13. September 2026 Regen Herbst 6 min

Der erste richtige Herbstregen

Der erste richtige Herbstregen

1) Regen seit dem Morgen

Schon beim Aufwachen hörte man es.

Rauschen.

Nicht laut.

Aber stetig.

Regen lief über das Dach, tropfte von den Dachrinnen und zog feine Linien über die Fenster.

Der Garten war grau und sattgrün zugleich.

Unter dem Apfelbaum lagen nasse Blätter.

Die Terrasse glänzte.

Der Hai stand bereits vor der Wetterstation.

„Seit Mitternacht 9,8 Millimeter.“

Der weiße Tiger kam vorbei.

„Guten Morgen.“

„Und die Intensität ist gerade wieder gestiegen.“

„Auch guten Morgen.“

Der Hai sah auf.

„Guten Morgen.“

Dann sofort wieder auf die Werte.


2) Mähschaf hat frei

Das Mähschaf stand im Terrassenhafen.

Es fuhr keinen Zentimeter.

„Nass.“

Von nebenan kam Raselines Stimme.

„Sehr.“

Die Wiese dort war dunkelgrün.

An manchen Stellen stand Wasser zwischen den Halmen.

„Heute nicht.“

„Nein.“

Das Mähschaf fand das nicht schlimm.

Die ruhigere Saison hatte schließlich gerade erst begonnen.

Heute war eindeutig ein Pausentag.

Ein Blatt klebte vorne am Gehäuse.

Das Mähschaf sah es eine Weile an.

„Bleibt.“

Raseline antwortete:

„Hier zwei.“

„Herbst.“

„Ja.“


3) Der Hai misst jetzt alles

Der Hai hatte inzwischen ein zweites Diagramm geöffnet.

„Bodenfeuchte steigt.“

Stinkerle kam dazu.

„Überraschend bei Regen.“

Der Hai ignorierte den Kommentar.

„Zone eins deutlich schneller als Zone drei.“

„Andere Bodenstruktur.“

„Genau!“

Stinkerle nickte.

„Deshalb.“

Der Hai war begeistert.

„Und die Beregnungsanlage bleibt natürlich aus.“

„Natürlich.“

„Automatisch.“

„Natürlich.“

„Das ist effizient.“

„Ja.“

Der Hai lehnte sich zufrieden zurück.

Für ihn war der Regen kein schlechtes Wetter.

Er war ein Datensatz.


4) Waschbär verlegt die Werkstatt

Waschbär hatte zunächst versucht, draußen Kastanien zu sammeln.

Nach drei Minuten kam er zurück.

Nass.

Mit zwei Kastanien.

Und einem Blatt auf dem Kopf.

Uschi sah ihn an.

„Nein.“

„Was nein?“

„Du tropfst.“

Waschbär sah auf den Boden.

„Stimmt.“

Er trocknete sich ab und baute wenig später im Wohnzimmer weiter.

Heute entstanden keine neuen Stadtteile.

Stattdessen bastelte er kleine Herbstfiguren.

Blätter als Umhänge.

Kastanien als Köpfe.

Zweige als Arme.

Das Känguru bekam eine Figur mit besonders großem Mantel.

„Das bin ich?“

„Ja.“

„Warum habe ich einen Stock?“

„Philosophenstab.“

Das Känguru nickte.

„Akzeptiert.“


5) Kroko beginnt früh

In der Küche stand Kroko vor einem großen Topf.

„Heute deftig.“

Uschi fragte:

„Was genau?“

„Schmorgericht.“

Mehr sagte er nicht.

Es kamen hinein:

Zwiebeln.

Karotten.

Wurzelgemüse.

Fleisch.

Brühe.

Kräuter.

Etwas Rotwein.

Kartoffeln später dazu.

Alles durfte langsam ziehen.

Der Duft wurde mit jeder Stunde kräftiger.

Waschbär kam immer wieder kontrollieren.

„Schon fertig?“

„Nein.“

„Jetzt?“

„Nein.“

„Und jetzt?“

Kroko sah ihn an.

Waschbär ging wieder.


6) Uschi erklärt das Bad zur Ruhezone

Am frühen Nachmittag verschwand Uschi nach oben.

Mit Tee.

Buch.

Handtuch.

Und dem Badewannenset vom Flohmarkt.

Lara sah ihr hinterher.

„Lange?“

Uschi lächelte.

„Sehr.“

Im Bad lief warmes Wasser ein.

Draußen rauschte der Regen gegen das Fenster.

