1) Diesmal gehen alle mit
Schon beim Frühstück erklärte der Hai, dass wieder Dienstag sei.
„Das ist normalerweise einmal pro Woche so“, sagte Kroko.
„Ich meine: Wochenmarkt.“
Der Hai hatte seit seinem Fischbrötchen-Erlebnis mehrfach davon erzählt. Vom frischen Matjes, vom Räucherfisch, vom Eis in der Auslage und davon, dass die Ware „transportlogistisch sehr überzeugend“ gewesen sei.
Uschi sah zu Lara. „Dann könnten wir heute auch mitkommen.“
„Blumen und Obst“, sagte Lara sofort.
Kroko hob den Kopf. „Fischstand.“
Waschbär erschien in der Tür. „Gibt es dort auch Dinge, die niemand mehr braucht, aber jemand anderes dringend brauchen könnte?“
„Manchmal stehen dort kleine Flohmarkt- und Handwerksstände“, sagte Odin.
Stinkerle war damit ebenfalls interessiert.
So wurde aus Hais geordnetem Einkaufsvorhaben eine kleine Expedition.
Das Känguru blieb zu Hause. „Ich unterstütze lokale Märkte grundsätzlich, aber nicht bei dieser Temperatur und nicht ohne Hängematte.“
Odin blieb ebenfalls im Flanellweg und sagte nur: „Bringt Brot mit.“
Kroko sah ihn an. „Vom Wochenmarkt?“
„Oder von Björn.“
Das war typisch Odin: flexibel im Weg, präzise im Ergebnis.
2) Blumen, Obst und ein ganzer Sommer
Der Wochenmarkt war voller Farben. Unter den Marktschirmen lagen Tomaten, Gurken, Paprika, Beeren, Aprikosen, Kirschen, Melonen und frische Kräuter. Daneben standen Eimer mit Blumen, die aussahen, als hätte jemand den Sommer in Büscheln zusammengebunden.
Uschi und Lara waren sofort verschwunden.
„Die hier“, sagte Uschi und hob einen lockeren Strauß mit hellen Sommerblüten an.
„Und vielleicht etwas Gelbes dazu“, sagte Lara. „Damit es wärmer wirkt.“
Die Händlerin stellte ihnen einen Strauß zusammen, der nicht so fein und elegant war wie bei der Floristin Füchsin, aber sehr lebendig: Wiesenblumen, kleine Sonnenblumen, etwas Schleierkraut und Grün.
„Das passt zum Garten“, sagte Uschi zufrieden.
Danach kamen Obst und Gemüse.
Tomaten, die wirklich nach Tomaten rochen.
Kleine Gurken.
Zucchini.
Neue Kartoffeln.
Aprikosen und Kirschen.
Eine Schale Beeren.
Und eine kleine Melone, die Lara allein wegen ihres Duftes auswählte.
Der Hai sah kurz herüber. „Bitte Gewicht im Blick behalten.“
Uschi hob ihren Korb. „Wir sind vorbereitet.“
„Mehr als das Känguru“, sagte Lara.
Der Hai nickte. Die vergessene Küchenrolle war offenbar noch nicht vollständig verarbeitet.
3) Der Hai führt Kroko zum Fisch
Am Fischstand wurde der Hai sichtbar schneller.
„Da“, sagte er.
Kroko blieb vor der Auslage stehen und brummte anerkennend. „Gut.“
Der Händler erkannte den Hai wieder. „Moin. Heute Verstärkung dabei?“
„Kroko“, sagte der Hai. „Kocht.“
„Grillt auch“, ergänzte Kroko.
Sie betrachteten gemeinsam die Auslage. Frische Forellen, Lachs, Makrelen, Matjes, Räucherfisch und wieder eine ganze Reihe Fischbrötchen.
Der Hai erklärte Kroko ausführlich, was er letzte Woche gegessen hatte.
„Matjes. Mit Zwiebel. Gurke. Gute Balance.“
Kroko sah ihn an. „Du redest darüber wie über ein Bauwerk.“
„Es war strukturell gelungen.“
Der Händler lachte. „Dann machen wir heute zwei?“
Kroko nahm Backfisch mit Remoulade. Der Hai blieb beim Matjes. Beide stellten sich mit ihren Brötchen an einen kleinen Stehtisch.
