Kaminwärme und kalte Laune
Der Mittwoch im Flanellweg begann mit einem dieser Lichtverhältnisse, bei denen der Tag gar nicht erst richtig hell werden wollte.
Im Wohnzimmer flackerte der Kamin, warf warme Flecken an die Wände und machte das Sofa zur gefährlichen Falle für jedes müde Stofftier.
Kroko saß auf der Kante des Teppichs, die Pfoten Richtung Feuer ausgestreckt.
„Drinnen ist es perfekt“, brummte er zufrieden.
Das Känguru hatte sich in eine Decke gewickelt, Nase gerade so über der Kante.
„Ja. Nur leider endet der Horizont heute an der Fensterscheibe. Draußen sieht es aus wie eine strengere Version von November.“
Durch die Scheibe sah man den Garten: die Terrasse, den stillen, abgedeckten Pool, Mähschafs Terrassenhafen, eine dünne Frostschicht auf den Steinen.
„Winter ist autoritär“, erklärte das Känguru. „Zu früh dunkel, zu kalt, zu viel Mitbestimmung durch Wetter.“
„Dagegen hilft Fett und Feuer“, meinte Kroko. „In essbarer Form.“
Er stand auf, streckte sich.
„Weißt du was? Wir grillen. Heute Abend. Winter hin oder her.“
Das Känguru blinzelte.
„Grillen? Draußen? Im Dezember-light-Modus? Das ist so verrückt, dass es schon wieder Sinn ergibt.“
Mit Schal und Mütze durch die Stadt
Kurze Zeit später stand die Küche Kopf.
Uschi band dem Känguru einen dicken Schal um („Du ziehst dir sonst was weg“), Kroko zog sich die gefütterte Jacke über und eine Mütze, die eindeutig mal für jemand mit kleinerem Kopf gedacht war.
„Ziele des Rundgangs?“ fragte der Hai, der im Türrahmen stand.
„Metzger Wolf“, antwortete Kroko. „Und Bäcker-Biber. Wintergrillen braucht Bündnispartner.“
„Ich notiere: externer Fleischeinkauf plus Brotlogistik.“
Draußen biss die Kälte sofort zu.
Der Atem der beiden hing als kleine Wolken in der Luft, die Gehwege knirschten leise. Der Flanellweg wirkte verschlafen; nur aus wenigen Fenstern schimmerte Licht.
„Wenn man genug an Steaks denkt, ist es nur noch halb so kalt“, behauptete das Känguru.
„Wenn du weiterredest, beschlägt meine Mütze von innen“, brummte Kroko, konnte sich aber ein Grinsen nicht verkneifen.
An der Ecke zur Hauptstraße hingen schon ein paar frühzeitige Lichterketten, die noch etwas unschlüssig flimmerten, als würden sie den Winter testen.
Metzger Wolf und der perfekte Schnitt
Die Metzgerei „Wolf“ lag zwischen einem kleinen Schreibwarenladen und dem Supermarkt. Über der Tür hing ein altmodisches Schild mit einer schlichten Wurst und einem kleinen stilisierten Wolfskopf.
Die Glocke klingelte, als sie eintraten.
Hinter der Theke stand ein freundlich aussehender Plüsch-Wolf mit weißer Schürze und streng sauberer Mütze. Seine Augen lachten, auch wenn seine Pfoten sehr konzentriert ein Stück Fleisch zuschnitten.
„Guten Morgen!“, begrüßte er die beiden. „Kroko, Känguru – schön euch mal zusammen zu sehen. Odin hat mir schon erzählt, dass ihr die Gourmets vom Flanellweg seid.“
Kroko zeigte auf die Auslage.
„Wir wollen Wintergrillen. Richtig. Mit Glut und allem. Was empfiehlst du?“
Wolf legte ein paar gut marmorierte Steaks auf ein Brett.
„Die hier. Saftig, aber nicht protzig. Für Holzkohle ideal. Ich kann sie euch grob würzen oder natur lassen.“
„Natur“, entschied Kroko. „Das machen wir selbst. Wir haben Knoblauch.“
„Und Meinungen“, fügte das Känguru hinzu.
Der Metzger lachte.
„Dann nehme ich nur noch den Respekt vor der Kälte ab – der Rest ist euer Job.“
Sie packten die Steaks ein, nahmen noch ein paar Würstchen „für eventuellen späten Hunger“ mit, dann verabschiedeten sie sich.
„Gutes Glühen!“, rief Wolf ihnen nach.
Abstecher zum Bäcker-Biber
Nur ein paar Türen weiter leuchtete schon die Backstube vom Bäcker-Biber. Björn stand hinter der Theke, mehlbestäubt wie immer, und sortierte gerade Baguettes und italienische Brote.
„Ah, Grillprojekt-Tag?“ fragte er, als die beiden eintraten.
