1. Der erste richtige Kälteschreck
Am Montagmorgen lag ein silbriger Schimmer über dem Rasen.
Noch kein richtiger Frost auf dem ganzen Grundstück. Aber dort, wo die Sonne nicht hinkam, wirkten die Grashalme heller, und auf der Abdeckung eines Blumentopfs glitzerten winzige Kristalle.
Uschi stand mit einer Tasse Tee an der Terrassentür.
„Jetzt wird es wirklich kalt.“
Lara kam dazu, in einem dicken Pullover.
„Die Nächte jedenfalls.“
Der Hai hatte die Wetterstation schon geöffnet.
„Tiefsttemperatur knapp über dem Gefrierpunkt. Bodennah stellenweise darunter.“
Waschbär sah hinaus.
„Dann friert der Garten jetzt langsam ein?“
„Nein“, sagte der Hai. „Nicht als Ganzes.“
„Aber stückweise?“
„Waschbär.“
Odin trat mit seinem Kaffee ans Fenster.
„Pool.“
Stinkerle, der gerade aus der Küche kam, nickte.
„Ja. Wird Zeit.“
Uschi sah noch einmal hinaus. Der Pool lag still zwischen Terrasse, Liegen und Gartenbeeten. Im Sommer war er der Mittelpunkt vieler warmer Tage gewesen. Jetzt schwammen einige Blätter darauf, und seit Wochen hatte niemand mehr darin gebadet.
„Dann machen wir heute alles winterfest, was schon so weit ist.“
Der Hai sah erfreut auf.
„Mit Arbeitsverteilung?“
Stinkerle seufzte.
„War klar.“
2. Ein Garten bekommt Aufgaben
Nach dem Frühstück versammelten sie sich auf der Terrasse.
Der Hai hatte bereits eine Liste erstellt.
WINTERVORBEREITUNG – AUSSENANLAGEN
Darunter standen verschiedene Bereiche.
Pool und Technik.
Empfindliche Pflanzen.
Gartenmöbel.
Bewässerung.
Beete.
Lose Gegenstände.
Laub.
Waschbär las über die Schulter.
„Und Hängematte?“
Das Känguru, das zufällig vorbeikam, blieb stehen.
„Was ist mit meiner Hängematte?“
Stinkerle zeigte auf den inzwischen fast kahlen Apfelbaum.
„Die nehmen wir demnächst ganz weg.“
„Das ist eine drastische Maßnahme.“
„Im Winter liegst du sowieso nicht drin.“
Das Känguru sah beleidigt aus.
„Prinzipiell könnte ich.“
Odin betrachtete die leere Stelle zwischen den Ästen, wo die Hängematte nach dem Sturm noch nicht wieder aufgehängt worden war.
„Dann bleibt sie gleich weg.“
Das Känguru überlegte.
„Ich protestiere vorsorglich.“
Der Hai machte ein Häkchen.
Hängematte: eingelagert.
Damit war die Sache aus seiner Sicht erledigt.
Stinkerle nahm den Werkzeugkasten.
„Waschbär, du kommst mit zum Pool.“
Waschbär strahlte.
„Ich bin Pooltechnik.“
„Du bist Hilfe.“
„Technische Hilfe.“
„Ja.“
Das genügte.
3. Die letzte Inspektion des Pools
Stinkerle und Waschbär standen am Beckenrand.
Das Wasser war klar, aber kühl. Einige gelbe Blätter trieben nahe der Treppe.
Waschbär hockte sich hin.
„Traurig.“
„Was?“
„Der Pool. Er weiß, dass Sommer vorbei ist.“
Stinkerle hob den Kescher.
„Dann hilf ihm, die Blätter loszuwerden.“
Waschbär nahm den Kescher und begann mit großem Ernst.
Ein Blatt.
Zwei Blätter.
Ein kleines Ästchen.
Noch ein Blatt.
Dann versuchte er, eine Wolkenspiegelung einzufangen.
Stinkerle sah ihn an.
„Was machst du?“
„Die geht nicht raus.“
„Das ist der Himmel.“
„Ach so.“
Während Waschbär die Oberfläche reinigte, prüfte Stinkerle den Zustand der Technik.
Filter.
Pumpe.
Skimmer.
Einlaufdüsen.
Die Leitungen, die später keinen Frostschaden bekommen durften.
Der Hai kam kurz vorbei.
„Wie ist der Zustand?“
„Gut.“
„Wasserwerte?“
„Haben wir kontrolliert.“
„Filter?“
„Wird gereinigt.“
„Leitungen?“
„Kommen noch.“
Der Hai nickte.