Kroko biss hinein.
Schwieg.
Dann nickte er. „Sehr gut.“
Der Hai wirkte zufrieden, als hätte er persönlich für die Qualität gebürgt.
Danach kauften sie noch etwas Räucherfisch und zwei frische Filets für später. Diesmal vergaß der Hai also nicht, etwas vom Wochenmarkt mitzubringen.
„Lerneffekt“, sagte er.
„Fischmotivierter Lerneffekt“, sagte Kroko.
4) Waschbär und Stinkerle finden Schätze
Waschbär und Stinkerle hatten derweil einen Stand entdeckt, der aussah wie eine Mischung aus Flohmarkt, Werkstattauflösung und Bastelparadies.
Dort gab es alte Holzleisten, kleine Metallhaken, Knöpfe, Glasperlen, Stoffreste, Bilderrahmen, Schachteln, Scharniere und eine Kiste mit Dingen, deren ursprünglicher Zweck nicht mehr eindeutig war.
Waschbär hielt einen alten, messingfarbenen Griff hoch. „Das ist wichtig.“
„Wofür?“, fragte Stinkerle.
„Noch unklar.“
„Dann ist es nicht wichtig.“
„Es ist kreativ vorwichtig.“
Stinkerle fand hingegen ein kleines Set alter, aber gut erhaltener Scharniere und mehrere runde Holzscheiben.
„Die können wir gebrauchen.“
„Für was?“
„Das weiß ich schon.“
Waschbär sah ihn an. „Dann ist das weniger spannend.“
Am Ende kauften sie eine kleine Kiste voller Reste: Holzstücke, zwei Metallhaken, ein paar Keramikknöpfe, farbiges Glas und den alten Griff, den Waschbär nicht zurücklegen wollte.
„Daraus bauen wir etwas Sommerliches“, sagte er.
„Nicht heute“, sagte Stinkerle.
„Aber bald.“
„Vielleicht.“
Für Waschbär war das eine klare Zusage.
5) Das Eis vom Pinguin
Dann hörten sie eine kleine Glocke.
Am Rand des Marktes stand ein hellblauer Wagen mit einer gestreiften Markise. Dahinter ein Pinguin mit weißer Schürze und einer Reihe glänzender Eisbehälter.
Auf einem Schild stand:
Gelato artigianale – frisch gemacht
„Italienisches Eis“, sagte Lara.
Kroko wurde sofort aufmerksam. „Wir müssen probieren.“
Der Pinguin begrüßte sie freundlich. „Heute haben wir Zitrone, Pistazie, Stracciatella, Erdbeere, Pfirsich, Schokolade und Fior di latte.“
„Fior di latte“, wiederholte der Hai.
„Milcheis“, sagte Kroko.
„Ich weiß.“
Natürlich wusste der Hai es jetzt.
Jeder wählte etwas anderes. Uschi nahm Zitrone und Erdbeere. Lara Pistazie und Fior di latte. Kroko Stracciatella. Der Hai wählte Zitrone, weil er die Konsistenz und Säure vergleichen wollte. Waschbär nahm drei Sorten, „für eine gerechte Farbstudie“. Stinkerle blieb bei Schokolade.
Sie setzten sich auf eine Bank im Schatten.
Nach dem ersten Löffel wurde es kurz still.
„Sehr cremig“, sagte Lara.
„Feiner als unseres“, sagte der Hai.
Kroko brummte. „Andere Maschine.“
„Und wahrscheinlich anderes Rezept“, sagte Uschi.
Waschbär probierte sein Pfirsicheis. „Unser Eis war gemütlicher.“
Alle sahen ihn an.
„Wie kann Eis gemütlich sein?“, fragte Stinkerle.
„Weil wir es zusammen gemacht haben.“
Das überzeugte sogar den Hai ein wenig.
