen werden Wände
und aus einem Wohnzimmer
plötzlich ein kleines Höhlensystem.Problematisch wird es erst,
wenn die ersten Bewohner einziehen
und keinerlei Absicht zeigen,
wieder auszuziehen.Vielleicht ist Zuhause genau das:
ein Ort, an dem selbst eine verlorene Wolldecke
am Ende nur dazu führt,
dass jemand noch einen gemütlicheren Platz findet.“