„Sehr gut.“
Waschbär hob den Kescher.
„Blätter: fast null.“
Der Hai sah auf die Wasseroberfläche.
„Drei.“
Waschbär seufzte.
„Du musst auch alles zählen.“
4. Wasser ablassen, aber nicht alles
Als der Pool sauber war, begann der eigentliche Teil.
Stinkerle erklärte Waschbär, dass der Pool für den Winter nicht einfach vollständig leergepumpt werden durfte.
„Wir senken den Wasserstand passend zu unserer Anlage ab, sichern die Einbauteile und die Leitungen. Das Becken bleibt zum großen Teil gefüllt.“
Waschbär sah ins Wasser.
„Also nur halber Winterschlaf?“
„So ungefähr.“
Sie schlossen den Ablassschlauch an und führten das Wasser kontrolliert in die dafür vorgesehene Entwässerung.
Stinkerle überwachte alles.
Waschbär durfte den Wasserstand beobachten.
„Er sinkt!“
„Ja.“
„Ganz langsam!“
„Ja.“
„Jetzt noch mehr!“
Stinkerle setzte sich auf einen niedrigen Hocker.
„Das wird ein langer Vormittag.“
Während das Wasser sank, reinigten sie den Beckenrand, entfernten Ablagerungen an der Wasserlinie und prüften die Abdeckung.
Dann wurden die frostgefährdeten Leitungsabschnitte nach den Vorgaben der Anlage entleert und gesichert. Die Pumpe und die Filtertechnik bekamen ihre Winterpflege.
Waschbär durfte einen ausgebauten, trockenen Verschlussdeckel halten.
Er tat es mit der Ernsthaftigkeit eines Chirurgen.
„Wichtiges Bauteil.“
„Ja.“
„Ohne mich würde es fehlen.“
„Wenn du es verlierst, ja.“
Waschbär hielt es noch fester.
5. Uschi rettet den letzten Sommer
Währenddessen waren Uschi und Lara bei den Pflanzen beschäftigt.
Das Zitronenbäumchen stand seit einigen Wochen geschützt an der Hauswand.
Jetzt wurde es endgültig Zeit, ihm sein helles, frostfreies Winterquartier im Haus zu geben.
„Langsam und vorsichtig“, sagte Uschi.
Odin half, den schweren Terrakottatopf auf einen Transportroller zu heben.
Lara hielt die Zweige zusammen, damit sie nicht an der Tür hängen blieben.
„Voilà“, sagte sie, als der Baum an seinem neuen Platz stand.
Uschi betrachtete ihn zufrieden.
„Hier gefällt es ihm hoffentlich.“
Im Garten blieben einige robuste Stauden stehen.
Ihre Samenstände würden im Winter Vögeln und Insekten nützen.
Andere Pflanzen wurden zurückgeschnitten, abgestorbene oder kranke Teile entfernt und empfindlichere Töpfe geschützt zusammengestellt.
Waschbär rief vom Pool herüber:
„WIR HABEN SCHON WASSER ABGELASSEN!“
Uschi winkte.
„Sehr schön!“
„DER POOL WIRD KLEINER!“
Stinkerle rief:
„Nur der Wasserstand!“
Lara lachte.
„Immerhin versteht man, was dort passiert.“
6. Der Hai und die drei Bewässerungszonen
Am anderen Ende des Gartens hatte der Hai inzwischen ein eigenes Projekt begonnen.
Die automatische Bewässerung.
Sechs Versenkregner.
Drei Zonen.
Magnetventile.
Leitungen im Boden.
Stinkerle hatte ihm genau erklärt, welche Schritte zur Winterentleerung notwendig waren und welche Anschlüsse er nicht eigenständig bedienen sollte.
Nun stand der Hai am Steuerkasten.
Der weiße Tiger daneben.
„Du hast einen Ablaufplan.“
„Ja.“
„Für drei Zonen.“
„Ja.“
„Mit Kontrollkästchen.“
„Selbstverständlich.“
Der weiße Tiger sah auf das Blatt.
Es gab tatsächlich eine kleine schematische Zeichnung des Gartens.
Mit Ventilen.
Leitungsabschnitten.
Regnerpositionen.
Und Statusfeldern.
„Du könntest das auch einfach zusammen mit Stinkerle machen.“
„Das tun wir. Ich bereite es vor.“
Als Stinkerle später kurz herüberkam, kontrollierten sie gemeinsam die Entleerung der Bewässerungsanlage und die frostgefährdeten Komponenten.
