28. September 2026 Bewölkt Herbst 6 min

Der erste Abend mit Lichterketten

Der erste Abend mit Lichterketten

1) Es wird plötzlich früh dunkel

Am Montag fiel es allen gleichzeitig auf.

Nicht am Morgen.

Sondern am späten Nachmittag.

Uschi stand in der Küche und sah hinaus.

„Es wird schon dunkel.“

Lara kam dazu.

„Früher als man denkt.“

Der Hai sah auf die Uhr.

„Natürlich. Ende September.“

Waschbär stand am Fenster.

„Der Garten sieht schon abends aus.“

Stinkerle kam aus dem Flur.

„Was soll er sonst aussehen?“

„Wie Garten.“

Kurze Pause.

„Aber heller.“

Das genügte Waschbär offenbar als Begründung.

„Wir brauchen Lichter.“


2) Die Kiste kommt aus dem Schrank

Im Keller stand eine große Kunststoffbox.

Beschriftet.

Natürlich.

LICHTERKETTEN / HERBST / WINTER / AUSSEN & INNEN

Der Hai war sehr zufrieden, dass diese Beschriftung existierte.

Stinkerle öffnete die Kiste.

Darin lagen mehrere warmweiße Lichterketten, kleine Außenleuchten, Kabel, Timer und Verlängerungen.

Waschbär sah hinein.

„Oh.“

Dann noch einmal:

„Oh!“

Der Hai hob warnend eine Pfote.

„Nicht alles gleichzeitig.“

„Warum?“

„Weil wir keinen Weihnachtsmarkt eröffnen.“

Waschbär dachte nach.

„Noch nicht.“


3) Draußen zuerst

Stinkerle begann an der Terrasse.

Eine Lichterkette kam entlang der Überdachung.

Eine andere in den Strauchbereich.

Keine wilde Verkabelung.

Alles sauber.

Geschützt.

Mit sinnvollen Anschlusspunkten.

Der Hai lief hinterher.

„Kabel hier besser am Rand.“

„Weiß ich.“

„Und der Timer—“

„Weiß ich.“

„Außensteckdose—“

Stinkerle sah ihn an.

Der Hai schwieg.

Waschbär hielt währenddessen die nächste Kette hoch.

„Die könnte um den Apfelbaum.“

Uschi sah hin.

„Nur dezent.“

„Dezent schön.“

„Nicht dezent Waschbär.“

„Verstanden.“

Das war nicht dasselbe.


4) Der Apfelbaum bekommt Licht

Am großen Apfelbaum wurde die Kette locker um einige stärkere Äste geführt.

Nicht eng.

Nicht bis ganz nach oben.

Nur so, dass der Baum später sanft leuchten würde.

Das Känguru lag darunter in der Hängematte.

Mit Pullover.

Decke.

Und einer Tasse.

„Ich möchte festhalten, dass mein philosophischer Arbeitsplatz jetzt illuminiert wird.“

Waschbär grinste.

„Premiumbereich.“

Das Känguru sah nach oben.

„Es ist akzeptabel.“

Stinkerle befestigte den letzten Clip.

„Mehr Lob gibt es heute nicht.“

„Ästhetische Beleuchtung kann Konzentration fördern.“

Der Hai sagte:

„Dafür gibt es wahrscheinlich keine belastbare Grundlage.“

„Muss es auch nicht.“


5) Uschi macht aus Licht Atmosphäre

Drinnen übernahm Uschi.

Eine kleine Lichterkette kam an das Fenster im Wohnzimmer.

Eine zweite an ein Regal.

Lara half.

„Nicht zu viel.“

„Genau.“

Waschbär kam mit einer dritten.

„Und hier?“

„Nein.“

„Da?“

„Nein.“

„Treppengeländer?“

Uschi dachte kurz nach.

„Ein kleines Stück.“

Waschbär strahlte.

„Ja.“

Später hing tatsächlich eine kurze warme Kette am Treppenabsatz.

Gerade genug.

Der Hai sah sie an.

„Nicht symmetrisch.“

Uschi sah ihn an.

„Absichtlich.“

Der Hai akzeptierte es erstaunlich schnell.


6) Die Zeitschaltung

Der Hai war inzwischen bei seinem Lieblingsteil angekommen.

„Wir brauchen klare Schaltzeiten.“

Stinkerle seufzte.

„Natürlich.“

Der Hai programmierte die Timer.

Außenlicht ab Dämmerung.

Später automatisch aus.

Innen etwas länger.

„Sonst vergessen wir es.“

Der weiße Tiger kam aus dem Büro.

„Das ist tatsächlich sinnvoll.“

Der Hai sah zufrieden aus.

„Danke.“

Waschbär wollte noch einen Modus.