„Wintergrillen-Samstag in der Mittwochsversion“, erklärte das Känguru. „Wir brauchen Brot, das zur Revolution an der Fleischfront passt.“
„Knoblauchbaguette“, zählte Kroko auf, „und dieses italienische… mit der etwas dickeren Kruste.“
Björn nickte.
„Ciabatta. Perfekt zum Tunken, auch wenn’s nur Bratensaft ist. Und ich lege euch noch ein kleines Kräuterbaguette dazu. Der Winter braucht Aromatherapie.“
Sie zahlten, plauderten noch kurz über das Wetter („frostig, aber fair“) und den besten Zeitpunkt, um Grillkohle anzuzünden („nicht zu spät, sonst frieren die Pawis“ – Plüschtiere).
Mit Tüten in den Pfoten machten sich Kroko und das Känguru wieder auf den Weg nach Hause.
Glut im Garten
Am späten Nachmittag begann die stille Vorbereitung.
Im Garten, zwischen Terrasse und abgedecktem Pool, stand der Holzkohlegrill. Stinkerle half beim Aufschichten der Kohle, „luftoptimiert“, wie er behauptete. Kroko prüfte den Rost, der Hai kontrollierte „aus sicherheitstechnischer Sicht“ Abstände zu allem Brennbaren.
„Wintergrillen“, murmelte Uschi, die von der Terrassentür aus zuschaute, „ist eine interessante Form von Jahreszeitenverhandlung.“
Als die Dämmerung kam, glomm die Kohle bereits orange. Ein dünner Rauchfaden stieg in die kalte Luft, der Geruch von Grillanzünder wich schnell dem vertrauten Duft von heißem Metall und ersten Fleischfasern, die zart anbrutzelten.
Kroko stand mit einer Zange am Grill, Mütze tief im Gesicht, aber unverkennbar in seinem Element.
Das Känguru war für das Brot zuständig: Knoblauchbaguette in Scheiben, mit Butter und Knoblauch bestrichen, Ciabatta in groben Stücken – bereit, kurz am Rand der Glut angeröstet zu werden.
Mähschaf beobachtete alles aus seinem Terrassenhafen heraus und brummte einmal interessiert. Die Küchenkatzen hatten sich in eine Decke an der Terrassentür eingerollt und hielten Wache über den Übergang zwischen warmem Haus und kaltem Garten.
Abend zwischen Glut und Kamin
Als die Steaks ihren perfekten Punkt erreicht hatten – außen mit zarter Kruste, innen saftig – trugen sie alles ins Wohnzimmer.
Der große Tisch stand noch vom Wochenende, der Kamin brannte ruhig, die Luft war eine Mischung aus Holzwärme und Grillduft.
Auf Platten lagen die Steaks, daneben die Würstchen, Brotkörbe mit Knoblauchbaguette und Ciabatta. Es gab eine simple Salatschüssel („damit wir sagen können, es war ausgewogen“, wie Uschi meinte) und ein paar kleine Schälchen mit Senf, Pfeffer, Salz und Krokos selbst gemachter Kräuterbutter.
„Auf das erste Wintergrillen“, sagte das Känguru und hob sein Wasserglas.
Odin nickte anerkennend.
„Der Winter ist nicht freundlicher geworden“, stellte er fest, „aber ihr habt ihm einen deutlichen Kontrapunkt gesetzt.“
Sie aßen in ruhiger Zufriedenheit.
Nur gelegentlich unterbrach ein zustimmendes Brummen von Kroko, ein leises „oh“ von Uschi beim knusprigen Brot, ein „optimal“ vom Hai, der innerlich Checklisten abhakte, wie gut dieses Spontanprojekt gelungen war.
Draußen glühte die Restkohle im Dunkeln noch nach, im Garten spiegelte sich das Küchenlicht auf dem Frost. Drinnen zogen Kamin und vollgegessene Bäuche eine unsichtbare Wärmeglocke über die Runde.
Mozarts Satz des Tages
Später, als nur noch ein paar Brotreste und eine halbe Wurst übrig waren, lehnte sich Mozart zurück. Er hatte weniger gegessen als die anderen, aber dafür umso mehr beobachtet: die roten Wangen, das zufriedene Schweigen, das Gefühl, dem Winter gemeinsam etwas entgegengesetzt zu haben.
Tigerlein hob sein Mikrofon.
„Mozart, Satz des Tages?“
Der Bär sah einen Moment lang in die Flammen, die jetzt kleiner, aber konzentrierter brannten, und sagte dann:
„Wenn der Winter streng wird,
muss man ihm nicht trotzen –
man kann ihm auch etwas Serviertes entgegensetzen:
Glut im Garten,
Feuer im Kamin
und einen Tisch,
an dem niemand friert.“