„Das hier ist technisch besser“, sagte er. „Unseres hatte höhere soziale Beteiligung.“
Kroko nickte. „Beides gut.“
Der Pinguin hörte das und lächelte. „Das ist das beste Urteil. Eis muss nicht gewinnen. Es muss gegessen werden.“
6) Das Zitronenbäumchen
Auf dem Rückweg entdeckte Uschi einen kleinen Pflanzenstand, den sie auf dem Hinweg übersehen hatten.
Zwischen Kräutern, Oleander und mediterranen Kübelpflanzen stand ein Zitronenbäumchen. Noch nicht groß, aber kräftig, mit glänzenden Blättern, einigen Blüten und tatsächlich zwei kleinen grünen Zitronen.
Uschi blieb sofort stehen.
Lara ebenso.
„Oh“, sagte Uschi.
„Das nehmen wir mit“, sagte Lara.
Der Hai sah auf ihre bereits vollen Körbe. „Transportfrage.“
Stinkerle prüfte den Topf. „Geht. Wenn wir die Kiste umverteilen.“
Kroko betrachtete das Bäumchen. „Passt zu Italien.“
„Und zu den Cocktails“, sagte Waschbär.
„Und zum Garten“, sagte Uschi.
Die Händlerin erklärte, das Bäumchen brauche viel Sonne, Schutz bei Kälte und einen ausreichend großen Topf mit guter Drainage.
Lara lächelte. „Wir haben zu Hause genau den richtigen Terrakottatopf.“
Das stimmte. Hinter dem Schuppen stand seit Jahren ein großer, warmer Terrakottatopf, schön gealtert und bisher ohne festen Zweck.
Der Hai akzeptierte den Kauf nach kurzer Prüfung. „Vorhandenes Gefäß. Geeigneter Standort. Nutzwert vorhanden.“
„Es ist hübsch“, sagte Uschi.
„Auch relevant“, sagte der Hai.
7) Ein mediterraner Platz im Garten
Zu Hause wurden zuerst alle Einkäufe ausgebreitet.
Odin nahm sein Brot entgegen. Das Känguru entdeckte die Kirschen und fragte, ob sie „gesellschaftlich freigegeben“ seien. Der weiße Tiger kam kurz aus dem Büro, sah den Räucherfisch und blieb etwas länger als geplant.
Dann wurde das Zitronenbäumchen eingepflanzt.
Stinkerle prüfte das Abflussloch im Terrakottatopf und legte eine Drainageschicht an. Uschi mischte passende Erde, Lara hielt das Bäumchen vorsichtig, und Waschbär durfte kleine Steine dekorativ auf die Oberfläche legen – unter der Bedingung, dass er nicht zu viele nahm.
Der Topf kam an einen sonnigen, geschützten Platz nahe der Terrasse. Dort stand das Bäumchen zwischen den Sommerpflanzen und wirkte, als hätte dem Garten genau dieses eine mediterrane Zeichen noch gefehlt.
Kroko trat daneben und verschränkte die Arme. „Wenn Zitronen dran sind, sage ich zuerst Bescheid.“
„Warum?“, fragte Lara.
„Kochen.“
Das Känguru rief aus der Hängematte: „Die Früchte gehören allen!“
„Wenn sie reif sind“, sagte der Hai.
„Und wenn überhaupt welche wachsen“, ergänzte Uschi.
Waschbär beugte sich zu einer der kleinen grünen Zitronen. „Kein Druck. Du bist jetzt nur Symbol.“
8) Mozarts Satz des Tages
Am Abend standen die Blumen in einer Vase, Obst und Gemüse waren verstaut, der Fisch kühlte im Kühlschrank, und die Flohmarktkiste wartete im Schuppen auf ihre nächste Bestimmung.
Das Zitronenbäumchen stand im Terrakottatopf und bekam das letzte warme Licht des Tages ab.
Mozart betrachtete es lange.
„Ein Markt gibt einem selten nur das,
was auf der Liste stand.
Man geht wegen Fisch,
Blumen, Gemüse
und vielleicht ein bisschen Eis.
Dann findet man alte Scharniere,
einen Pinguin mit Pistazie
und einen kleinen Baum,
der plötzlich in den Garten gehört.
So wächst ein Zuhause:
nicht nur aus Plänen,
sondern aus Dingen,
die unterwegs sagen:
Nimm mich mit.“