„Kann man Blinken einstellen?“

Alle gleichzeitig:

„Nein.“

Das Thema war damit beendet.


7) Dann geht alles an

Als es schließlich richtig dunkel wurde, schalteten die Timer.

Erst die Terrasse.

Dann der Apfelbaum.

Dann die kleinen Lichter am Weg.

Drinnen die Fensterkette.

Warmweiß.

Ruhig.

Nicht grell.

Der Garten veränderte sich sofort.

Auf dem feuchten Gras lagen kleine Lichtreflexe.

In den Fenstern spiegelten sich die Punkte doppelt.

Der Pool war nur dunkel genug, um das Licht schwach zurückzuwerfen.

Waschbär stand auf der Terrasse.

„Oh.“

Lara kam dazu.

„Sehr schön.“

Uschi nickte.

„Jetzt fühlt es sich anders an.“

Der Hai sah auf die Steckdosenanzeige.

„Verbrauch niedrig.“

Niemand antwortete darauf.


8) Der Herbst ist jetzt wirklich da

Sie blieben noch eine Weile draußen.

Mit Jacken.

Nicht lange.

Die Luft war kühl.

Das Gras feucht.

Von irgendwoher roch es nach Erde und Holz.

Das Mähschaf stand längst im Terrassenhafen.

Raseline ebenfalls.

Waschbär sah zum Apfelbaum.

„Im August war es um die Uhrzeit noch hell.“

Lara nickte.

„Ja.“

Das Känguru sagte:

„Der Sommer hat sich zurückgezogen.“

Der Hai sah es an.

„Das war fast poetisch.“

„Ich bin intellektuell vielseitig.“


9) Tee und Musik

Drinnen machte Uschi Tee.

Schwarztee.

Kräutertee.

Für Waschbär etwas Süßeres.

Kroko brachte noch kleine Apfelstücke und ein paar Nüsse.

Tigerlein legte leise Musik auf.

Nichts Lautes.

Etwas Ruhiges.

Ein wenig Klavier.

Ein wenig Streicher.

Das passte zum Licht.

Mozart saß im Sessel.

„Früher hätte man vielleicht selbst gespielt.“

Lara sah zur Treppe.

„Heute nicht?“

Mozart lächelte.

„Vielleicht später.“

Der Hai lehnte sich zurück.

Zum ersten Mal an diesem Tag ohne Tablet.


10) Das Haus spiegelt sich im Garten

Draußen war es inzwischen ganz dunkel.

Von innen sah man die warmen Lichterketten im Garten.

Von draußen hätte man vermutlich das ganze Wohnzimmer als warmes Rechteck gesehen.

Das Haus wirkte kleiner.

Geschützter.

Gemütlicher.

Stinkerle trat kurz auf die Terrasse und kontrollierte noch einmal die Befestigungen.

Alles gut.

Waschbär kam hinterher.

„Ich finde, wir brauchen noch eine bei Raseline.“

„Die wohnt nicht bei uns.“

„Trotzdem.“

„Nein.“

„Mähschaf?“

„Auch nein.“

Das Mähschaf sagte aus dem Terrassenhafen:

„Alles gut.“


11) Ein Montag ohne große Ereignisse

Es passierte nichts Besonderes mehr.

Kein Besuch.

Kein Flohmarkt.

Kein tropfendes Rohr.

Keine Behörde.

Keine Prüfung.

Keine große Entdeckung.

Nur Tee.

Musik.

Licht.

Ein paar Gespräche.

Kroko blätterte in einem Kochbuch.

Uschi strickte die Beine unter eine Decke.

Lara saß daneben.

Odin sah gelegentlich aus dem Fenster.

Das Känguru war ungewöhnlich ruhig.

Der weiße Tiger hatte das Büro für den Tag geschlossen.

Und Waschbär beobachtete immer wieder die Spiegelungen im Glas.


12) Der erste richtige Herbstabend

Später wurde es still im Haus.

Die Außenlichter leuchteten noch.

Im feuchten Gras schimmerten kleine goldene Punkte.

Dann schaltete der Timer sie langsam aus.

Eine Kette nach der anderen.

Der Garten wurde dunkel.

Nur drinnen blieb noch warmes Licht.

Mozart schrieb:

„Manchmal kommt der Herbst nicht mit Sturm
und nicht mit dem ersten kalten Morgen.

Manchmal kommt er an einem Montag,
wenn jemand eine Kiste mit Lichterketten öffnet
und plötzlich merkt,
wie früh es draußen dunkel geworden ist.

Dann leuchten Bäume, Fenster und Wege
ein wenig wärmer,
Tee schmeckt besser
und Musik klingt ruhiger.

Vielleicht ist Herbst genau das:
weniger Licht von draußen
und dafür ein bisschen mehr,
das man sich selbst macht.“