Uschi nahm diesmal eine Mischung mit Lavendel und Zitrus.

Nur wenige Tropfen.

Sie hatte gelernt.

Kerzen an.

Badesalz.

Tür zu.

Fertig.

Das Bad war warm.

Der Rest des Hauses durfte draußen bleiben.


7) Der Regen wird stärker

Am Nachmittag prasselte es plötzlich kräftiger.

Der Hai stand sofort wieder an der Wetterstation.

„Jetzt 3,2 Millimeter pro Stunde.“

Stinkerle sah aus dem Fenster.

„Ja. Regnet.“

Der Hai drehte sich um.

„Aber deutlich stärker.“

„Sehe ich.“

„Die Dachrinne schafft es problemlos.“

„Soll sie.“

„Und der Boden nimmt noch gut auf.“

Stinkerle grinste.

„Freut mich.“

Das Känguru stand am Fenster.

„Der Regen zeigt die Vergänglichkeit menschlicher Planung.“

Der Hai sah es an.

„Die Planung funktioniert gerade hervorragend.“

„Auch das ist vergänglich.“

„Bitte geh wieder philosophieren.“


8) Drinnen wird es immer gemütlicher

Je grauer es draußen wurde, desto wärmer wirkte das Haus.

Im Wohnzimmer brannten zwei Lampen schon am Nachmittag.

Der weiße Tiger arbeitete aus dem Büro.

Tigerlein hörte ältere Aufnahmen durch.

Lara las.

Mozart saß mit einem Buch im Sessel.

Odin blickte eine Weile hinaus in den Regen.

„Schöner Tag.“

Waschbär sah ihn an.

„Trotz Regen?“

„Wegen Regen.“

Das konnte Waschbär nachvollziehen.

Er setzte seine Kastanienfigur neben Odin.

„Dann sitzt die jetzt auch da.“

Odin sah sie an.

„Gut.“


9) Das Schmorgericht

Am frühen Abend hob Kroko den Deckel.

Alle kamen fast automatisch.

Die Sauce war dunkel und kräftig.

Das Fleisch weich.

Die Kartoffeln hatten Geschmack aufgenommen.

Das Gemüse war gerade noch stabil genug.

Kroko probierte.

„Gut.“

Der weiße Tiger kam dazu.

„Das riecht außergewöhnlich überzeugend.“

Kroko brummte zufrieden.

Der Hai sah auf den Topf.

„Wie lange hat das gekocht?“

„Genug.“

Der Hai wollte nachfragen.

Tat es aber nicht.

Fortschritt.


10) Regenessen

Alle saßen am großen Tisch.

Draußen war es inzwischen fast dunkel.

Der Regen lief weiter über die Scheiben.

Das Schmorgericht dampfte.

Dazu gab es kräftiges Brot.

Ein wenig Butter.

Und später noch Apfelkuchen vom Vortag.

Das Känguru sagte:

„Das ist das richtige Essen für strukturellen Niederschlag.“

Lara lachte.

„Was soll das sein?“

„Regen, der bleibt.“

Der Hai nickte widerwillig.

„Meteorologisch unsauber, aber verständlich.“

Waschbär hielt seine Herbstfigur hoch.

„Die bekommt auch Schmorgericht.“

„Nein“, sagte Kroko.


11) Uschi kommt erst spät

Uschi erschien erst später wieder.

Im Bademantel.

Vollkommen entspannt.

Lara sah sie an.

„Das war lang.“

„Sehr.“

„Gut?“

Uschi nickte.

„Perfekt.“

Draußen rauschte es weiter.

Das Mähschaf stand noch immer im Terrassenhafen.

Raseline ebenfalls.

Beide würden heute keine einzige Bahn mehr fahren.

Der Hai sah ein letztes Mal auf die Tagesmenge.

„21,6 Millimeter.“

Der weiße Tiger fragte:

„Zufrieden?“

Der Hai lächelte.

„Sehr.“

Mozart schrieb später:

„Der erste richtige Herbstregen
braucht keine große Ankündigung.
Er kommt am Morgen
und bleibt einfach.

Dann haben Mähschaf und Raseline frei,
der Hai bekommt seine Kurven,
Waschbär seine Bastelzeit,
Kroko einen großen Topf
und Uschi sehr viel warmes Wasser.

Draußen wird alles nass,
drinnen alles gemütlich.

Vielleicht beginnt Herbst genau so:
nicht mit Kälte,
sondern mit dem ersten Tag,
an dem niemand mehr hinausmuss
und es sich trotzdem richtig anfühlt.“