Kaffeeduft und Fragezeichen
„Sag mal“, murmelte der Waschbär und pustete sich Milchkaffee über den Löffel, „was machen die Tiger eigentlich den ganzen Tag im Büro?“
„Sie arbeiten“, meinte der Hai und ordnete die Frühstücksservietten DIN-gerecht neben dem Brotkorb. „So wie ich.“
„Aber was genau?“ Uschi goss Orangensaft in kleine Gläser. „Tigerlein kommt nur zum Frühstück und Abendessen raus. Und der große Bruder? Den hab ich einmal blinzeln sehen.“
Stinkerle kratzte sich hinterm Ohr. „Vielleicht ist er heimlich ein KI-Entwickler. Oder macht Online-Bingo mit Krokodilen in Australien.“
Die Küchenkatzen miauten synchron: „Könnte stimmen.“
Das Büro hinter der Tür
Tigerlein saß derweil ganz entspannt im bekannten Büro. Die Luft war leicht abgestanden – so wie sie sein musste – durchzogen von Monitorwärme und dem Duft einer alten Teekanne in der Ecke.
„Brauchst du was?“, fragte er seinen Bruder.
Ein kurzes Brummen. Wahrscheinlich „Nein“.
Tigerlein lächelte. Er wusste, was er tat – und er wusste, was sein Bruder tat. Meistens.
Podcasts planen. Schneiden. Archivieren. Ein paar Mails. Manchmal ein Text. Manchmal gar nichts.
Aber das Wichtigste war: Es fühlte sich an wie ein echter Arbeitsplatz.
Schatten am Türspalt
„Warte mal… ich glaub, da bewegt sich was!“
Das Känguru lugte um die Ecke.
„Siehst du?“, flüsterte Lara. „Tigerlein spricht gerade mit… Odin?“
„Odin? Was macht der denn da drin?“
Tatsächlich: Odin war durch den Hinterflur eingetreten. Er trug wie immer seine Pfeife (symbolisch), nickte stumm, ging schnurstracks in das Büro – und schloss die Tür.
„Er will wahrscheinlich die Buchhaltung sehen“, sagte der Hai.
„Oder die geheimen Sternenkarten“, vermutete der Waschbär.
Uschi lachte: „Vielleicht ist das Büro einfach der Treffpunkt für die ruhigen Seelen.“
Innenansicht
„Odin, magst du einen Platz? Ich hab das Mikro vorbereitet.“
Der alte Tiger setzte sich neben Tigerlein, sah sich kurz im Büro um und legte ein Notizbuch auf den Tisch.
„Ich dachte, wir sprechen heute über Zeit.“
„Im Podcast?“
„Im Leben.“
Tigerlein nickte. „Läuft schon.“
Sie sprachen eine halbe Stunde. Ohne Störung, ohne Erwartungen. Nur Gedanken, ausgetauscht zwischen zwei Generationen.
Der große Bruder sagte nichts – aber seine Augen blieben ruhig auf dem Bildschirm. Es war ein gutes Schweigen.
Ein Nachmittag voller Spekulation
Am Nachmittag kreiste in der Küche ein Zettel mit Theorien.
- Tigerlein ist ein Agent mit Podcast-Cover.
- Der Bruder ist eigentlich eine Katze in Verkleidung.
- Im Büro ist ein geheimer Tunnel zum Keller.
- Alle Tiger können sich dort unsichtbar machen.
- Die Küche wird abgehört. Wahrscheinlich von der Teekanne.
Mozart las die Liste, faltete sie leise zusammen und sagte nur:
„Vielleicht… ist es einfach nur ein Büro.“
Abendausklang
Beim Abendessen fragte niemand direkt, was sie gemacht hatten.
Aber Tigerlein zwinkerte Lara zu.
„Wir hatten einen Gast. Es ging um Zeit.“
„Habt ihr sie gefunden?“, fragte Uschi.
„Ein Stück weit, ja.“
Der große Bruder hob kurz die Tasse und nippte an seinem Tee. Für seine Verhältnisse ein sehr deutlicher Ausdruck von Zustimmung.
Und so blieb das Büro, was es immer war: ein Ort für Gedanken, Gespräche, Bildschirmlicht – und Tiger.