Der Hai vermerkte jeden abgeschlossenen Schritt.
„Zone eins erledigt.“
„Ja.“
„Zone zwei.“
„Ja.“
„Zone drei.“
Stinkerle prüfte den letzten Abschnitt.
„Fertig.“
Der Hai machte einen besonders sorgfältigen Haken.
„Ausgezeichnet.“
Der weiße Tiger nickte.
„Sehr überzeugend.“
Es war einer dieser seltenen Momente, in denen beide offenbar exakt dieselbe Sache schön fanden.
7. Der Pool bekommt ein Dach
Am frühen Nachmittag war das Wasser auf dem vorgesehenen Winterstand.
Die Technik war gesichert.
Die Einbauteile vorbereitet.
Jetzt musste nur noch die Winterabdeckung darüber.
„Nur noch“, sagte Stinkerle.
Waschbär sah die große zusammengelegte Plane.
„Die ist riesig.“
„Ja.“
„Wie ein Zelt.“
„Nein.“
„Wie eine Garage für Wasser.“
Stinkerle dachte kurz nach.
„Schon eher.“
Sie breiteten die Abdeckung vorsichtig aus.
Odin kam dazu und half beim Ausrichten.
Der Hai kontrollierte die Befestigungspunkte.
Waschbär hielt eine Ecke.
Leider hielt er sie zunächst auf der falschen Seite.
„Andere Seite“, sagte Stinkerle.
Waschbär ging herum.
„Nicht du. Die Plane.“
„Ach.“
Schließlich saß alles.
Die Abdeckung war sauber befestigt, ausreichend gespannt und so angebracht, dass Regen und Herbstlaub dem Pool nicht unnötig zusetzten.
Stinkerle ging einmal herum.
Prüfte jede Befestigung.
Dann trat er zurück.
„Fertig.“
Waschbär sah auf die abgedeckte Wasserfläche.
Der Pool, der im Sommer blau und offen zwischen den Pflanzen gelegen hatte, war jetzt ein großer ruhiger Bereich unter einer dunklen Winterabdeckung.
„Jetzt sieht er aus, als würde er schlafen.“
Odin nickte.
„Tut er auch.“
8. Mähschaf bekommt seine Winteraussichten
Auch das Mähschaf hatte einen ruhigen Tag.
Es stand im Terrassenhafen und beobachtete, wie Uschi und Lara die letzten Gartenutensilien verräumten.
Waschbär kam vorbei.
„Und du?“
„Pause.“
„Schon Winterpause?“
„Bald.“
„Freust du dich?“
„Ja.“
Raseline meldete sich von der Nachbarwiese.
„Weniger Gras.“
Mähschaf antwortete:
„Genau.“
Waschbär dachte darüber nach.
„Ihr habt es gut. Den ganzen Winter gemütlich herumstehen.“
Stinkerle, der gerade die Poolwerkzeuge wegbrachte, sagte:
„Die Geräte werden vorher gereinigt und ordentlich eingelagert beziehungsweise winterfest abgestellt.“
Waschbär nickte.
„Also haben sogar Roboter Herbstputz.“
„Ja.“
Das Mähschaf sagte:
„Alles gut.“
9. Ein Garten voller kleiner Abschiede
Am Nachmittag war der Garten kaum wiederzuerkennen.
Die leichten Gartenmöbel standen geschützt.
Die Kissen waren längst im Haus.
Die Gartendusche war entleert und gegen Frost gesichert.
Die Bewässerung ruhte.
Ein Teil der Töpfe war umgezogen.
Andere standen dicht an der geschützten Hauswand.
Der Pool war abgedeckt.
Die Hängematte blieb eingelagert.
Im Beet standen noch einige späte Blüten.
Dazwischen Gräser, Samenstände und herabgefallene Blätter.
Uschi blieb auf der Terrasse stehen.
„Ein bisschen schade ist es schon.“
Lara stellte sich neben sie.
„Ja.“
„Im Sommer sah alles so voll aus.“
„Und jetzt kann man wieder weiter durch den Garten sehen.“
Der Wind fuhr durch die Zweige.
Ein paar Blätter fielen vom Apfelbaum.
Mozart, der eine Weile auf der Gartenbank gesessen hatte, kam langsam zu ihnen.
„Der Garten wird nicht leer“, sagte er.
„Er wird still.“
Uschi lächelte.
Das gefiel ihr.
10. Waschbär möchte eine Eröffnungsfeier
Stinkerle räumte den letzten Schlauch auf.
Waschbär betrachtete den Pool.
Dann sagte er:
„Wir sollten im Frühjahr eine Eröffnungsfeier machen.“
„Vielleicht.“
„Mit Musik.“
„Vielleicht.“
„Mit Lichterketten.“
„Die haben wir sowieso.“
„Mit großem Essen.“
Aus der Küchentür kam Krokos Stimme:
„Was für Essen?“
Waschbär drehte sich um.
„Pooleröffnung.“
Kroko sah hinaus.
Auf den abgedeckten Pool.
Auf den grauen Himmel.
Auf die feuchten Blätter.
„Es ist Oktober.“
„Ich plane voraus.“
Das Känguru, das inzwischen auf der Terrasse erschienen war, sagte:
„Langfristige Infrastrukturplanung ist durchaus legitim.“
Der Hai nickte.
„Aber nicht vor Abschluss der Winterstilllegung.“
Stinkerle zeigte auf seine fertig eingeräumten Werkzeuge.
„Ist abgeschlossen.“
Waschbär strahlte.
„Dann können wir planen.“
Odin ging ins Haus.
„Ich nicht.“
11. Kroko macht den Abend herbstlich
In der Küche hatte Kroko inzwischen etwas Passendes vorbereitet.
Nichts allzu Festliches.
Eine kräftige Kartoffel-Lauch-Suppe mit Zwiebeln, etwas Knoblauch und Kräutern aus Uschis Vorrat.
Dazu frisch gebackenes Brot und kleine, knusprige Speckstücke für diejenigen, die welche wollten.
Waschbär kam mit gründlich gewaschenen Pfoten an den Tisch.
Er roch immer noch ein wenig nach Garten.
Uschi sah ihn an.
„Hast du dich wirklich sauber gemacht?“
„Ja.“
Sie musterte seine Pfoten.
„Und die Ohren?“
Waschbär fasste sich an ein Ohr.
Dort klebte ein winziges Stück trockenes Laub.
Stinkerle grinste.
„Poolservice.“
Waschbär nahm das Blatt ab.
„Naturverbunden.“
Die Suppe war heiß.
Das Brot warm.
Draußen wurde es früh dunkel.
Und als die Lichterketten angingen, lag der Garten in kleinen goldenen Inseln.
Der abgedeckte Pool schimmerte nur noch schwach.
12. Die erste Nacht ohne Sommergarten
Nach dem Essen saßen alle im Wohnzimmer.
Der Kamin brannte.
Lara hatte ihre dicke Wolldecke wieder über den Beinen.
Die Küchenkatzen lagen in der Nähe der Wärme, die eigene Kissenhöhle vorübergehend verwaist.
Der Hai betrachtete seine abgeschlossene Liste.
„Pool gesichert. Bewässerung winterfest. Pflanzen geschützt. Möbel verstaut.“
Stinkerle nickte.
„Passt.“
Uschi sah hinaus.
„Morgen müssen wir nur noch ein paar Blätter zusammenrechen.“
Das Känguru sagte:
„Man könnte das Laub auch als natürlichen Stoffkreislauf betrachten.“
„Tun wir“, sagte Uschi. „Nur nicht überall auf den Wegen.“
Odin hatte sich mit einem Tee zurückgelehnt.
Sein Auto stand draußen auf Winterreifen.
Der Garten war vorbereitet.
Der Keller voller Eingemachtem.
Das Haus warm.
„Gut“, sagte er.
Mehr war nicht nötig.
Mozart sah in die Flammen und nahm später sein Notizbuch.
Er schrieb:
„Im Sommer gehört der Garten den langen Tagen.
Dem Wasser, das glitzert,
den Blumen, die wachsen,
den Stühlen, die bis spät in der Nacht draußen stehen,
und den Pfoten, die barfuß über warmes Gras laufen.Dann kommt der Oktober.
Einer lässt Wasser ab,
einer prüft Leitungen,
einer zählt die Regner,
und ein Waschbär erklärt einem Pool,
dass er nun schlafen darf.Pflanzen wandern ins Warme,
Möbel unter Dächer,
Decken auf Sofas.Doch nichts davon ist ein wirklicher Abschied.
Denn wer im Herbst alles sorgfältig zur Ruhe bringt,
sorgt schon ein kleines Stück dafür,
dass im nächsten Sommer
wieder alles beginnen kann.“
Draußen raschelte noch einmal der Apfelbaum.
Dann wurde es still.
Und unter seiner Winterabdeckung wartete der Pool geduldig auf den Frühling.